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Sexologin: „Dass zwei Drittel der Frauen vaginal nicht zum Orgasmus kommen können, ist ein Mythos“

Über den weiblichen Orgasmus kursieren zahlreiche Legenden und Gerüchte. Die Sexologin und Therapeutin Dania Schiftan räumt damit auf. Im Interview erklärt sie, wie wir besseren Sex und (mehr) Orgasmen haben können.

Diverse Studien zeigen: Beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr kommen 75 Prozent der Männer regelmäßig zum Orgasmus, doch nur jede dritte Frau erlebt dabei ebenfalls einen Höhepunkt. Als Grund dafür wird gerne angeführt, dass nicht alle Frauen damit gesegnet seien, beim Sex allein durch Penetration zum Orgasmus kommen zu können. Das ist Quatsch, sagt die Psychotherapeutin und klinische Sexologin Dania Schiftan. In ihrer Praxis und ihrem Buch „Coming soon“ erklärt sie, weshalb Orgasmus Übungssache ist und was Menschen mit Vagina tun können, um mehr, bessere oder überhaupt Höhepunkte beim Sex zu erleben. Denn: Technisch gesehen gibt es keinen Grund, weshalb Frauen weniger Orgasmen haben als Männer.

Wir haben Dania Schiftan gefragt, woher diese Orgasmus-Lücke zwischen den Geschlechtern eigentlich kommt, ob Yoni-Eier und Beckenboden-Übungen überhaupt etwas bringen und wie sich klitorale von vaginalen Orgasmen unterscheiden. Zudem erklärt die Sexologin im Interview, wie wir erogene Zonen entdecken und trainieren können, was auch Männer tun können, um beim Sex für mehr Spaß beim Gegenüber mit Vagina zu sorgen – und welche veralteten Vorstellungen wir zurücklassen sollten.

Hinweis: Ausgehend vom Thema Orgasmus Gap liegt der Fokus dieses Interviews auf heteronormativen Sex zwischen Männern und Frauen. Die erwähnten Orgasmustipps richten sich selbstverständlich aber nicht nur an Männer und Frauen, sondern alle Menschen mit Vulva, Vagina und Penis.

Studien zum Orgasm Gap zeigen, dass bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr 95 Prozent der Männer, aber nur 65 Prozent der Frauen zum Orgasmus kommen. Bei der Selbstbefriedigung besteht diese Differenz hingegen nicht. Was ist da los?

„Rein technisch gesehen gibt es keinen Grund, weshalb Frauen nicht genauso häufig Orgasmen haben wie Männer. Der Weg dahin sieht bloß unterschiedlich aus – und das Prinzip ist beim Penis in der Regel simpler: Er will umfasst, durch Reibung, Streicheln oder Druck stimuliert werden, sei es von einer Hand, einer Vagina, einem Mund oder einem Anus. Bei Frauen hingegen wären theoretisch unzählige Stellen erregbar – das variiert jedoch je nach Person sehr stark: mal weiter oben, unten, außen oder innen. Sich bei einer Frau auf die Vulva zu konzentrieren und alles rund um den Klitoriskopf zu stimulieren, funktioniert meistens. Bloß ist das nicht die Region, die während des heterosexuellen Geschlechtsverkehrs mit dem Penis stimuliert wird. Und das ist der Punkt, an dem diese Orgasmuslücke häufig entsteht.

„Rein technisch gesehen gibt es keinen Grund, weshalb Frauen nicht genauso häufig Orgasmen haben wie Männer. Der Weg dahin sieht bloß unterschiedlich aus.“

Wenn aber Frauen, die genau wissen, wie sie sich selbst befriedigen können, diese Technik an ihre Partner vermitteln, wäre schon einmal viel gewonnen. Und wenn mehr Männer das Wissen darum, an welcher Stelle und in welcher Intensität sie die Vulva parallel zum vaginalen Geschlechtsverkehr mit einem Vibrator oder Finger stimulieren können, anwenden, würde das den Orgasmus Gap deutlich verkleinern.“

Die Vulva beim vaginalen Geschlechtsverkehr zusätzlich zu stimulieren, ist ein Ansatz. Viele Frauen wünschen sich jedoch, auch vaginale Orgasmen zu erleben. Sie haben ein ganzes Buch mit Anleitungen dafür geschrieben. Woran hakt es?

„Frauen haben von klein auf deutlich weniger positiv konnotierte Berührungspunkte mit ihrer Vagina als Männer mit ihrem Penis. Und das führt dazu, dass die Vagina – ohne entsprechendes Training – häufig weniger berührungssensibel, weniger erogen ist als die Vulva oder der Penis.“

Warum ist das so?

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„Das bewusste Entdecken der eigenen Geschlechtsteile fängt ungefähr im Kindergartenalter an: Kinder spielen am Penis oder der Vulva rum – und entdecken die schönen Gefühle, die dabei entstehen können. Die Vagina hingegen ist erst einige Jahre später so weit entwickelt, dass man sie von innen berühren und somit entdecken kann. Erst ab dem Alter von etwa acht Jahren – ab dem Beginn der Pubertät – wird die Vagina durch den Anstieg von Östrogenen weicher und ,begehbarer‘. In den Jahren davor ist der Zugang winzig, ein Finger passt höchstens in den Eingang. Das heißt: Der innere Teil der Vagina bleibt bis dahin meist unberührt. In der Zwischenzeit haben viele Mädchen gelernt, dass in die Vagina reingehen etwas Unangenehmes sein kann – oder etwas ist, was man halt einfach nicht macht. Im Vergleich dazu konnten der Penis und die Vulva bereits über mehrere Jahre erkundet – und als erregbar erlebt werden. 

Bei Frauen führen diese fehlenden Berührungspunkte dazu, dass sie ihre Vagina häufig gar nicht in ihre ersten sexuellen Erfahrungen einbeziehen, sondern vor allem die Vulva stimulieren. Dadurch wachsen die Verbindungen zwischen Gehirn und Vagina jedoch nicht weiter – und die Vagina ist in der Folge nicht sonderlich berührungssensibel. Und was nicht sonderlich erogen ist, wird wiederum nicht weiter berührt. In der Therapie höre ich dann von vielen Frauen, sie hätten es ein paar Mal mit Berührungen an der Vagina probiert, dies aber als eklig oder nicht anregend empfunden. Dem Ganzen liegt jedoch eine Fehlannahme zu Grunde: Wir gehen davon aus, dass wir etwas zwei- bis dreimal berühren können und dann klickt es. Aber eine Pirouette kann ich auch nicht nach wenigen Versuchen, sondern muss mich darin üben.“

Aber spätestens beim (heterosexuellen) Geschlechtsverkehr wird die Vagina ja miteinbezogen …

„Genau, sexuell entdecken die meisten Frauen die Vagina erst beim Geschlechtsverkehr. In ihrer Fantasie wird die Vagina dadurch quasi eingeschaltet. Wahrnehmungstechnisch passiert da aber erstmal nicht so viel – und dabei bleibt es leider häufig, weil der Bereich nicht bewusst weiterentwickelt wird. Hinzu kommt der viel zitierte Mythos, dass zwei Drittel aller Frauen vaginal nicht zum Orgasmus kommen können. Viele Frauen denken sich also ,Ach, dann gehöre ich wohl zu denen, bei denen das anatomisch nicht möglich ist‘ und nehmen diesen Zustand als gegeben hin. Und weil dieser Mythos weiter aufrechterhalten wird, kommen viele Frauen gar nicht auf die Idee, dass ihr Gehirn mit dieser Region ihres Körpers einfach noch nicht so gut vernetzt ist, was sich eigentlich durch entsprechendes Training ändern ließe. Es bleibt dann meist bei: Was nicht ist, ist nicht. Und das erklärt dann auch den existierenden Orgasmus Gap. Diese Lücke hat also nur insoweit mit den Männern zu tun, dass zu wenige Menschen gut genug Bescheid wissen.“

„Dass zwei Drittel aller Frauen vaginal nicht zum Orgasmus kommen können, ist ein Mythos.“

Wo also müssen wir ansetzen?

„In der Kita. In der Schweiz war das in der Vergangenheit bereits ein riesiger Streitpunkt. Der Tenor ist: ,Sexualaufklärung in der Kita, auf keinen Fall!‘ Davor fürchten sich viele. Das habe ich auch in meinem privaten Umfeld erlebt: Ich habe einen Sohn und eine Tochter. Ihre Geschlechtsteile habe ich von Anfang an mit Penis, Vulva und Vagina benannt. Als mein Sohn etwa drei war, bat uns die Kita-Leiterin zu einem Gespräch und wies uns daraufhin, dass unser Sohn sehr direkt sei mit der Benennung seines Geschlechtsteils. Als ich fragte, was daran komisch sei und welche Begriffe sie in der Kita verwenden würden, entgegnete die Leiterin, das sei schon okay, bloß ungewöhnlich direkt, sie würden eher Namen wie Schnäbi oder Pfiffeli° verwenden. (°Anm. d. Red.: Schweizerdeutsch; könnte mit Pimmel oder Pullermann übersetzt werden)

Ich meinte dann, das sei doch okay, nur würde ich das zu Hause eben anders handhaben. Ich fragte dann noch, wie sie in denn die Vulva nennen würden? Die Kita-Leiterin schaute mit großen Augen an und sagte: ,Nein, Begriffe dafür haben wir also noch nie gebraucht.‘ Und das ist nicht etwas dreißig Jahre her, sondern weniger als zehn – und zeigt, dass das Problem schon damit beginnt, dass viele keine Begriffe und dadurch eben auch keinen Bezug dazu haben.“

Sie sehen die Lösung für ein erfüllenderes Sexleben also in der Bildung?

„Es gibt nichts Wichtigeres, als Wissen zu vermitteln. Damit sollten wir bereits in der Kita beginnen. Kinder sollten dort die Begriffe lernen und erfahren, dass sie diesen Teil des Körpers anfassen können – das machen sie eh – und dadurch schöne Gefühle erleben können. All das natürlich auch mit dem Schutzgedanken und deshalb eher in einem Raum mit Privatsphäre wie dem Kinderzimmer und nicht am Esstisch. Lange Rede kurzer Sinn: Wir müssen im Kita-Alter beginnen und die Sexualbildung zugeschnitten auf jede Schulstufe ergänzen. Ich verstehe alle Lehrpersonen, die diesen Part nicht übernehmen, sondern an eine auf das Thema geschulte Person abgeben wollen. Und genau deshalb muss Geld ausgegeben werden, um Sexualpädagog*innen einzuladen. Die Zahlen zeigen, dass viele Menschen zwischen zwölf und 16 das erste Mal Sex haben. Es wäre also sinnvoll, dass man in der sechsten Klasse bereits weiß, was da im Körper vor sich geht. Sexualaufklärung muss der Kindesentwicklung eigentlich immer einen Schritt voraus sein. Und ja, man kann Sexualbildung sehr wohl altersgerecht gestalten – und auch gut auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Religionen zuschneiden. Das ist alles eine Frage der Didaktik.“

„Es gibt nichts Wichtigeres, als Wissen zu vermitteln. Mit der Sexualbildung sollten wir bereits in der Kita beginnen.“

Sie erklären Frauen, wie sie ihre Vagina so trainieren können, dass sie berührungssensibler wird, um dann im besten Falle vaginale Orgasmen erleben zu können. Häufig wird als Gegensatz dazu von klitoralen Orgasmen gesprochen und damit die Stimulation des äußeren Bereichs, also der Vulva gemeint. Ist es überhaupt korrekt, in vaginale und klitorale Orgasmen zu unterteilen, wenn die Klitoris doch viel mehr umfasst, als von außen sichtbar ist?

„Die Klitoris ist tatsächlich sehr viel größer, als vielen Menschen bewusst ist. Sie umschließt die Vagina und wird somit rein technisch gesehen auch beim penetrativen Sex mit einbezogen. Das Problem dabei ist aber: Wenn eine Frau nicht gelernt hat, Erregung in der Vagina wahrzunehmen, dann nützt es ihr wenig, dass die Klitoris von innen stimuliert wird. In meiner Arbeit lege ich den Fokus deshalb darauf, dass Frauen lernen, ihre Vagina bewusst(er) wahrzunehmen. Technisch gesehen macht es tatsächlich keinen Sinn, zwischen klitoralen und vaginalen Orgasmen zu unterscheiden, wahrnehmungstechnisch aber schon.“

„Die Klitoris ist sehr viel größer, als vielen Menschen bewusst ist.“

Daran anknüpfend eine Frage aus unserer Community: Wie unterscheidet sich ein Orgasmus mittels alleiniger Stimulation des Klitoriskopfes von einem Orgasmus durch rein penetrativen Sex in der Vagina, ohne zusätzliche Stimulation der Vulva?

„Keiner dieser beiden Orgasmen ist besser oder schlechter als der andere. Den vaginalen Orgasmus beschreiben viele Frauen als weicher, breiter, blubbriger; den klitoralen als spitziger, konzentrierter, intensiver, aber auch kürzer. Das heißt, es sind Qualitätsunterschiede, vergleichbar mit Marathon und Sprint – oder mit Essen: Es gibt Menschen, die mehr Befriedigung aus Fast Food ziehen, also schnell viel essen, und es gibt Menschen, die mehr Befriedigung aus einem Elf-Gänge-Menü ziehen, also ein Häppchen nach dem anderen genießen.“

Als Pendant zum Klitoriskopf in der Vulva wird häufig der G-Punkt in der Vagina als sichere Nummer für einen Orgasmus empfohlen. Gefühlt ranken sich tausende Legenden um den für viele dennoch irgendwie mysteriösen G-Punkt. Liest man Ihr Buch, lernt man, dass es diverse Stellen in der Vagina gibt, die Orgasmen ermöglichen. Brauchen wir also eine Art Landkarte?

„Viele nehmen sich vor, den G-Punkt zu finden, in der Erwartung, da müsse man lediglich ein paar Mal draufdrücken und peng, da ist das Feuerwerk. Doch so funktioniert es nicht. Ja, der G-Punkt oder vielmehr die G-Fläche ist ein Ort, an dem sich zahlreiche Nerven konzentrieren – ähnlich wie beim Klitoriskopf, der etwa 8000 Nervenenden versammelt und deshalb sehr berührungssensibel ist. Wenn man auf die G-Fläche fest genug draufdrückt, macht das also was. Jedoch erleben die meisten Frauen dieses Gefühl am Anfang nicht zwingend als Erregung. Viele haben erstmal nur das Gefühl, sie müssten aufs Klo. So ähnlich ist das auch mit den anderen Punkten: Berührungen am Muttermund beziehungsweise am Gebärmutterhals nehmen viele erstmal als unangenehm wahr, weil der Körper nicht daran gewöhnt ist, diese Berührungen als Erregung zu entschlüsseln.

„Viele nehmen sich vor, den G-Punkt oder vielmehr die G-Fläche zu finden, in der Erwartung, da müsse man lediglich ein paar Mal draufdrücken und peng, da ist das Feuerwerk. Doch so funktioniert es nicht.“

Es bringt also nichts, sämtliche dieser Punkte in der Vagina theoretisch zu kennen und dann anzutippen. Statt nach konkreten Punkten zu suchen, rate ich dazu, sich Millimeter für Millimeter mit der eigenen Vagina vertraut zu machen – und das idealerweise regelmäßig, es quasi als Training zu betrachten. Beim Ertasten kann man dann darauf achten, wo es Regionen gibt, die sich eventuell anders anfühlen, beispielsweise eben die G-Fläche, die eher geriffelt ist. Über dieses Entdecken kann man sich ein Bild der Vagina machen – und die Verbindung zwischen diesen Punkten und dem Gehirn trainieren.“

Apropos Training, eine Leserin hat gefragt, ob es sein kann, dass man durch häufige klitorale Stimulation schwerer zum (vaginalen) Orgasmus kommt?

„Je eingeschliffener unsere Muster sind, die uns zum Orgasmus bringen, desto schwieriger wird es, auf andere Weise zum Höhepunkt zu kommen. Konzentriere ich mich bei der Selbstbefriedigung immer auf die gleiche spezifische Stelle und lege den Vibrator stets links neben den Klitoriskopf, dann wird dieser Weg in meinem Gehirn immer breiter und besser verankert. Mein System springt also immer schneller auf diese Stimulation an, weil da so viele Neuronen vorhanden sind.

„Je eingeschliffener unsere Muster sind, die uns zum Orgasmus bringen, desto schwieriger wird es, auf andere Weise zum Höhepunkt zu kommen.“

Wenn ich diese richtig gut trainierte Stelle durch eine andere erweitern möchte, quasi einen neuen Weg entdecken möchte, dauert das eine Weile. Das Abschreiten dieses neuen Pfades wird sich erstmal nicht so spektakulär anfühlen. Natürlich passiert auch auf dem neuen Pfad etwas im Gehirn, aber das nehme ich nicht als so intensiv wahr wie den altbekannten Weg. Vor allem, wenn ich parallel dazu das Altbewährte beibehalte.“

Und das ist doof, weil wir quasi steckenbleiben?

„Das ist nicht unbedingt ein Nachteil. Viele Menschen freuen sich, einen Weg gefunden zu haben, der sie zuverlässig zum Orgasmus bringt und gut für sie funktioniert. Der Nachteil daran ist: Sollte dieser spezifische Weg mal nicht beschritten werden können, etwa weil die Batterien des Vibrators leer sind oder der*die Partner*in an den ,falschen‘ Stellen stimuliert, ist man aufgeschmissen, weil dann gefühlt nichts geht. In einer Beziehung kann das zum Problem werden: Individuelle Wege zum Orgasmus funktionieren nicht automatisch zusammen. Ziel sollte sein, einen gemeinsamen Weg zu finden.“

Sextoy-Anbieter*innen bringen immer ausgeklügeltere Gadgets heraus, die insbesondere Frauen garantiert und schnell zum Orgasmus bringen sollen. Wie stehen Sie dazu?

„Auch das hat Vor- und Nachteile. Der Womanizer, der ja tatsächlich eine Orgasmus-Garantie abgibt, löst so heftige und viele Reize aus, dass er einen Orgasmus quasi erzwingt. Der Vorteil ist, dass solche Toys vielen Menschen Orgasmen ermöglichen, die sie ohne möglicherweise nie erlebt haben. Der Nachteil ist: Kein Penis der Welt kann vibrieren. Kein Oralsex kann so heftig, so gleichmäßig intensiv sein wie der Saugaufsatz eines Sextoys. So lange so ein Toy eine Spielart von mehreren ist und man sich währenddessen beispielsweise die Hände als weiteres Tool erhält, es also variantenreich bleibt, wird das Toy nicht zu einem Problem. Ist man jedoch daran gewöhnt, sich jedes Mal flach auf den Rücken zu legen, den Womanizer auf die höchste Stufe zu stellen und an einer bestimmten Stelle aufzulegen, trainiert man eben nur diese Nervenverbindungen. Dann ist es nicht verwunderlich, wenn der Geschlechtsverkehr im Vergleich dazu zu wenig intensiv ist. Deshalb würde ich empfehlen, zu variieren – bspw. einmal mit Toy und zweimal ohne.“

Als Übung, die zu vaginalen Orgasmen verhelfen soll, wird gefühlt überall das Training der Beckenbodenmuskulatur empfohlen. Ist das auch Ihre Empfehlung?

„Tatsächlich ist die Beckenbodenmuskulatur nur eine von mehreren Regionen, die wir trainieren können. Aber um die Frage zu beantworten: Im Pilates oder Ballett lernen viele, den Beckenboden anzuspannen. Was hingegen häufig nicht trainiert wird: das Entspannen. Und das ist die Krux an diesem Hype. Ein*e gut trainierte*r Sportler*in weiß, dass die Muskulatur dynamisch bleiben sollte. Nur ein Muskel, der in beide Richtungen trainiert ist, wird optimal durchblutet und kann viel Gefühl hergeben. Deshalb sind diese Beckenbodenübungen mit Vorsicht zu genießen. Hinzu kommt, dass viele Frauen den falschen Ort trainieren. Sie denken, dass sie den Beckenboden trainieren, dabei spannen sie nur die Bauchmuskulatur an. Natürlich hat auch das Auswirkungen auf den Beckenboden, aber es ist eben nicht das Gleiche. Man kann also ziemlich viel falsch machen. Ich habe das Gefühl, dass wir bei weiblichen Geschlechtsteilen zu Hauruck-Aktionen à la ,Es muss funktionieren‘ neigen, anstatt Zeit zu investieren, um die Wahrnehmung für diese Körperbereiche zu trainieren.“

„Ich habe das Gefühl, dass wir bei weiblichen Geschlechtsteilen zu Hauruck-Aktionen à la ,Es muss funktionieren‘ neigen, anstatt Zeit zu investieren, um die Wahrnehmung für diese Körperbereiche zu trainieren.“

Einher mit diesem Fokus auf Beckenboden-Übungen geht vielfach die Empfehlung zum Kauf sogenannter Yoni-Eier. Was hat es damit auf sich?

„Ich arbeite gern mit Yoni-Eiern, weil sie Klient*innen dabei helfen können, die Wahrnehmung in der Vagina zu trainieren. Ich würde jedoch nie empfehlen, ein Yoni-Ei einzusetzen und nur zu halten, sondern rate dazu, dieses im Liegen einzuführen und erstmal zu schauen, ob man den Gegenstand überhaupt wahrnimmt. Gerade Frauen, die Cups oder Tampons nutzen, sind daran gewöhnt, nicht zu spüren, dass etwas in ihnen drin ist. Ist ja irgendwie auch blöd: einen Tampon soll unsere Vagina bitte ausblenden können, einen Penis aber einblenden (lacht). Wenn ich ein Bewusstsein für das Yoni-Ei entwickelt habe, kann ich in einem zweiten Schritt damit herumspazieren und nachspüren, was passiert, wenn ich mich beispielsweise nach vorne lehne und es sich in mir drin bewegt. Als Wahrnehmungstool genutzt, das durch sein Gewicht natürlich auch die Muskulatur stärkt, ist es in meinen Augen ein gutes Utensil. Als weiteren Schritt sollte man dann aber auch das Herausnehmen trainieren: also schauen, ob man das Yoni-Ei entspannt loslassen kann oder ob man es rauspressen oder sogar umständlich rausfingern muss.“

„Gerade Frauen, die Cups oder Tampons nutzen, sind daran gewöhnt, nicht zu spüren, dass etwas in ihnen drin ist. Ist ja irgendwie auch blöd: einen Tampon soll unsere Vagina bitte ausblenden können, einen Penis aber einblenden (lacht).“

Wir haben viel darüber gesprochen, was Frauen tun können, um (mehr und bessere) Orgasmen zu erleben. Inwieweit sehen Sie auch Handlungsbedarf beim Gegenüber, der Partnerin zum Orgasmus zu verhelfen?

„Männer, die daran gewöhnt sind, zu wichsen, also schnell und heftig zu reiben, wollen sich auch in der Vagina schnell und heftig bewegen – bumsen, um es beim Namen zu nennen. Dieses Penetrieren kommt dieser Handbewegung nämlich am nächsten. Frauen profitieren jedoch nur am Eingang der Vagina von diesem schnellen Rein-Raus, die inneren zwei Drittel der Vagina reagieren vor allem auf Druck. Idealerweise massiert ein Penis dort. Wenn er aber nur rein- und rausgeht, kommt er kaum an die Vaginalwände ran. Damit das gelingt, könnte der Mann lernen, das Becken sehr bewusst zu schaukeln und somit den Penis an die Innenseiten der Vagina zu drücken. Die Konsequenz einer solchen Umstellung ist leider häufig, dass Männer, die das nicht gelernt haben, die Erektion verlieren, weil sie andere Muster gewohnt sind.

„Frauen profitieren nur am Eingang der Vagina von diesem schnellen Rein-Raus, die inneren zwei Drittel der Vagina reagieren vor allem auf Druck. Idealerweise massiert ein Penis dort.“

Ich erlebe bei meinen Klient*innen immer wieder, dass Männer beim Sex Schwierigkeiten bekommen, wenn Frauen mit ihrer Vagina experimentieren, diese bewusst entspannen und die Vagina dadurch gefühlt viiiel weiter wird – was übrigens Quatsch ist. Männer finden es häufig also gar nicht so gut, wenn sich ihre Partnerinnen diesbezüglich weiterentwickeln, weil dann auch sie gezwungen sind, ihr eingeschliffenes Muster zu verändern. Wenn der Partner zeitgleich sein Bewusstsein und Wissen rund um dieses Thema erweitert und diese Veränderung ebenfalls mit Freude erleben kann, funktioniert es.“

Eigentlich irgendwie logisch, dass alle Beteiligten gefragt sind, wenn es richtig gut klappen soll mit den Orgasmen für beide …

„Richtig. Bloß ist es so, dass das für die meisten Männer gefühlt nicht nötig ist, weil sie sich beim Sex eh easy holen können, was sie brauchen. Dabei funktioniert das auch nur bis zu einem bestimmten Alter wirklich gut. Ab Mitte 50 kann dieses eingeschliffene Penetrationsmuster zu einem Problem werden, weil sich viele Männer gar nicht mehr so schnell und heftig bewegen mögen. Daraus ist übrigens der Mythos entstanden, Männer würden mit zunehmendem Alter ihre Erektion verlieren. Dabei ist das Bullshit. Sie müssten einfach einen anderen Pfad beim Sex einschlagen.“

Apropos Mythen: Wenn ich mich mit Männern in meinem Umfeld unterhalte, erzählen die, dass Sex für sie nicht weniger gut ist, wenn sie mal keinen Orgasmus haben. Viele Frauen gehen dann aber fälschlicherweise davon aus, dass der Sex für ihn nicht gut war – oder noch schlimmer, mit ihnen irgendwas nicht stimme, sie nicht attraktiv genug seien …

„Ja, leider. Tatsächlich gehen wir auch bei Männern mit einem falschen Verständnis ans Thema Sex. Ein weiterer Mythos ist: Erektion gleich Erregung. Dabei haben einige Männer ziemlich schnell eine Erektion, auch ohne so richtig erregt zu sein. Eine fehlende Erektion ist wiederum nicht automatisch ein Zeichen für fehlende Erregung. Dennoch muss man sagen, dass dieses zu spärliche Wissen für Männer meist weniger krasse Konsequenzen hat. Sie können – im Gegensatz zu vielen Frauen – dem Geschlechtsverkehr schneller etwas abgewinnen. Und genau deshalb haben wir weiterhin den Orgasmus Gap.“

„Tatsächlich gehen wir auch bei Männern mit einem falschen Verständnis ans Thema Sex.“

Was häufig vergessen geht, wenn wir von männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen wie Klitoris, Vagina und Penis reden, ist, dass es Menschen gibt, die nicht in dieses heteronormative und binäre System passen. Wäre es nicht total wichtig, mehr darüber zu sprechen, dass es mehr als zwei Geschlechter und Geschlechtsidentitäten und mehr als Hetero gibt? Welche Erfahrungen haben Sie dazu gemacht in Ihrer Arbeit?

„Das ist ein Thema, das in der Vergangenheit schon häufiger an mich adressiert wurde, da ich mich in meiner Arbeit auf Frauen mit Vagina fokussiere. Und ja, mein Buch basiert hauptsächlich auf heteronormativem Sex, aber das hat den einfachen Grund, dass die Diskrepanz dort am größten ist. Bei gleichgeschlechtlichen Paaren ist jedoch häufig von Anfang an viel mehr Verständnis für den Körper der anderen Person vorhanden – eben beispielsweise das Wissen darum, dass eine Stimulation des Klitoriskopfes für viele intensiver ist als Berührungen in der Vagina.

„Ja, mein Buch basiert hauptsächlich auf heteronormativem Sex, aber das hat den einfachen Grund, dass die Diskrepanz dort am größten ist. Bei gleichgeschlechtlichen Paaren ist jedoch häufig von Anfang an viel mehr Verständnis für den Körper der anderen Person vorhanden.“

Am Ende ist es aber egal, ob ein Mensch einen Penis, eine Vagina oder Teile von beidem hat, die Übung dahinter ist immer die gleiche: Lern deinen eigenen Körper kennen, lerne eine Verbindung zu deinen Geschlechtsteilen herzustellen, streichle, ziehe, drücke, was auch immer. Finde dadurch heraus, was dir Freude bereitet – und erweitere die Spielarten – allein oder im Einsatz mit einer oder mehreren Personen. Ob eine Person mit Vagina mit einer anderen Person mit Vagina oder mit Penis oder mit beidem Sex hat, ist dann eigentlich egal. Entscheidend ist lediglich die Technik und das Bewusstsein für die Stimulationsmöglichkeiten verschiedener Körperstellen.

„Jemand mit ganz kleinem, feinen Penis kann, wenn er weiß, wie er sich in einer Vagina oder einem Anus so bewegt, dass die richtigen Stellen stimuliert werden, viel lustvoller und erregender sein für alle Parteien, als wenn eine Person mit großem Penis einfach draufloshämmert.“

Deshalb spielt übrigens auch die Penisgröße keine Rolle. Jemand mit ganz kleinem, feinen Penis kann, wenn er weiß, wie er sich in einer Vagina oder einem Anus so bewegt, dass die richtigen Stellen stimuliert werden, viel lustvoller und erregender sein für alle Parteien, als wenn eine Person mit großem Penis einfach draufloshämmert. Wie die Person untenrum gebaut ist, ist also zweitrangig.“

Ihre Empfehlung ist also für alle Menschen, den eigenen Körper besser kennenzulernen und das Wissen um lustvolle Wege allein oder mit anderen zu erweitern?

„Genau. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, der ist individuell und den soll jede Person selbst finden. Ich möchte gern wegkommen von der Idee, über allem stehe eine bestimmte sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität. Die bestehenden Kategorien tun aus meiner Sicht häufig nichts für uns. Sexualität ist etwas sehr Fließendes, das sich im Laufe des Lebens ändern kann.

„Ich möchte gern wegkommen von der Idee, über allem stehe eine bestimmte sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität. Die bestehenden Kategorien tun aus meiner Sicht häufig nichts für uns. Sexualität ist etwas sehr Fließendes, das sich im Laufe des Lebens ändern kann.“

Ich erlebe es bei Klient*innen, die sich als heterosexuell bezeichnen, häufig, dass sie beim Entdecken ihres Körpers lesbische Fantasien entwickeln. Und das ergibt Sinn: Wenn Frauen sich und ihren Körper bewusster auf erotische Weise wahrnehmen, ist es nicht weiter verwunderlich, wenn daraus eine Faszination, eine Bewunderung für das eigene Geschlecht entsteht.

Es ist total unnötig, all das in bestimmte Schubladen einteilen zu wollen. Begrenzt euch nicht künstlich. Tut, worauf ihr Lust habt, was sich gut anfühlt – mit wem auch immer. Wir müssen wegkommen vom Schubladendenken. Macht, was zu euch und eurer jeweiligen Lebensphase passt.“

Aber wie kann uns das als Gesellschaft gelingen?

„Das führt uns wieder zurück zu den Kindern, über die wir am Anfang gesprochen haben: Wenn wir Kinder experimentieren lassen – natürlich in einem geschützten Rahmen – können sie auch freier herausfinden, was es alles gibt. ,Ah, du hast dieses Geschlechtsteil, was passiert denn, wenn ich daran zupple, was passiert wenn ich da drücke‘ und so weiter. Nur durch dieses Experimentieren kann ich herausfinden, was mich interessiert und was sich gut anfühlt. Wenn aber diese künstlichen Sexualitäts- und Geschlechtsidentitäts-Kategorien so groß gemacht werden, dass sie über allem stehen, beispielsweise weil Erwachsene dann von diesem Experimentieren mitbekommen und aufschreien – ,Huch, mein Kind ist so und so‘ – unterbinden sie damit eine wertvolle Lernerfahrung. Nehmt es locker, es braucht Zeit, sowas herauszufinden – und es muss erlaubt sein, Dinge auszuprobieren, ohne dass wir immer gleich einen Zettel dranheften. Deshalb: Ich wünsche mir, uns allen, mehr Raum für Spielereien.“


Dania Schiftan ist Psychotherapeutin und klinische Sexologin in eigener Praxis in Zürich. Sie ist außerdem Autorin von „Coming soon – Orgasmus ist Übungssache“ und dem im Herbst erscheinen Buch „Keep it coming – guter Sex ist Übungssache“

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Seit 2019 schreibt Camille Haldner für EDITION F über gesellschaftspolitische und zwischenmenschliche Phänomene, widmet sich Kultur-, Arbeits- und Körperthemen und trägt Inhalte weiter auf die Social-Media-Kanäle des Magazins.

In ihrer Kolumne „Wann hören wir endlich auf ... ?“ thematisiert die Redakteurin all die Dinge, die ihr in Gesellschaft und Politik so richtig auf den Keks gehen.

Die Wahlberlinerin und Heimwehbaslerin hat vor, während und nach dem Studium (Journalismus & Kommunikation, ZHAW) für verschiedene Schweizer Publikationen und Medien gearbeitet, zuletzt für die Kulturredaktion des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF).

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