Foto: Undine de Rivière

Prostitution, ein ganz normaler Job?

Die Sexarbeiterin Undine de Rivière fordert, Prostitution als Beruf anzuerkennen und mit den Prostituierten und nicht nur über sie zu sprechen.

Undine: „Prostitution muss anerkannt werden“

Die Debatte um ein Verbot der Prostitution ist seit vergangenem Jahr sowohl durch die Spiegel-Titelgeschichte „Bordell Deutschland“ als auch durch Alice Schwarzers „Appell gegen Prostitution“ hochgekocht.

Die liberalen Prostitutionsgesetze, 2002 von der rot-grünen Bundesregierung verabschiedet, förderten Zwangsprostitution und Menschenhandel, so die medial weit verbreitete These der Prostitutionsgegner. Der Bundesweite Koordinierungskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen (KOK) hingegen, der deutschlandweite Zusammenschluss der Vereine gegen Frauen- und Menschenhandel, befürwortet das deutsche Prostitutionsgesetz und fordert, im Interesse der Frauen zwischen Prostitution und Menschenhandel zu differenzieren.

Die SexarbeiterInnen reagierten auf die Forderungen nach einem Verbot oder zumindest stärkerer Regulierung mit der Gründung des „Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen“, der mittlerweile über 300 Mitglieder hat. Der Internationale Hurentag am 2. Juni steht dieses Jahr unter dem Motto „Ein ganz normaler Job.“

Undine de Rivière fordert Berufsanerkennung

Undine de Rivière, 40 Jahre alt, ist studierte Physikerin und arbeitet seit 20 Jahren als Sexarbeiterin. In St. Georg, Hamburgs größtem Rotlichtviertel neben der Reeperbahn, betreibt sie das SM-Studio Rex. Sie ist Mitbegründerin und Pressesprecherin des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen. Ein Gespräch mit der Sexarbeiterin Undine de Rivière über die Hintergründe der Verbandsgründung, gut geführte Bordelle und den Dialog zwischen Prostitutionsgegnern und SexarbeiterInnen.

Der „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“ ist die erste Gewerkschaft für SexarbeiterInnen. Was war der Anlass der Gründung im Oktober 2013?

„Wir haben uns als Antwort auf den konservativen Rollback gegründet, der in Europa in den letzten Jahren sichtbar geworden und dann auch in Deutschland angekommen ist. Die Forderungen wurden immer lauter, Sexarbeit einzuschränken und zu diskriminieren. Diese Stimmung hat vielen von uns Angst gemacht, also haben wir uns zusammengeschlossen. Zwei Wochen nach unserer Gründung hat Alice Schwarzer den „Appell gegen Prostitution“ ausgerufen.“

Was für Ziele haben Sie sich als Gewerkschaft gesetzt?

„Zunächst einmal machen wir viel Öffentlichkeits- und Pressearbeit: Es hilft oft schon, sich mit jemandem zu unterhalten, der den Job macht, um Vorurteile gegenüber Sexarbeit abzubauen. Es ist viel schwerer zu behaupten, wir seien alles Zwangsprostituierte, wenn wir als SexarbeiterInnen so präsent sind und zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind, die einfach in Ruhe arbeiten wollen. Außerdem haben wir eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, in der wir Mindestkriterien für gute Arbeitsbedingungen erarbeiten und uns Umsetzungsmöglichkeiten überlegen. Ein Fair-Sex-Siegel für gut geführte Bordelle wäre zum Beispiel eine Möglichkeit.”

Hat sich seit der Gründung der Gewerkschaft der Dialog zwischen Prostitutionsgegnern und SexarbeiterInnen verbessert?

„Nein, ich habe den Eindruck, dass Prostitutionsgegner nach wie vor nichts von uns wissen wollen. In der Emma und in Blogs würde über uns geschrieben, aber das Gespräch mit uns gesucht hat niemand. Die SexarbeiterInnen selbst zu ignorieren ist eine verbreitete Haltung bei Prostitutionsgegnern. Als letzten Sommer im Raum stand, auf Bundesebene Prostitution stärker zu regulieren, hat Lea Ackermann von Solwodi (katholisch-konservativen Hilfsorganisation) gesagt, sie hätte noch nie eine Frau gesehen, die das freiwillig macht, während wir im Zuschauerraum in wildes Winken ausgebrochen sind. So viel Ignoranz muss man erst einmal zu Stande bringen.“

Von den Sexarbeiterinnen, die öffentlich auftreten, heißt es oft: Das sind Escorts oder Dominas, das ist nicht der Durchschnitt, sondern eine privilegierte Elite.

„Wir haben in unserem Berufsverband auch SexarbeiterInnen, die auf der Straße arbeiten oder in ganz normalen Bordellen, wir haben auch ein paar Männer, Trans-Sexworker oder MigrantInnen. Auch ich habe in den 20 Jahren, in denen ich Sexarbeiterin bin, in sehr unterschiedlichen Unterbranchen gearbeitet. Da Escorts und Dominas in einem gesellschaftlich etwas besser anerkannten Segment arbeiten, sind es eher sie, die Pressearbeit machen, weil sie ein Outing nicht so sehr zu befürchten haben. Man steht öffentlich besser da, zu sagen „Ich bin Escort und verdiene 1.000 Euro pro Nacht“ als „Ich arbeite im Laufhaus für 30 Euro die Viertelstunde.“

Viele Menschen, die intuitiv gegen Prostitution sind, können sich nicht vorstellen, dass man wirklich freiwillig gegen Bezahlung Sex mit fremden Männern hat.

„Nur, weil man etwas für sich selbst nicht vorstellen kann, heißt das nicht, dass es nicht Menschen gibt, die ganz gut damit klarkommen. Ich kann jeden Menschen verstehen, der meinen Job nicht machen könnte, aber ich könnte auch nicht Arzt oder Krankenschwester sein. Die tägliche Konfrontation mit Tod und Krankheit würde ich psychisch nicht verkraften, trotzdem weiß ich, dass viele Menschen diesen Beruf mit Freude ausüben.“

Würden Sie denn sagen, dass es in der Sexarbeit einen größeren Anteil an Menschen als in anderen Berufen gibt, die mit den psychischen und physischen Anforderungen nicht klarkommen?

„Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube grundsätzlich nicht, dass dies der Fall ist. Allerdings hat Sexarbeit eine Sonderstellung, weil man keine formale Ausbildung benötigt und daher viele Leute dort landen, die lieber etwas Anderes machen würden oder die unter Umständen auch nicht dafür gewappnet sind. Dass diese Menschen in die Sexarbeit gehen, weil es immer noch die bessere Alternative zu Hartz IV ist, ist ein gesellschaftliches Problem, aber keines der Sexarbeit an sich.“

Würden Sie für diese Gruppe mehr Ausstiegsprogramme befürworten?

„Wir brauchen eine umfassende Beratung für SexarbeiterInnen in jeder Hinsicht, gerade weil es keine anerkannte Ausbildung für diesen Beruf gibt. Dazu gehören Ausstiegs- bzw. Umorientierungsprogramme in flächendeckendem Ausmaß, aber auch eine Einstiegsberatung sowie Weiterbildungs- und Professionalisierungsmaßnahmen für die Menschen, die diesen Beruf ausüben wollen. Mir hätte es zum Beispiel in meiner Anfangszeit durchaus geholfen, wenn mir eine Kollegin gesagt hätte: Dieser Freier da hat immer merkwürdige Wünsche, aber nur weil er dich bezahlt hat, musst du das nicht machen. Manche Dinge muss man erst einmal lernen, genau so wie jede Praktikantin in einer Werbeagentur erst einmal lernen muss, dass sie sich die schlüpfrigen Witze von ihrem Chef nicht gefallen lassen muss.“

Es gibt praktisch keine flächendeckende Untersuchungen zu dem Arbeitsbedingungen von Prostitutierten. Würden Sie sich mehr empirische Forschung wünschen?

„Ich würde mir definitiv mehr Forschung wünschen, zum Beispiel über die Arbeitszufriedenheit von SexarbeiterInnen. Interessant wäre auch zu wissen, wie viele es in welchen Segmenten gibt, aber nur, solange das nicht auf dem Buckel einer Anmeldepflicht passiert. Die halte ich angesichts der gesellschaftlichen Stigmatisierung für unverhältnismäßig. Viele meiner Kolleginnen wollen nicht, dass ihre Familie weiß, dass sie gelegentlich anschaffen geht, eine Anmeldepflicht wäre für die ein Drama. Auf lokaler Ebene sieht man, dass es da auch andere Möglichkeiten gibt, indem beispielsweise Werbeportale oder Anzeigen ausgewertet werden. Eine aktuelle Dunkelfeldstudie zu Gewalt und Ausbeutung wäre auch ganz spannend, denn ich glaube, dass die These, dass ein Gros der SexarbeiterInnen sich aus minderjährigen osteuropäischen Zwangsprostituierten zusammensetzt, da ganz schnell widerlegt werden würde.“

In der Diskussion um das sogenannte „Bordell Deutschland“ gilt die Sexarbeiterin nie als Ärgernis, sondern als bedauernswertes Opfer. Empfinden Sie das als verlogen?

„Ja, denn es ist nur ein Vorwand. Tatsächlich geht es darum, dass die Sexarbeiterin das Ärgernis ist. Man kann das in unserem öffentlichen Klima nur nicht mehr einfach so deutlich sagen. Früher hieß es, man müsse die Gesellschaft vor den Sexarbeiterinnen schützen, heute muss man sie vor sich selber oder den bösen Ausbeutern schützen. Interessanterweise sind die Maßnahmen, die gefordert werden, exakt dieselben. Deswegen ist es wichtig, dass wir selbstbestimmt und organisiert auftreten.“

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