Foto: eOne Germany | Filmstill aus „Die Misswahl“

„Die Misswahl”: Feminismus, Mehlbomben und die erste Schwarze Miss World

Der Film „Die Misswahl“ erzählt die wahre Geschichte von Jennifer Hosten, der ersten Schwarzen Miss World, und einer legendären Protestaktion der „Women’s Liberation Movement“ in den 1970ern. Eine Filmbesprechung mit Blick auf vergangene, aktuelle und zukünftige feministischen Kämpfe.

Basierend auf den wahren Ereignissen rund um die Wahl zur „Miss World“ 1970 inszeniert die Regisseurin Philippa Lowthorpe – die für die Serie „Call the Midwife“ als erste Frau mit einem BAFTA in der Kategorie Fernsehen ausgezeichnet wurde – die Geschichte unterschiedlicher Frauen, die alle auf ihre Weise für eine fortschrittlichere, feministischere Welt kämpften. 

Schon Anfang des Jahres hatten wir die Gelegenheit, Philippa Lowthorpe, Jennifer Hosten – die inzwischen 72-jährige Miss World 1970 – und die Schauspielerin Gugu Mbatha-Raw (bekannt aus „The Morning Show“), die im Film Jennifer Hosten verkörpert, zu treffen. Daraus ergaben sich Gespräche über die Errungenschaften früherer Feminist*innen, die Relevanz von Repräsentation und die Notwendigkeit eines intersektional agierenden Feminismus.

Philippa Lowthorpe, Jennifer Hosten (Miss World 1970) und Gugu Mbatha-Raw bei der Filmpremiere. Foto: Entertainment One, Tom Hellewell

Sexistische Zurschaustellung und unerreichbare Schönheitsideale

London, 1970: Die Vorbereitung für die Austragung des alljährlichen „Miss World“-Wettbewerbs laufen auf Hochtouren. Die Teilnehmerinnen, angereist aus aller Welt, bereiten sich auf ihren Auftritt vor einer ausschließlich männlich besetzten Jury und einem Millionenpublikum vor. Zeitgleich bereiten feministische Aktivist*innen der „Women’s Liberation Movement“ eine Protestaktion vor, mit der sie die Austragung der Misswahl stören und auf die sexistische Zurschaustellung der Teilnehmerinnen sowie die dort transportierten Frauenbilder aufmerksam machen wollen.

Sally Alexander (Keira Knightley) inmitten des Tumults, den sie gemeinsam mit anderen feministischen Aktivistinnen organisiert hat. Foto: eOne Germany

Mitten in der Veranstaltung fliegen Mehlbomben und Pamphlete durch den Saal, Frauen hissen Banner und schreien, Ratschen lärmen: Die Protestaktion sorgt für weltweites Aufsehen, die Misswahl wird kurzzeitig unterbrochen, die Aktivistinnen verhaftet – und doch ist das nur einer von zwei Gründen, weshalb die Wahl zur Miss World 1970 in die Geschichte einging. Denn: Am gleichen Abend gewann mit Miss Granada, Jennifer Hosten, zum ersten Mal eine Schwarze Frau die Misswahl und rüttelte so an den eurozentristischen Schönheitsidealen.

„In einer Zeit, in der es keine so allgegenwärtigen Schwarzen Ikonen wie Beyoncé gab, war Jennifer Hosten eine wichtige Wegbereiterin. Nach dieser Misswahl fanden sich Mädchen und Frauen of Color auf Magazincovern wieder, hatten vielleicht sogar zum ersten Mal das Gefühl, dass sie, so wie sie aussehen, genau richtig sind“, schwärmt die Schauspielerin Gugu Mbatha-Raw, die im Film Jennifer Hosten spielt, über dieses historische Ereignis. „Das Optische ist mächtig. Wir alle neigen dazu, dem nachzueifern, was uns in den Medien präsentiert wird. Jennifers Sieg war nicht nur für sie selbst, sondern möglicherweise auch für andere Frauen of Color ein Türöffner.“ Fehlende Repräsentation Schwarzer und Frauen of Color ist bis heute ein großes Problem in so vielen Sparten – und doch mutet es einfach nur absurd an, dass es bei einem Schönheitswettbewerb mit Frauen aus aller Welt zwei Jahrzehnte gedauert hat, bis eine Frau of Color diesen Titel gewinnt. 

Sie haben die Tür zu einer gleichberechtigten Welt ein Stück weiter geöffnet

In unterschiedlichen Szenen zeigt der Film, wie viel im Kampf für Gleichberechtigung und Unabhängigkeit seit 1970 erreicht wurde. Die Regisseurin Philippa Lowthorpe sagt, sie sei schockiert gewesen, als ihr bei der Recherche für den Film bewusst wurde, wie viel sich erst in den vergangenen 50 Jahren zum Besseren verändert habe. „Es war in den 1970ern noch nicht selbstverständlich, dass Frauen eine Ausbildung absolvierten oder studierten. Man erwartete einzig, dass sie heiraten und Kinder zur Welt bringen.“ Tatsächlich mussten sich die im Film porträtierten feministischen Aktivist*innen damals von ihren Familien distanzieren, um so leben zu können, wie sie gerne wollten.

„Sie haben in ihren Kommunen ein neues Zuhause gefunden und alles miteinander geteilt, um über die Runden zu kommen“, erzählt Lowthorpe, die viele filmische Elemente aus den Erzählungen der damaligen Aktivistinnen gewonnen hat. Es sei beeindruckend, wie idealistisch und politisch aktiv diese Frauen gewesen seien. „Meine Generation war viel unpolitischer. Dagegen sind die jungen Menschen heute wieder aktiver“, sagt die 58-Jährige. Ihre Generation habe sich womöglich auf den Errungenschaften der ,Women’s Liberation Movement‘ ausgeruht.

„Ich wusste tatsächlich kaum etwas über diese Frauenbewegung und habe, als ich meinen ersten Schritt in eine Universität gesetzt habe, wohl kaum daran gedacht, wem ich das zu verdanken habe.“ Das sei ein weiterer Grund gewesen, weshalb Lowthorpe an diesem Film mitarbeiten wollte: Um die Frauen zu ehren, die diese wichtigen Kämpfe ausgetragen haben. „Sie haben die Tür zu einer gleichberechtigten Welt ein Stück weiter geöffnet, für all die Mädchen und Frauen, die nach ihnen kamen. Dafür werde ich ihnen auf ewig dankbar sein.“ Obwohl Lowthorpe im Rückblick so ehrfürchtig über die „Women’s Liberation Movement“ spricht, war es ihr bei der Produktion des Films ein großes Anliegen, einen humorvollen Film zu drehen, der Leichtigkeit versprüht.

Ungerechtigkeiten mit Humor begegnen

Wenngleich Feminist*innen nie den Zwang verspüren sollten, in einem bestimmten Gewand daher zu kommen, um die Massen für ein politisches Thema zu begeistern, kann es helfen, Themen humorvoll zu verpacken. Genau das sieht Philippa Lowthorpe als Stärke des Films: „Wir wollten, dass der Film lustig ist. Zu sehen, wie der sexistische Moderator der Misswahl Mehlbomben an den Kopf geworfen bekommt, amüsiert.“ Natürlich hätten sie und das Filmteam bewusst viele ernsthafte Botschaften im Film verwoben, aber: „Wir wollten die fantastische Energie dieser protestierenden Frauen einfangen und zelebrieren. Sie waren lustig und rebellisch zugleich.“

Die Aktivistinnen des „Women’s Liberation Movement“ bereiten die Protestaktion für den Abend der Misswahl vor. Foto: eOne Germany

Damit schafft es der Film dann auch, mit dem Stereotyp der humorlosen Feministin zu brechen. Der Anspruch, eine Gesellschaft gerechter zu machen, funktioniert mit und ohne Humor, doch ohne wären wohl viele der Ungerechtigkeiten, die Feminist*innen bis heute bekämpfen, noch schwerer zu ertragen. „Die Misswahl“ ist eher leichte Filmkost, ideal für diese unerträglichen Momente, in denen einer*m das Gefühl überkommt, das Ziel liege noch in beinahe unerreichbarer Ferne. Denn: Der Film erinnert daran, wie viel schwieriger die Situation für Frauen noch vor wenigen Jahrzehnten war.

„Für mich ist Feminismus ein lebendiges, atmendes Wesen, das gemeinsam mit der Kultur und den jeweiligen Generationen wächst und sich so immer weiterentwickelt.“

Gugu Mbatha-Raw

Nicht, dass wir deswegen dankbar sein und uns mit dem Status Quo zufrieden geben sollten, aber der Film dient als positiver Reminder dafür, dass Veränderung sehr wohl möglich ist. Die 37-jährige Hauptdarstellerin Gugu Mbatha-Raw ist überzeugt, dass der feministische Fortschritt nicht zu stoppen ist: „Für mich ist Feminismus ein lebendiges, atmendes Wesen, das gemeinsam mit der Kultur und den jeweiligen Generationen wächst und sich so immer weiterentwickelt.“

Den Blick für die Beweggründe anderer öffnen

So witzig die Szenen des Protests sind, so genüsslich man die Fassungslosigkeit des sexistischen Moderators und der chauvinistischen Jury aufsaugt, so traurig ist es zugleich, dass bis heute unzählige Formate Erfolg damit haben, Frauen (aufgrund ihres Äußeren) gegeneinander antreten zu lassen. „Ich persönlich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als an so einem Wettbewerb teilzunehmen. Ich finde solche Formate überholt und unerträglich“, sagt die Regisseurin Philippa Lowthorpe, und weiter: „Gleichzeitig kann ich verstehen, dass Frauen auf solche Formate setzen, um auf sich aufmerksam zu machen. Viele Teilnehmerinnen erweitern dadurch das Feld ihrer Möglichkeiten.“

Im Gespräch mit Lowthorpe, Mbatha-Raw und Hosten wird deutlich, dass keine von ihnen Schönheitswettbewerbe verklären möchte. In der Vergangenheit wurde bereits zur Genüge aufgezeigt, weshalb solche Formate absolut katastrophal für den Selbstwert (junger) Frauen sind und wie toxisch solche (öffentlichen) Rankings sind. Doch gleichzeitig erinnert der Film daran, auch bei berechtigter Kritik die Motive der Beteiligten im Blick zu behalten und sich die eigenen Privilegien vor Augen zu führen. Dem Filmteam sei es wichtig gewesen, die Misswahl-Teilnehmerinnen als sympathische, nahbare Personen darzustellen, erzählt Lowthorpe: „Während des Wettbewerbs werden die Frauen zu Objekten gemacht, hübsche Puppen, die attraktiv zu sein haben. Uns war es ein großes Anliegen, den Blick zu öffnen für die Wünsche, Gefühle, Beweggründe und Ziele der Misswahl-Teilnehmerinnen.“

Statt Annahmen zu treffen, sollten wir nachfragen

Die Hauptdarstellerin Gugu Mbatha-Raw erzählt, dass sie sich vor der Arbeit am Film nie mit Schönheitswettbewerben beschäftigt und diese stets als irrelevant wahrgenommen habe. „Im Gespräch mit Jennifer Hosten ist mir bewusst geworden, welche Bedeutung dieser Sieg nicht nur für sie selbst, sondern auch für die öffentliche Wahrnehmung Schwarzer Frauen hatte.“

Miss Afrika Süd Pearl Jansen (links) und Miss Grenada Jennifer Hosten (gespielt von Gugu Mbatha-Raw) tauschen sich darüber aus, welche Chancen sie als Schwarze Frauen inmitten weißer Missen haben, die Krone zu gewinnen. Foto: eOne Germany

„Niemand sollte sich dafür schämen, an einem Schönheitswettbewerb teilgenommen zu haben“, sagt Jennifer Hosten. Die Gründe, weshalb Frauen an so einem Wettbewerb teilnehmen würden, seien sehr unterschiedlich. „Statt Annahmen über die Beweggründe anderer zu treffen, sollten wir nachfragen. Fragen, was Menschen brauchen und in Dialog treten, statt anderen vorzuschreiben, was gut für sie ist“. 1970 sei so ein Wettbewerb eine Gelegenheit gewesen, vorwärts zu kommen, die sich in anderer Form für manche Frauen kaum je geboten hätte. „Heutzutage gibt es selbstverständlich mehr Möglichkeiten für Frauen, gerade auch dank des Internets. Zu meiner Zeit gab es deutlich weniger Optionen, insbesondere für Frauen of Color.“

Ein Blick über den weißen, privilegierten Tellerrand

Tatsächlich schafft es der Film, über den Tellerrand weißer, privilegierter Feminist*innen zu schauen. In mehreren Szenen wird die Relevanz, Feminismus intersektional zu denken, aufgezeigt. Eine Schlüsselszene: Die frisch gekürte Miss World Jennifer Hosten und die feministische Aktivistin Sally Alexander (Keira Knightley), die nach der Störaktion in einer Garderobe Schutz vor der Polizei sucht, treffen aufeinander. Als Sally ausholt, um Jennifer Hosten für ihre Teilnahme an der Misswahl zu kritisieren, kontert diese, dass eine derartige Kritik offensichtlich aus einer sehr privilegierten Situation heraus geschehe – und zeigt Sally damit auf, wie kurzsichtig das ist. Mit einer solchen Filmszene schaffen es die Produzent*innen, den manchmal viel zu engen Radius für Inklusivität aufzuzeigen, an die Relevanz von Intersektionalität zu erinnern und weißen, privilegierten Feminismus auf subtile, aber notwendige Weise zu kritisieren.

Die feministische Aktivistin Sally Alexander (Keira Knightley) rechts und die frisch gekürte Miss World Jennifer Hosten treffen aufeinander. Foto: eOne Germany | Filmstill aus „Die Misswahl“

Der Film basiere zwar auf wahren Begebenheiten und den Erzählungen der porträtierten Frauen, aber in der Realität gab es diese Begegnung nicht. „Wir würden uns alle wünschen, dass sich eine solche Szene tatsächlich ereignet hätte. Denn sie zeigt ganz deutlich, wen Feminismus damals nicht mitgedacht und einbezogen hat – und wie wenig intersektional diese Bewegung war“, sagt Gugu Mbatha-Raw. Auch die Regisseurin Philippa Lowthorpe hält die Szene für eine der wichtigsten im Film: „Die echte Sally Alexander und Jennifer Hosten haben mir erzählt, dass das ihre liebste Szene sei.“

Es gibt viele Möglichkeiten, gesellschaftlich etwas zu verändern

„Die Szene führt die unterschiedlichen Startvoraussetzungen und Machtverhältnisse vor Augen. Jede dieser Frauen befindet sich auf einer individuellen Reise und nutzt ihren Einfluss im Rahmen der ihr gegebenen Möglichkeiten“, sagt Gugu Mbatha-Raw. Jennifer Hosten habe auf ihre eigene Art Zäune eingerissen und neue Maßstäbe gesetzt. „Mehlbomben zu werfen und Banner hochzuhalten, ist nicht der einzige Weg, gesellschaftlich etwas zu verändern.“ Den Macher*innen des Films ging es denn auch nie darum, das Wirken der Missen mit dem der feministischen Aktivist*innen zu vergleichen. Letztere machten mehrfach deutlich, dass sich ihre Aktionen und Proteste nicht gegen die am Wettbewerb teilnehmenden Frauen, sondern gegen das Patriarchat und die Organisator*innen solcher Formate richten.

„Wenn man scheinbar große Konflikte auf nur zwei Personen in einem Raum reduziert, fangen Menschen plötzlich an, zu kommunizieren und einander zu verstehen.“

Gugu Mbatha-Raw

Pompöse Schönheitswettbewerbe und dramatische Proteste: Der Film bewegt sich die meiste Zeit auf der Makro-Ebene. Der Moment, in dem sich der Blick auf eine so ruhige Szene wie die Begegnung zwischen Sally Alexander und Jennifer Hosten in einer Garderobe konzentriert, schafft eine Intimität und Vertrautheit, die umso mehr Wirkung entfaltet. „Wir alle kennen diese besonderen Momente der Intimität zwischen zwei Frauen, die sich vor dem Waschbecken begegnen. Das Schöne: Wenn man scheinbar große Konflikte auf nur zwei Personen in einem Raum reduziert, fangen Menschen plötzlich an, zu kommunizieren und einander zu verstehen.“

„So erfolgreich das ,Women’s Liberation Movement‘ auch war, es hätte mehr bewirken können, wenn die Bewegung inklusiver und aufgeschlossener gewesen wäre.“

Jennifer Hosten

Jennifer Hosten weist daraufhin, dass der Film eine Brücke schlage zwischen den 1970ern und der heutigen feministischen Bewegung – und der damit verbundenen Frage, was Feminismus heute bedeuten sollte. „So erfolgreich das ,Women’s Liberation Movement‘ auch war, es hätte mehr bewirken können, wenn die Bewegung inklusiver und aufgeschlossener gewesen wäre“, sagt Hosten. Das sei eine der Baustellen des Feminismus. „Wir müssen besser zuhören. Gebt weniger privilegierten Frauen mehr Möglichkeiten, unterstützt sie und helft so dabei, das Spielfeld fairer für alle zu gestalten.“

„Wir können es schaffen, wenn wir zusammenhalten“

„Was bedeutet es, eine Frau zu sein?“, fragt Sally Alexander in einer Szene. Im Film bleibt die Frage unbeantwortet, Philippa Lowthorpes hingegen liefert eine Antwort: „Ich glaube, Frauen schauen aus einer ganz anderen Perspektive auf die Welt als Männer, das ist ein Geschenk für unsere Gesellschaft.“ Die Welt befinde sich im Chaos, sagt Philippa Lowthorpe. Sie pocht darauf, dass Frauen endlich gleichberechtigt in die Lösungssuche für unsere Probleme einbezogen werden.

„Wir können es schaffen, wenn wir zusammenhalten.“

Philippa Lowthorpe

„Wir Frauen müssen wohl weiterhin Revolutionärinnen sein, um Veränderung zu bewirken.“ Es gäbe so einige Menschen, die die (Karriere-)Leiter hochklettern und diese dann am liebsten hinter sich hochziehen möchten. Umso wichtiger sei es, nachfolgende Generationen dabei zu unterstützen, einfacher ihre Ziele zu erreichen. „Wir können es schaffen, wenn wir zusammenhalten.“

Missstände, die eine eigene Verfilmung verdient hätten

Der Film erzählt viele hoffnungsvolle Geschichten und führt vor Augen, wie viel sich in den vergangenen 50 Jahren getan hat. Und dennoch gibt es diverse Missstände, die im Film zu kurz kommen. Colorism beispielsweise ist ein Thema, dem keine Beachtung geschenkt wird, die einzigen Schwarzen Wettbewerbsteilnehmerinnen sind beide light-skinned. Ein weiterer Missstand: Was nach der Misswahl 1970 mit der Zweitplatzierten, ,Miss Afrika Süd‘ Pearl Jansen, geschah. Ihre Story liefert genügend Material für einen nicht weniger spannenden Film, wie neuere Artikel zeigen. Die Geschichte von Pearl Jansen ist nämlich lange nicht so schillernd wie die von Jennifer Hosten. Ursprünglich sollte für Südafrika eine weiße Miss ins Rennen um den Titel gehen. Nach öffentlichkeitswirksamer Kritik, in Zusammenhang mit dem Apartheid-Regime, nominierten die Verantwortlichen eine weitere, Schwarze Miss für Südafrika. Da die weiße Miss Südafrika jedoch im Rennen blieb, erteilte man Pearl Jansen den seltsam anmutenden Ersatztitel ,Miss Afrika Süd‘.

Die echte Miss Afrika Süd Pearl Jansen und die erste Schwarze Miss World Jennifer Hosten treffen sich nach über 50 Jahren wieder – bei der Filmpremiere zu „Die Misswahl“. Foto: Entertainment One, Tom Hellewell

Der Sieg als Zweitplatzierte brachte ihr jedoch mehr Schwierigkeiten als Erfolg. Zurück in ihrer Heimat litt sie weiterhin unter dem Apartheid-Regime. Weiße südafrikanische Gewinnerinnen waren in der Vergangenheit landesweit gefeiert worden, Jansen und ihre Familie hingegen bestrafte man für ihren Triumph. Während ihrer Regentschaft als Miss-World-Vize wurde ihr der Zutritt zu Veranstaltungen für Weiße nur widerwillig gestattet, ihre Eltern musste draußen warten. Zugleich erwarteten die Menschen in ihrem Umfeld, dass sie ihren vermeintlichen neuen Reichtum mit allen teilte, während sie Mühe hatte, einen Job zu finden. Dass sie diese Erwartung nicht erfüllen konnte, führte dazu, dass sie sich zurückzog, ein abgeschiedenes Leben führte und in Vergessenheit geriet. Zumindest bis die Macher*innen des Films sie ausfindig machten. „Die Geschichte von Pearl Jansen ist traurig. Und ein weiteres Beispiel dafür, dass die Frauenbewegung der 70er zu kurz gefasst war und jene vergessen hat, die kaum Möglichkeiten erhielten, ihre Ziele zu erreichen“, sagt Jennifer Hosten über ihre Kollegin, mit der sie im Rahmen der Filmproduktion zum ersten Mal seit 50 Jahren sprechen konnte.

Man könnte „Die Misswahl“ auf den ersten Blick als seichten, komödiantisch-kitschigen Film abtun. Das würde ihm jedoch nicht gerecht werden. Der Film ist zugleich nämlich auch ein Anlass zu Diskursen, die noch immer geführt werden müssen sowie für viele Themen, die hoffentlich 50 Jahre nach den verfilmten Ereignissen endlich (mehr) Beachtung finden.



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