Foto: Caren Miesenberger | Missy Magazine

Feministin und Journalistin: „Mein Beruf ist 90 Prozent Selbstverwirklichung, 90 Prozent Selbstausbeutung“

10 Jahre macht das Missy Magazine nun schon unabhängigen Journalismus mit queer-feministischen und intersektionalen Perspektiven auf Politik, Kultur und Gesellschaft – das Geburtstagsgeschenk an die Redaktion: ein Crowdfunding, um noch lange weitermachen zu können. Wir haben mit Stefanie Lohaus, Mitgründerin und Herausgeberin des Magazins, gesprochen.

Happy Birthday, Missy Magazine!

Wie finanziert sich ein feministisches Magazin? Obwohl Feminismus „Trend ist“ und viele Marken plötzlich mit Vielfalt und weiblichem Empowerment werben, ist es für das Team des Missy Magazines nicht leichter geworden, Anzeigen für ihr Heft einzuwerben. Zehn Jahre haben die Redakteurinnen es nun dennoch geschafft, ihr unabhängiges Magazin sechs Mal im Jahr an die Kioske zu bringen und eine wachsende Leser*innenschaft zu erreichen. Die drei Gründerinnen haben mittlerweile die aktiven Redaktionsrollen an jüngere Frauen abgegeben und fungieren als Geschäftsführerinnen und Herausgeberinnen im Hintergrund.

Die Leser*innen und alle, die es werden wollen, können dem Missy Magazine zum zehnten Geburtstag nun Unterstützung schenken: über ein Crowdfunding. Damit es die Missy noch lange gibt – für Feminist*innen und alle, die es noch werden wollen.

Wir haben mit der Geschäftsführerin und Mitgründerin Stefanie Lohaus über die Entwicklung und Rolle des Magazins gesprochen, sie gefragt, ob feministischer Journalismus Aktivismus ist und wie sich feministische Debatten in Deutschland weiterentwickelt haben.

Wow, zehn Jahre Missy! Erinnerst du dich daran, welche Vision ihr damals bei der Gründung hattet – wie verhält sich das zu dem, wo die Missy-Redaktion heute steht?

„Ich hatte damals von meiner Freundin und Missy-Mitgründerin Chris Köver mehrere Ausgaben des us-amerikanischen feministischen Magazines Bust bekommen. Es handelt von Popkultur und Feminismus, meistens recht affirmativ, mit einer Fan-Girl-Attitüde. Ich fand das unglaublich empowerned und wollte unbedingt so ein Magazin machen. Chris war dann sofort dabei, wir haben dann zusammen circa einen Tag später Sonja Eismann kontaktiert und die war auch sofort dabei – und hatte schon Teile eines Konzepts in der Schublade. Unsere Vision damals war sehr viel eher an einer Idee von alternativen Frauenmagazin orientiert mit Modestrecken und Schminktipps, wie es sie auch in der Bust gibt. Dann haben wir gemerkt, dass das in Deutschland gar nicht so arg gewünscht wird, dass mehr Analyse, mehr Politik durchaus gelesen wird. Uns entsprach das dann letztendlich auch – keine von uns hatte Lust diese Shootings zu machen – und so wurden wir dann doch ein Stück weit diskursiver.“

Gerade feministischen Journalist*innen schlägt im deutschen Journalismus oft entgegen, die Rolle von Journalist*in und Aktivist*in sei nicht vereinbar. Wie stehst du dazu? Ist Missy auch aktivistisch?

„Das liegt wahrscheinlich an der EMMA, die in ihren Kampagnen oft mit falschen Daten und Fakten operiert oder Menschen mobbt, wenn sie ihnen nicht-opportune politische Ansichten vertreten. Hinzu kommt ein falsches Verständnis von Journalismus, das davon ausgeht, dass dieser immer neutral sein müsse, um ,echter‘ Journalismus zu sein. Das betonen ja auch viele AfD-Anhänger*innen als ,Medienkritik‘, dass die Medien eben nicht neutral wären. Dabei gibt es verschiedene Arten von Journalismus, der verschiedene Aufgaben erfüllt. Dazu gehört der Nachrichtenjournalismus, der in der Tat möglichst neutral informieren soll, ohne zu werten. Aber dann gibt eben auch sehr viele journalistische Textformen, die explizit subjektiv sind: Reportagen, Portraits, Kommentare, Meinungen, Rezensionen und so weiter. In diesen Formaten ist die Meinung von Einzelpersonen spürbar und lesbar, völlig unabhängig davon, ob das nun in feministischen oder anderen Medien veröffentlicht wird.

„In vielen Formaten ist die Meinung von Einzelpersonen spürbar und lesbar, völlig unabhängig davon, ob das nun in feministischen oder anderen Medien veröffentlicht wird.“

Zu guter Letzt habe ich im ersten Semester Kulturwissenschaften gelernt, dass es so etwas Neutralität eh nicht gibt. Allein durch die Auswahl von dem was berichterstattenswert ist und was nicht, wird gewertet. Deswegen ist ja Pluralismus in den Medien so unglaublich wichtig, auch, dass es etwa öffentlich-rechtliche und private Medien gibt. Ich finde Kampagnen und subjektiven Journalismus überhaupt nicht problematisch, solange sich Medien und Kommentator*innen auch dabei an Fakten halten und nicht gegen Presserecht oder Persönlichkeitsrechte verstoßen. Es amüsiert mich, wenn Medien, die feministische Medien als Kampagnenjournalismus schmähen, dann plötzlich selbst Kampagnen gegen Feministinnen fahren, wie etwa DIE WELT bei der Debatte um das Eugen-Gomringer-Gedicht an der Wand der Alice Salomon Hochschule, wo sie das Gedicht, dass dort übermalt werden sollte, an ihrem eigenen Gebäude zeigten.“


Diese Frauen machen das Missy Magazine mögliche … (Foto: Verena Brüning)

Wo siehst du die Aufgabe von Missy aktuell?

„Was in den letzten Jahren neu dazugekommen ist, ist eine junge politische und fitte Leser*innenschaft, für die es echt Spaß macht, zu produzieren. Gleichzeitig wollen wir natürlich auch unsere Generation, also um die 40, bei der Stange halten. Gar nicht so einfach ist das. Dann natürlich über Antifeminismus aufklären und diesen vermeintlichen Rechtsruck in Deutschland stoppen. Vermeintlich, weil alle Umfragen zeigen, dass die überwältigende Mehrheit AfD und Co. ablehnt.“

Feministische Medien stehen einem Dilemma gegenüber: Redaktionen und Budgets sind klein, die Erwartungen der Leser*innen sowie die eigenen Ansprüche sind groß. Wie geht ihr damit um?

„Das ist schon anstrengend. Viele sehen nur das Produkt, die gedruckte Zeitschrift und denken dann wir sind Gruner und Jahr. Wir bekommen manchmal lustige Initiativbewerbungen, in der Menschen dann unseren halben Jahresumsatz als Gehalt fordern für etwas wie Controlling – wofür es bei uns gar keine Stelle gibt. Wenn die Anfragen ernst gemeint sind, versuchen wir so gut es geht Rückmeldung zu geben, aber oft geht es schlicht nicht. Meistens finde wir es selbst total schade, dass wir die vielen Initiativen und politischen Anliegen, die alle total sinnvoll sind, nicht besser unterstützen können.“

Sind Anzeigenkund*innen offener für feministische Themen geworden und geben auch Geld an Medien wie Missy? Immerhin nutzen mehr und mehr Unternehmen Botschaften wie „Body Positivity“ oder „Diversity“ für ihre Kampagnen.

„Nein, komischerweise nicht: Wir haben lediglich mehr Anfragen bekommen, ob wir über ihre tollen feministischen Shirts und Duschgels umsonst berichten sollen. Weil das ja so gut zu uns passen würde …“

„Wir bekommen manchmal lustige Initiativbewerbungen, in der Menschen dann unseren halben Jahresumsatz als Gehalt fordern.“


… und diese auch. (Foto: Verena Brüning)

Crowdfunding-Kampagnen sind mit sehr viel Arbeit und Einsatz verbunden. Wie finanziert ihr euch noch und hast du ein Wunsch-Modell, wie unabhängiger Journalismus sich finanzieren könnte?

„Ich denke, es muss ein Mix bleiben: Verkauf, Anzeigen und besonders engagierte Leser*innen, die Geld haben, um zu spenden. Im besten Fall schließen alle Abos ab, das hilft uns am meisten, weil da am meisten Geld bei uns hängen bleibt und nicht im Vertrieb versandet.“

In welchem Spannungsfeld von Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung bewegt sich dein Beruf für dich?

„90 Prozent Selbstverwirklichung, 90 Prozent Selbstausbeutung. Wenigstens ist das ausgeglichen. Es wird mit Kindern und Geld verdienen aber wirklich immer mehr zum Balance-Akt.“

Sind etablierte Medien in den letzten Jahren offener geworden für feministische Themen? Wie siehst du ihre Rolle in den aktuellen Diskursen, sei es bei #metoo, Rassismus und Rechtsruck in Deutschland oder Gleichberechtigung insgesamt?

„Auf jeden Fall. In den 2000ern wurde ganz zaghaft von der ZEIT gefragt, ob es nicht vielleicht Feminismus bräuchte … Mittlerweile gibt es Feminismus an jeder Milchkanne, ich darf in vielen etablierten Medien Sprache gendern, die das vor ein paar Jahren nicht erlaubt hätten, es gibt mindestens eine feministische Redakteurin in fast jeder Redaktion (und eine nicht-feministische dazu). Ich würde aber durchaus sagen, es gibt thematisch noch Unterschiede. Mein Eindruck ist, Rassismus wird als Thema eher noch abgeblockt als Sexismus und vor #metoo war auch sexualisierte Gewalt weniger Thema und wurde eher abgeblockt als etwa Quoten- oder Vereinbarkeitsthemen. Aber gerade – so mein Eindruck – ist da auch noch viel in Bewegung. Was den Rechtsruck angeht: Manche etablierte Medien übernehmen die Sprache von Rechtsaußen, etwa wenn von einer angeblichen Öffnung der Grenzen die Rede ist oder von der Flüchtlingswelle. Mich macht das rasend, weil es ganz klar diesen demokratiefeindlichen Strömungen hilft. Merken die Kolleg*innen das nicht?“

Was wünscht du dir für feministischen Journalismus in Deutschland?

„Ich würde mir wünschen, dass es wie in Österreich mehr Medienförderung gäbe, um die vielen tollen, auch kleinen Projekte nachhaltiger zu fördern. Und auch Stiftungen, die allgemein Feminismus fördern. In beiden Bereichen sieht es Mau aus.“

Ist Feminismus eigentlich eine Lebensaufgabe?

„Aufgabe ja, auf jeden Fall. Ich würde sogar sagen, es ist eine generationenübergreifende Aufgabe, ähnlich wie der Bau des Kölner Doms. Aber ob ich mein Leben lang Aktivismus machen werde, weiß ich nicht.“

Das Missy Magazine, gegründet von Stefanie Lohaus, Chris Köver und Sonja Eismann, gibt es seit 2008 und es erscheint gedruckt 6 Mal im Jahr und natürlich auch als E-Paper oder App. Im Crowdfunding bei Startnext, das noch bis Samstag, 30.06. um 23.59 Uhr läuft, könnt ihr das Missy-Team mit Beträgen euer Wahl unterstützen und coole Goodies als Dankeschön dafür bekommen. So unterstützt ihr unabhängigen, feministischen Journalismus mit Haltung.

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