Foto: Cengiz Karahan

Idil Baydar: „Rassismus ist keine Meinungsfreiheit, weil Rassismus keine Meinung ist“

Idil Baydar ist Komikerin, Schauspielerin und Social Influencer. Ihre sozialkritischen Videos werden tausendfach auf Youtube geklickt. Wir haben uns mit ihr unterhalten.

„Ghettolektuell“

Idil Baydar ist aus der deutschen Comedy-Landschaft nicht wegzudenken. Mit ihren Kunstfiguren Jilet Ayşe und Gerda Grischke produziert sie seit Jahren erfolgreiche Youtube- Videos. In diesen setzt sich die Komikerin und Schauspielerin auf humorvolle Art und Weise mit den Missständen unserer Gesellschaft auseinander. Damit mach Idil Baydar komplexe, gesellschaftskritische Themen einem größeren Publikum zugänglich. Außerdem tourt sie seit 2016 mit ihrem Comedy-Programm „Ghettolektuell“ durch Deutschland.

Am 17. Mai wurde Idil Baydar, zusammen mit anderen inspirierenden Frauen, in Berlin für ihr Engagement mit dem 25 Frauen Award von EDITION F ausgezeichnet. Sie ist eine der Frauen, die mit ihrer Stimme unsere Gesellschaft bewegen.

Im Gespräch erzählt die Kabarettistin, warum sie nicht viel vom Begriff ‚Integration“ hält, wieso People of Color sich nicht auf staatliche Institutionen verlassen können und wie sie die Zukunft dieses Landes sieht.

Was erwartet die Leute, wenn sie zu deiner Show „Ghettolektuell“ kommen?

„‚Ghettolektuell‘ ist eine Mischung zwischen Straße und Intellektualität. Ich spreche dort Rassismus auf meine Art und Weise an. Themen wie: Was ist Deutsch? Reflektieren sich Deutsche? Und wie reflektieren sich Deutsche? Was für Fragen stellen sie? Aussagen wie: ‚Die lernen unsere Sprache nicht’, haben die irgendetwas mit der Wahrheit zu tun?“

Mit deinen Kunstfiguren Jilet Ayşe und Gerda Grischke spielst du mit deutsch-türkischen Klischees. In einem Interview mit dem SWR hast du gesagt, es ginge bei deiner Arbeit auch darum, Klischees zu überwinden. Inwiefern helfen die Figuren dabei?

„Sie öffnen einen neuen Raum, um Dinge zu besprechen durch eine andere Form von Energie. Eine leichtere Energie: lustig, aber nicht ohne Substanz. ‚Überwinden‘ ist vielleicht nicht unbedingt das richtige Wort, die Worte ‚einbeziehen‘ und ‚integrieren‘ passen besser. Den Dingen ihren richtigen Platz zu geben. Das Klischee ist quasi nur die Haustür. Das heißt nicht, dass man weiß, wie die Wohnung aussieht.”

Die Frage, wo die Grenzen von Satire liegen, kommt immer wieder auf. Wie weit darf Satire deiner Meinung nach gehen?

„Es ist ganz schwierig zu sagen, was darf und was nicht. Erst mal darf eigentlich alles. Es muss dann aber geschaut werden, wie das im gesellschaftlichen Kontext behandelt wird. Ich kann die Frage nicht für alle Menschen beantworten. Ich kann nur sagen, inwiefern es für mich wichtig ist, über die Kunstfreiheit Räume zu schaffen, in denen man Dinge verhandeln kann, für die wir sonst keinen Raum haben. Das bietet für mich gerade die Satire. Satire ist auch ein Teil der Kunst. Es ist halt nur eine andere Kunstform. Aber was hier darf, finde ich eine sehr schwierige Frage. Auch weil ich gegen generelle Verbote bin. Das ist der falsche Ansatz.“

Bekommst du auch Kritik von Menschen, die sich darüber beschweren, dass du mit deiner Figur Jilet Ayşe Stereotype verstärkst, die weiße Menschen sowieso schon verinnerliche haben?

„Klar gibt es diese Leute auch. Ich verstehe nicht, warum das so betrachtet wird. Welche Absicht wird mit dem Gedanken verfolgt? Wenn ich das nicht spiele, gibt es diese Stereotype plötzlich nicht mehr? Wer produziert die denn wirklich? Bin ich das, weil ich sie in der Kunst zeige? Diese Menschen beschweren sich nicht bei einer Maischberger-Sendung übers Framing von Migrant*innen, sondern kommen mit ihrer Kritik zu mir. Dabei bin ich es nicht, die diese Geschichten überhaupt erst in die Welt gesetzt hat.”

Du hast einmal gesagt, dass Deutschland Definitionsweltmeister sei, aber wir immer noch kein Integrationsende definiert haben. Kannst du das näher erläutern?

„Es gibt bei der Integration keinen Punkt, an dem gesagt werden kann: ‚Ja, das ist eine integrierte Person.“ Das wundert mich. Warum werden kein Anfang und Ende definiert, wenn Integration doch ein Prozess ist? Warum gibt es keine Bestätigung, dass der Integrationsprozess bei einem Individuum abgeschlossen ist? Warum sprechen wir darüber, wer integriert ist und wer nicht, wenn es kein Ende gibt? Das müsste es rein logisch geben.

Wenn Räume nicht definiert sind, vermute ich eine Absicht dahinter. Solange das Ende der Integration nicht definiert ist, kann auch nicht nach Merkmalen Ausschau gehalten werden, die das Ende des Prozesses signalisieren könnten. Wenn kein Mensch je als integriert gelten kann, warum versuchen wir dann überhaupt, irgendetwas zu integrieren? Wenn man integrieren möchte, dann macht man es oder lässt es und diskutiert nicht darüber, wer integrationswürdig oder – unwürdig ist. Entweder ich bekenne mich zu einer multikulturellen Gesellschaft, in der die verschiedensten Menschen leben, oder nicht.“

Es ist einfacher, eine Gruppe an den Rand der Gesellschaft zu drängen, wenn es heißt, sie würde sich weigern, sich zu integrieren…

„Wir haben in Deutschland ein rassistisches System. Es ist wichtig, dass die Menschen verstehen, dass es ein System ist, keine Meinung. Es werden Rassist*innen vor Gericht freigesprochen, die sich rassistisch äußern und dazu stehen, unter Berufung auf die Meinungsfreiheit. Rassismus ist keine Meinungsfreiheit, weil Rassismus keine Meinung ist. Rassismus ist ein System. Die Frage ist, möchte die Gesellschaft dieses System weiterführen oder möchte sie sich in etwas anderes transformieren? Dass wir in so einem System leben – dafür muss ein Bewusstsein entstehen. Das ist für die Mehrheit der weißen Menschen nicht greifbar.“

Dieser Begriff vom strukturellen Rassismus wird sehr oft abgelehnt in linken, liberalen sowie in konservativen Kreisen…

„Klar, weil sie dadurch ihre Macht und Vorteile erhalten und reproduzieren. Wenn sie das annehmen würden, dann müssten sie etwas ändern. Was immer wieder auffällt, ist, dass Weiße sich ihrer Rolle gar nicht bewusst sind. Sie leugnen das, weil es sie in die Täter*innenrolle versetzt. Sie wissen das, instinktiv, aber sie lassen es nicht in ihr Bewusstsein. Oder sie versuchen, sich herauszuwinden, indem sie ihr gut-menschliches Dasein übers Linkssein definieren. Dahinter steckt aber die Leugnung ihrer eigenen Rolle. Sie kommen damit nur klar, indem sie sie mit Schuldgefühlen abwehren. Das ist das erste Mittel, um zu sagen, ich werde meine Privilegien nicht aufgeben.“

Inwiefern mit Schuldgefühlen?

„Durch die angebliche Gedenkkultur, bei der ich immer lachen muss. Gedenkkultur hat dahin geführt, für Jüd*innen Stolpersteine aufzustellen und zeitgleich gegen Muslim*innen zu hetzen. Wem oder was wurde da gedacht? Es wurde der Schuld gedacht. Dabei ging es nicht darum zu untersuchen, was passiert ist. Es wurde gesagt: ‚Wir sind schuldig’. Und wenn ich schuldig bin, muss ich mich auch nicht wirklich verändern. Ich bin ja schon schuldig und fühle mich schlecht. Das macht übrigens jeder Mensch im Großen, wie im Kleinen. Schuldgefühle sind Platzhalter. Es sind Alibigefühle. Sie verhindern echte Gefühle.“

Dir sind Anfang des Jahres Morddrohungen aufs Handy geschickt worden. Im Anschluss hast du kritisiert, dass die Polizei bei der Aufklärung nicht sehr hilfreich war. Die Polizei steht nicht erst seit gestern unter Verdacht, dass dort rechte Netzwerke agieren. Inwiefern kann man sich als Person of Color überhaupt noch auf die Institution verlassen?

„Kannst du nicht und ich würde das auch keiner Person of Color raten. Die Polizei hat massive Probleme mit Rassismus. Das ist logisch, weil in hierarchischen Strukturen Rassismus quasi der Sauerstoff zum Atmen ist. Die Struktur von Ungleichheit, von oben nach unten ist in der Polizei schon angelegt. Genauso wie die Dynamik Macht und Ohnmacht. Worum geht es am Ende des Tages beim Rassismus: um nichts anderes als Macht. Wer hat die Macht, an Ressourcen zu kommen? Wer hat die Macht, sein Recht durchzusetzen? Und wer hat diese Macht nicht? Hinzu kommt, dass die Polizei kaputt gespart wurde. Es sind nicht mehr dieselben Ressourcen vorhanden wie noch vor 30 Jahren. Machtstrukturen haben sich dort in eine Richtung selbstständig gemacht. Mit einer guten Finanzierung und einer guten Schulung hätte das noch anders gestaltet werden können.“

Es scheint ja nicht nur die Polizei betroffen zu sein, sondern auch die Bundeswehr und der Verfassungsschutz…

„Alle exekutiven Organe sind betroffen, weil die am meisten mit Macht, Ohnmacht und Recht zu tun haben. Die Exekutive ist dazu da, um Macht in der Gesellschaft zu strukturieren. Wer ist oben und wer ist unten? Wer hat recht und wer nicht? Wir sehen es in unserer Gesellschaft: Wer nicht der Norm entspricht, also nicht weiß ist, dem werden Rechte erst mal nur mit Vorbehalt eingeräumt.“

Du bist schon länger im Kulturbetrieb unterwegs. Gibt es für Women of Color andere Hürden, die es zu überwinden gilt?

„Das ist schwierig zu sagen, weil das, was ich mache, sehr einzigartig ist. Es gibt nicht wirklich etwas Vergleichbares. Ich sehe aber, dass im Kulturbetrieb nicht annähernd durchgesetzt wurde, was sich als Maßstab gesetzt wurde: kulturell offen zu sein. Es wird immer wieder das Gleiche produziert. Es werden die Geschichten einer bestimmten Gruppe wiederholt. Dabei geht immer noch um Privilegien und um Macht. Es geht immer noch darum zu sagen: ‚Das ist meine Kultur und meine Kultur hat das ‚Vorrecht‘. Dieses Multikulti-Ding ist eine gute Werbung gewesen, um aus der Faschismuszone raus zu kommen. Es wurde aber nicht ernst genommen oder auch nur ansatzweise durchdacht, wie man das so umsetzt, dass es lebbar ist.“

Multikulti ist wahrscheinlich ein ähnliches Buzzword, wie jetzt die Diversität…

„Wir rennen natürlich auch schon mit in die falsche Richtung. Wir sind die ganze Zeit damit beschäftigt, von einer Antirassismus-Demo zur nächsten zu rennen, anstatt uns darauf zu besinnen, was wir eigentlich alle gemeinsam haben. Dann würde diese ganze kleinteilige Anti-Scheiße wegfallen. Gemeinsamkeit steht dem rassistischen Gedanken und der Denkweise entgegen. Solange wir alle in Abteilungen und in einzelne Communitys aufteilen, bleiben wir in den rassistischen Diskursen gefangen.“

Beziehst du das auf People of Color oder meinst du, dass wir uns im gesamtgesellschaftlichen Kontext weniger über Unterschiede definieren sollen?

„Wenn ich Gemeinsamkeiten definiere, heißt das nicht, dass ich aufhöre zu schauen, was unterschiedlich ist. Eine Gemeinsamkeit wäre zum Beispiel, dass wir alle Menschen sind. Wir brauchen alle Essen und Trinken und Unterkunft und medizinische Versorgung. Solange wir versuchen, den Unterschied in Einzelteilen zu denken, befinden wir uns in der rassistischen Denkweise. Das Kennzeichen von Rassismus ist Trennung. Unterschiede sind durchaus nicht unwichtig, aber nicht auf allen Ebenen. Wir brauchen erst einmal eine Grundlage von Gemeinsamkeit. Wieso kann ich den Koran, die Bibel und die Thora lesen und finde immer einen Zusammenhang zu allem? Weil ich mich auf die Gemeinsamkeiten konzentriere.“

Mit was für einem Gefühl schaust du in die Zukunft, wenn du den Rassismus und die Andersmachung, denen Minderheiten hier in Deutschland ausgesetzt sind, siehst?

„Wir haben eine Gruppierung, die sich weltweit in die Machtposition gesetzt hat und das auch konnte. Diese weiße Bevölkerung hat eine Todespanik davor, weniger zu werden. Sie haben Angst, dass man mit ihnen macht, was sie jahrhundertelang mit anderen gemacht haben. Das ist eine derart gefährliche Dynamik. Ich befürchte, das wird schlimmer, als wir es uns vorstellen können, sollte diese Gruppierung durchdrehen.“

Du blickst pessimistisch in die Zukunft?

„Das wäre die eine Möglichkeit. Ich sage nicht, dass es die einzige ist. Für alle anderen Möglichkeiten sehe ich noch keine Anhaltspunkte. De facto ist es die weiße Gruppierung, die im Großen und Ganzen am Schalter der Macht sitzt. Das bist nicht du, das bin nicht ich. Das sind Menschen, die weiß sind, und das ist global der Fall. Ich bin ganz bestimmt nicht pessimistisch. Ich schaue mir nur ganz genau an, was gerade passiert.“

Also realistisch?

„Danke. Mit Pessimismus hat das nichts zu tun. Das ist eine ganz klare Kalkulation unserer aktuellen Realität. Obwohl ich auch jemand bin, die auch in jedem Realismus erst mal die Hoffnung behält. Wenn das aber in dieser Art und Weise weitergeht, kann ich People of Color nur raten, sich einen Plan B zuzulegen. Und sehr wachsam zu bleiben.“

Was muss geschehen, um diese Entwicklung zu stoppen?

„Auf struktureller Ebene müssen Anti-Rassismus-Gesetze erlassen werden. Dazu muss es aber erst mal eine Definitionsgrundlage geben. Das Bewusstsein dafür sehe ich noch nicht bei der weißen Bevölkerung.“

Wohin führt diese Struktur?

„Die Struktur folgt einer bestimmten Gesetzmäßigkeit, die immer gleich endet. Wir brauchen uns keine Illusionen zu machen, dass aus Zauberhand etwas anderes passiert. Wir haben den Fahrplan. Wir wissen ganz genau, was als Nächstes kommt. Faschismus ist eine Dynamik, die militärisch denkt. Es ist immer die gleiche Scheiße. Wir können jetzt zugucken, wie sich das Ganze wiederholt. Nicht, weil die Menschen böser oder klüger geworden sind, sondern, weil die Strukturen immer noch dieselben sind. Deshalb heißt es wachsam bleiben. Es gab in der Geschichte immer den Punkt, an dem man wusste, dass man gehen sollte. Darauf hören. Nicht so tun, als ob das nicht wieder passieren kann. Die Dynamiken und Strukturen lügen nicht.“

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