Foto: Steve Murigi

„Ich bin eine bärtige Lady!“ – Harnaam lässt sich nicht mehr von anderen vorschreiben, was schön ist

Geschlechter-Stereotype? Nicht mit Harnaam Kaur, denn sie ist eine Frau mit Bart. Den könnte sie zwar rasieren, macht sie aber nicht (mehr). Anstatt ihre Zeit mit rasieren, waxen und epilieren zu verschwenden, ermutigt sie andere, ihre Körper und Vielfalt zu zelebrieren.

„Ich hatte die Schnauze voll, ich wollte glücklich sein“

In den Spiegel hat Harnaam schon immer ganz genau geschaut. Früher, um auch das letzte Haar mit dem Rasierer zu erwischen. Heute, um sich zu vergewissern, dass sie nicht nur träumt, dass sich ihr Leben gewandelt hat. Mit elf Jahren wuchs der Engländerin ein Bart. Das Polyzystisches Ovar-Syndrom bescherte ihr die gleiche Haarpracht wie den pubertierenden Jungs aus ihrer Klasse. Der Unterschied zu ihren Mitschülern: Sie wurde dafür gemobbt. Harnaam schämte und versteckte sich so lange bis sie verstand, dass die Wurzeln ihrer Probleme nicht unter ihrer Haut liegen, sondern in dem beschränkten Denken ihrer Mitmenschen. Mit 16 legte sie den Rasierer beiseite.

Heute ist Harnaam (27) die jüngste Frau mit Vollbart laut dem Guinessbuch der Rekorde. Ihre wahre Spitzenleistung ist jedoch, die Menschen zu stärken, die sich nicht in einer Schublade der Gesellschaft verordnen können – und vor allem genau das nicht wollen. Mit langen Texten auf in ihren Social-Media-Kanälen und normbrechenden Bildern führt sie vor Augen, wie liebenswert und wunderschön Vielfalt ist. Anstatt sich und ihre Körperhaare zu verstecken, feiert sie einfach den Menschen, der sie ist und will, dass andere die Party mitfeiern.

Wir haben die Aktivistin getroffen und mit ihr über den Sinn von Beautyprodukten gesprochen, wie sie mit Gemeinheiten umgeht und warum sie manche Menschen in Flugzeugen nicht verstehen kann.

Jeden Morgen habe ich meinen Bart rasiert, gewachst oder Haare gebleicht, abends bin ich mit Suizidgedanken ins Bett. 

Wie lange hast du heute im Bad gebraucht?

„Ungefähr eine halbe Stunde. Mit meinem Make-up bin ich schnell fertig, dann noch ein bisschen naturbelassenes Öl in meinen Bart – das war’s. Alle Produkte, die in meinem Badschrank sind, stehen dort, weil sie mich glücklich machen. Make-up ist für mich kein Muss, aber ich mag es, mein Aussehen zu betonen. Als Teenager war das anders. Jeden Morgen habe ich meinen Bart rasiert, gewachst oder Haare gebleicht, abends bin ich mit Suizidgedanken ins Bett. Glückliche Blicke in den Spiegel gab es nicht.“

Heute steckst du dir Blumen in den Bart, stehst in verschiedenen Ländern auf der Bühnen und trägst deine Haare stolz zur Schau. Bist du eines Tages einfach selbstbewusst aufgewacht?

„Natürlich ging das bei mir nicht über Nacht. Die Veränderung bei mir hat damit angefangen, dass ich mir selbst gesagt habe: ‚Ich will glücklich sein.‘ Ich hatte die Schnauze voll davon, traurig und müde von mir selbst zu sein. Ich hatte genug von den Meinungen anderer Leute. Ich will glücklich sein – das sind nur vier Worte, aber sie haben eine verdammte Kraft. Mit 16 habe ich über die Sommerferien meinen Bart wachsen lassen. Ich habe mich so befreit gefühlt, denn ich habe mir endlich selbst erlaubt, glücklich zu sein. Ich habe aufgehört mich zu verstecken.“

Du hast also den Rasierer beiseite gelegt. Wie ging es weiter?

„Ich habe mich der Welt geöffnet. Eine Journalistin wurde auf mich aufmerksam und hat meine Geschichte niedergeschrieben. Als die viral ging, war das erst einmal total komisch für mich. Aber ich erinnere mich noch an dieses schöne Gefühl, das bald darauf einsetzte: Ich spürte eine tiefe Verbundenheit zur Menschlichkeit. Ich hatte davor keine Freund*innen und dachte nicht, dass sich irgendjemand für meine Geschichte interessieren würde. Ich hatte nur mich, meine Gesichtshaare und meine Gedanken. Aber als ich mich der Welt geöffnet habe, hat sie sich mir zurück geöffnet.  Auf einmal war ich mit ganz vielen Menschen verbunden, die die gleichen Probleme hatten wie ich: Mobbing, Bodyshaming, Ausgrenzung. Aber ich habe kapiert: Je mehr man über ein Thema spricht, desto mehr hilft es den Leuten – mir sowohl als auch anderen.“

Ich habe verstanden, dass mein Leben nicht ganz normal ist und, dass ich anderen helfen kann wenn ich es öffentlich mache.

Was für Reaktionen hast du bekommen?

„Alles Mögliche. Die Mehrheit war erst einmal negativ. Doch ich habe auch so viele Nachrichten von Menschen aus der ganzen Welt erhalten, die sich bei mir bedankt haben. Eine Nachricht ist noch immer in meinem Kopf (sagt sie und tippt sich an ihren Turban). Ein Mädchen hat mir geschrieben, dass ihr meine Geschichte so viel Selbstbewusstsein gegeben hat, dass sie nicht mehr an Suizid denkt. Nachrichten wie diese bestärken mich ungemein. Es ist großartig, jemandem emotional helfen zu können, obwohl er tausende Kilometer weg ist.

Ich kann jetzt nicht mehr aufhören, egal wie viel Gegenwind ich bekomme und wie schwierig es auch manchmal für mich ist in meinem täglichen Leben als bärtige Lady.

Manche Nachrichten brechen mir das Herz, weil ich weiß, wie es ist, depressiv im Bett zu liegen. Manchmal würde ich die Leute so gerne vom Boden aufheben, aber leider kann ich nicht mehr machen als für andere da zu sein und sie mit meinen Erfahrungen zu unterstützen. Denn wahre Selbstliebe kann nur von einem selbst kommen. Du musst selbst aufstehen und die Veränderung angehen.“

Wir quälen uns in Sportkursen, die uns keinen Spaß machen, erschrecken vor unserem Doppelkinn, wenn wir die Frontkamera öffnen und gehen nicht an den Strand, wenn die Intimbehaarung aus der Bikinihose rausragt. Wie schafft man es, seinen Körper so anzunehmen, wie er ist?

„Sei nett zu dir selbst! Als ich gemobbt wurde, hatte ich den ganzen Tag nur die Schimpfwörter und Beleidigungen im Kopf. Aber als ich angefangen habe, mir selbst schöne Namen zu geben, wurde das präsent. ‚Du bist hübsch, du kannst dich gut artikulieren, du bist stark‘, das habe ich mir selbst gesagt. Mein Gehirn hat das aufgenommen und mein Herz hat es geglaubt. Die Art, wie wir mit uns selbst sprechen, ist sehr wichtig. Deine Gedanken sind sehr kraftvoll, also ziehe dich nicht selbst runter. Mit einer guten Freundin redest du doch auch nicht schlecht. Warum solltest du es dann mit dir selbst machen?“

Selbstbewusstsein kommt nicht über Nacht. Man muss das Gehirn neu trainieren.

Was bedeutet Schönheit für dich?

„Das fragen mich die Leute oft. Es ist für mich weder das eine noch das andere, weil in allem irgendwie etwas Bewundernswertes steckt. Neulich habe ich einen toten Vogel auf der Straße gesehen. Selbst seine zerquetschten Flüge schillerten noch in wundervollen Farben. Schönheit muss nicht nur äußerlich und körperlich sein. Einfühlvermögen, Intelligenz und eine sorgfältige Ausdrucksweise beeindrucken mich – oder die Art wie jemand geht. Große Brüste und dicke Hintern sind doch nicht das Einzige, was schön sein kann . Es kann auch einfach nur ein liebes Lächeln sein. Vor allem aber finde ich Vielfalt schön und, dass kein Körper gleich ist wie der andere. Deine unterschiedliche Körperform ist deine Geschichte, das bist du.

Stell dir vor, du fliegst mit dem Flugzeug und du siehst die Landschaften unter dir. Alle Leute machen immer Fotos davon und schicken sie ihren Freunden*innen. Aber warum? Weil sie denken, dass die Krater, Furchen, Berge und Hügel wunderschön sind. Sobald so etwas aber auf unseren Körpern ist, wie zum Beispiel Narben, Dehnungsstreifen oder eine Pigmentveränderungen, schämen wir uns auf einmal dafür, anstatt ein Foto zu machen und es stolz zu teilen. Das verstehe ich nicht. Letztendlich ist es doch alles Natur und das ist für mich Schönheit. Ich habe zum Beispiel viele Dehnungsstreifen – wie Wasserfurchen auf einem Inselfels.“

Selbst wenn du dich selbst schön findest, gibt es immer noch Menschen, die meinen, dir das Gegenteil an den Kopf werfen zu müssen. Wie gehst du mit Gemeinheiten um?

„Ich bin ein netter Mensch, aber wie alle habe ich mein Limit. Manchmal erreicht es einen Punkt, da kann ich es auch nicht mehr aushalten. Es gibt viele Leute, die starren extrem, stoßen ihrer Wegbegleitung mit dem Ellenbogen in die Seite und fangen an zu lachen. Ich schlucke das nicht einfach runter. Würde ich die Konfrontation meiden, würde ich mir selbst nicht gerecht werden. Also frage ich, warum sie gerade so reagieren. Dann sind sie meisten ganz schnell ruhig. Eskaliert ist es noch nie, aber Leute können wirklich sehr gemein sein. 

Jede Veränderung wurde zu einem bestimmten Zeitpunkt am Anfang belächelt.

Fiese Leute sind meistens so unsicher mit sich selbst, dass sie zu lachen anfangen, wenn sie jemanden sehen, der auch unsicher ist oder anders aussieht. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen eine Bühne bekommen, die anders sind. Die Gesellschaft stempelt uns Label auf: Wenn du ein Mann bist, musst du stark und maskulin sein, wenn du eine Frau bist, musst du emotional sein und unschuldig. Ich passe nicht in diese Norm und das liebe ich. Es gibt so viele Boxen, in die die Gesellschaft uns zu stecken versucht. Da wird über alles gelacht, was außerhalb des Stereotyps ist. Das ist auch der Grund, warum ich mich selbst bärtige Lady nenne, denn die Wörter passen eigentlich nicht zusammen. Die Leute verwirrt das und das finde ich großartig. Denn das bedeutet, dass sie nachdenken. Es entsteht ein Raum für Gespräche und nur dadurch lernen wir dazu. Bart und Lady –  die Wortkombination verwirrt zwar zuerst, aber wer Fragen hat, kann mich gerne fragen. Ich bin eine offene und freundliche Person. Nur weil ich einen Bart habe, braucht ihr keine Angst vor mir zu haben.“

Ihren Kindern will Harnaam vor allem Einfühlungsvermögen beibringen und dass die Welt ein ziemlich cooler Ort sein kann.

Was mache ich, wenn es mal nicht so mit der Selbstliebe klappt?

„Wir alle haben diese Tage. Aber das Beste was wir machen können, ist zu akzeptieren, dass es sie gibt. Ich habe diese Tage ja auch. Dann bin ich eben nicht selbstbewusst, fühle mich nicht gut und habe keine Lust auf andere Leute. Sich diese Gefühle einzugestehen, macht einen schlagartig selbstbewusster. Es ist okay, nicht okay zu sein, aber da rauszukommen, sollte immer die Motivation sein. Deine Gedanken sind sehr kraftvoll. Die Wörter, die du über dich selbst benutzt, sind sehr kraftvoll. 

Ich erinnere mich immer wieder selbst daran, nicht zu hart zu mir zu sein. Ich bin vielleicht ein bisschen extraordinär und fremd in der Welt, aber ich bin immer noch ein Mensch – mit Emotionen und einem menschlichen Körper. Deswegen zwinge ich mich nicht auf Krampf zur Selbstliebe. Das lädt nur unnötig mentalen Druck auf.“

Den Apfelstrudel ohne Eiskugel bestellen, weil man nicht zunehmen möchte, ungeschminkt nicht mit zur Party wollen oder die Bitte das „fürchterliche“ Foto sofort zu löschen – viele von uns haben Freund*innen, die mit sich selbst hadern. Wie können wir uns gegenseitig unterstützen?

„Erst einmal mit einer dicken Umarmung. Du kannst deine Freund*innen stärken, indem du ihnen positive Dinge vor Augen führst. Lass es nicht zu, dass sie sich in den negativen Gedanken ausbreiten. Ansonsten kommt man ganz schnell in einen Teufelskreis voller schlechter Energie, die einen runterzieht und aus dem man nicht mehr rauskommt. Ermutige deine Liebsten zu einer Self-Care-Routine. Auch ich nehme mir einmal in der Woche dafür Zeit, da mache ich keine Kompromisse.“

Wie sieht deine Self-Care-Routine aus?

„Manchmal sind es nur kleine Dinge, wie meine Nägel zu machen oder einen Film zu schauen. Ich liebe Musik und singen. Das kann ich zwar nicht, aber egal. Außerdem koche ich gerne und gehe in der Natur spazieren. Das sind die Dinge, die mich glücklich machen – und natürlich meine Familie, vor allem meinen kleiner Bruder. Auch wenn ich mir jetzt gerade während wir hier reden, Sorgen machen muss, dass er schon wieder an meinem Badschrank ist und mein Bartöl heimlich benutzt (lacht).“

Danke, dass du dir trotzdem Zeit genommen hast.

In diesem TED-Talk spricht Harnaam über Selbstbewusstsein.

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