Foto: Neill Kumar – unsplash

Ist Hochsensibilität ein Geschenk?

Hochsensible Menschen reagieren stärker als andere auf Reize, was nicht immer einfach ist, denn ihnen fällt Abgrenzung schwer – gerade im Bezug auf andere Menschen. Marion erzählt, wie diese Besonderheit ihren Alltag prägt.

 

 Fühlen, was der andere fühlt

Schätzungsweise 15 bis 20 Prozent der Menschen gelten als
hochsensibel. Das heißt, sie nehmen Reize viel stärker, ungefilterter
und differenzierter wahr – in allen Lebensbereichen. Ich weiß heute, dass ich zu ihnen gehöre.

Als ich ein Kind war, acht oder neun, verbrachte ich oft die
Ferien bei meinen Großeltern auf dem Dorf. Einmal bekam meine Oma
Besuch von einem Bekannten, der kurz davor Witwer geworden war. Wir
saßen zusammen im Garten, der Mann erzählte von seiner verstorbenen Frau
und seiner Trauer. Ich saß still dabei, keiner nahm Notiz von mir – bis
ich zu weinen begann. Ich fühlte, was der Mann fühlte, und es tat mir
so leid für ihn. Danach hatte ich einen festen Platz in seinem Herzen
und er hat sich bis zu seinem Tod immer nach mir erkundigt. Für ein Kind ist diese Art des Mitfühlens ungewöhnlich, gerade dann, wenn es die Person nicht kennt.

Diese Abgrenzung, also das eigene Ich vom Ich des anderen trennen zu
können, ist eine stetige Herausforderung für hochsensible Menschen. Ich bin
zwar überzeugt davon, dass auf einer tieferen Ebene alles mit allem
verbunden ist und jeder mit jedem, aber dennoch sind wir als Einzelwesen
geboren, jeder mit seinem eigenen Lebensweg.

 Wie geht es Hochsensiblen im Job 

Sein Privatleben kann jeder gestalten wie er will, im Berufsleben ist
das nicht so einfach. Chefs, Kolleginnen, Kunden – man wird immer wieder
auch mit Menschen konfrontiert, mit denen man sich möglicherweise unwohl
fühlt. Das ist für die meisten nicht angenehm, für Hochsensible ist der
Leidensdruck aber schnell groß, da sie sich schlecht abgrenzen können. Ich betrachte das mittlerweile aber auch als Geschenk, weil es verhindert, dass man sich allzu weit von sich selbst entfernt. Klar wäre es kurzfristig angenehmer, sich stärker anpassen zu können, aber
langfristig wäre der Preis dafür hoch.

Statt ihre Energie dafür zu verwenden, ihre Schwächen auszugleichen,
sollten Hochsensible daher lieber auf ihre Stärken setzen:
Einfühlungsvermögen, ganzheitliches Erfassen einer Situation oder eines
Auftrages, Kreativität, ausgeprägte Intuition, neue Blickwinkel,
Gewissenhaftigkeit …

Was Hochsensibilität nicht ist

Hochsensibilität ist nicht Introvertiertheit. Viele Hochsensible sind
extrovertiert und sehr kommunikativ, sie brauchen nur mehr Rückzüge, um
die Fülle ihrer Wahrnehmungen zu verarbeiten.

Ich bin sehr neugierig und habe einen starken Hunger auf neue Reize. Unter fünf
offenen Tabs geht nichts und wenn ein Thema mich fasziniert, beiße ich
mich so darin fest, dass ich sogar nachts davon träume. Durch die Hochsensibilität habe ich gleichzeitig das Bedürfnis, alles in
Ruhe zu reflektieren. Ich gehe viel in der Natur spazieren oder setze
mich gerne alleine in ein Café und lasse alles nachklingen.

Ich fühle mich trotz dieser zwei Gegenpole ständig in meiner Mitte, weil der Wechsel zwischen
Reizen und Rückzug wie eine Pendelbewegung ist, die mich in meine Mitte bringt.

 Sich anders fühlen 

Viele Hochsensible fühlen sich „anders“. Sie spüren, dass sie sich in
ihrer Wahrnehmung der Dinge und letztlich auch in ihrem Verhalten von
anderen unterscheiden.

Als Jugendliche und junge Erwachsene hätte ich viel dafür gegeben,
mehr wie die anderen zu sein, „normal“ zu sein – was immer das auch heißen sollte. Manchmal habe ich meine Persönlichkeit überspielt, aber das
hielt ich nie lange durch, denn ich zog dadurch nur Menschen in mein
Leben, bei denen ich nicht echt sein konnte. Und wer sich nicht geben kann, wie er ist, kann keine authentischen Beziehungen zu anderen aufbauen.

Mittlerweile genieße ich es sehr, ich zu sein. Ich spüre meine
Grenzen schnell und kann sie gut schützen, mein Innenleben fühlt sich
lebendig an, mir ist nie langweilig. Ich vertraue mir selbst und meinem
Gespür für andere Menschen, auch wenn sich das nicht immer rational
erklären lässt.

Ich halte Hochsensibilität für ein Geschenk. Ein Geschenk, mit dem
man erst lernen muss zu leben, aber wenn das gelingt,
dann hat man mit Sicherheit ein sehr lebendiges Leben.

Dieser Text ist zuerst auf dem Blog von Lili Wagner (http://liliwagner.de/) erschienen. Wir freuen uns, dass sie ihn auch bei uns veröffentlicht.

Mehr bei EDITION F

Introvertierte Menschen: Es gibt den leisen und lauten Willen zur Macht. Weiterlesen

Echte Multitalente – Wie organisieren sich Menschen mit vielen Leidenschaften? Weiterlesen

Der Schlüssel zum Erfolg: Warum dafür weder IQ, Bildung noch Geld die wichtigste Rolle spielen. Weiterlesen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

About Zeen

Power your creative ideas with pixel-perfect design and cutting-edge technology. Create your beautiful website with Zeen now.

Weitere Beiträge
Thato Kgatlhanyes außergewöhnliche Idee: Schulranzen, die Strom erzeugen