Alex Mihai C

„Was wollt ihr denn noch?!“ – Das Jahr der hysterischen Männer

Ist das noch Wut oder Leidenschaft fürs Thema – oder schon Hysterie? Das fragt man sich traditionell eher bei Frauen. In dieser Woche geht Silvia in ihrer Thirtysomething-Kolumne aber in Sachen Hysterie den Männern nach. Denn einigen von ihnen scheint dieses Jahr alles ein bisschen viel geworden zu sein.

 Hysterie? Können auch Männer ziemlich gut!

Viel wurde in den letzten Wochen darüber geschrieben, dass und warum die Wut von Frauen schnell als hysterisch gedeutet wird. Ist ja auch so schön praktisch, denn um Hysterie muss man sich nicht kümmern, die muss man nicht ernst nehmen. Also, zumindest wenn es um Frauen geht. Denn die männliche Hysterie, die kann schon mal ganze Seiten füllen und will dringend und ausführlich diskutiert werden. Und in diesem Jahr scheinen Hysterie oder auch, um es wohlwollend auszudrücken, nicht ganz nachvollziehbare Emotionen, die in nicht nachvollziehbare Handlungen übergehen, eigentlich eher bei den Männern hoch im Kurs gewesen zu sein.

Etwa, als der frühere „Spiegel”- und „Welt”-Autor Matthias Matussek sich plötzlich auf Bierkästen stellte, um zum Volk beziehungsweise ein paar „Merkel muss weg“-Anhänger*innen zu sprechen. Oder als der Ex-FAZ-Autor Don Alphonso im Görlitzer Park rumhing, um People of Color abzulichten, bei denen er Kriminelles vermutete. Oder auch als der Zeit-Autor Jens Jessen im Rahmen der #Metoo-Debatte einen „feministischen Volkssturm“ wahrnahm, ja, gar den „Triumph des totalitären Feminismus“ und sich in einem „rhetorischen Hexenlabyrinth“ gefangen sah. Hach Leute, schön wärs. Aber Spaß beiseite, man hat wirklich das Gefühl, man müsse sich Sorgen machen. Und das nicht nur bei Medienvertreter*innen –  auf politischer Seite hält der Grünen-Politiker Boris Palmer die Fahne des Hysterie-Clubs ganz weit oben. Ganz besonders als er im November des Nachts die Verfolgung von zwei Student*innen aufnahm, um ihre Personalien festzustellen. Grund: Irgendwas unwichtiges.

Und nicht zu vergessen, wären da ja auch noch Friedrich Merz und Wolfgang Schäuble, die erst eine politische Revolte planten und damit dann scheiterten. Und noch einmal daran scheiterten, den Mythos aufzubauen, die wichtigste Frau der Welt habe ihre politische Karriere eigentlich nur ihnen zu verdanken. Und dann will ihnen auch niemand glauben, dass nur die Frauen (und Jens Spahn und Paul Ziemiak ) daran schuld seien, dass Merz den Vorsitz nicht bekommen habe. Das ist doch alles nicht fair! Genau das dachten sich wohl auch kürzlich in einer Anne-Will-Sendung Wolfgang Kubicki und Gabor Steingart, die sich wie  zwei „freche“ Schuljungen aufführten und versuchten, die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer gemeinsam rhetorisch in die Pfanne zu hauen. Das klappte dann aber auch nicht. Manno.

Frauen, was wollt ihr denn noch?!

Ja nun, wir sind auch alle etwas müde, es war schließlich viel los dieses Jahr. Vielleicht etwas zu viel und da geraten die Dinge eben manchmal etwas durcheinander. Gerade bei jenen, die ein bisschen zu viel Puls bekommen, wenn Menschen nicht mehr akzeptieren wollen, dass der männliche Teil der Bevölkerung einfach aus Gewohnheit die Deutungshoheit zugeschrieben bekommen hat, dass Gleichberechtigung vielerorts noch immer ein reines Lippenbekenntnis ist oder einfach keine Lust mehr auf sexistische Kackscheiße haben. Ja, das ist unbequem. Denn dafür muss sich etwas ändern.

Wie unbequem das für manche ist, merkte man etwa auch dieses Jahr während der Fußball-WM, denn alles schien so wunderbar zu werden, bis Claudia Neumann auf den Plan trat und es wagte, Spiele der Weltmeisterschaft im Männerfußball zu kommentieren. Geht’s noch? Die Folge waren derart viele Anfeindungen und auch Drohungen, dass sich das ZDF dazu gezwungen sah, rechtliche Schritte einzuleiten. Und sehr sehr unbequem fanden es einige wohl auch, als im Dezember verkündet wurde, dass mit Julia Menger und Kerstin Hermes nun ein Moderatorinnen-Team Teil der Morgenshow bei „Radio Eins“ wird. Denn kaum verkündet, hyperventilierten Männer in den Kommentarspalten auf Facebook vor sich hin, weil ihnen nun – oh Gott, oh Gott – Frauenstimmen am Morgen (!) auf die Ohren gedrückt werden! E-K-E-L-H-A-F-T.

Aufregen als Übersprungshandlung?

Ach, und dann war ja da noch der Moderator Martin Solveig, der sich bei der diesjährigen Verleihung des Ballon d’Or dazu hat hinreißen lassen, die Gewinnerin Ada Hegeberg, die gerade die wichtigste Auszeichnung ihrer Sportlerinnen-Karriere in den Händen hielt, zu fragen, ob sie nicht twerken möchte. Also, auf Deutsch: Ob sie nicht mal schön mit dem Arsch in die Kamera wackeln will.

Was war da los? Vielleicht war ihm einfach alles egal, vielleicht war der gute Mann auch einfach vor Ehrfurcht ob der Leistung der Sportlerin überfordert und hat seinen Schreck mit einer sexistischen Übersprungshandlung verdaut. Lernt man ja so, geht immer, bricht das Eis und streichelt das Männer-Ego. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen und seine Karriere jetzt hoffentlich erstmal auf Eis, schließlich hat er dafür einiges an Kritik eingefahren.

Aber nein, kleiner Scherz, seine Buddys aus der Branche werden ihn schon (heimlich) dafür feiern. Nun ja, und dann ploppte dann auch noch in dieser Woche der neueste Fall eines beunruhigten Journalisten auf, der der Ära der Hausfrau, die sich noch liebevoll um seine Unterbuxen und das leckere Mahl gekümmert hat, in vielen vielen Zeilen hinterhertrauerte. Und… ach lassen wir das. Wird durch noch mehr Aufzählung ja auch nicht schöner.

Mimimiii – es klingt die kleine Geige des kleinen Mannes

Vielleicht sind diese Männer aber auch nicht hysterisch, sondern vielleicht sollte man auch unironisch Mitleid haben, weil sie scheinbar sehr kummervoll sind. Es regt sich zumindest etwas in mir, an der Stelle, an der ich das Muttergefühl vermute, wenn ich ihre Sorgen höre. Leider fällt das Muttergefühl aber im nächsten Moment schon wieder in sich zusammen – denn es handelt sich hier eben nicht um Kinder, die man auch bei unverständlichem Brüllen mal auf den Arm nehmen kann, sondern um erwachsene Menschen.

Und denen muss man ihre Hysterie vielleicht einfach mal lassen, ohne ihr weiter Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist wahrscheinlich der beste Plan fürs nächste Jahr. Denn es wird immer einen Jens Jessen geben, der im Feminismus die Geißel der Menschheit sehen wird und immer einen Mann, der Feministinnen vorwirft, dass er wegen ihnen seinen Haushalt selbst schmeißen muss. Wie kann man das den vom Druck der Weltherrschaft gestressten Männern auch antun? Es ist auch okay, dass es diese Menschen gibt, nur sollte man ihnen dafür vielleicht auch nicht noch bereitwillig die große Bühne zu bieten.

Hysterische einfach mal links liegen lassen – das tut der Seele gut

Und ja, das fällt mir besonders deshalb schwer zu schreiben, weil es mich ja selbst jedes Mal in den Fingern juckt, wenn mal wieder Artikel über sie und ihren Weltschmerz erscheinen – und weil ich oft auch nicht anders kann, als mich dazu zu äußern. Wie eben in dieser Kolumne. Aber mein fester Vorsatz für 2019: mich das nächste Mal doch lieber für ein Augenrollen à la Merkel zu entscheiden und dafür, dann einfach weiterzuscrollen oder stattdessen einen vernünftigen Text zu teilen, der sich mit wirklich relevanten Themen beschäftigt, die man nicht erst versuchen muss zu entstauben, weil der Ranz der letzten Jahrhunderte noch daran klebt. Ich hoffe, ich halte es durch – wer weiß, was nächstes Jahr passiert.

Denn Leute, für so was haben wir ja auch gar keine Zeit. Konzentrieren wir uns doch einfach auf die Männer und Frauen, auf alle Menschen, die ernsthaft Lust darauf haben, unsere Welt zu gestalten, statt immer wieder dem alten hinterherzutrauern oder die rhetorische Abrissbirne rauszukramen.

Artikelbild: Depositphotos

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