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Ein klares Ja! Wie lerne ich mir – und anderen – (wieder) zu vertrauen?

Wir alle wünschen uns das Vertrauen anderer und möchten selbst vertrauen können. Was hilft uns dabei?

 

In meinem Blog habe ich über eine Frau geschrieben, die Geld sammelt, um Blindenstöcke für seheingeschränkte Schülerinnen und Schüler in Togo anzuschaffen. Nach etwa zwei Wochen hatten bereits mehr als ein Dutzend Menschen insgesamt 625 Euro (!) gespendet. Ziel waren ursprünglich 300 Euro für 15 Stöcke.

Auch ich habe mich an der Spendenaktion beteiligt und das, obwohl ich auf der Straße eigentlich immer an den Menschen vorbeilaufe, die für Hilfsorganisationen Passanten mit Sammelbüchsen ansprechen oder sie gar zur Mitgliedschaft bei einer dieser Organisationen animieren wollen.

Lydia Zoubek, meine Mitbloggerin, die für Togo sammelt, kenne ich auch nicht – und doch vertraue ich ihr soweit, ihr sozusagen „blind“ Geld zu überweisen, auf ihre Aussage hin, sie werde dieses für den oben genannten Zweck verwenden. Diese Erfahrung bewegt mich, noch einmal über das Thema Vertrauen nachzudenken.

Wem schenke ich mein Vertrauen?

Als Erwachsene haben wir ja gewissermaßen „verlernt“, bzw. uns abgewöhnt, „blind“ zu vertrauen. Wir mögen durchaus offen auf andere Menschen zugehen, aber kaum einer würde einen Fremden sofort zu sich einladen, ihm seine Bankverbindung nennen oder das eigene Kind anvertrauen. Wir haben im Verlauf unseres Lebens eine – durchaus sinnvolle – Einschätzung entwickelt, dass ein Grundmaß an Vertrauen sinnvoll und für zwischenmenschliches Zusammensein unumgänglich ist, wir aber durchaus auch prüfen sollten, wem wir unser Vertrauen schenken. Nicht jeder, der uns in unserem Leben begegnet, hat auch die Absicht – oder ist in der Lage – unserem Vertrauen gerecht zu werden. Und ich denke, es ist sinnvoll, dass wir klar unserer Intuition vertrauen: habe ich mit einer Sache oder einem Menschen „ein komisches Gefühl“, sollte ich dieses meiner Meinung nach immer ernst nehmen. Zumindest zeigt es mir, dass für mich an dieser Stelle etwas nicht ganz stimmig ist und worum es sich dabei handelt, sollte ich klären, um auch nach außen wieder klar sein zu können

Tatsächlich nehme ich den Ansatz, meiner Intuition zu folgen, jedoch als schmalen Grat wahr. Einerseits sind die Signale, die mir mein Gefühl sendet, berechtigt: auch einem objektiv vertrauenswürdigen Menschen sollte ich mich nur in dem Maß und Tempo öffnen, wie es für mich stimmig ist, alles andere würde zu meiner Überforderung und anschließendem Rückzug führen. Andererseits haben wir alle innerhalb unseres Lebens, und gerade auch, wenn wir uns z.B. von unseren Lebenspartnern getrennt haben, die Erfahrung machen müssen, dass einmal gegebenes Vertrauen eben auch enttäuscht werden kann. Oder gar, dass wir uns selbst nicht mehr wirklich trauen: kann ich mich auf meine Gefühle – der Abwehr wie der Anziehung – noch verlassen, oder sind sie wie ein Wachhund, der anschlägt, weil er seinen eigenen Schatten sieht?

Grenzen des Vertrauens

Ich möchte hier neben Situationen, in denen ich in der Lage bin, aus vollem Herzen zu vertrauen, auch solche ansprechen, in denen ich meinem Gegenüber (scheinbar) grundlos misstrauisch begegne. Was bringt mich dazu, mein Kind nur „mit schlechtem Gefühl“ bei der Betreuerin abzugeben? Warum frage ich meinen Partner, ob er es mit seinen Gefühlen ernst meint? Wieso halte ich auf der Straße meine Tasche fest, wenn mich ein Mensch mit abgerissener Kleidung anspricht?

Das sind nur Beispiele für ein, vielleicht berechtigtes, vielleicht aber auch überzogenes, Misstrauen, das mich in diesem Moment erfüllt. Dahinter steht das Gefühl, ich müsse mich schützen. Und der einzige Weg, Schutz zu finden, sei der, die „Türen zu mir“ zu verrammeln. Dann sage ich „Nein“, „Stopp“ und beginne manchmal auch zu rationalisieren, „gute Gründe“ für das zu finden, was eigentlich nur ein diffuses Gefühl ist: Ich vertraue dir nicht!

Ich finde, es ist einen Blick wert, nachzusehen – und nachzuspüren – warum ich an dieser Stelle nicht vertraue. Überfordert mich etwas im Verhalten der Person oder an der Situation? Bräuchte ich schlicht mehr Zeit und/oder mehr (positive) Erfahrungen mit diesem Menschen, um mich zu öffnen? Habe ich in ähnlicher Situation bereits einmal schlechte Erfahrungen gemacht (z.B. auch als Kind) und daher verinnerlicht: hier ist Vertrauen gefährlich? Bin ich vielleicht überhaupt ein Mensch, der sich behutsam an die eigenen Grenzen und die seiner Mitmenschen herantasten muss, um sich nicht „überrannt“ zu fühlen? 

Welche Persönlichkeit habe ich?

Bereits Kinder unterscheiden sich darin, wie offen – oder aber deutlich zurückhaltend – sie auf andere zugehen. Schon Zweijährige lassen sich bereitwillig berühren und z.B. auch von weniger vertrauten Menschen auf den Arm nehmen – oder eben nicht. Die Bereitschaft zur Öffnung anderen Menschen gegenüber ist meiner Meinung nach in jedem Menschen angelegt – anders könnte ich als kleines Kind ja gar nicht überleben – aber in welchem Maß ich mich öffne, wie vielen Menschen und in welcher Geschwindigkeit, scheint schon bei kleinen Kindern Teil ihrer Persönlichkeit zu sein.

Habe ich dann als kleiner Mensch vielleicht ein paar Mal zu oft gehört: „Jetzt stell dich nicht so an!“ oder – subtiler – „Wie schön, dass du dich nicht so anstellst!“, verinnerliche ich statt echtem Vertrauen in mich selbst und in andere vielleicht eher: wenn ich meine Grenzen NICHT wahre, erhalte ich Zuneigung. Und später, wenn ich diese Grenzen dann wahren kann, schlägt mein Gefühl um und ich kämpfe (nachträglich und natürlich vergeblich) gegen die Grenzüberschreiter meiner Kindheit, indem ich als erwachsener Mensch jeden, der mir gefühlt „zu nahe“ kommt, hinter meine Mauern verweise. 

Vertrauen kommt von Zutrauen

Ich muss mir selbst vertrauen, mir zutrauen, meine (inneren) Grenzen wahren zu können. Ich muss fühlen, dass ich rechtzeitig „Nein“ sagen, einen Richtungswechsel bewirken, die Situation, in der ich mich befinde, mit gestalten kann, um wirklich JA sagen zu können. Um echtes Vertrauen schenken zu können.

Dieses „Nachbemuttern“ oder „Nachbevatern“ meiner selbst ist oft ein langwieriger Prozess und ich sollte es mir wert sein, mir dabei z.B. auch therapeutische Hilfe zu suchen, wenn ich merke, ich komme alleine nicht weiter. Vertrauen in mich selbst, in die mir Nächsten und in die Welt ist sozusagen der „Humus“ meines Lebens, das, was es reich und lebendig macht. Warum sollte ich mir diesen Nährstoff vorenthalten und in der Dürre stetigen latenten Misstrauens vor mich hinvegetieren?

Ich glaube, viele Menschen leben mit diesem Schmerz eines früh enttäuschten Vertrauens. Ich sehe es als Aufgabe meines Menschseins an, dieses Vertrauen in mir wieder zu finden und zu nähren. So, dass ich z.B. auch als Mutter oder Vater meinem Kind sagen kann: „So geht das – so setzt du gesunde Grenzen!“ und: „So geht das – so vertraust du in die Welt!“

Die Welt ist gut, sie ist freudvoll und sehr viel ist möglich, wenn du nicht von Angst, sondern von Vertrauen geleitet wirst. So zu denken – und zu fühlen – ist nicht naiv. Es ist kraftvoll und letztlich von tiefer Weisheit erfüllt. Kein Kind würde sein Leben beginnen ohne dieses erste tiefe Vertrauen. Also lasst uns aufhören, unseren Kindern einzureden, sie seien zu vertrauensselig. Gerade an diesem tiefen Vertrauen krankt doch unsere Welt. Lasst uns eher unseren Kleinsten zuhören und dieses Vertrauen auch wieder in uns nähren: ein klares JA zum Leben, zu unseren Mitmenschen und zur Welt!

Dieser Artikel erschien zunächst (in leicht abgewandelter Form) auf meinem Blog https://mutter-und-sohn.blog/. Ich freue mich, ihn auch hier mit euch teilen zu können!

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