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Oxfam-Bericht: Pandemiefolgen treffen in erster Linie arme Menschen, Frauen und BIPOC

Die Corona-Pandemie verschärft bestehende soziale Ungleichheiten, so das Fazit des Oxfam-Berichts. Gefordert wird eine grundsätzliche Neuordnung des Wirtschaftssystems.

Der Oxfam-Bericht wurde im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums veröffentlicht. Besonders betroffen von den Folgen der Pandemie: Menschen, die wegen ihres Geschlechts, ihrer Sexualität, ihres Alters oder einer Behinderung marginalisiert werden sowie Personen, die Rassismus und Klassismus erfahren.

Aus dem aktuellen Oxfam-Bericht lassen sich drei Schlüsse ziehen: Bestehende soziale Ungleichheiten, die „durch Jahrhunderte von Patriarchat, Kolonialismus und strukturellen Rassismus (…) geformt wurden“ werden mit der Corona-Pandemie noch verschärft. Die Auswirkungen zeigen sich in allen Bereichen unseres Lebens – in der Bildung, im Gesundheitssystem, in der Wirtschaft, in den sozialen Sicherungssystemen. Und unser Wirtschaftssystem muss grundlegend neu geordnet werden, um die Auswirkungen auf Gruppen, die besonders von der Pandemie betroffen sind, abzufedern. Dazu gehören laut Oxfam in Armut lebende Menschen, Frauen, BIPOC und andere marginalisierte und unterdrückte Gruppen.

Der Bericht führt an, dass das Vermögen der zehn reichsten Männer der Welt seit Beginn der Pandemie um insgesamt fast eine halbe Billion US-Dollar gestiegen sei. Dieser Gewinn reiche aus, um die ganze Weltbevölkerung gegen Covid-19 zu impfen und die durch die Pandemie ausgelöste Armut zu bekämpfen. Während einige große Konzerne Milliardengewinne eingefahren und an ihre Aktionär*innen ausgeschüttet haben, tragen die Hauptlast der Pandemie vor allem kleine und mittlere Unternehmen sowie Arbeiter*innen, besonders Frauen mit niedrigen Löhnen. Der Bericht nennt als Beispiel das Unternehmen BMW, das 2020 1,6 Milliarden Euro Dividenden an Aktionär*innen ausgezahlt hat, während 20.000 Mitarbeiter*innen Kurzarbeitergeld bezogen.

Ungleichheit in Zusammenhang mit Care-Arbeit

Die bestehende Ungleichheit werde besonders durch die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit verschärft. Der Begriff bezieht sich auf Pflege-, Fürsorge- und Haushaltsarbeit und meint damit sowohl bezahlte als auch unbezahlte Tätigkeiten. Laut Oxfam-Bericht sind drei Viertel des Gesundheitspersonals in Deutschland weiblich, in der Kinderbetreuung und Altenpflege sind es rund 90 Prozent. Unbezahlte Care-Arbeit wird ebenso zu drei Viertel von Frauen geleistet. Würde diese entlohnt werden, entspräche ihr ökonomischer Wert dem dreifachen des weltweiten Umsatzes des IT-Sektors. Diese Ungleichheit führt zu einem weltweiten Gender Pay Gap von 23 Prozent. Frauen seien deshalb einem hohen Risiko ausgesetzt, zu verarmen – vor allem, wenn sie Kinder großziehen.

Während der Corona-Pandemie sei laut Bericht der Bedarf an unbezahlter Care-Arbeit durch geschlossene Kitas und Schulen sowie hohe Krankenzahlen stark gestiegen – und mit dem Bedarf auch die Belastung. Den Mehrbedarf haben weltweit in erster Linie Frauen und Mädchen aufgefangen. In Deutschland musste nur ein Sechstel der Väter die Arbeitszeit reduzieren, um Angehörige zu betreuen. Unter den Müttern war es ein Viertel. Die Regierungen haben diese Mehrbelastung jedoch kaum finanziell aufgefangen: „Die Kosten und die Arbeit für die Betreuung von Millionen von Kindern, älteren und kranken Menschen werden auf die Familien abgewälzt. Frauen, die in Armut leben, trifft das unverhältnis­mäßig stark.“

Ein Problem, das bei Berichten über soziale Ungleichheit häufig auffällt ist, dass die Statistiken meist binär gestaltet sind und nur Familien mit heterosexuellen Elternpaaren, beziehungsweise Alleinerziehende mitgedacht werden. So ist es auch im Oxfam-Bericht. Hier stellt sich die Frage: wie wirkt sich die Pandemie auf queere Familien aus? Und wie auf trans* und nicht-binäre Personen, die wirtschaftlich meist noch stärker marginalisiert werden und ebenso in Care-Berufen arbeiten?

Die extreme Ungleichheit sei das Produkt eines neoliberalen Wirtschaftssystems, das wenige Reiche und Mächtige begünstige. Ihnen werde ermöglicht, natürliche Ressourcen auszubeuten, Löhne zu drücken und Steuern zu vermeiden. So werden Staaten um Mittel für öffentliche Gesundheits-, Bildungs- und soziale Sicherungssysteme gebracht, während eine kleine Gruppe weißer Männer riesige Profite anhäufe. Das gehe auf Kosten von Menschen in prekären Situationen, Frauen, BIPOC und anderen historisch marginalisierten und unterdrückten Gruppen.

Das aktuelle Wirtschaftssystem ist nicht zukunftsfähig

Der Bericht führt an: Wenn soziale Ungleichheit bekämpft werden soll, kann an der aktuellen globalen Politik des Wirtschaftswachstums nicht festgehalten werden. Die globale Wirtschaft müsse um das 175-fache anwachsen, um jedem Menschen auf diese Weise bis 2030 ein Einkommen von fünf US-Dollar am Tag zu ermöglichen. Ein solches Wirtschaftswachstum hätte allerdings verheerende Auswirkungen auf unser Klima und den Planeten.

Oxfam stellt als Fazit des Berichtes drei Forderungen auf: Es müsse erstens gemeinschaftliche und solidarisch aufgebaute Bildungs-, Gesundheits- und soziale Sicherungssysteme geben, die zu einem fairen Anteil von Konzernen und sehr reichen Menschen finanziert werden. Dazu schlägt Oxfam eine einmalige Steuer auf ungewöhnlich große Gewinne während der Pandemie vor, eine dauerhafte höhere Besteuerung großer Vermögen sowie eine umfassende Finanztransaktionssteuer. Zweitens müssen Unternehmen demokratisiert und gemeinwohlorientiert geführt werden, damit die Interessen aller Betroffenen in Entscheidungsprozessen und -gremien einbezogen werden können. Das könne beispielsweise durch Steuernachlässe und Subventionierung für gemeinwohlorientierte Unternehmen erreicht werden.

Die dritte Forderung bezieht sich auf die Begrenzung hoher Machtkonzentration bei einzelnen Konzernen durch ein effektives und gemeinwohlorientiertes Kartellrecht. Dieses solle die gerechte Verteilung von Gewinnen innerhalb der Lieferkette sicherstellen sowie Möglichkeiten bieten, übermächtige Konzerne „als ultima ratio zu entflechten und ihre marktübergreifende Machtbündelung durch eine Trennung von Geschäftsbereichen zu beschränken“.

Ähnliche Ziele hat auch die europäische Kampagne Zero Covid. In einer Petition wird ein solidarischer Shutdown zur Eindämmung der Pandemie angestrebt, der neben der finanziellen Absicherung aller Personen, die zu Hause bleiben müssen die Finanzierung durch eine europaweite Covid-Solidaritätsabgabe auf hohe Vermögen, Unternehmensgewinne, Finanztransaktionen und die höchsten Einkommen fordert. Darüber hinaus sollen Personen, die besonders viel Care-Arbeit leisten, durch die Gemeinschaft entlastet und Kinder notfalls in Kleingruppen betreut werden.

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Lee (Lee/they) studiert neben Publizistik- und Kommunikationswissenschaften auch Politikwissenschaft. Neben dem Studium ist Lee seit 2017 vor allem beim queerfeministischen Verein „NotAnObject“ tätig, der eine Plattform für Betroffene sexualisierter Gewalt bietet. Lee interessiert sich im Moment besonders für queere Sexualaufklärung und soziale Medien. Aktuell unterstützt Lee die Redaktion von Edition F als Praktikant*in.

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