Bild: Kelly Sikkema | Leah Kunz | EDITION F

Warum es wichtig ist, auch mal die Klappe zu halten

Liebe weiße Männer,

in den vergangenen Wochen habe ich mir oft gewünscht, dass Menschen laut sind. Aufstehen, sich beschweren, einstehen gegen Ungerechtigkeiten, gegen Diskriminierung, gegen Hass. Es ist nötig, laut zu sein. Es ist wichtig, etwas zu sagen, wenn Unrecht geschieht.

Mindestens so oft, wie ich mir gewünscht habe, dass Menschen den Mund aufmachen, habe ich mir gewünscht, dass Menschen einfach mal die Klappe halten. Fast immer handelte es sich in diesen Fällen um weiße Männer.

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Im Presseclub zum Beispiel, als es um Rassismus ging. Die Schwarze Journalistin Hadija Haruna-Oelker erklärte eloquent strukturellen Rassismus – und wurde dabei mehrmals von ihrem weißen Kollegen Alexander Kissler unterbrochen.

Bei einem Treffen mit Freundinnen und einem Freund, als wir über sprachliche Diskriminierungen am Beispiel des N-Worts sprachen – und der Freund es einfach aussprach. Obwohl wir es bereits vorher mehrmals N-Wort nannten, er es also hätte besser wissen können, besser wissen müssen.

„Du siehst heute aber scheiße aus“

In meinem Bett, als der Mann, der für eine kurze Zeit mein Freund war, meinen Bauch als „dick“ bezeichnete – ohne dass ich ihn um eine Bewertung gebeten hatte.

Am Cafétisch, als der gleiche Mann mir mehrmals attestierte, „heute aber wirklich scheiße“ auszusehen – ohne dass ich ihn um eine Bewertung gebeten hatte.

In Pressekonferenzen, in denen der deutsche Bundesinnenminister eine*r Autor*in mit einer Strafanzeige drohte, weil sie*er in satirischer Form in einer Kolumne auf Polizeigewalt, die in Deutschland vor allem von Rassismus betroffene Personen betrifft, aufmerksam machte.

In Podcasts, in denen Männer wie Jan Böhmermann und Olli Schulz die ersten fünf Minuten alle Sexismen, die sie so kennen, reproduzieren. Haha, wie witzig. (Nein, ist es nicht.)

Wenn ich darüber nachdenke, wann ich mir wünsche, dass Menschen die Klappe halten, sind es fast immer weiße Männer. Und gerade sie sind es, die eigentlich überall zu hören sind. In Podcasts, in Pressekonferenzen, in Talkshows.

Warum fällt es euch so schwer, einfach mal die Klappe zu halten und zuzuhören?

Dann könntet ihr nämlich verstehen.

Zum Beispiel, dass es nicht weiße Menschen sind, die zu bestimmen haben, ob man das N-Wort aussprechen sollte oder nicht. Zum Beispiel, dass es nicht witzig ist, Sexismen zu reproduzieren. Zum Beispiel, dass Frauenkörper nicht darauf warten, von euch bewertet zu werden. Zum Beispiel, dass es beim Thema rassistisch motivierte Polizeigewalt erstmal darum gehen muss, von Rassismus betroffenen Personen zuzuhören als einem alten weißen Mann.

Wer ist „wir“?

Warum ihr einfach mal zuhören solltet? „Es geht um einen Austausch über die Frage, wer aus wessen Sicht ,ihr‘ und wer ,wir‘ ist – statt einfach zu behaupten, dass in einem gemeinschaftlichen ,Wir‘ sowieso alle eingeschlossen seien“ schreiben Paula-Irene Villa und Andrea Geier in ihrem Artikel „Wer hat Angst vorm Zuhören?“.

Es kann kein „Wir“ geben, wenn „wir“ nur euch meint.

Habt keine Angst vorm Zuhören. Ihr schafft das. Und ihr seht bestimmt gut aus dabei.

Eure Mareice

P.S. Ihr seid nicht allein. Für uns weiße Frauen gilt auch, worum ich euch bitte. Wie im Presseclub, als die Moderatorin Ellen Ehni das N-Wort aussprach, obwohl Hadija Haruna-Oelker vorher bereits sagte, dass es ein rassistischer Begriff sei. Unsere Autorin Helen Hahne beschreibt unseren Lernprozess so: „Das kann unbequem werden, weil man das tun muss, was man immer wieder von weißen Männern fordert: Sich seine eigenen Privilegien bewusst machen, zurücktreten und zuhören.“

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