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Robin: „Ich habe mich wie gelähmt gefühlt“

Vor einigen Wochen wurde Robin Opfer eines transfeindlichen Angriffs. Seine Geschichte ist ein erschreckendes Beispiel dafür, wie brutal sich Transfeindlichkeit tagtäglich äußert.

Robin ist nicht sein richtiger Name. Er möchte gerne anonym bleiben, da er sich nicht öffentlich outen möchte und Diskriminierung fürchtet. Vor einigen Wochen ist er Opfer eines transfeindlichen Angriffs geworden, und Robins Geschichte betrifft uns alle. Denn Queerfeindlichkeit und vor allem Transfeindlichkeit nehmen immer mehr zu. Dabei wissen wir nicht einmal, wie viele transfeindliche Hasstaten es tatsächlich gibt – die Zahlen entsprechender Übergriffe werden in den meisten Bundesländern nicht direkt erfasst. Dieses Interview wurde von unserer ehemaligen EF-Redakteurin Mona geführt und erschien erstmals bei Proudr. Zusammen mit Proudr positionieren wir uns klar gegen transfeindliche Gewalt und für Transrechte.

Hallo Robin, vielen Dank, dass du uns deine Geschichte erzählst. Du möchtest anonym bleiben, was wir natürlich respektieren. Kannst du uns dennoch ein bisschen über dich erzählen?

Robin: „Ich hatte mein Coming-out als trans Mann erst im letzten Jahr, wie so viele während der Pandemie, nachdem ich zuerst lange damit gehadert hatte. Nach zehn Monaten Hormontherapie sehe ich endlich mich selbst im Spiegel. Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich mir vorstellen, alt zu werden. Das ist ein unglaubliches Gefühl, einen positiven Blick auf die Zukunft zu haben. Gleichzeitig bedeuten die ersten Monate und Jahre der Transition für eine trans Person besonders viel Anstrengung, weil wir optisch noch nicht passen.“

„Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich mir vorstellen, alt zu werden. Das ist ein unglaubliches Gefühl, einen positiven Blick auf die Zukunft zu haben.“

Robin

Was bedeutet Passing: Passing bedeutet, dass eine Person mit dem Geschlecht wahrgenommen wird, das sie nach außen hin präsentiert. Passing kann beispielsweise dazu führen, dass eine trans Person direkt mit den richtigen Pronomen angesprochen wird oder für cis gehalten wird. Passed eine trans Person nicht, kann das bedeuten, dass sie mehr Diskriminierung erfährt. Vielen, aber nicht allen trans Menschen ist ihr eigenes Passing sehr wichtig.

Du bist vor kurzer Zeit Opfer von transfeindlicher Gewalt geworden. Magst du uns die Situation einmal schildern?

„Ich bin am späten Nachmittag mit der Tram zum Hauptbahnhof gefahren, weil ich zu einem Event in einer anderen Stadt wollte. Zwei Jugendliche waren mir schon beim Einsteigen aufgefallen, weil sie Kommentare über andere Fahrgäst*innen gemacht haben. Meine Kopfhörer haben eine Funktion, die Außengeräusche unterdrückt. An meiner Haltestelle bin ich früh aufgestanden, um als erster die Tram verlassen zu können. Ich habe gespürt, dass jemand hinter mir stand und etwas sagte, aber mit den Kopfhörern konnte ich nichts hören.

„Was ich in dem Moment hörte, habe ich erst später verstanden: ,Scheiß Transe!’“

Robin

In dem Moment, in dem sich die Türen öffneten und ich ausstieg, schubste mich jemand von hinten. Meine Kopfhörer fielen mit mir zu Boden. Mit den Händen konnte ich den Sturz bremsen. Reflexartig versuchte ich, die Kopfhörer so schnell wie möglich zu erreichen. Was ich in dem Moment gehört habe, habe ich erst später verstanden: ,Scheiß Transe!’. Ich rappelte mich auf und sah die Jugendlichen über die Gleise laufen. Mir war nicht wirklich etwas passiert. Ein paar kleine Schürfwunden, aber sonst war ich körperlich ok.

Ich stellte mich an den Rand des Gehsteigs, um andere Fahrgäst*innen nicht beim Ein- und Aussteigen zu hindern und steckte mir eine Zigarette an. Mit jedem Zug wurde mir klar, dass die Jungs mich gemeint hatten mit ,Scheiß Transe!’. Ich war die einzige trans Person weit und breit. Die Erkenntnis, dass geschubst zu werden in Verbindung stand mit der Bemerkung ,Scheiß Transe‘ war krass.“

Wie hast du dich im Moment des Angriffs gefühlt? Was hast du danach getan?

„Ich habe mich wie gelähmt gefühlt nach der Erkenntnis, dass es transphob motiviert war, geschubst zu werden. Mir ist körperlich nicht wirklich etwas passiert, aber dass die zwei Jungs die Motivation hatten, mich zu verletzen, weil sie mich als trans gelesen haben, das hat Angst bei mir hinterlassen.

„Ich habe zwei Freundinnen Bescheid gesagt, dass ich Support brauche, um mit einer schwierigen Situation umzugehen.“

Robin

Ich bin nach dem Angriff direkt nach Hause gelaufen. Auf dem Weg habe ich noch meine Veranstaltung abgesagt und zwei Freundinnen Bescheid gesagt, dass ich Support brauche, um mit einer schwierigen Situation umzugehen. Ich bin wirklich dankbar für meinen Freund*innenkreis.“

Du hast uns bereits erzählt, dass du dich nach dem Vorfall dazu entschieden hast, dich nicht bei der Polizei zu melden. Kannst du uns schildern, warum?

„Das ist ziemlich einfach. In NRW wird nicht ausreichend ausgewertet, ob es sich bei Taten um transphob oder homophob motivierte Taten handelt – bisher passiert das meines Wissens nach nur in Berlin. Es gibt zwar eine Kampagne, die LGBTIQ+ Personen dazu motivieren soll, Anzeige zu erstatten, aber ich persönlich habe kein Vertrauen in die Polizei. Zumal nur wenige Polizeibeamt*innen geschult sind im Umgang mit LGBTIQ+ Personen – und speziell mit trans Personen.

„Mich in diesem Zustand, in dem ich mich extrem verletzlich fühle, einer Situation auszusetzen, in der ich mit großer Wahrscheinlichkeit misgendert werde oder mein Passing von cis Menschen bewertet wird – das war für mich undenkbar.“

Robin

Mich in diesem Zustand, in dem ich mich extrem verletzlich fühle, einer Situation auszusetzen, in der ich mit großer Wahrscheinlichkeit misgendert werde oder mein Passing von cis Menschen bewertet wird – das war für mich undenkbar. Dazu kam, dass ich gerade ein paar Wochen zuvor meine Vornamens- und Personenstandsänderung (VäPä) hatte und mich quasi im rechtlichen Limbo befand. Bei der Beantragung meines neuen Personalausweises eine Woche vor dem Vorfall, wurde mein alter Ausweis eingezogen, weil er mit der VäPä seine Gültigkeit verloren hatte. Entsprechend konnte ich mich nicht ausweisen – zumindest nicht mit einem Personalausweis oder Führerschein. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine cis Person bei der Polizei so etwas nachvollziehen kann oder nur das fachliche Wissen hat, ist gering.

Die Vorstellung, mit Beamt*innen zu diskutieren, warum ich mich nicht ausweisen kann und trotzdem ernst genommen werden zu wollen in einer Situation, in der mir körperlich nicht viel passiert war, hat mich psychisch komplett überfordert. Hinzu kommt, dass die Strafen für transphob motivierte Taten immer noch viel zu gering sind (siehe zum Beispiel das Urteil zum Fall von Malte C.) und aus meiner Sicht weder Abschreckungseffekt haben noch den Situationen gerecht werden.

Werden queerfeindliche Hasstaten als solche erfasst?
Erst im Dezember 2022 wurde beschlossen, dass geschlechtsspezifische Gewalt explizit bei Hasskriminalität im Strafgesetzbuch erwähnt wird. Diese Art von Gewalt, vor allem gegen trans Personen, wird in vielen Bundesländern noch nicht explizit als solche erfasst. Es wird davon ausgegangen, dass es bei queerfeindlicher Gewalt grundsätzlich eine hohe Dunkelziffer gibt.

Hast du dir an anderer Stelle Hilfe oder Unterstützung gesucht?

„Puh, was bedeutet Hilfe oder Unterstützung? Meine Freund*innen waren da für mich. Die Person, die für das Event verantwortlich ist, auf das ich am Abend gehen wollte, hat mich unterstützt und mir mit meiner Entscheidung geholfen, ob ich Anzeige erstatten möchte oder nicht.

Ich war auch zum ersten Mal dankbar dafür, dass trans Personen in Deutschland eine bestimmte Anzahl an Therapiestunden ableisten müssen, wenn sie zum Beispiel geschlechtsangleichende Maßnahmen bei der Krankenkasse beantragen wollen. Entsprechend hatte ich therapeutische Unterstützung, um den Vorfall zu verarbeiten.“

Wie viel Zeit ist ungefähr seit dem Angriff vergangen und hat sich seitdem etwas verändert, zum Beispiel an deinem Verhalten oder deinen Gefühlen?

„Knapp sechs Wochen sind es aktuell. Ja, es hat sich definitiv etwas verändert. Ich bin wütender als vorher. Nicht nur auf die Jugendlichen, sondern auch darauf, dass mir in der Situation selbst niemand geholfen hat. Das hat mein Vertrauen, das ich sonst in Menschen habe, definitiv beschädigt. Ich bin immer davon ausgegangen, dass mir jemand hilft, wenn mal etwas passiert. Aktuell versuche ich, größere Menschenmengen und den ÖPNV zu vermeiden und wenn ich doch mit der Bahn fahren muss, dann trage ich zwar meine Kopfhörer, höre aber keine Musik und unterdrücke auch Umgebungsgeräusche nicht.

„[Der Übergriff] hat mein Vertrauen, das ich sonst in Menschen habe, definitiv beschädigt.“

Robin

Meine soziale Dysphorie ist außerdem schlimmer geworden. Ich wusste vor dem Vorfall schon, dass ich nur ca. 50 Prozent der Zeit als Mann gelesen werde. Das Wissen, dass aber schon Jugendliche erkennen, dass ich trans bin (auch wenn sie mich als trans Frau und nicht als trans Mann gelesen haben), ist ein ziemlicher Dämpfer für mein Selbstbewusstsein. Ich bewege mich aktuell mit weniger Selbstverständnis als Mann durch die Welt.“

Was bedeutet Dysphorie? Dysphorie bezeichnet vor allem bei vielen trans und nicht-binären Menschen eine Art des körperlichen oder sozialen Unwohlseins, das mit dem Geschlecht zusammenhängt. Körperliche Dysphorie beschreibt die eigene Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, wenn dieser nicht zu den Vorstellungen des eigenen Geschlechts passt. Soziale Dysphorie beschreibt die Unzufriedenheit damit, nicht von anderen Menschen als das eigene Geschlecht gesehen zu werden.


In der vergangenen Woche war der Trans Day of Visibility (auf deutsch: Tag der Sichtbarkeit von trans Menschen), passend dazu machst du deine Erfahrungen sichtbar. Was wünschst du dir zu diesem Anlass für trans Menschen, auch mit Hinblick auf deine Geschichte, heute und in der Zukunft?

„Das ist eine interessante Frage und ich wünsche mir mehr, als erfüllt werden wird.

• Ich wünsche mir mehr Zivilcourage.
• Ich wünsche mir mehr verpflichtende Schulungen für Beamt*innen zum Umgang mit LGBTIQ+.
• Ich wünsche mir, dass cis Menschen sich besser über trans Themen informieren und öfter Stellung beziehen.
• Ich wünsche mir, dass über das Selbstbestimmungsgesetz (SBG) neutraler berichtet wird und dass diejenigen, die berichten oder ihre Meinung kundtun, sich erst mit der Thematik auseinandersetzen und wissen, worum es tatsächlich geht.
• Ich wünsche mir, dass das Justizministerium das SBG nicht weiter blockiert.
• Ich wünsche mir mehr Reflexion von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und vor allem von Politiker*innen, was ihre unbedachten, ignoranten Äußerungen an Konsequenzen haben.
• Ich wünsche mir weniger Gatekeeping in der Medizin für trans Personen.
• Am meisten wünsche ich mir wahrscheinlich, dass Personen mit mehr Empathie handeln und realisieren, dass Menschen, die Minderheiten angehören, genauso Menschen sind, wie sie selbst.“

Was möchtest du anderen trans Menschen und queeren Menschen mitgeben, die queerfeindliche Gewalt erfahren haben oder vielleicht Angst davor haben, Opfer von queerfeindlicher Gewalt zu werden?

(Robin überlegt kurz)
„Hmmm, wahrscheinlich, so etwas wie:

• Du musst in einer Situation, in der du dich verwundbar fühlst,keine Aufklärungsarbeit leisten.
• Du musst keine Anzeige stellen, wenn sich die Situation für dich nicht sicher anfühlt.
• Du darfst immer auch Freund*innen mitnehmen, wenn du dich doch entscheidest, zur Polizei zu gehen.
• Sprich mit anderen Betroffenen – egal ob face to face oder online.
• Du darfst dich selbst schützen (zum Beispiel indem du Pfefferspray mit dir trägst).
• Und speziell an trans Personen: Du bist wertvoll und gut so wie du bist. Du bist genauso viel wert wie cis Menschen.“

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