Foto: Timothy Dykes I Unsplash

Wer würde seine Seele für eine immer blitzblanke Küche verkaufen?

Unsere Kolumnistin schreibt heute über den Wunsch nach der stets aufgeräumten Küche – doch will man sie um jeden Preis?

Ein Traum aus Chrom und Stahl

Ich habe eine Freundin. Sie heißt Eva. Eva ist verheiratet und hat drei Kinder. Außerdem geht sie jeden Tag arbeiten. Vor allem aber hat Eva eine Küche. Chrom und Stahl. Eine schickes Spülbecken, eine Induktions-Herdplatte, ein makelloser dunkler Steinplattenboden und an der Wand ein Regal aus poliertem Edelstahl, auf dem in regelmäßigem Abstand drei Zitronen liegen. Einmal, im letzten Herbst, habe ich dort drei kleine Hokkaido-Kürbisse gesehen. Ansonsten ist die Küche leer. Keine Spur von Essen, Gewürzen, geschweige denn Kochutensilien. Der Stahl ist immer poliert. Der Boden perfekt gefegt.

Evas Küche, da kann kein Zweifel bestehen, ist das Werk einer Frau, die ihr Leben im Griff hat. Was in mir eine grenzenlose Bewunderung hervorruft. Gleichzeitig aber auch die Frage, wie zum Teufel eine berufstätige Frau mit drei Kindern so eine Küche haben kann? Hat sie heimlich ihren Job geschmissen? Ihre Kinder verkauft? Einen Pakt mit Mephisto geschlossen? Evas Küche macht mich fertig. Heute Mittag bin ich bei ihr zum Lunch eingeladen. Ist es, um mich zu demütigen, dass sie das Essen in die Küche verlegt hat? Da sitzen wir nun. Zu zweit an einem kleinen Tischchen. Eva und ich. Das Essen (Zitronennudeln mit Garnelen und Koriander) hat sie auf den Tisch platziert.

Ich suche die Küche nach Spuren ab, die bezeugen, dass hier gekocht wurde. Vielleicht ein paar Zitronenspritzer. Oder Ölspuren. Oder wenigstens ein Tropfen Kochwasser. Aber… da ist nichts. Nichts. Wie immer. Die Küche ist sauber und perfekt. Das kann doch nicht mit rechten Dinge zugehen!

Als Eva kurz raus geht, um eine Flasche Wasser zu holen, schüttle ich den Kopf. „Was ist hier nur los?“ sage ich laut.

Plötzlich ertönt Donner. Rauch kommt aus dem Ofen. Ein elegant gekleideter Herr im roten Cape erscheint.

MEPHISTO: Du hast mich gerufen?

ICH: Ich? Wer sind Sie überhaupt?

MEPHISTO: Na wer schon? Ich bin der Geist, der stets verneint. Und das zu recht….

ICH: …denn alles, was entsteht, ist wert dass es zugrunde geht! Mephisto!

MEPHISTO (verbeugt sich): Stets zu Diensten!

ICH: Bitte sag es mir ganz ehrlich: Hast du einen Deal mit Eva?

MEPHISTO: Bitte hab’ Verständnis, dass ich auf diese Frage nicht antworten kann. In meinem Beruf muss man diskret sein. Aber sagen wir es mal so: Auch sie war sehr verzweifelt.

ICH: Ach, würdest du das vielleicht noch mal wiederholen?

MEPHISTO: Gerne: Auch sie war sehr verzweifelt…

ICH (aufatmend): Du meinst: Eva hat ihr Leben auch nicht besser im Griff als ich?

MEPHISTO: Wie sollte sie? Sie ist eine berufstätige Mutter!

ICH: Ach, das ist so schön zu hören. Weißt du, was mein Mann zu meiner Küche sagt? Er sagt, die Küche sei eine einzige Kampfzone.

MEPHISTO: Das ist aber nicht sehr nett.

ICH: Und dass ich ein „Messie“  sei.

MEPHISTO (entrüstet) Ist nicht wahr!

ICH: Aber ja doch!

MEPHISTO: Ihr Mütter habt es einfach zu schwer!

ICH (seufzend): Du bist so verständnisvoll….

MEPHISTO: Nun, das gehört nun mal zu meinem Beruf…

ICH: Ach, Mephisto!

MEPHISTO: (mich auf den Kopf tätschelnd) Sag mir: Wie kann ich dir helfen?

ICH: Ich möchte so gerne eine aufgeräumte Küche haben!

MEPHISTO: Verstehe ich!

ICH: Das würde mir das Gefühl geben, alles im Griff zu haben.

MEPHISTO: Aber ja doch!

ICH: Nun sag: Was ist dein Preis? Für eine immer aufgeräumte Küche. Eine, die so aussieht wie Evas?

MEPHISTO: Ach, nichts besonderes…nur das Übliche, deine Seele.

ICH (erschrocken): Ja…. äh… hat Eva auch den gleichen Preis gezahlt?

MEPHISTO (entrüstet): Natürlich! Bei mir gelten Standardpreise!

ICH: Was passiert wenn der Teufel, also du… eine Seele besitzt?

MEPHISTO: Na ja, zu Beginn wirst du vielleicht eine gewisse innere Kälte spüren, mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran…

ICH: Eine gewisse Kälte…?

MEPHISTO: Nun, wer selbst keine Fehler mehr hat, hat auch kein Verständnis für die Fehler der anderen.

ICH: Das ist ja schrecklich!

MEPHISTO: Na ja, so schrecklich nun auch wieder nicht… man kann sehr gut damit leben! Und dabei durchaus Installationen mit einem gewissen ästhetischen Wert schaffen. Denk an die drei Zitronen. (zeigt auf die Zitronen) Na wie siehts aus? Haben wir einen Deal? (Mephisto streckt seine Hand aus)

ICH (langsam den Kopf schüttelnd): Nein.

MEPHISTO: Bist du sicher?

Ich nicke.

MEPHISTO (achselzuckend): Wie du willst…dann werde ich dich nicht länger belästigen. Adios!

Mephisto macht die Ofentür und verschwindet im Ofen. Ein lautes Donnergrollen, dann wird es still.

Als Eva mit einer Flasche Wasser zurückkommt, kann ich nicht umhin, absichtlich ein paar Brotkrümel auf dem Boden zu verstreuen. Nur mal so. Um zu sehen, ob sie da auch bleiben. Und in der Tat nach kurzer Zeit lösen sie sich wie von Geisterhand auf.

Als ich nach Hause komme, nach Hause in meine Küche, in der Klebestifte, Rezepte, Vitamin-C-Tabletten und Cashewkerne und Merkzettel verstreut auf dem Küchentisch liegen, lächle ich.

Alles ist gut.

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