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Nie mehr sprachlos! So kontert ihr sexistische Stammtischsprüche

Immer schlagfertig zu sein, ist gar nicht so einfach – gerade wenn es um alltäglichen Sexismus geht. Das Buch „No More Bullshit“ zeigt jedoch mit Argumenten und Fakten wie das geht. Wir haben reingelesen.

Tschuldigung, aber geht’s noch?

Sie regen uns auf, schocken uns und lassen uns manchmal sprachlos zurück: Sexistische Aussagen, die einfach nur Bullshit sind. Ob in der Familie, unter Freund*innen oder in der Öffentlichkeit – immer wieder hauen Leute Sätze raus, bei denen man glaubt, wir würden immer noch in den 50er Jahren festhängen: „Frauen wollen ja gar nicht in Führungspositionen!“, „Achtung, Bitch Fight!“ oder „Frauen sind ja so sensibel!“ All das ist sexistisches Stammtischgelaber, ohne viel dahinter – und doch weiß man manchmal nicht, wie man darauf reagieren soll. Hut ab vor denen, die es schaffen solche verbalen Attacken immer gelassen zu kontern.

Um besser auf derartige Diskussionen gefasst zu sein, hat das Netzwerk Sorority ein Buch verfasst. Wissenschaftler*innen, Expert*innen und Künstler*innen widerlegen in „No More Bullshit“ gängige sexistische Stammtischweisheiten. Mit Argumenten und Fakten wappen sie einen dafür, die nächste Bullshit-Aussage zu kontern. Wir haben uns das Buch genauer angeschaut.

„Achtung, Bitch Fight!“ – Bullshit zur Hölle geschickt von Sandra Nigischer & Martina Schöggl

Mit Frauen* zusammenarbeiten? „Achtung, Bitch Fight!“ Frauen* unter sich? „Da ist Zickenkrieg vorprogrammiert.“ Viele Frauen im Büro? „Na dann, viel Spaß beim Weibercatchen.“ Klischees, die vermeintlich „weibliches“ Verhalten abwerten, halten sich hartnäckig. Tiermetaphern wie „Zicke“ oder „Stutenbissigkeit“ naturalisieren bestimmtes zwischenmenschliches Verhalten obendrein. So als könnten Frauen* gar nicht rational entscheiden, wie sie Konflikte austragen wollen. Viel eher würden sie einander behindern, wenn sie nicht gerade am Lästern sind.

Gleich vorweg: Dass das Bullshit ist, belegen unter anderem Frauen*netzwerke wie die Sorority. 2014 gegründet mit dem Anspruch, ein Gegengewicht zu männlichen Seilschaften zu bilden, umfasst der ehrenamtliche Verein heute rund 600 Mitglieder. Neben monatlichen Netzwerktreffen, Weiterbildungsworkshops oder kulturellen Veranstaltungen interagieren zu dem fast 3.000 Sorority-Sympathisantinnen miteinander online. Ohne Solidarität, dem Bekenntnis, einander zu unterstützen und der Überzeugung, dass Frauen* kein bisschen weniger großartig sind als Männer*, wäre das Projekt wohl binnen kürzester Zeit gescheitert. Das Gegenteil ist der Fall: Die Sorority wächst kontinuierlich.

Zusammenhalt bietet Vorteile

Weiblicher Zusammenhalt ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil sich Frauen*netzwerke als Strategie gegen Ausschlüsse durch männlich geprägte Machtstrukturen verstehen lassen. Denn Bünde von Männern*, die bis in die jüngste Vergangenheit auch ausschließlich Männern* zugänglich waren, gibt es historisch betrachtet wesentlich länger als Frauen*netzwerke. Solche Vernetzungen und Kooperationen – ob informell oder institutionalisiert – bieten Vorteile für jene, die daran teilhaben: Zu ihnen gehört beispielsweise, Zugang zu wichtigen Informationen zu erhalten, die nur einem kleinen, privilegierten Kreis zugänglich sind oder (noch) nicht öffentlich. Funktionen von Männer*netzwerken analysiert beispielsweise Psychologin Dagmar Schmelzer-Ziringer in ihrer Dissertation: Das Gefühl der Zugehörigkeit zählt sie dazu und die strategische Fähigkeit zum Abstecken von Interessen und zum Machterwerb. So lässt sich auch nachvollziehbar begründen, warum es Frauen* als kooperatives Kollektiv braucht: um neue, eigene Räume einzunehmen, in denen neue Verantwortungen übernommen und gemeinschaftliche Interessen durchgesetzt werden können. Das Ziel? Machtausgleich.

Warum haben Frauen* eigentlich relativ spät begonnen, sich zu vernetzen? Überlegungen dazu stellt etwa Philosophin Simone de Beauvoir in ihrem berühmten Werk Das andere Geschlecht an: Indem Frauen* lange von öffentlichen Machtpositionen ausgeschlossen waren und nur erreicht hätten, was ihnen Männer* zugestehen wollten, hätten sie gelernt, männliche Autorität zu akzeptieren und untereinander nie eine geschlossene Gesellschaft gebildet. Vielmehr waren sie Bestandteil eines von Männern* beherrschten Kollektivs, in dem sie einen untergeordneten Platz eingenommen haben. Die folgende Zeile lässt sich beinahe als Bullshit-Antwort auf „Achtung, Bitch Fight!“ lesen, wenn Beauvoir schreibt: „Wer der Frau, indem er sie in die Grenzen ihres Ichs oder ihres Heims verbannt und alles, was an Eitelkeit, Argwohn, Bosheit etc. darauf folgt, zum Vorwurf macht, beweist Inkonsenquenz.“ Apropos Inkonsequenz. Für Männer* gelten ohnehin andere Maßstäbe: Kräftemessen in Meetings oder Dominanz-, Konkurrenzverhalten und Wettbewerb gehören im Job als Mittel der Machterlangung irgendwie dazu. Natürlich gibt es immer wieder Arbeitskolleginnen, die einem bei Gelegenheit das Messer in den Rücken rammen würden, räumt Psychologin Lois P. Frankel in ihrem Bestseller Nice Girls Don‘t Get the Corner Office ein. Das gelte aber in gleichem Maße für männliche Kollegen, von denen dasselbe zu befürchten sei. Warum viele dennoch den Fokus auf eine vermeintlich „weibliche“ Unkollegialität legen, hat für Frankel unter anderem folgende Gründe: Zum einen sei es sozial akzeptierter, auf Schwächen von Frauen* hinzuweisen als auf jene von Männern*. Zum anderen hätten Frauen* beruflich oft weniger Chancen und müssten sich diese härter erarbeiten – was angesichts einer Knappheit an Möglichkeiten eher Konkurrenz denken bedinge.

Die Folge: Frauen* könnten sich fälschlicherweise gegenseitig eher als Herausforderinnen sehen. Das gängige Klischee des sogenannten „Queen-Bee-Syndroms“ ist zudem übrigens empirisch kaum belegt, wie Psychologin Schmelzer-Ziringer festhält: Es beschreibt das Verhalten, dass erfolgreiche Frauen* Kolleginnen unter ihnen kritischer beurteilen würden als männliche Mitarbeiter in ihren Teams. Die Angst um den Verlust eigener errungener Privilegien, des eigenen Solo-Status soll dafür der Grund sein. Laut Schmelzer-Ziringer gibt es aber mehr Belege für den umgekehrten Fall: „Trotz der schwierigen Bedingungen, die Frauen* als Netzwerkerinnen haben, bemühen sie sich, jüngere Frauen* zu fördern, auch wenn sie selbst nur selten von Frauen* gefördert wurden.“

Geteiltes Wissen als wichtige Ressource

Anderen zu helfen bedeutet natürlich nicht, den eigenen Erfolg automatisch zu gefährden, als wäre er eine begrenzte Ressource. Netzwerkakteur*innen wissen das. Sie sind insofern wechselseitig aufeinander angewiesen, analysiert Schmelzer-Ziringer, als sie sich dessen bewusst sind, ihre Interessen und Ziele eher via Vernetzung und Zusammenlegung von Ressourcen wie Wissen, Kompetenz, Geld oder Information verfolgen und erreichen zu können, denn als Einzelne. „Einzelne, die Zeugnis ablegen, verändern die Geschichte nicht; das können nur Bewegungen, die ihre soziale Welt begreifen“, hielt auch die US-amerikanische Journalistin und Kulturkritikerin Ellen Wills fest.

Wie lassen sich Netzwerke bilden? Und was bedeutet Solidarität, wie sie die Sorority etwa in ihrem Motto „Solidarity, Sister!“ propagiert? Solidarität bedeutet, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen, sich im Bewusstsein zu begegnen, dass Frauen* in verschiedenen Variationen struktureller Diskriminierung ausgesetzt sind, je nach ökonomischem, sozialem oder kulturellem Background, und oft schon allein wegen ihres Frau*seins anders bewertet werden. Solidarität bedeutet, sich in Respekt und auf Augenhöhe zu begegnen, andere Leistungen anzuerkennen und mitzuhelfen, sie sichtbar zu machen. Solidarität bedeutet, füreinander einzustehen und bei blöden Witzen über Kolleginnen* nicht wegzuhören, sondern dagegenzuhalten.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Gemeinsam lassen sich Probleme besser lösen, zu denen einem selbst vielleicht die Zugänge fehlen. Teamplayer*innen teilen Erfahrungen, die anderen bei der Entscheidungsfindung helfen, schärfen in Diskussionen Argumente und wägen Meinungen ab, bieten einander Hilfe an und holen sie ein, konsultieren im Netzwerk Expert*innen bei Fachfragen, knüpfen Kontakte und geben sie weiter oder tauschen frauenspezifische Informationen aus, etwa zu genderpolitischen Karrierefragen.

Mit den Ressourcen eines Kollektivs lassen sich Hürden oft schneller und kreativer meistern als in Organisationen mit ausschließenden Hierarchien, in denen die Rede-, Vorschlags- oder Entscheidungsrechte oft bei wenigen Privilegierten liegen. Mit positiv gestimmten, konstruktiven und solidarischen Mitstreiter*innen im Rücken lassen sich Querschüsse von anderen Kolleg*innen oder Seilschaften außerdem besser verdauen.

Alle Geschlechter profitieren

Die wird es nämlich weiterhin geben: Menschen, die Frauen* beispielsweise als „stutenbissig“ degradieren und sich „Bitch Fights“ sogar herbeiwünschen, sei es zur eigenen, unmittelbaren Belustigung, zum schnellen Sieg im Büro-Kleinkrieg oder schlicht, um gesellschaftliche Machtverhältnisse zu zementieren. Autorin Laurie Penny sieht das in ihrer Essaysammlung Bitch Doctrine ähnlich: „Die größte Angst ist mit der Vorstellung verbunden, Frauen könnten künftig womöglich zusammenarbeiten. Dass Frauen sich organisieren – statt um die Aufmerksamkeit von Männern zu buhlen, wie es richtig und natürlich wäre –, ist schon beängstigend genug.

Eine Welt, in der Frauen die Verantwortung übernehmen, ist schlicht undenkbar; sie sich dennoch vorzustellen bedroht akut die Identität jener, die für ihr Selbstbild schon immer eine Geschichte brauchten, in der die Männer oben sind.“ Dass diskriminierende Geschlechterverhältnisse letztlich allen schaden, liegt auf der Hand. Ohne ihr Aufbrechen durch feministische Bewegungen hätte es Errungenschaften wie das aktive und passive Frauen*wahlrecht, den Universitätszugang für Frauen*, die Straffreiheit von Schwangerschaftsabbrüchen, oder die Strafbarkeit von häuslicher Gewalt und Vergewaltigung in der Ehe nie gegeben. Auch Männer* profitieren vom Abbau schädlicher Stereotype, wie jenem des erfolgreichen Mannes*, der alles unter Kontrolle haben muss: Dafür reicht ein Blick auf männlich dominierte Gewalt-, Sucht- oder Suizidstatistiken, die viele Untersuchungen auf gesellschaftlich tradierte Konstrukte von Maskulinität zurückführen.

Wie geht Solidarität?

— Sei anderen Frauen* eine Fürsprecherin, auch in deren Abwesenheit!
— Empfiehl Kolleginnen weiter und erhöhe so ihre Sichtbarkeit!
— Stelle ihnen hilfreiche Leute vor!
— Hilf Jüngeren, Spielregeln im Job schneller zu durchschauen!
— Gib ehrliches Feedback!
— Biete Frauen Rückhalt, wenn über sie gelästert wird.
— Verzichte auf frauenspezifische Schimpfwörter und Abwertungen!
— Unterstütze Frauen* in Meetings und wiederhole ihre gute Ideen!
— Hilf ihnen, gehört zu werden und nenne ihre Namen.
— Schlage Frauen* für offene Stellen, als Expertinnen oder Vortragende vor.
— Feiere Kolleginnen*, wenn sie erfolgreich sind!
— Erzähle Mädchen*, dass sie nicht dünn, schön und nett sein müssen, um geliebt zu werden, wichtiger sind Macht, Intelligenz und Autonomie!
— Lege dein Veto ein bei sexistischen Phrasen, im Job,in der Familie und auf Social Media!
— Sei Teil eines Frauen*netzwerks oder schaffe dein eigenes!

aus: No More Bullshit – Das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten von Sorority e.V.; Kremayr & Scheriau 2018; 176 Seiten; 19,90 Euro, ISBN: 978-3-218-01134-1

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