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„Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass mein Beruf noch etwas wert ist – er ist ramponiert“

Die Infektionszahlen mit Covid steigen – und damit auch die eh schon hohe Belastung der Pflegekräfte. Wir brauchen jetzt etwas anderes als geheuchelte Solidarität mit Pflegenden, findet unsere Autorin Helen Hahne. Ein Kommentar. 

Im Frühjahr wurden sie beklatscht, nun befinden sich Pflegekräfte überall in Deutschland wieder an der Belastungsgrenze. Viele von ihnen beschreiben die Situation als schlimmer als in der ersten Welle der Corona-Pandemie. „Der #Pflegenotstand kommt überraschend. Jedes Mal wieder“, twitterte der Krankenpfleger und Aktivist Alexander Jorde am 1. November 2020. Zu diesem Zeitpunkt war klar: Die zweite Covid-19-Welle ist da – und sie wird vielleicht heftiger als die erste im Frühjahr.

Die Zahlen der Intensivbettenbelegung stiegen und eine Debatte darüber, wann die Intensivstationen überlastet sein würden, setzte ein. Am 1. November, als Alexander Jorde twitterte, waren 2.061 Intensivbetten in Deutschland mit Corona-Patient*innen belegt, am 9. November waren es bereits 3.005. Und wenn der Zusammenbruch kommt, also nicht mehr alle Patient*innen mit Covid 19 auf den Intensivstationen angemessen behandelt werden können, dann nicht weil die Betten oder Beatmungsmaschinen fehlen, sondern das Personal, erklärte Nadya Klarmann, die Präsidentin der Pflegekammer, gegenüber dem NDR.

Der Pflegenotstand ist schon längst da

Das war abzusehen: Pflegekräfte, Verbände und Wissenschaftler*innen warnen seit Monaten vor diesem Szenario – und erneuern damit nur eine Warnung, die sie schon vor Corona immer wieder formuliert haben: Der Pflegenotstand ist schon längst da. Laut Zahlen der Hans-Böckler-Stiftung fehlen im Pflegedienst der Krankenhäuser mehr als 100.000 Vollzeitstellen. Das sind 100.000 Menschen, die fehlen, wenn es im Zweifel um Leben und Tod gehen kann.

In Reaktion auf die Höherbelastung wurde in Niedersachsen die Maximalarbeitszeit für Angestellte in Kliniken und Pflegeheimen, befristet bis Mai 2020, auf 60 Stunden hochgesetzt. Der Pflegenotstand, vor dem Beschäftigte also seit Ewigkeiten warnen, wird einmal mehr auf ihrem Rücken ausgetragen.

Scheinheiliges Geklatsche

Also auf dem Rücken von Menschen, die schon vor der Corona-Krise schwer belastet waren – und die vor allem weiblich sind, denn etwa vier von fünf Beschäftigten in der Kranken- und Altenpflege sind Frauen. Menschen, die eine hohe Arbeitsbelastung, enorm viel Stress, unbezahlte Überstunden und schlechte Bezahlung aushalten müssen, um eine der wichtigsten Aufgaben in der Gesellschaft zu erfüllen. Menschen, die dazu häufig migrantisch und noch schlechter bezahlt sind, an Zeitverträge gebunden, manchmal im 24-Stunden-Dienst, ohne ein Recht auf Pause oder Privatsphäre.

Menschen, die bisher noch nicht einmal die versprochene Corona-Sonderzahlung erhalten haben. Das berichten Pflegekräfte immer wieder. Darüber hinaus gilt der Bonus nur für Mitarbeiter*innen von Krankenhäusern, die besonders intensiv durch Corona belastet waren – und die Verteilung obliegt den einzelnen Klinken. So wichtig sind diese Held*innen, die im Frühjahr zwar von Balkonen im ganzen Land klatschende Solidarität erfahren haben – deren Scheinheiligkeit sich spätestens im Herbst allerdings selbst entlarvte. Denn: Wo war die Solidarität mit den „Systemrelevanten“, „den Held*innen des Alltags“, „der Stütze unserer Gesellschaft“, als diese für eine fairere Bezahlung in den Warnstreik traten?

Die wahren Stützen unseres Systems

Im Frühjahr waren sich Politik und klatschende Zivilgesellschaft einig: Die Pflegekräfte und Ärzt*innen sind die wahren Stützen unseres Systems – ohne sie geht gar nichts. Und als das dann wieder vergessen war und sich praktisch nichts an den prekären Beschäftigungsverhältnissen im Pflegesektor geändert hatte, gingen die Pflegekräfte im September selbst auf die Straße, um daran zu erinnern. Und dafür hagelte es von allen Seiten – Politik, Medien und Zivilgesellschaft – vor allem Kritik, anstatt Unterstützung für die Forderungen. Und genau das entlarvt die Scheinheiligkeit des Klatschens und der Held*innenehrung durch die Politik im Frühjahr. Wer das mit dem Klatschen im Frühjahr wirklich ernst gemeint hat, hätte in diesem Herbst den Warnstreik unterstützen müssen.

Solidarität ist selten bequem. Im Gegenteil, wenn es bequem ist, ist es vielleicht nicht wirklich solidarisch. Wie dringend unsere Solidarität gebraucht wird, wird deutlich, wenn man bei Twitter den #Pflegenotstand eingibt. Dort berichten Pfleger*innen unter anderem aus ihrem Alltag. „Ihr habt Pflegende für systemrelevant erklärt, aber seid bislang nicht auf die Idee gekommen, dass ein seit Jahren bekannter Pflegenotstand für die Intensivversorgung während einer Pandemie von Bedeutung sein könnte. Nur mal so“, schreibt eine Nutzerin.

„Solidarität ist selten bequem. Im Gegenteil, wenn es bequem ist, ist es vielleicht nicht wirklich solidarisch.“ 

Ein anderer: „Ich merke, wie ich mich so langsam innerlich von meinem Beruf verabschiede. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass sich Dinge ändern. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass mein Beruf noch etwas wert ist. Er ist ramponiert. Absichtlich. Für Jahrzehnte. Vielleicht für immer.“ Wie ihm scheint es vielen zu gehen. Umfragen ergeben, dass ein großer Teil der Pflegenden darüber nachdenkt, nach der Corona-Krise ihren Job aufzugeben. Es ist also höchste Zeit, dass wir diesen Menschen wirklich zuhören.

Es geht um Menschen

Pflegekräfte haben ein großes Problem: Sie haben keine Lobby. Ihre Lobby sollte deshalb unsere Gesellschaft sein. Damit endlich genug Druck auf diejenigen ausgeübt wird, die dem Pflegenotstand noch irgendetwas entgegensetzen können – nämlich faire Löhne, gesunde Arbeitszeiten, Vereinbarkeit. Diejenigen, das sind Politik und Träger*innen.

Solidarität ist aber nicht nur wichtig, weil das Pflegesystem droht zusammenzubrechen, sondern auch, weil es um Menschen geht. Menschen, die sich kaputtarbeiten, um andere Menschen zu pflegen, bezahlt und – das sollte auch nicht vergessen werden – sehr häufig auch unbezahlt, zuhause. Diese Menschen verdienen so viel mehr als heuchlerischen Applaus.

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Nach Stationen als Praktikantin, Volontärin und feste Redakteurin bei EDITION F bin ich seit Mai 2019 freie Journalistin und schreibe hier alle zwei Wochen eine politische Kolumne. Vorher habe ich in Hamburg Politikwissenschaften studiert. Gute Bücher, intersektionaler Feminismus und gutes Essen lassen mein Herz höher schlagen.

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