Foto: Maria Hollweck

Maria Hollweck: „Im wahren Leben lernt man mehr als im Studium“

Maria programmiert, seit sie 13 Jahre alt ist. Mit ihrer Initiative will sie mehr Mädchen für ihre Leidenschaft begeistern.

 

Frauen und Informatik? Es gibt viel zu tun

Maria Hollweck studiert noch und hat es sich schon zur Aufgabe gemacht, den Nachwuchs stark zu machen. Mit ihrer Initiative „Girls Can Do IT“ will sie jungen Mädchen zeigen, welche Vielfalt die IT-Branche für sie bietet und warum die Arbeit als Programmiererin sowohl kreativ als auch sinnvoll ist. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie das abläuft, was Schulen ändern müssten, um Mädchen früher zu begeistern, und wohin sich die Branche in Zukunft entwickeln wird.

Du hast die Initiative „Girls Can Do IT“ gestartet. Um was geht’s da genau?

„Mit ,Girls Can Do IT“ versuche ich durch kostenlose Workshops zu Programmiergrundlagen und allgemeinen Informationen über IT-Berufe das Interesse für die IT bei jungen Frauen zu wecken. Außerdem spreche ich viel über das Thema bei verschiedenen Konferenzen innerhalb und außerhalb von Deutschland, wie etwa die ,Informatica Feminale‘ in Freiburg 2014 oder ,Women Techmakers 2015 by Google NYC‘.“

Warum begeistern sich deiner Ansicht nach noch immer so wenig Mädchen und Frauen für das IT- und Techfeld?

„Die Begeisterung bei Mädchen und Frauen für die IT hält sich sehr in Grenzen aktuell. Was ich besonders schlimm finde, ist, dass es sich in den letzten Jahren sogar stetig nach unten entwickelt hat. In den 80ern gab es noch etwa 40 Prozent Frauen in der IT! Jedoch wurden viele der frühen Technikprodukte ausschließlich für Männer designt, weil man davon ausging, dass nur Männer Interesse an diesen Produkten hätten. Somit gab es weniger Frauen, die auch motiviert waren, solche Produkte auszuprobieren und somit auch weniger Frauen, die sich allgemein mit dem Thema identifiziert sehen. Momentan gibt es zum Glück viele Programme oder Produkte, die Technik mit Spielzeug für beide Geschlechter verbinden und somit auch Mädchen die Informatik spielerisch beibringen möchten.“

„Girls Can Do IT“ vermittelt auch Workshops an Schülerinnen. Was wird da geboten und wer führt sie durch?

„Die Workshops beinhalten zum Einen einen Einblick in die IT-Branche, also welche Firmen machen was oder welche Berufszweige gibt es. Mein Ziel hierbei ist es, den Mädchen zu vermitteln, dass es nicht nur den typischen Programmierer gibt, sondern auch IT-Berater, IT-Administratoren, IT-Projektleiter oder Product Designer. Viele junge Frauen denken bei einem Programmierer an jemanden, der den ganzen Tag in einem schwarzen Keller sitzt. Da ich seit ich 13 bin programmiere, möchte ich den Mädchen zeigen, dass es auch anders geht.“

Hast du eine Idee, was sich an Schulen ändern müsste, um Mädchen schon früh für das Thema zu begeistern?

„Idealerweise müsste es ein Schulfach wie ‚Software Engineering’ geben, welches wie Biologie oder Erdkunde angeboten wird. Ich finde, dass Informatik, genau wie alle anderen Fächer, heutzutage zur Grundausbildung gehört und auch an jeder Schulart gelehrt werden sollte – wenn auch nur für zwei Schuljahre. Der große Vorteil hier wäre, dass alle Schüler die Chance bekommen, einen kleinen Einblick in das Programmieren zu bekommen. Viele Schülerinnen programmieren zum ersten Mal und erkennen ,oh das ist ja eigentlich ganz cool!‘, weil sie plötzlich aus einer leeren Datei eine Software erstellen können. Dadurch werden auch die ersten Vorurteile genommen, weil eben jeder Schüler durch muss. Das Schwierigste beim Start in die Informatik ist der Punkt: ‚Wie fange ich am besten an?’ und mit einer Grundausbildung während der Schulzeit, am besten in der 5. oder 6. Klasse, wäre damit ein besonders gutes Fundament gesetzt.“

Wie bist du eigentlich zu deinem Informatikstudium gekommen, beziehungsweise wie wurde dein Interesse für den Bereich geweckt?

„Ich habe schon relativ früh ein Interesse für Computer gehabt und habe mit 13 ein Buch aus unserer Stadtbücherei zum Thema Websitenentwicklung ausgeliehen und damit meine erste Webseite erstellt. Meine Eltern haben zum Glück erkannt, dass die Branche auch langfristig etwas sein könnte und unterstützten mich bei der Suche nach einem Schülerpraktikum, dadurch bekam ich dann ein Angebot für eine Fachinformatiker-Berufsausbildung. Somit bin ich eigentlich erst durch den zweiten Bildungsweg zum Studieren gekommen. Ich fand es schon immer spannend, wie man aus dem Nichts etwas Tolles und Sinnvolles erstellen kann. Außerdem entwickelt sich die Branche von Tag zu Tag weiter und es wird ganz bestimmt nie langweilig!“

Gerade hast du zwei Auslandssemester in New York absolviert. Zeigt sich dort ein anderes Bild, was das Männer- und Frauenverhältnis in der IT-Branche angeht?

„Genau, ich war jetzt für ein Jahr in New York. Auch in den USA gibt es relativ wenige Frauen in der Informatik, aber es gibt viele Programme, die Frauen in der Informatik unterstützen. Das vermisse ich in Deutschland aktuell sehr, denn man lernt so viele interessante und begabte Menschen auf diesen Konferenzen kennen und spürt, dass es auch ein Netzwerk für Frauen in der Informatik gibt. Ich habe mich in meiner Berufslaufbahn immer mal wieder alleine gefühlt – so als eine von zwei Frauen in der Firma – und finde es wichtig, dass die notwendige Unterstützung angeboten wird.“

Gerade hast du einen Artikel dazu geschrieben, warum ein Studium gar nicht so wichtig ist. Was bringt einen denn wirklich weiter?

„Ich finde, es kommt ganz stark auf die eigenen Interessen an. Ein junger Mensch hat so viele verschiedene Möglichkeiten heutzutage: Auslandsaufenthalte, Praktika, Nebenjobs, Ehrenämter, Gründung eines eigenen Unternehmens, Konferenzen, Austausch mit anderen in der Branche, und und und. Egal welche Branche man einmal wählt, Vorlesungen alleine bilden nicht so aus, wie es Lebenserfahrungen tun – man lernt in einer Vorlesung nicht, wie man wieder Energie bekommt, nachdem man eine Niederlage einstecken musste, denn das lernt man nur im wahren Leben, je früher desto besser!“

Wie siehst du die Informatik in zehn Jahren?

„Die Tech-Branche hat sich die letzten zehn Jahre unglaublich weiterentwickelt und ich glaube, die Zukunft geht in Richtung Computational Neuroscience, dabei geht es um die Frage: Wie verbinde ich mein Gehirn mit dem Computer? Das Thema ist besonders interessant, weil es vielen Menschen mit Beeinträchtigungen helfen wird, mit der Welt zu kommunizieren, wie beispielsweise Stephen Hawking. Außerdem wird es besonders spannend, das Internet in Entwicklungsländer zu bringen. Ich mache diesen Sommer ein Praktikum bei Facebook im Team ‚Internet.org’, welches genau das vorantreibt: freies Internet für Menschen in Entwicklungsländern.“

Hast du eine Heroine im IT-Bereich oder eine Frau, die dich wirklich inspiriert?

„Ich habe im letzten Jahr so viele unglaubliche Frauen kennengelernt und würde sagen, dass mich die Frauen sehr inspiriert haben, die Mutter sind und gleichzeitig noch ihren Vollzeitjob ausüben. Mein Lob geht also an alle berufstätigen Mütter! Und auch an alle Väter, die ihre Frauen dabei unterstützen, wieder in ihren Beruf zurückzukehren, wenn sie denn wollen. Genauso muss unsere Kultur natürlich auch Männer unterstützen, die ihren Job in Teilzeit ausüben möchten, aber das ist aktuell leider noch ein ziemliches No-Go in unserer Gesellschaft. Daher gibt es eine Person, die ich besonders gern mag: Sheryl Sandberg, da sie das Thema vor zwei Jahren angesprochen hat und sich aktiv für die Gleichberechtigung beider Geschlechter einsetzt.“

 

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