Abbie Bernet

Hör endlich auf, immer zu funktionieren! Der ewige Kampf mit den eigenen Grenzen

Kann ich das wirklich machen? In dieser Woche fragt sich Silvia in ihrer Thirtysomething-Kolumne, warum es oft so schwerfällt, die eigenen Grenzen wirklich ernst zu nehmen.

Nicken, lächeln, nicht anecken – und sich dabei selbst verneinen

Neulich saß ich in einer Runde von Freund*innen, wir hatten uns länger nicht gesehen. Mein Körper war so unendlich müde und in meinem Kopf ratterten all die Sorgen, die sich in den letzten Wochen angehäuft hatten. Ich wollte einfach nur weg. Aber ich blieb. Ich blieb, lächelte, nickte, lachte, riss einen Witz. Irgendwie, irgendeinen. Denn ich konnte doch nicht einfach gehen. Ich konnte doch nicht anfangen zu heulen. Das hätte allen den Abend kaputtgemacht. Also blieb ich sitzen, lächelte und nickte, bis wir alle aufbrechen wollten.

Es war eine Situation, die wahrscheinlich viele kennen – und es war kein traumatisches Erlebnis. Zu bleiben war am Ende nicht wirklich schlimm. Und zu weinen oder zu gehen, hätte mir wahrscheinlich auch niemand krumm genommen. Es war alleine ich, die dachte, ich müsste funktionieren. Ich weiß nicht, wie oft ich mir in den letzten Jahrzehnten in den unterschiedlichsten Situationen gedacht habe: „Das musst du jetzt eben aushalten.“ Oder: „Wenn du jetzt nein sagst, wenn du jetzt gehst, wenn du jetzt dagegen hältst, dann wird das eine unangenehme Situation für alle – damit stößt du andere vor den Kopf.“ Es waren jedenfalls unzählige Male.

Unzählige Male, in denen die Welt vielleicht nicht verrutscht ist, aber in denen ich mich eben doch selbst verneinte. Im Kleinen wie im Großen. Ob bei einem Date, bei dem ich länger blieb als ich das wollte, weil ich dachte, alles andere sei unhöflich. Oder in einem Meeting, in dem jemand laut und persönlich wurde, und ich beschloss, trotzdem lieber die Klappe zu halten. Oder bei dieser einen Freundin, die mich ständig als Verwalterin ihrer Probleme eingespannt hat, ohne je nach meinen zu fragen. Und ich traf mich trotzdem weiter mit ihr. Ich blieb in den Situationen. Ich sagte oft ja, wenn ich nein sagen wollte. Immer und immer wieder – auch wenn alles in mir sagte: „Stopp! Hör sofort auf damit!“

Warum fällt das Einhalten der eigenen Grenzen so schwer?

Die Frage ist nur, warum handle ich immer wieder so? Ich bin eine erwachsene Frau, die sich gut kennt und würde mich nicht als schüchternen Menschen beschreiben – und doch fällt es mir immer wieder schwer, meine eigenen Grenzen, ob körperlich oder emotional, einzuhalten. Ganz besonders wenn ich das Gefühl habe: Das könnte für andere schwierig sein, sich blöd anfühlen, komisch rüberkommen. Es ist letztlich der ewige Kampf damit, sich selbst mit aller Konsequenz ernst zu nehmen – und im Zweifel eben erst einmal für sich einzustehen als für andere. Es ist der Kampf damit, anzuerkennen, dass es nicht schlimm ist, wenn es für mich oder für andere mal unangenehm wird. Ganz besonders wenn ich dadurch den Knoten im Magen vermeide, der jedes Mal entsteht, wenn ich gegen mich selbst handele. Aber es geht auch um das Vertrauen, dass es okay ist, einmal nicht den Arsch zusammenzukneifen. Sondern loszulassen, zu gehen, zu bleiben, nein zu sagen, zusammenzubrechen oder überhaupt, sich als verletzlicher Mensch zu zeigen. Als Mensch, der Grenzen hat.

Es scheint eigentlich so selbstverständlich und doch muss man genau das eben wie alles andere im Leben erst lernen. Am besten so früh wie möglich. Am besten, bevor die gesellschaftliche Konditionierung eingesetzt hat, dass es unsere Aufgabe sei, lieb, nett und umgänglich zu sein – no matter what. Denn das ist es nicht. Es ist unser aller Aufgabe, uns in erster Linie darum zu kümmern, dass es uns selbst gut geht. Und das beginnt damit, sich wirklich klarzumachen, dass es nicht unhöflich ist, für sich einzustehen oder zu gehen, wenn man sich unwohl fühlt, sondern (über-)lebenswichtig.

Du kannst gehen, wann immer du willst

Wie man das lernen kann, darüber schrieb neulich Erynn Brook einen langen Thread auf Twitter, der zu recht sehr viel Aufmerksamkeit bekam. Darin erzählt sie von verschiedenen Situationen aus ihrer Kindheit, in denen ihre Mutter ihr breibrachte, dass sie nichts machen und nichts aushalten muss, wenn es ihr dabei nicht gut geht. Eine davon ist folgende: Als etwa Siebenjährige übernachtete Erynn bei einer Freundin und ihre Mutter sagte davor zu ihr: „Wenn du dich an irgendeinem Punkt, egal aus welchem Grund, unwohl fühlst, dann ruf mich an und ich hole dich. Auch mitten in der Nacht. Und auch, wenn alle anderen, wenn die Erwachsenen schon schlafen. Geh und such ein Telefon. Ich hole dich.“ Und genau das tat sie dann. Sie erzählt, wie die Mutter ihrer Freundin noch versuchte, sie zu überreden, doch zu bleiben, weil das doch auch nicht schön für ihre Tochter wäre und es sei doch schon so spät. Als dann ihre Mutter vor der Tür stand, entschuldigte sich die andere Mutter bei ihr für die Umstände. Worauf Erynns Mutter sagte: „Entschuldige dich nicht für meine Tochter. Ich will, dass sie weiß, sie kann immer gehen, wenn sie das möchte.“

Vom radikalen Akt, sich selbst zu vertrauen

Erynn erzählt davon, wie sie noch immer viel über die Entschuldigung der Mutter ihrer Freundin nachdenkt. Weil ihr Verhalten die Norm ist, während das ihrer Mutter radikal war, ja vielleicht sogar auf manche übertrieben wirken mag. Weil uns allen, insbesondere Mädchen und Frauen, in der der Regel ganz selbstverständlich beigebracht wird, bloß keine Umstände zu machen, bloß nicht zu übertreiben, bloß nicht komisch, nicht egoistisch, nicht kleinlich, nicht kindisch zu sein oder albern zu wirken.

Und genau das führt dazu, dass es selbstverständlicher ist, ungesund weiter zu funktionieren statt auf die eigenen Gefühle zu hören, die letztlich unsere Grenzen in jeder Situation spürbar machen. Aber die Geschichte zeigt auch, dass es nicht ausreicht, Kindern einfach nur zu sagen: Du musst nichts, was du nicht willst. Sondern zu zeigen, wie das denn überhaupt funktioniert – und dass das vielleicht Konsequenzen haben kann, etwa, dass jemand vor den Kopf gestoßen wird, das aber kein Weltuntergang ist. Denn nur so lernt man, dass man aufhören muss zu funktionieren – schon bevor man sich selbst verletzt. Und das ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Dinge, die wir uns selbst, unseren Kindern oder unseren Freund*innen beibringen können. Egal, in welchem Alter wir sind.

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