Foto: Unsplash | Kinga Cichewicz

„Sei dein eigenes Wunschkind“ – wie wir lernen können, unser inneres Kind zu lieben

Der Autor Roland Kachler arbeitet in der Landesstelle für Psychologische Beratung Stuttgart und in einer eigenen therapeutischen Praxis. In seinem neuen Buch erklärt er, warum es nie zu spät ist, sein eigenes Wunschkind zu sein.

Ein bisschen Zweifel schwingt immer mit

Vielleicht kennt ihr das ja auch? Wir sind mit Freund*innen in einer Bar. Während alle schon ihre Jacke anziehen, huschen wir noch schnell auf die Toilette. Wenn wir zurückkommen, sind die anderen schon aus der Tür raus. Schnell wursteln wir uns unseren Schal um und eilen nach draußen, wo die Truppe ein paar Meter weiter doch auf uns wartet. Erleichterung. Natürlich haben sie uns nicht vergessen. Natürlich sind sie nicht ohne uns um die Häuser gezogen. Aber ein bisschen fragen wir uns schon, warum niemand drinnen gewartet hat, bis wir zurück von der Toilette sind. Haben sie mich etwa für einen Moment vergessen? Auch wenn wir es gar nicht wollen, wir fragen uns kurz, wie wichtig wir unseren Freund*innen überhaupt sind, wenn sie die Bar ohne uns verlassen können. Der Anblick vom leeren Tisch in der Bar, wo niemand mehr auf uns wartet sticht kurz ein bisschen im Herzen.

Zurückgelassen werden, alleine sein – das sind Ängste, die manchmal in alltäglichen Situationen aufkeimen können. Der Psychotherapeut Roland Kachler ist sich sicher, dass solche Emotionen oftmals aus der Kindheit rühren. Sein Buch „Sei dein eigenes Wunschkind“ hat er für Erwachsene geschrieben, die sich ungeliebt und irgendwie falsch auf dieser Welt fühlen. Ein Auszug:

Wollten meine Eltern mich?

Wenn wir der Geschichte des ungewollten und ungeliebten Kindes nachgehen, entdecken wir zunächst etwas Überraschendes und in unserer Zeit schon Vergessenes. Dieses Grundgefühl, einfach geliebt und empfangen zu werden, ist in unserer Menschheitsgeschichte gar nicht so alt. Kinder wurden bis ins 19. Jahrhundert – und in vielen Weltgegenden ist es bis heute so – nicht um ihrer selbst willen, sondern aus vielen anderen Gründen gezeugt. Kinder wurden als Arbeitskräfte auf dem Hof oder später in der Fabrik gewollt. Kinder sollten das Weiterbestehen der Familie sichern. Kinder mussten schließlich für die Altersversorgung und die Pflege der Eltern da sein.

Natürlich wurden Kinder sicherlich immer auch mit Erwartung und Freude empfangen, aber eben dann als Stammhalter der Familie oder als zukünftige Mithelfer. Und nicht selten war die Enttäuschung groß, wenn statt des männlichen Sprosses ein Mädchen in der Wiege lag. Dieses Mädchen war gar nicht erwünscht, es war nur ein weiterer Mitesser. Und wenn die Kinder dann da waren, wurden sie nicht als Kinder gesehen, geschweige denn als solche behandelt. Sie wurden durch der Brille der Erwachsenen als kleine Erwachsene gesehen. Kinder sollten lange Zeit weder selbstbewusst noch stolz sein, im Gegenteil, vielmehr sollte ihr Wille früh gebrochen werden.

Als eigenständige Person waren Kinder nicht erwünscht, zumindest nicht in ihrer Kindheit. Kinder mit eigenen Bedürfnissen und gar eigenen Rechten hätten sich nicht so leicht eingefügt in die Erfordernisse des damaligen Lebens. Natürlich wurden Kinder auch versorgt und erzogen, natürlich gab es auch mütterliche und vielleicht auch väterliche Gefühle. Dafür hat schon das Bindungssystem, das wir mit den anderen Säugetieren teilen, gesorgt. Aber als kleine Individuen mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen oder gar kindlichen Rechten wurden Kinder nicht gesehen.

Wohin mit den Wünschen der Eltern?

Sich ungewollt oder ungeliebt fühlen ist ein sehr starkes, uns als Kind dominierendes Gefühl. Deshalb wundert es nicht, dass wir auch als Erwachsene immer wieder in diese Emotion rutschen. Manchmal ist es ein alles durchziehendes Grundgefühl, das unsere Stimmung gegenüber dem Leben prägt. Mit diesem Grundgefühl können wir nicht glücklich leben und uns frei entfalten. Stattdessen stellt es uns immer wieder ein Bein und wir stolpern in größere oder kleinere Katastrophen, nicht selten auch in ein dauerhaftes Unglück – zum Beispiel in unserer Partnerschaft. Unsere alltäglichen und unser größeren Unglücke fallen also nicht immer vom Himmel, sondern entstammen auch unserer Kindheit, in der unser Inneres Kind entstanden ist und geprägt wurde.

Es gehört zur zentralen Aufgabe der Eltern, insbesondere in den ersten drei Lebensjahren einfühlsam für die Gefühle des Kindes da zu sein. So können sie dem Kind spiegeln, was dieses jetzt wohl fühlen mag. Dies sollte aber immer ein freundliches Angebot sein und die Eltern sollten nachspüren, ob ihre Rückmeldung für das Kind stimmt. So könnte das Weinen eines Kindes nicht nur, wie von den Eltern interpretiert, ein Ausdruck von Müdigkeit, sondern auch von Traurigkeit sein.

Manche Eltern aber scheinen zu wissen, was ihr Kind fühlt, und legen dann das Kind darauf fest, obwohl es möglicherweise etwas ganz anders spürt. Diese Kinder können dann nicht erforschen, was sie selbst spüren – und das eigene Gefühl wird damit als falsch erlebt. Noch destruktiver ist es, wenn Eltern die Gefühle ihrer Kinder leugnen oder gar abwerten – mit der Botschaft: „Deine Gefühle sind falsch“ oder „Du fühlst nicht richtig“. Auch hier erlebt sich das Kind wieder als Ganzes nicht richtig. Das genaue Spüren der eigenen Gefühle ist eine wichtige Basis, um Vertrauen in sich und die eigene Wahrnehmung zu entwickeln. Zudem zeigen Gefühle auch Bedürfnisse des Kindes an. Kinder, deren Gefühle geleugnet, abgewertet oder als falsch deklariert werden, können weder das Vertrauen in sich noch ein Gespür für die eigenen Bedürfnisse entwickeln.

Keine perfektionistischen Ansprüche

Leider gibt es Eltern, die an ihren Kindern vieles oder alles kritisieren, oder ständig an ihnen herumerziehen. Oft ist dies der guten Absicht geschuldet, die Kinder nach bestimmten Maßstäben zu erziehen, nicht selten ist es aber der konkrete Ausdruck dessen, dass die Eltern ihr Kind nicht wirklich mögen und akzeptieren. Kinder fühlen sich dann in der Tiefe ihrer Person von ihren Eltern nicht geschätzt und geliebt. Das häufige Herumnörgeln, die ständige Fehlersuche und das häufige Korrigieren der Kinder spiegelt oft eine Unzufriedenheit der Eltern mit sich oder ihrem Leben wider, die dann die Kinder trifft. Immer wieder haben Eltern perfektionistische Ansprüche an ihre Kinder, denen diese nie genügen können. Kinder glauben dann, dass sie defizitär und als ganze Person nicht in Ordnung sind.

Kinder können die ständige Kritik ihrer Eltern nicht relativieren oder zurückweisen, weil sie auf deren Liebe und Sichtweise komplett angewiesen sind. Kinder werden dann sehr verunsichert und verlieren das Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Sie können so kein stabiles Selbstvertrauen aufbauen, aus dem heraus sie sich selbst – gerade mit Fehlern – annehmen und lieben können.

aus: „Sei dein eigenes Wunschkind“, Herder Verlag, 2018, 206 Seiten, 20,00 Euro

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