Foto: Akshay Moon | Flickr

Warum Online-Dating Schwachsinn ist

In ihrer Twentysomething-Kolumne schreibt Silvia über alles, was ihr gerade durch den Kopf geht. Und diese Woche über Online-Dating.

Online-Dating? Verstehe ich nicht.

Alle paar Minuten verliebt sich hier jemand, wirbt eine große Partnervermittlung. Ein großes Versprechen, mit dem einem doch unweigerlich jene Menschen durch den Kopf schießen, die schon nach einer Woche unsterblich verliebt und nach drei Wochen in einer festen Beziehung sind, fünf Minuten später die Schlüssel austauschen und mit denen es dann vier Tage später wieder vorbei ist. Und dann sind sie am Boden zerstört. Und während man diese Scherben im Freundeskreis dann wieder mit aufkehrt, möchte man eigentlich nur sagen: Ihr habt euch doch noch nicht einmal richtig gekannt! Woher kommt es, dass das Kribbeln, die körperliche Zuneigung, die dann in Verliebtheit und irgendwann vielleicht in Liebe übergeht, einfach übersprungen und ohne Umschweife in die Währung tiefe Liebe umgetauscht wird?

Und überhaupt: Partnervermittlung, wie sich das schon anhört. Ich gehöre nun wirklich nicht zu den größten Romantikerinnen des Landes, aber das ist selbst mir zu trist. Sofort diese Bilder von einem grauen Warteraum, in dem wir alle traurig sitzen, in der Ecke tickt die Uhr viel zu laut. Eine wackelt nervös mit dem Bein, ein andere liest die Gala, bevor man der Reihe nach zum Datingdoktor geführt wird. Anhand von Daten wird uns dann ein passendes Exemplar zugewiesen. Natürlich gegen Geld. Denn der „Spaß“ kostet in der Regel ja auch noch etwas. Alles ökonomisch sinnvoll nicht wahr? Vielleicht auch deshalb die Eile mit der Liebe. Schnell lieben. Dann ist man wenigstens schon mal da angekommen, und kann das betrauern, wenn man sich nach fünf Dates nicht mehr sieht.

Dates sind nicht gleich Dates

Nein, ich bin nicht grundsätzlich gegen Dating. Dates sind etwas Großartiges. Es gibt ja jene, die diese erste Phase hassen. In der man nicht so genau weiß, was man sagen soll, was richtig ist. Rufe ich morgen an oder besser heute? Schreibe ich gleich, oder in drei Stunden? Was soll ich tragen? Werden die Freunde mich mögen und wird er mich genauso hingerissen anschauen, wenn er mich das erste Mal morgens ohne Schminke sieht? Oder mit verschmierter Schminke. Denn wer denkt in dieser Phase schon ans Abschminken. Ich dagegen, ich finde diese Phase herrlich. Aufregend. Und würde sie gegen nichts eintauschen wollen. Nicht gegen das sicherste Sicherheitsgefühl der Welt.

Nein, es geht hier nicht um eine grundsätzliche Absage an das Treffen zweier Paarungs- und/ oder Beziehungswilligen. Es geht darum, dass es Zeitverschwendung ist, sich krampfhaft auf die Suche zu begeben. Und zu daten um des Dates willen. Um mal wieder was erzählen zu können, um fein dazustehen, um zu zeigen: „Hey, ich bin jemand“. Weil jemand anderes mich toll findet. Oder es denkt. Oder so tut. Was ist das denn für Konzept von einem selbstbestimmten Leben? Weil man viele Dates hat, dann wird doch dann irgendwann einer dabei sein. Irgendeiner, herrje. Wie geht ihr nur mit dieser Entzauberung um?

Pro: Freie Wildbahn

Wieso auf das Anbahnen in freier Wildbahn verzichten? Irgendwo da draußen. Ein Lächeln, das durch den Raum geteilt wird, Minuten oder gar Stunden voller Anspannung und irgendwann das Aufeinandertreffen an der Bar. Oder der Moment, in dem aus Bekanntschaft plötzlich was anderes wird und man es merkt, weil man sich ansieht und es, tja, einfach weiß. Diese Aufregung wenn sich was entwickelt. Und nicht, weil man vor dem flackernden Bildschirm sitzt. Sich durch Bilder klickt, durch Profile. Nach links oder rechts wischt. Da draußen ist niemand? Dann ist auch niemand „da drinnen“. Statt das nächste Mal vom Supermarkt mit dem Blick auf den Bildschirm nach Hause zu gehen, schaut doch einfach mal hoch. An euch gehen tausende von spannenden Menschen vorbei. „Aber, aber da weiß man ja gar nicht, ob die Single sind!“ Ja, dann finde es doch heraus! Sich mal wieder was trauen. Einen Korb kassieren. Und zwar real. Ist das schon zu viel? Sind wir diese Sissis geworden?

Mittel zum Zweck

Meiner Meinung nach ist Online-Dating nur für folgende Dinge gut. Erstens: Ego-Pushing. Jap, ist legitim. Manchmal braucht man jemanden, der einem sagt, dass man heiß ist. Und wenn es ein Fremder ist oder gerade weil. Und auch wenn man weiß, dass das wahrscheinlich nur halbernst ist – oder auf etwas anderes abzielt als jemandem eine Freude zu machen. Zweitens: um wieder ins Spiel zu kommen. Die lange Beziehung ist gescheitert und man weiß gar nicht mehr so richtig, wie dieses „Flirten“ geht? Na dann los. Check deinen Marktwert, übe mit eingewürfelten Personen, hol dir ein paar Komplimente und ein paar Situationen ab, nach denen du denkst: „Was für ein verdammter Dschungel!“ – und dich sofort wieder in deine Beziehung zurückwünschst.

Wie man es dreht und wendet. Irgendwie erscheint mir das Konzept Massendating auf der Basis gar keine Idee vom anderen zu haben fremd. Außer natürlich man sucht einfach nach Sex. Dafür ist das eine super Sache. Für Liebe? Eher unwahrscheinlich.

Was ist eigentlich mit dir?

Und es kostet unfassbar viel Zeit! Erst tagelanges Schreiben um zu einem Treffen zu kommen und den anderen und sich selbst bei Laune zu halten. Dann sich Gedanken machen, was man anzieht und was man wohl sagt. Und dann die Stunden die schön oder weniger schön sind und die Aufbereitung hinterher mit den Freunden. Und das auch noch meistens mit mehreren Personen gleichzeitig! Puh.

Wie wäre es denn, diese Zeit in sich selbst zu investieren? Dinge zu tun, die einen interessieren. Für die man genau dann Zeit hätte, wenn man am Bildschirm wischt oder die nächste Nachricht tippt. Ein Selfie schießt, ein tolles, also ganz viele und eine Stunde später hat man eines, das mit Filter überlegt die nächsten anlockt, die dann angeschrieben, weggewischt, angetippst oder was auch immer werden. Stunde um Stunde. Was wäre denn mit Sport, lesen, essen, Filmemarathon, wegfahren, eine Sprache lernen, Regale bauen. Irgendwas. Irgendwas, was einen zufrieden macht. Ausfüllt. Etwas, das einen komplettiert. Weil man etwas für sich macht.

Wieso nicht in sich selbst investieren, als in die Suche nach jemandem, der einen dann endlich, aber auch wirklich glücklich macht? Wieso nicht erst einmal selbst glücklich sein? Und dann jemanden finden. Nicht weil man jemanden braucht, sondern weil man sich will. Wirklich will. Irgendwo da draußen. Und mit allen Gefühlsstationen und vielleicht auch mehr Zeit, und mehr Fragen und mehr Aufwand, als es Online notwendig ist.

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