Foto: cerosunos – Flickr – CC BY-SA 2.0

Stell dir vor, deine Vergewaltigung ist ein Klick-Hit im Netz und diejenigen, die dich schützen sollen, glauben dir nicht

Gina-Lisa Lohfink hat eine Vergewaltigung zur Anzeige gebracht, die in den Augen der Justiz keine ist. Selbst das Video überzeugte die Richterin nicht. Und das lehrt uns etwas über das deutsche Rechtssystem: Es schützt uns nicht vor sexualisierter Gewalt und es sollte uns aufregen.

„Ich würde mich jetzt auch nicht mehr trauen [zur Polizei zu gehen.“ Gina-Lisa Lohfink am 2. Juni in einem Interview

Das geht auch dich an

Ich kann diesen Text nicht aus journalistischer Distanz schreiben. Ich habe gerade gesehen, wie eine Frau von zwei Männern vergewaltigt wurde. Aber ich muss diesen Text auch nicht mit Abstand schreiben, denn ich schreibe ihn aus der Distanz, die diese andere Frau und mich verbindet. Als Frauen sind wir an diesem Punkt gleich, denn sexualisierte Gewalt schweißt uns als Frauen unfreiwillig zusammen, jenseits von all den Dingen, die uns trennen und unsere Lebenswelten zu anderen Zeitpunkten so unterschiedlich machen. Wenn uns Gewalt geschieht, sind wir gleich. Als Women of Colour, Migrantinnen, Geflüchtete, Sexarbeiterinnen, als LSBTTIQ, als Frauen mit Behinderungen, denen sexualisierte Gewalt geschieht. Unser Leben verläuft anders danach und es trennt uns von denen, die uns missbrauchen. Es trennt uns von denen, die uns nicht schützen und die leugnen, dass diese Gewalt existiert, die sie klein reden und die sie mit ihren Mitteln – darunter Mitteln des Rechtsstaates – verschleiern und in der Konsequenz aus der Geschichte radieren. Nur in unseren Geschichten verbleibt diese Gewalt, sie begleitet uns von nun an. Sie wiederholt sich.

Ich habe gesehen, wie eine Frau von zwei Männern missbraucht wurde, und obgleich hier der höchst seltene Fall vorliegt, dass die Gewalt mit mehr als der Aussage bewiesen werden kann, glaubt ihr das Gericht nicht. Das Gericht stellt sogar fest: die Frau lüge.

Kein Schutz, nirgends

Stell dir vor, dir wird Gewalt angetan und dein Trauma wird mit einer Kamera dokumentiert und für alle sichtbar ins Netz gestellt. Jeder der will kann sehen, wie du erniedrigt wirst und sich zwei Männer bewusst über deinen Willen hinwegsetzen. Stell dir vor, deine Vergewaltigung ist nun ein Klick-Hit im Netz, und diejenigen, die dich schützen sollen, glauben dir nicht. Sie glauben den Männern, die dich in der Aufzeichnung ihrer Tat als Objekt behandeln und sich anfeuern, als wärest du nicht da, der Lustgewinn an ihrem Handeln entsteht zwischen ihnen – mit Hilfe deines Körpers, der wirkt als habe man dich betäubt, damit du dich nicht wehren kannst.

Du hast „hör auf“ gesagt, immer wieder, aber es reicht nicht, damit sie aufhören, nach geltendem deutschen Recht reicht das nicht, damit gesagt wird, das war nicht richtig. Jeder kann es sehen, aber das reicht nicht.

Es reicht

„Die Männer können mit den Frauen machen was sie wollen, und sind dann noch die Coolen, die Helden.“  – Gina-Lisa Lohfink

Mir reicht es. Mir reicht es, dass wir trotz Argumenten und Protest seit Jahrzehnten ein Gesetz und ein Rechtssystem haben, dass die Schwächeren vor Gewalt nicht schützen kann und diejenigen, die ihre Macht missbrauchen nicht bestraft. Wir wollen zudem etwas ganz anderes, als geschützt zu werden, wir wollen, dass diese Gesellschaft uns Freiheit garantiert. Seit Jahrzehnten belegen das Verhältnis von Anzeigen und Verurteilungen sowie die niemals angezeigten Taten, dass das, was erdacht wurde um Gewalt vorzubeugen und zu ahnden, nicht einmal im Ansatz funktioniert. Jede dritte Frau in Deutschland erfährt im Laufe ihres Lebens mindestens einmal sexualisierte oder körperliche Gewalt.

Frauen, die genau das erfahren haben, sind Teil deiner Familie, sie sind deine Kolleginnen im Büro, du bezahlst bei ihnen an der Kasse, sie behandeln dich als Ärztin und unterrichten deine Kinder, sie moderieren lächelnd eine Fernsehshow, sie stimmen im Bundestag über Gesetze ab und arbeiten in Ministerien, du bist vielleicht eine von diesen viel zu vielen Frauen, die Gewalt erfahren hat oder der es morgen passiert. Und umgekehrt gilt: Männer, die Frauen nicht respektieren, gibt es in deiner Familie, sie sind deine Kollegen oder Freunde, du bezahlst bei ihnen deinen Coffe-to-go, sie beraten dich bei der Steuer, sie stimmen im Bundestag über Gesetze ab, sie arbeiten in Ministerien und moderieren die Nachrichten.

(Aussagekräftige Statistiken zu Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung oder Identität gegenüber LSBTTIQ gibt es für Deutschland aktuell nicht. Allein in Berlin führte das Anti-Gewalt-Projekt Maneo 2015 über 700 Beratungen durch.)

Die stille Toleranz sexualisierter Gewalt

Mir reicht es, dass unsere Gesellschaft mehrheitlich toleriert, dass diese Gewalt alltäglich ist und sie still akzeptiert, dass auf allen Ebenen viel zu wenig getan wird, um sich einem Satz anzunähern, der 1949 ins Grundgesetz geschrieben wurde: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Mir reicht es, dass dieser Satz im Grundgesetz nicht längst der Realität der geschlechtlichen Vielfalt Rechnung trägt.

Mir reicht es, dass von denen, die politische, mediale und gesellschaftliche Macht haben, niemand sagt, dass es so nicht weitergehen kann. Dass wir mehr tun müssen. Jetzt. Dass sie selbstkritisch sagen, dass Gesetze nicht reichen, dass stärkere Polizeipräsenz keine Lösung ist, dass es um mehr geht und dass sie dafür gottverdammt auch einmal ihren Mund aufmachen müssen, statt so zu tun, als wäre alles in allem ja ganz okay. So, wie es ist, ist es nicht akzeptabel.

Ich schaue ungern in die USA, weil das so ausgelutscht und hilflos ist und auch die Gesellschaft dort meilenweit entfernt davon ist, Frauen und LSBTTIQ vor Gewalt zu schützen. Dennoch hat der Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, mehrfach und verglichen mit anderen Politikerinnen und Politikern wirklich bemerkenswerte Dinge gesagt, wie zum Beispiel dieses Zitat:

„I want every young man in America to know that real men don’t hurt women.  And those of us who are fathers have a special obligation to make sure every young man out there understands that being a man means recognizing sexual violence and being outraged by it, and doing their part to stop it.”

So ein Satz von Angela Merkel? Von Joachim Gauck? Von Sigmar Gabriel? Vom Justizminister oder vom Innenminister? Nein. Denn sie haben nicht den Mut, in ähnlichen Worten diese eine entscheidende Geschlechterdifferenz zu benennen: Wer durch wen mehrheitlich Gewalt erfährt und wer die körperliche und soziale Macht gegenüber wem missbraucht.

Nein, dass in Gesetzes- oder Koalitionsverhandlungen oder in Leitartikeln medial alles Mögliche hart verhandelt wird, nützt Frauen und LSBTTIQ nicht, wenn an diesem entscheidenden Punkt nicht gesagt wird, was ist.

Geduld bringt uns nicht weiter

Wer echte Gleichberechtigung und ein Ende der Gewalt will, die Utopie, die sich ganz einfach Freiheit der Frauen nennt, kann den Rechtsstaat vergessen. Selbst mit progressiveren Parteien in der Regierung werden wir auf diesem Weg ein wirklich freiheitliches Leben nicht einmal als 110-jährige Greisin erleben. Nein, wir müssen, wir dürfen nicht mehr geduldig sein. Es reicht.

Wir sind auf Politik nicht angewiesen. Diese Haltung vertreten Feministinnen schon seit jeher, zum Beispiel die Italienierin Annarosa Buttarelli in einer jüngeren Publikation von 2012 („Macht und Politik sind nicht dasselbe“), in der sie schrieb:

„Damit wir uns endgültig verabschieden von der Glaubwürdigkeit, die viele von uns den Institutionen und Apparaten der repräsentativen Demokratie immer noch zusprechen, denn es sind Institutionen und Apparate, ‘die nur für Männer geschrieben wurden’. Wir müssen eine Art und Weise finden, die ‚Demokratie’ mit ‚weiblicher Autorität’ zu verbinden; darin liegen der Geist und das Fundament der zweiten Revolution der Frauen. (…) Wir können heute Souveräninnen werden, weil die Zeiten dafür gut sind, und nicht, weil es unser Recht wäre In der Tat ist weibliche Souveränität, wenn sie ausgeübt wird, schon für sich genommen Unabhängigkeit von der Irrealität, die die im Todeskampf liegenden Institutionen geschaffen haben. Sie gewährleistet die Rückkehr zur Realität und zur Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen.“

Sagt laut, was ist

Ich finde, es ist einmal wieder an der Zeit diese Wahrheit zu sagen. Gesetze werden uns nicht von sexualisierter Gewalt und anderem Unrecht befreien können. Hört auf, Petitionen an den Justizminister Heiko Maas zu richten, er ist kein Verbündeter. Aber es gibt genug andere Menschen, mit denen wir uns verbünden können, um die Freiheit, die wir brauchen, auch zu bekommen. Macht mit. Wir brauchen einander.

Das Verfahren, in dem Gina-Lisa Lohfink der Falschbeschuldigung bezichtigt wird, läuft noch. Nächster Prozesstermin ist am 27. Juni. Sie hat derweil angekündigt, eine Stiftung für die Opfer sexualisierter Gewalt zu gründen.

Bei stern.de gibt es eine ausführliche Recherche zu dem, was Gina-Lisa geschah, die zusätzliche Hintergründe und Fakten liefert.

Titelbild: cerosunos – Flickr – CC BY-SA 2.0

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