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Friederike: „Durch Minimalismus sind wir freier von den Werbeversprechungen der Wirtschaft“

Warum fühlt es sich eigentlich besser an, weniger zu haben? Psychologin Dr. Friederike Gerstenberg kennt die Probleme unserer Konsumgesellschaft. Im Interview erklärt sie, warum sich ein minimalistischer Lebensstil lohnen kann. Aber auch, warum alleine das Nachdenken darüber von einer privilegierten Position erzählt.

 

Stress loswerden durch Aussortieren

Dr. Friederike Gerstenberg ist Therapeutin, Psychologin, Sprecherin und Autorin. Sie führt eine Privatpraxis in Esslingen am Neckar, wo sie seit 2012 mit ihrem Mann und zwei Töchtern lebt. Geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet, ist sie als Lehrbeauftragte an unterschiedlichen Hochschulen in Deutschland tätig. Zur Verbindung von Minimalismus und Psychologie bietet sie wissenschaftlich fundierte Vorträge und Workshops an.

Mehr als 10.000 Dinge besitzen wir im Durchschnitt. Warum kann das belastend sein?

„Jedes Teil, das wir besitzen, ist mit einem Bindfaden mit uns verbunden. Jedes Teil zieht an uns. Jedes Teil sagt uns etwas. Etwas wie ˒Ich erfreue Dichʿ oder ˒Wann benutzt Du mich endlich mal wieder?ʿ oder ˒Mich fandst Du eigentlich nur im Laden schönʿ. Je mehr Verbindungen wir haben, desto schwieriger ist es, die stummen Botschaften zu ignorieren. Das nennt man in der Psychologie ˒Mental loadʿ. Je mehr mentale Belastung, desto weniger wohl fühle ich mich in meiner Haut und in meinem Kopf.“

Wie äußert sich diese Belastung?

„Psychisch wird die Belastung häufig als Stress empfunden. Die mentale Belastung nimmt zu. Die Dinge an die wir denken müssen, die wir abstauben, umräumen, verstauen oder einfach benutzen müssen. Das kann auch zu Schlafstörungen führen, einem Gefühl der Frustration oder einer tief empfundenen Sinnlosigkeit.“

Gibt es eine Möglichkeit dem entgegenzuwirken?

„Mentale Belastung kann man sich wie einen Rucksack voller Steine vorstellen. Je mehr ich loslasse, je mehr Steine ich da herausnehme, desto leichter wird der Rucksack und desto besser fühle ich mich. Minimalismus ist für mich ein Werkzeug, genau wie Achtsamkeit und Meditation. Sie führen zu einem ähnlichen Ziel: Zum wirklich Wichtigen, zu dem was zählt, zum Essentiellen und Existentiellen. Ich will sein, wer ich bin und nicht, was ich besitze. Es ist das ˒Weniger, aber besserʿ auf allen Ebenen: Weniger Dinge, dafür nachhaltigere, nicht teurere. Weniger Menschen, dafür authentischere Beziehungen.“

Trotzdem konsumieren wir ständig Dinge, die wir nicht brauchen. Warum?

„Uns wird permanent suggeriert, dass es uns besser gehen wird, wenn wir diesen Krempel noch auf uns laden. Dieser eine Stein wird dann der letzte in unserem Rucksack sein und dann werden wir endlich glücklich und zufrieden sein. Das ist Unsinn. Das Silicon Valley beschäftigt eine Heerschar an Psychologen, deren Ziel es nicht ist, dass unsere Psychen gesünder werden. Das Ziel ist Umsatz. Geld. Konsum. Eine akute, schnelle Bedürfnisbefriedigung, die macht, dass wir mehr haben, als wir wollen. Durch Minimalismus sind wir vielleicht auch einfach etwas freier von den Werbeversprechungen der Wirtschaft.“

Kann uns ein Gegenstand denn überhaupt glücklich machen?

„Der Pullover, den man sich kauft bringt einem per se kein Glück. Es ist vielleicht schön ihn zu haben, aber wenn ich schon zehn Pullover im Schrank habe, dann gibt der eine keinen Mehrwert mehr. Unsere Lieblingsdinge, Lieblingsklamotten, Lieblingsmusik machen uns glücklich, weil wir sie in besonderen Momenten gesehen, getragen oder gehört haben. Wir haben eine emotionale Beziehung zu diesen Dingen. Das macht uns als soziale Wesen aus.“

Warum denken Sie, dass sich immer mehr Menschen für einen minimalistischen Lebensstil entscheiden?

„Weil sie es entscheiden können. Jemand, der am Existenzminimum lebt, hat keinen minimalistischen Lebensstil. Es wäre zynisch das so zu nennen. Sich für einen minimalistischen Lebensstil zu entscheiden ist vielleicht nur möglich, wenn man vorher vom Überfluss hinweggespült wurde. Vielleicht ist Minimalismus in einer Überflussgesellschaft das, was nach dem Tropfen kommt, der das Konsumfass zum Überlaufen brachte.“

Welche Motivationen können dazu führen?

„Vielen Menschen wird zurzeit klar, dass wir uns mitten im Klimawandel befinden, dass wir unseren Planeten mit Müll verseuchen und es so für unsere Spezies nicht mehr lange weitergehen kann. Das Bedürfnis, minimalistisch zu leben, ist für mich dabei ganz oft mit dem Nachhaltigkeitsgedanken verknüpft: Viele wollen nicht mehr schnell leben und schnell konsumieren, weil sie bemerkt haben, dass das nicht glücklich macht. Sie entscheiden sich dann für einen anderen Lebensstil, der auch der Umwelt zu Gute kommt. Minimalist wird man aber nicht, man muss es einfach immer wieder tun.“

Was sind die mentalen Hürden, die der minimalistische Lebensstil mit sich bringt?

„Ein zentraler Bestandteil ist wohl, dass ich mir das erst einmal leisten können muss. Ich brauche Zeit, um mir Gedanken über meinen Lebensstil und meinen Konsum zu machen. Wenn ich mir die Zeit nehme, begegne ich wahrscheinlich meiner Angst. Was passiert, wenn ich die Dinge loslasse, weggebe, verkaufe, verschenke? Wer bin ich dann noch? Unser Besitz definiert mehr denn je, wer wir denken zu sein. Das heißt, ich muss mich bei jedem Bereich meines Besitzes fragen, was er über mich aussagt und ob ich damit leben kann, wenn der Teil weg ist, trotzdem ich zu sein.“

Haben Sie selbst Erfahrung damit?

„Bei mir war, ist und wird immer ein Teil des Problems sein: Meine Bücher. Ich liebe Bücher. Ich lese gerne und dadurch sammelt sich nach einer Weile auch ziemlich viel an. Gleichzeitig ist es auch so eine Fantasie, dass Menschen anhand meiner Bücher sehen, wie belesen ich bin. Wenn ich meine Bücher verkaufe oder verschenke, nachdem ich sie gelesen habe, bin ich immer noch so schlau wie vorher, aber ich habe den äußeren Beweis weggegeben. Der äußere Teil, der mir vielleicht auch Sicherheit gibt. Dennoch gibt es Bücher, die würde ich niemals hergeben. Die lese ich alle paar Jahre nochmal. Aber damit haben wir schon einen essentiellen Teil von Minimalismus: Ich behalte das, was mir etwas bedeutet. Das, wozu ich eine positive oder wichtige Beziehung habe.“

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