Foto: Ryan McGuire

Slow Work: „Erfolgreich ist, wer erfüllt ist“

Wir haben ständig das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben. Besonders für die wichtigen Dinge des Lebens. „Slow Worker*innen“ nehmen sich diese Zeit einfach.

Eine neue Langsamkeit als Erfolgsrezept

Wenn Arianna morgens aufwacht, geht es ihr gut. Sie hat acht Stunden Schlaf hinter sich, ihre Energiereserven aufgetankt und kann erfrischt in den Tag starten. Das war nicht immer so. Sie entschied sich erst für diesen Lebensstil, als sie nach einem Schwächeanfall ihren Schreibtisch von unten sah.

Die Rede ist von Arianna Huffington, Mitbegründerin der Huffington Post. Ein knallharter Burnout riss sie 2007 aus dem Hamsterrad. Jetzt reist sie mit ihrem neuen Buch „Die Neuerfindung des Erfolgs“ durch die Welt und trommelt für eine gesunde Work-Life-Balance. Sie sagt dabei Sätze wie „Schlaft euch zum Erfolg“ und „Langfristig allerdings sind Geld und Macht allein wie ein Hocker mit zwei Beinen – man kann eine Weile darauf balancieren, aber irgendwann kippt man um“. Das ist feinster Marketingsprech. Und im Kern doch so richtig.

Die unerträgliche Schnelligkeit des Seins

Wir leben in einer gehetzten Welt. Höher, schneller, weiter. Alles ist möglich und muss genutzt werden. Je weniger Pausen wir haben, desto produktiver fühlen wir uns. Dabei ist noch lange nicht gesagt, dass unser Herumgerenne und ständige Erreichbarkeit wirklich zu etwas führen. Außer zur totalen Erschöpfung.

Ob Modewort oder nicht – seit der sperrige Begriff Erschöpfungszustände vom Wort Burnout abgelöst wurde, wird zumindest offener über das Thema geredet. Seitdem kann man diesen Begriff auch auf Partys mal eben so fallen lassen kann, ohne schief angeguckt zu werden. Viele nicken dann einfach. Man kennt das. Been there, seen that. Es gibt Verständnis. Jedoch: Ist das nicht traurig? Sind wir etwa alle Brüder und Schwestern im erschöpften Geiste?

Es ist an der Zeit, dass sich daran etwas ändert.

Slow Work – Der Abschied vom klassischen Erfolgsmodell

Wann sind wir eigentlich erfolgreich? Wenn wir am schnellsten oben angekommen sind? Oder mehr verdienen als alle anderen? Für manche mag das so sein. Viele von uns sehen das inzwischen anders. Wir haben gemerkt, dass uns etwas fehlt und dass wir nicht mehr bereit sind, für diese vermeintlichen Erfolgssymbole unser Wohlbefinden zu opfern.

Wir sind uns zu wichtig geworden. Ein neuer Egoismus? Wohl eher ein neues, gesünderes Selbstbewusstsein.

Genau da setzt die „Slow Work“-Bewegung an. Erfolgreich ist, wer erfüllt ist. Und nicht, wer im Arbeitsleben jeden Sprint gewinnt. Damit stellen sie das bisherige Verständnis von Erfolg auf den Kopf – und gewinnen eine neue Arbeits- und Lebensqualität.

„Slow Work“ bedeutet nicht, dass man die Arbeit schleifen lässt und die Hände in den Schoß legt. Im Gegenteil. Es geht darum, effektiver zu arbeiten, indem man Ruhepausen kultiviert und so Kraft tankt. Es geht um mehr Achtsamkeit für die eigenen Ressourcen und ein größeres Bewusstsein fürs eigene Wohlbefinden.

Das, was Arbeitgeber früher versprochen haben, reicht heute nicht mehr. Geld, Macht, Status. Zusätzlich wollen wir mehr Zeit für Regeneration und Erfüllung. Da beides oft (noch) nicht zusammen geht, müssen wir uns entscheiden. Weniger Geld im Austausch gegen mehr Zeit.

Wer macht denn sowas?

Immer mehr Menschen. Und nicht nur die Jüngeren aus der sogenannten „Generation Y“. Auch Manager aus den oberen Führungsetagen ändern ihre Einstellung. Sie machen sich mit 55 endlich selbstständig, werden Weinbauer oder gehen für die Familie in Teilzeit. Es geht also weniger um eine Generationsgeschichte, als vielmehr um ein neues, altersunabhängiges Denken. Kurz: Einen neuen Zeitgeist.

Slow Worker definieren sich nicht länger ausschließlich über materielle Benefits. Natürlich wollen und müssen sie ihre Miete zahlen. Aber sie machen ihr Lebensglück nicht von Geld, Macht und Status abhängig. Sie verzichten lieber, um Zeit für etwas anderes zu gewinnen. Das Frühstück mit den Kindern, einen Nachmittag für ehrenamtliches Engagement oder eine lange Reise beispielsweise.

Sie stellen sich Fragen wie: Tut es mir und meiner Familie gut, vier Tage die Woche auf Geschäftsreise zu sein? Will ich wirklich nach Feierabend erreichbar sein? Sind drei zusätzliche Urlaubstage nicht besser als zweihundert Euro mehr auf dem Konto?

Timeout statt Burnout

Slow Worker kennen ihre Grenzen. Sie wissen, dass sie gut mit sich selbst umgehen müssen, um auch langfristig Energie für die Arbeit zu haben. Denn sie wollen ja arbeiten – nur anders und weniger. Die passenden Modelle heißen Sabbatical, Elternzeit, Teilzeit oder Teleheimarbeit. Sie werden immer stärker nachgefragt, weil sie Freiräume bieten.

Zeit. Darum geht es. Zeit haben für das, was einem neben einer herausfordernden Aufgabe auch wichtig ist. Sei es die Familie, einfach mal ausschlafen oder eine Reise um die Welt. Eine Auszeit für den ersten eigenen Roman oder andere Träume. Die Berliner Firma Descape machte aus letzterem ein Geschäftsmodell. Sie bietet Schnuppertrips in den Traumjob an – sei es Winzer, Tischler oder Fotograf. Nur für kurz. Aber lang genug, um den Kopf freizubekommen und Neues auszuprobieren.

Haben wir das nicht alles schon einmal gehört?

Doch. Häufig sogar. Es ist keine Neuigkeit, dass guter Schlaf, Ruhepausen zwischendrin und Abschalten nach getaner Arbeit wichtig sind. Wichtig, um produktiv und kreativ zu sein. Aber es ist trotzdem noch nicht bei allen angekommen. Viele verharren in ihrer Unzufriedenheit, die sich durch kleine Veränderungen lösen ließe.

Die Möglichkeiten für ein entspannteres, ruhigeres Arbeitsleben sind da. Oft reicht schon ein Gespräch mit dem Chef, in dem man offen seine Gründe für den Wunsch nach einer Vier-Tage-Woche erklärt. Oder für eine Auszeit. Der Schritt mag im ersten Moment ein mulmiges Gefühl auslösen, weil wir Angst vor einer Ablehnung haben. Verständlich. Die Alternative ist dann jedoch was? Genau, das eigene Glück aufzuschieben. Bis irgendwann. Oder nie. Nicht sehr verlockend und kein Ausweg aus dem Hamsterrad.

Alles, was wir brauchen, ist ein bisschen Mut. Denn etwas ganz Entscheidendes haben wir schon: Die Gewissheit, dass wir nicht allein sind. Die „Slow Work“- Bewegung wächst und wächst.

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