Foto: Carlos Arthur | Unsplash

Häusliche Gewalt – meine Erinnerungen an eine gewaltvolle Kindheit

Häusliche Gewalt ist immer noch ein Tabuthema. Die Erfahrungen von häuslicher Gewalt begleiten Menschen oft ein Leben lang. Unsere Community-Autorin berichtet von ihren Erfahrungen.

 

Die Erinnerung an häusliche Gewalt 

Heute morgen läuft im Radio ein Bericht über häusliche Gewalt: In Bayern sind jährlich rund 140.000 Frauen potentiell von körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch ihren Partner betroffen. Ich merke, wie ich genauer hinhöre: Es gibt 40 Frauenhäuser in Bayern, in denen betroffene Frauen mit ihren Kindern Unterschlupf finden. Der Bericht beschäftigt mich.

Denn eines ist bei diesem Bericht anders: Ich höre den Bericht heute nicht mit den Ohren einer Zuhörerin, ich folge dem Bericht plötzlich als Betroffene. Genau das, was da über die Situationen in den Familien geschildert wird, beschreibt die schlimme Realität meiner Kindheit: Paula, heute 37, erzählt wie es für sie als Kind war mit einem gewalttätigen Vater aufzuwachsen. Sie beschreibt ihre Gefühle und dass sie nie vergessen wird, wie und wann sie zum ersten Mal geschlagen wurde. Das Hoffen auf Hilfe von Außen, auf Besserung und die Enttäuschung, weil sich wieder und wieder nichts ändert. Heute hat Paula den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen und ihr geht es gut damit. 

Wie wäre wohl mein Leben verlaufen, wäre meine Mutter damals mit uns vor meinem Vater in ein Frauenhaus „geflohen“? Ich frage mich, ob es mir wie Paula helfen würde, wenn ich den Kontakt zu meinem Vater abbrechen würde. Und was wäre gewesen, wenn ich nicht erst jetzt angefangen hätte, darüber zu sprechen und mir diese Fragen zu stellen?

Wo fängt häusliche Gewalt an und wo hört sie auf?

Die Art, wie über häusliche Gewalt berichtet wird, zeigt, dass das Thema keine Bagatelle ist. Häusliche Gewalt kann das Leben von Betroffenen kaputt machen – für immer. Es ist ein Thema, dass die Gesellschaft betroffen macht, aber genauso ein Thema, vor dem die Menschen wegschauen. 

In meinem Bewusstsein wächst erst seit diesem Jahr die Erkenntnis, dass in meiner Kindheit Dinge passiert sind, die nicht hätten passieren sollen. Es wurden Grenzen überschritten. Meine Mutter, mein Bruder und ich, wir gehören zu der großen Dunkelziffer der Familien in Deutschland, in denen es Gewalt gibt über die nie geredet wurde. Wie es sich anfühlt, ein Opfer zu sein, das habe ich ganz tief irgendwo in mir begraben – genauso wie die Erinnerungen an die Gewalt. Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich als erstes all die schönen Fotos aus unseren vielen Fotoalben, die uns im Urlaub zeigen oder gemeinsam unter dem Weihnachtsbaum – als heile Familie. Aber kein Foto zeigt, was wirklich war. Kein Foto zeigt, was hinter dem gestellten Lächeln passierte: die Schläge, die ich bekommen habe, den ständigen Streit, das Gebrüll von meinem Vater und die Gewalt gegen meine Mutter. Kein Foto zeigt meine Angst vor meinem Vater.

In meinem Kopf fehlen die meisten Erinnerungen an das, was passiert ist. Mein Bruder weiß noch viel mehr von den schlimmen Schlägen. Ich sehe nur ein paar Sequenzen, die schnell wieder vorbei sind. Ich könnte nicht wie Paula sagen, wann und wo ich das erste Mal geschlagen wurde. Für mich gehörten die Aggressionen meines Vaters schon immer zum Alltag, es war meine Normalität und ich habe Strategien entwickelt, damit zu überleben.   

Wir hatten alle vier unsere festen Hauptrollen in dem Film „Die Vorzeige-Familie“.      

Warum wollte ich das alles nicht sehen?! Warum fange ich erst jetzt an, das Drehbuch umzuschreiben? Wie kann ein Mensch das ertragen? Wie habe ich das ertragen? Es macht mich traurig. Ich fühle mich klein und verletzlich und frage mich, was ich hätte ändern können. Die Antwort: Nichts. 

Also versuche ich es anzunehmen, mein ganzes Leben. Vielleicht will ich auch einmal ein Frauenhaus besuchen – nicht als Opfer, nicht als Zuschauer, einfach so als Mensch.  

Anmerkung der Redaktion

Wenn ihr von Häuslicher Gewalt betroffen seid oder jemanden kennt, gibt es viele Möglichkeiten euch Hilfe zu holen. Seit 2013 gibt es zum Beispiel das gesetzliche Hilfetelefon. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen” ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Unter der Nummer 08000 116 016 und via Online-Beratung unterstützen sie Betroffene aller Nationalitäten, mit und ohne Behinderung – 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Auch Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie Fachkräfte beraten sie anonym und kostenfrei.

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