Foto: Refinery29

Cloudy Zakrocki: „Das System Mode, wie wir es jahrzehntelang kannten, ist überholt“

Wie kann Mode die Welt verändern, politische Missstände aufgreifen und Menschen in ihrem Konsumverhalten beeinflussen? Darüber wird Cloudy Zakrocki, Chefredakteurin und Creative Director von refinery29, auf unserem FEMALE FUTURE FORCE Day am 25. August sprechen. Wir haben vorab schon einmal nachgefragt, wie sich jede*r für einen positiven Wandel in der Modebranche einsetzen kann.

Wie Mode unser Leben verändern kann

Cloudy Zakrocki ist Chefredakteurin von Refinery29 Germany, dem deutschen Ableger des erfolgreichsten Medienportals für Frauen in den USA. Seit  Jahren setzt sie sich als Expertin für Mode und Streetstyles mit den Trends und Problemen der Modebranche auseinander. Wir haben sie gefragt, inwiefern Mode die Welt verändern und wieder mehr Bewusstsein für unsere Ressourcen schaffen kann. Im Gespräch spricht Cloudy darüber, wie wir alle auf unterschiedlichen Wegen etwas bewirken können –indem wir auf Nachhaltigkeit setzen, faire Mode konsumieren und selbst auf Missstände aufmerksam machen.

Mit Mode kann man seine Identität ausdrücken, aber kann Mode noch mehr?

„Wie jede andere Kunstform auch, kann Mode so viel mehr, als lediglich die Identität des*der Trägerin zum Ausdruck bringen. Mode kann den Zeitgeist ganzer Generationen aufnehmen und nach Außen tragen, auf Missstände und Schönes aufmerksam machen. Mode kann Menschen separieren und zusammen führen, Mode kann gute Laune machen, einen stärken und inspirieren. Letztlich kann Mode vor allem auch sehr, sehr viel Spaß machen.“

Wie war dein Weg zum Mode-Journalismus und deiner Position heute?

„Mein Weg war sicherlich nicht das, was man konservativ als geradlinig bezeichnet, aber sicherlich auch nie langweilig. Die Kurzfassung: Nach dem Abi ging es an die Universität Heidelberg, wo ich Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte auf Magister studiert habe. Bei einer zwischenzeitlichen Zeit in Australien fasste ich den Entschluss, es zu wagen und nach Berlin zu ziehen, um dort meiner Leidenschaft der Mode und dem Schreiben nachzugehen. Das habe ich dann auch direkt gemacht, sofort den Job bei LesMads bekommen – damals der erfolgreichste Modeblog Deutschlands. Nebenher baute ich mir ein Portfolio als Beraterin für Medienunternehmen und E-Commerce-Plattformen auf. Es folgte eine Station als Executive Editor Online bei der deutschen Ausgabe des Interview Magazins und schließlich die Position als Chefredakteurin bei Refinery29 Germany, in der ich für den Aufbau des Unternehmens in Deutschland mitverantwortlich war. Heute, nach zwei Jahren auf dem deutschen Markt, habe ich zusätzlich die Position der Kreativdirektorin inne.“

Welche Ratschläge kannst du anderen Frauen in dieser Branche geben?

„Ratschläge habe ich viele, der Wichtigste bleibt aber immer für mich: Traut euch. Traut euch, euren eigenen Weg zu gehen, eure Träume wahr werden zu lassen, hört auf eure eigene Stimme und verfolgt diesen Weg, auch wenn er manchmal anfangs gar nicht so klar ersichtlich ist und von Außenstehenden nicht verstanden wird. Es ist euer Leben, also lebt es so, wie ihr es wollt.“

Das Mode-Business kann manchmal oberflächlich und klischeebefangen wirken. Welche Vorurteile über die Modebranche stimmen und welche vielleicht auch nicht?

„Ich persönlich verabscheue Vorurteile, aber wie in jeder anderen Branche auch, ist natürlich auch die Modebranche nicht von Vorurteilen befreit. Was sicherlich stimmt ist, dass es auf Events beim Smalltalk oft oberflächlich zu geht, dass viele in der Branche eher auf den Konsum fokussiert sind, als auf die Mode an sich. Das ist aber übrigens in anderen Branchen – wie beispielsweise der Automobil- oder Musikbranche – ebenso. Wie bei jedem Job geht es darum, was man selbst daraus macht und vor allem, mit welchen Menschen man sich umgibt. Ich habe innerhalb der Modebranche so einige tiefe Freundschaften geschlossen, die bereits seit Jahren eng halten und für mich sehr wichtig sind. Was mich mit diesen Frauen eint ist zwar die Liebe zur Mode, aber noch so viel mehr.“

„Es muss noch mehr Fokus auf faire Mode, faire Arbeitsbedingungen und einen gesunden Konsum gelegt werden.“

Was müsste sich aus deiner Sicht in den nächsten Jahren am System Mode ändern?

„Dass das System Mode, wie wir es jahrzehntelang kannten, überholt ist, wird zum Glück immer deutlicher – auch dank Social Media, weil die Stimmen von mehr Menschen weitgreifender gehört werden können. Was sich alles ändern müsste, könnte ganze Bücher füllen, das Wichtigste für mich ist allerdings, endlich das Bewusstsein unserer Ressourcen – seien es Menschen oder die Natur – zu schärfen. Die Tonnen an Kleidung, die im Minutentakt unter verheerenden Bedingungen produziert werden und letztlich doch irgendwo auf dem Müll oder dank Dauer-Sale für einen Euro in der Plastiktüte des*der Konsumentin landen, sind absolut inakzeptabel. Es muss noch mehr Fokus auf faire Mode, faire Arbeitsbedingungen und einen gesunden Konsum gelegt werden.“

Welche Stilrichtungen, Trends und Designer*innen inspirieren dich für deine Arbeit? Wo begegnet dir diese Inspiration?

„Auch wenn ich persönlich bei meinem Stil klare Lieblingsdesigner*innen habe und die meisten Trends gar nicht mehr mitmache, muss ich für meinen Job bewusst offen für Neues und alles sein. Generell freue ich mich immer auf dem
Laufsteg Kollektionen zu sehen, die mutig sind, Neues ausprobieren und
gesellschaftliche oder geschichtliche Referenzen aufzeigen. Genauso toll ist es
aber auch, über Umwege in den Weiten des Internets auf kleinere Labels zu
stoßen, die man gar nicht auf dem Schirm hat. Inspiration bekomme ich
aber eher durch das echte Leben, als durch den Bildschirm: Ein bewusster Blick
vom Handyscreen weg wirkt da meist schon Wunder. Wenn ich Vorträge und
Workshops bei Modestudent*innen gebe, sage ich immer, dass sie nicht faul sein
dürfen: Schaut euch um, hört zu, riecht, schmeckt, genießt, hinterfragt,
beobachtet! Im echten Leben finden sich die Geschichten und liegt die Inspiration.“

Hast du ein Kleidungsstück, dass dir immer gute Laune macht, wenn du es anziehst?

„Da ich eine leidenschaftliche Modesammlerin bin, tummeln sich bei mir im Schrank so einige Teile, die mich seit Jahren begleiten und mich in gute Laune versetzen. Gute Laune bekomme ich immer bei meinen unzähligen außergewöhnlichen Jacken – ich habe einen leichten Tick, deshalb findet sich unter ihnen auch eine mit Lametta verzierte Jeansjacke – aber auch bei witzigen Taschen oder kunterbunten Kleidern. Generell liebe ich alles mit Sternen – und ja, auch das ist wohl ein Tick.“

Wie gelingt es euch eure Leser*innen als Community miteinzubeziehen?

„Das gelingt glücklicherweise ganz organisch bei uns, weil unser Content
immer sehr nah an der Lebenswelt unserer Community dran ist. Ich glaube fest
daran, dass man Leser*innen nur dann erreicht, wenn man authentische
Geschichten erzählt und vor allem zuhört, was sie bewegt. Da wir mit unserer
Community ehrlich und auf Augenhöhe kommunizieren, bekommen wir das auch zurück – was jeden Tag aufs Neue ein sehr schönes Erlebnis ist.

„Dramen, Erfolge, Lieben, Freuden – das alles spielt sich vor allem ,in echt‛ ab, deshalb ist es wichtig, all das auch ,in echt‛ mit seinem Umfeld zu erleben, zu teilen, zu reflektieren und aufzunehmen.“

Warum ist es wichtig, nicht nur im Netz zu diskutieren, sondern auch im echten Leben zusammen zu kommen?

„Ganz einfach: Weil wir im echten Leben leben. Auch wenn ,das Internet‛ und die digitale Welt eine wahnsinnig aufregende, spannende, informative Bereicherung für unser Leben darstellt, sind wir doch primär im echten Leben unterwegs. Dramen, Erfolge, Lieben, Freuden – das alles spielt sich vor allem ,in echt‛ ab, deshalb ist es wichtig, all das auch ,in echt‛ mit seinem Umfeld zu erleben, zu teilen, zu reflektieren und aufzunehmen. Man kann mit 400 Menschen am Tag E-Mails und WhatsApp-Nachrichten hin und her schreiben oder stundenlang telefonieren, aber wenn einen nur ein Mal die beste Freundin umarmt, ist das doch immer noch 400 mal schöner, als von ihr ein Herz auf das Handy geschickt zu bekommen, oder?“

Hast du eigentlich noch Lampenfieber, wenn du öffentlich sprichst? Und wenn ja, wie gehst du damit um?

„Obwohl ich in meiner Laufbahn bereits sehr oft auf der Bühne oder vor der Kamera stand und sich die Momente sicherlich seit meiner Zeit bei Refinery29 Germany stark gehäuft haben, bin ich doch immer ein wenig aufgeregt. Das finde ich persönlich aber eher schön, weil ich der Meinung bin, dass es zeigt, dass einem etwas an diesem Moment, der Aufgabe und dem Publikum liegt und wichtig ist. Je öfter man auf die Bühne oder vor die Kamera muss, desto relaxter ist man zwar, weil man die Abläufe kennt und weiß, was auf einen zukommen wird – total abgeklärt möchte ich aber nie werden. Wenn ich sehr aufgeregt bin, hilft es mir immer, mich vor dem Auftritt kurz zu sammeln, meine Atmung ruhig zu halten und meinen Glücksstein, den mir eine meiner engsten Freundinnen geschenkt hat, zu umarmen. Und ich sage mir immer: Das sind gerade mal 45 Minunten deines Lebens, in denen du da oben stehen wirst. Das ist im Vergleich zum Rest des Lebens gar nichts. Und egal was passiert: In 45 Minuten wirst du wieder hier unten stehen und das Leben wird weiter gehen.“

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