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Kinder, anstrengender Job ohne Anerkennung, ständige Hetze: Wozu tun wir uns das an?

Frida erwartet ihr drittes Kind und fragt sich: Kann dieser Alltag, in dem sie sich aufreibt zwischen Kindern und Job, ohne je die nötige Anerkennung zu bekommen, das richtige Lebensmodell sein? Muss man den ständigen Frust aushalten oder gibt es eine Lösung?

 

Haben Mütter mehr Power?

Wir sind ein Phänomen, wir Working Moms. Die unentdeckten Wonderwomans, die Manager, Controller, Lebensberater, Seelentröster in einer Personen sind, mit Terminen jonglieren können, als hinge das Leben davon ab. Doch meistens unentdeckt bleiben, außen vor, bei der Wahl der richtig spannenden Jobs – was, Kinder? Nein Danke. Wir brauchen keinen, der ständig ausfällt, weil eines der Kinder Schnupfen hat und Mama keine Leistung bringt. Dabei haben gerade die berufstätigen Mütter viel mehr Power als so mancher Mann mit Männerschnupfen.

Familienwunsch. Das muss jeder für sich selbst entscheiden und darf jeder selbst bewerten. Bin ich erst Frau, wenn ich Kinder habe? Will ich Familie und wie groß soll sie sein? Oder doch lieber Karriere. Und zwar nur Karriere, ganz für mich allein. Als junger Mensch dachte ich genauso.

Ich: Karriere. Ich will was erreichen, ich will hoch hinaus, die Welt sehen und alles mitnehmen, was geht. Bei mir ist das „Jungsein“ bald mehr als 20 Jahre her. Als Teenie erlebte ich den Mauerfall – im Osten, einen Gesellschaftswechsel, der echte Veränderungen mit sich brachte (huch, schon wieder ein Klischee und ich kann regelrecht spüren, was der ein oder andere jetzt denkt) und plötzlich wurde vieles möglich, was vorher unerreichbar schien. Da wollte ich dabei sein. Mit Kindern konnte ich nichts anfangen, ich fand sie nicht mal irgendwie niedlich!

Alles geben, ohne je sichtbar zu werden

Das Leben  entscheidet aber manchmal anders. Nach dem Studium fand ich den Mann zum heiraten – ich darf ihn noch heute den meinen nennen – und zwei Kinder kamen. Also doch Familie. Hat gepasst und in den 2000ern die übliche Folge, wenn man heiratet. Karriere machte ich nebenbei – glücklicherweise fand ich gleich nach dem Studium einen tollen Job, der Geld brachte, auch Spaß machte, in der Nähe war und mir mit meiner Familie ein gutes Leben ermöglichte. Ich war noch jung und strengte mich tierisch an. Vom Ehrgeiz gefressen gab ich mehr, als wahrscheinlich erforderlich war. Doch ohne jemals sichtbar zu werden. Da kann man nicht wirklich von Karriere sprechen. Eher vom Arbeiten im Allgemeinen.

Bloß keine Termine platzen lassen!

Die Kinder waren noch klein und trotzdem machte ich alles möglich, bloß keinen Termin platzen lassen, immer einsatzbereit und oft bei kranken Kindern die Großeltern eingespannt. Ich musste beweisen (mir?), dass ich das schaffe, Kinder, Familie und das Berufsleben so gut wie möglich meistern. Und nach einer Weile kam er dann doch. Der Frust. Die Frage nach der eigenen Blödheit. Warum, für wen, mache ich das alles? Warum, für wen sollte ich eigentlich da sein. Warum schleppe ich mein krankes Kind mit zur Arbeit? Hallo, Arbeitgeber, ich bin hier und nicht krankgeschrieben, merkst du das, siehst du das, bin ich dadurch ein besserer Mensch?

Nein, biste nicht. Blöd biste. Fleiß ist völlig überbewertet. Fleiß war mal eine gute Tugend. Dann doch eine bittere Erfahrung, die ich machen musste. Selbst schuld. Es geht also nicht, 100 Prozent Job und 100 Prozent Familie. Meinen eigenen Kindern bringe ich Fleiß als gute Tugend auch noch bei, denn ich persönlich glaube daran, und das ist kein Glaubensbekenntnis, sondern eine Lebenseinstellung. Auch stelle ich mich oft gegen allgegenwärtige Erziehungsmethoden, diskutiere nicht und kreise nicht wie ein Helikopter um meine Kinder.

Aussitzen schadet nicht

Doch leider musste ich auch andere Erfahrungen machen, Dinge sehen, die ich früher für unmöglich gehalten habe. Aussitzen schadet nicht, nix tun geht auch. Nur nicht für mich! Große Worte zählen heute mehr als Taten. Das sieht man überall. Die Politiker sind das Beste Beispiel: sie reden, reden, reden – Taten folgen selten. Der Wahlkampf ist geschafft, nun stagniert alles in Koalitionsgesprächen. Naja, es muss ja gut verhandelt werden, steht ja auch vieles in unserem Land auf dem Spiel.

Eine Freundin von mir litt geradezu unter ihrem Fleiß und ihrem Arbeitseinsatz, denn sie war todtraurig über eine schlechte Beurteilung, die sie zu unrecht erhielt. Sie, die immer für Auszubildende Überstunden machte, Weihnachtsfeiern und Abteilungsausflüge für die Firma nebenbei organisierte, erhielt eine schlechtere Beurteilung als ihr zustand. Warum? Weil ihr Arbeitgeber sich daran gewöhnt hatte, was Frau Müller alles leistet. Vielleicht hat sie in diesem Jahr mal nicht alle Aufträge so schnell erledigt wie die Jahre zuvor, dennoch schneller als die anderen. Ein komplizierter Fußbruch, mit anschließendem längeren Krankheitsausfall machte die Sache aus Sicht des Arbeitgebers rund. Schlechte Bewertung. Sie ging dagegen vor, hat ihren Mut aufgebracht, die Beurteilung nicht hingenommen, und den Vorgesetzten darauf angesprochen und diskutiert. Genutzt hat es am Ende nichts, zumindest nicht bezüglich der Beurteilung. Aber für sie selbst war der Weg der Konfrontation  sicher eine kluge Entscheidung, da lässt zumindest der innere Frust etwas nach.

Es gibt kein richtig oder falsch bei der Frage Kind oder Karriere. Es ist eine Bauchentscheidung und jeder entscheidet das schon richtig für sich selbst. Das Leben ist ein Prozess, der sich fortsetzt, wenn man mitdenkt, mutig ist und neugierig bleibt.

Drittes Kind mit Anfang 40 – es wird nochmal spannend

Meine Bauch sagte mir, dass ich eindeutig zu wenig Kinder habe, also habe ich mich mit Anfang 40 doch noch für ein weiteres zu haben. Nun wird mein Leben nochmal richtig spannend, raus aus dem Job betrachte ich mich von außen und verstehe, wie sehr ich mich mitziehen lassen habe, vom Leben im Hamsterrad, dem ständigen Gehetze, auf die Uhr schauen, keinen Termin verpassen, trotzdem noch zum Elternabend hetzen und am nächsten Tag wieder aufzustehen. Burnout, Depression, völliger Erschöpfungszustand, plötzlich wird mir das bewusst. Warum? Weil ich merke und weiß, dass es eigentlich niemanden interessiert, was ich auf mich genommen habe. Ich bin für mich selbst verantwortlich, ich mache meine eigenen Fehler und lerne daraus, Schuldzuweisungen sind hier fehl am Platze. Jeder ist seines Glückes Schmied.

Beim Geburtsvorbereitungskurs fühle ich mich bestätigt: Andere Frauen berichten über ihre Alltagsprobleme und ihre Entscheidung zum Kind. Keine der Frauen ist unter 30, die Ältesten (neben mir) Ende 30 und geben offen zu: Sie haben lange überlegt. Zu lange. Da war vieles, was einfach nicht gepasst hat. Nicht der richtige Mann, keinen festen Arbeitsvertrag, Wochenendbeziehung oder ein Arbeitgeber, der sich an keine Arbeitsschutzgesetze im Rahmen der Schwangerschaft hält und die junge schwangere Frau weiter in Schichtdiensten arbeiten lässt und mit Entlassung droht, wenn sie dagegen vorgeht. Das Leben läuft eben manchmal anders als man denkt und es ist komplizierter geworden. Ehrgeizige, fleißige jungen Frauen entscheiden sich gegen Kinder, weil ihnen der feste Boden unter den Füßen fehlt, manchmal vielleicht auch der Partner. Gesetze zum Schutz von Schwangeren hin oder her – wer überprüft denn, ob sich alle dran halten? Das Spiel mit der Angst. Obwohl wir ein völlig überregulierter Staat sind. Scheinbar. Nach außen. Schwarze Schafe gibt es überall.

Mit meiner Schwangerschaft habe ich viele schockiert. Nichts ist wie es scheint. Auch ich bin wahrscheinlich nicht so, wie ich wirke. In meiner Berufswelt wussten  einige gar nicht, dass ich schon zwei Kinder habe und beglückwünschten mich zu meiner ersten Schwangerschaft. Hä?, denke ich und stelle kurz klar. Achso, hm. Die meisten freuen sich mit und viele geben offen zu, dass sie mich darum beneiden. Das rührt mich, weil es einfach so ehrlich klingt. Und dann gibt es auch noch die, mir mit dem Alter um die Ecke kommen. 42, naja, so schlimm alt ist das jetzt auch nicht, vielleicht noch etwas ungewohnt, aber es ist nie zu spät…

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