Foto: Jesse Collins

Wie verbringt man Weihnachten, wenn man um einen geliebten Menschen trauert?

Autor*in
Lisa Mücklich

Zur Weihnachtszeit umgeben sich die meisten Menschen gern mit ihren Nächsten. Doch wie feiert man Weihnachten, wenn diese Jahreszeit verbunden ist mit der Trauer um einen geliebten Menschen? Unsere Community-Autorin schreibt über ihre Erfahrung mit dem Thema. 

Die Welt dreht sich weiter, aber du bleibst stehen

Ich liege bauchlinks auf dem Teppich im Wohnzimmer und hänge über meinem Erdkundebuch. Ich bin elf Jahre alt, gehe in die 5. Klasse und mache meine Hausaufgaben. Die Uhr muss irgendwas zwischen 17 und 18 Uhr angezeigt haben, genau weiß ich es heute nicht mehr. Auf jeden Fall war meine Mutter noch arbeiten und wir Kinder alleine zu Hause. Meine Schwester und mein Bruder schauten gerade irgendeine Serie im Fernsehen, als das Telefon klingelte und meine Schwester, die damals 13 Jahre alt war, abhob.

„Ja“, sagte sie halb fragend, halb verwundert, nachdem sie ihren Namen genannt und ihr Gesprächspartner am anderen Ende wohl eine Frage gestellt hatte. Von dem Telefonat weiß ich nicht mehr viel. Nur noch, dass meine Schwester sagte „Der Papa liegt im Krankenhaus“ und „es sieht nicht gut aus“ – oder so ähnlich.

Ich erinnere mich auch nicht, was wir zu meiner Mutter sagten, als sie von der Arbeit nach Hause kam. Nur, dass meine Schwester ihre damals beste Freundin anrief, wir uns ins Auto meiner Tante setzten, welches sie uns für die Zeit ihres Skiurlaubes geliehen hatte, weil wir selbst keines hatten und in die Uniklinik fuhren.

So wie immer, nur dass nichts wie immer ist

Zwei Tage später, die Uhr muss irgendetwas zwischen 13 und 14 Uhr angezeigt haben, bekamen wir den Anruf. Diesmal war meine Mutter zu Hause. Als sie das mit unserem Vater erfahren hatte, hatte sie sich beurlauben lassen. Meine Mutter brauchte nichts sagen. Wir wussten auch so, was der Anruf zu bedeuten hatte. Sie sagte es trotzdem. Man muss es aussprechen, damit es für einen wahr wird.

Der 20. Dezember ist der Tag vier Tage vor Weihnachten. Und der Tag, an dem mein Vater starb. Es gibt ein davor und ein danach. Egal an welchem Tag du einen geliebten Menschen verlierst. Egal ob warm oder kalt draußen, hell oder dunkel, Tag oder Nacht. Die Welt um dich herum dreht sich weiter. Aber du bleibst stehen.

In den nächsten Tagen schliefen meine Geschwister und ich alle in einem Zimmer. Wir haben den Weihnachtsbaum geschmückt und Plätzchen gebacken. So wie immer. Nur dass nichts wie immer war.

Trauer wird nicht weniger schmerzhaft, in dem man Besinnlichkeit drauf streut

Meine Eltern lebten seit meinem dritten Lebensjahr getrennt. An Heiligabend gingen wir Mittags immer zu unserem Vater, meist spielten wir etwas und dann machten wir Bescherung. Da unser Opa, der Vater meines Vaters, nicht weit entfernt wohnte, spazierten wir danach mit unserem Vater zum Opa, um dort noch mehr zu spielen und weitere Geschenke abzuholen. Wir hatten das irgendwann so vereinbart, damit meine Mutter an Heiligabend in Ruhe alles vorbereiten konnte und nicht drei Kinder um sie rumtanzten, die alle fünf Minuten nach Essen und Geschenken zu fragen.

Im Jahr 2005, das Jahr in dem mein Vater starb, gingen wir mit unserer Tante, der Schwester meines Vaters, und unserem Onkel ins Kino. „Happy Feet“ – ein Kinderfilm über einen kleinen tanzenden Pinguin. Ich weiß nicht, ob ich Pinguine schon immer mochte. Seit diesem Tag sind sie jedenfalls meine Lieblingstiere.

(Not) the same procedure as every year

In der Zwischenzeit hatte unsere Mutter alles für den Abend vorbereitet. In der Wohnung mischte sich der Geruch der Tanne unter die köstlichen Essensgerüche, die aus der Küche in die ganze Wohnung strömten. Wir deckten den Tisch und zündeten den Adventskranz sowie die umstehenden Teelichter an. Eigentlich wie immer. Nur, dass wir an diesem Abend nicht wirklich etwas aßen, sondern schweigend im Esszimmer saßen, bis unsere Mutter wie jdes Jahr das kleine, goldene Glöckchen erklingen ließ, um die Bescherung einzuläuten.

Die Lichterkette am Tannenbaum tauchte unsere Geschenke in trügerisch schönes Licht. Auch die Geschenke unseres Vaters. Das Nachthemd, mit Winnie Pooh im Pyjama drauf, trage ich heute noch. Trauer wird nicht weniger schmerzhaft, indem man Besinnlichkeit drauf streut. Und auch der zehnte gute Wunsch für das neue Jahr bringt nichts, weil für Trauernde die Zeit nicht weiter zu gehen scheint.

Die Vorfreude und Zufriedenheit zurückerobern

Die weihnachtliche Süße der Besinnlichkeit hat einen bitteren Beigeschmack, wenn sie die Kehle hinabläuft. Der Tod ist jemand, der Anfang Dezember an meine Tür klopft und mich bis Neujahr wie ein Schatten verfolgt. Wir sind sichtbarer als unser Schatten und trotzdem ist er da. Leise und unaufällig begleitet er uns auf Schritt und Tritt, schleicht sich in unsere lächelnden Augen und Münder.

Heute, 14 Jahre später, helfen wir unserer Mutter bei den Vorbereitungen. Bis die Schwester meines Vaters und ihr Mann am späten Nachmittag kommen. Die Nachspeise meiner Tante wird in den Kühlschrank gestellt, mein Onkel öffnet den Wein. Wir essen viel und reden noch mehr. Über Gott und die Welt. Nur ohne Gott. Dafür über Politik. Über meinen Vater reden wir selten.

Der Schatten, der uns in dieser Zeit begleitet, ist in jedem von uns präsent, schleicht durch die Wohnung. Aber mit Schatten kann man leben, solange sie nicht zu laut brüllen. Er ist eben nur ein Begleiter. Und nicht wir selbst. Für uns ist es, bis zum Abend, fast ein Tag wie jeder andere auch. Die Rahmenbedingungen wären andere, würde mein Vater noch leben. Aber das Gefühl, das wir früher hatten, haben wir uns Stück für Stück zurückerobert. Die Vorfreude, die Zufriedenheit, das Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit.

Denn am Ende des Tages ist es wie eh und je: Wenn meine Mutter das kleine, goldene Glöckchen erklingen lässt, ist die Bescherung eingeläutet.

Lisa schreibt auf ihrem Blog „Hirngelaber“ über Gesellschafts- und Politikthemen, über ihr Leben mit einer (nicht sichtbaren) Behinderung und alles, was ihr Gehirn sonst so belagert. Ihr Text ist zuerst auf ihrem Blog erschienen. Wir freuen uns, dass wir ihn auch bei uns veröffentlichen können.

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