Foto: flickr I kate gabrielle I CC BY 2.0

„Und ihr so: Drittes Kind geplant?“

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: Familienplanung von außen

Die niedrigste Geburtenrate der Welt? Kaum zu glauben!

Schon fast standardmäßg scheint es jeden Monat mindestens eine Publikation zu geben, die feststellt, dass in keinem anderen Land auf diesem Planeten weniger Kinder geboren werden als in Deutschland. Und es gibt viele kluge Artikel darüber, warum Deutschland die Kinder ausgehen. 

Aus eigener anekdotischer Erfahrung, mit Blick auf meine nichtvirtuelle Filter-Bubble sozusagen, kann ich das allerdings nicht bestätigen. Ich habe das Gefühl, dass allenthalben darüber nachgedacht wird, kindermäßig aufzustocken (oder „nachzulegen“, wie das auch gerne genannt wird). Wenn ich mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis so umsehe, dann scheint es kaum ein wichtigeres Thema als die eigene Vermehrung zu geben. Leute, die noch keine Kinder haben, denken laut und viel darüber nach, ob und noch viel wichtiger: wann sie das ändern möchten. Wer ein Kind hat, der überlegt, wann das zweite Sinn macht. Wer zwei hat, trägt sich mit dem Gedanken, ob ein drittes im Bereich des Vorstellbaren wäre. Und wer schon drei hat…nein, wir wollen es nicht übertreiben.

Alle wollen über Familienplanung reden – fast alle

Gedankenspiele finden allerdings nicht immer freiwilig statt. Familienplanung ist ein Thema, über das sich viele Menschen unbedingt verständigen wollen, und Anlässe gibt es wie Sand am Meer. Und es gibt einige Standardsituatonen. Führt beispielsweise in einer Gruppe von Menschen einer ein Baby mit sich und deponiert dieses für kurze Zeit in den Armen einer ebenfalls anwesenden, kinderlosen Person, so kann diese ihre Oma darauf verwetten, dass
irgendjemand, der nicht mehr kinderlos ist, jovial lächelt und sagt: „Steht dir aber gut!“; die kinderlose Person wird sich dann zu einem Zitronenlächeln durchringen und im Zweifelsfall die Info herunterschlucken, dass sie seit zwei Jahren vergeblich versucht, durch künstliche Befruchtung schwanger zu werden, oder dass sie leider jede Nacht Panikattacken hat aufgrund der Angst, vor der Menopause nicht den richtigen Partner zu finden, oder dass sie einfach keinen Bock auf Kinder hat.

Beim Thema Kinderkriegen geht bei erstaulich vielen Leuten jegliche Distanz und Zurückhaltung flöten, ich kann mich da selbst nicht vollständig ausnehmen, leider.

Jede Menge distanzloser Nachfragen

Bei Leuten ohne Kinder immerhin verkneife ich mir aufdringliche Inquisitionen, weil ich aus leidiger Erfahrung weiß, wie grässlich es sich anfühlt, auf das Kinderthema angesprochen zu werden, wenn es da eigentlich eine Menge sehr unerfreulicher Dinge zu erzählen gäbe, die man aber selbstverständlich nicht jedem distanzlosen Nachfrager auf die Nase binden möchte („Och ja, wär schon schön, hatte leider drei Fehlgeburten/Gebärmutterhalskrebs/eine Spätabtreibung mit Komplikationen/eine Totgeburt/nur kaputte Spermien und weiß nicht, ob das mit dem Kinderkriegen bei mir noch was wird“ – wäre dann eher ein Stimmungskiller).

Aber bei Leuten, die sich bereits erfolgreich vermehrt haben, frage auch ich immer gnadenlos fröhlich-distanzlos nach. In der Kita zum Beispiel, wenn jemand ein neues Geschwister-Baby im Kinderwagen dabeihat, beuge ich mich zusammen mit anderen Eltern darüber, flöte „süüüß“ und frage dann in die Runde: „Und bei euch, auch drittes Kind geplant?“; oder „Und, legt ihr auch nochmal nach?“ Grässlich, ich weiß.

Die Familienplanung anderer Leute scheint eine gewisse Faszination auszuüben. Oder aber es geht auch bei diesem Thema ganz einfach nur um Selbstbestätigung und Rückversicherung. Wer weiß, dass er es bei einem Kind belassen will, freut sich, wenn auch jemand anders sagt: „Bloß nicht, das tu ich mir nicht nochmal an“. Wer insgeheim denkt, so ein Baby wär doch schon nochmal schön, der will gerne hören, ob das anderen auch so geht.

Schwangersein ist erwünscht

Jedenfalls, und das könnte man doch jetzt auch mal positiv werten, ist Schwangersein ein Zustand, der ganz eindeutig herbeigewünscht wird. Über „Gala“ und „Bunte“ echauffieren wir uns, wenn Charlene erneut Zwillinge unterstellt werden, weil sie aus Versehen ausgeatmet hat, als das Bild gemacht wurde, anhand dessen sich die Gala-Redakteure nun eine „kleine Wölbung“ von Charlenes Bauch herbeifantasieren.

Dabei sind wir selbst nicht viel besser. Ah, xy hat abends zum Essen keinen Wein getrunken? Schwanger, was denn sonst! Ich selbst beging neulich die Dummheit, ein alkoholfreies Bier zu trinken (wohlgemerkt um vier Uhr nachmittags auf dem Kita-Sommerfest). An ungünstigen Umständen kam hinzu, dass ich zehn Tage lang sehr viel mallorquinisches Grillgut zu mir genommen und einen Pullover angezogen hatte, der sich ein wenig ungünstig ausbeulte. Und schon durfte mein Mann erste Gratulationen zum dritten Kind entgegennehmen: „Ach Mensch toll, ihr habt nachgelegt!“ Der Pullover muss dringend in die Altkleidersammlung.

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