Foto: Lisa Nordsee

6 Gründe, warum Loslassen so wichtig ist

In unserem Leben gibt es immer wieder Zeiten, in denen wir vor der Herausforderung stehen, Menschen, Dinge oder Orte loszulassen. Unsere Community-Autorin Lisa fragt sich: Loslassen, wie geht das eigentlich?

 

Loslassen? Kommt nicht in Frage!

„Bitte nicht!!’’, die Worte kommen als Flehen aus meiner Kehle. Ich kralle mich am Arm meines Vaters fest. „Das ist doch total kaputt. Das kann weg!’’ „NEEEEEEIN!’’, kreische ich meinen Vater an. „Okay, wie du meinst.’’, erleichtert lasse ich von ihm ab und schaue ihm hinterher, wie er Richtung Küche marschiert. Eine Träne rollt langsam über meine Wange. Ich halte den kleinen Plüschtierhasen in meinem Arm. Mein Vater hat Recht. Er sieht nicht mehr gesund aus. Auf der linken Seite fehlt das Auge und aus dem Loch im Arm schwillt Wolle heraus. Aber sollte man ihn deswegen schon wegschmeißen? Auf keinen Fall!

Ich schaue in das halbe Gesicht des Hasen und unwiderruflich kommen all die Erinnerungen hoch, die ich mit ihm verbinde: der Osterbesuch bei Oma, das Plüschtierversteck im Garten, dass ich mit meiner besten Freundin gebaut habe und schließlich all die Nächte, die er mit den anderen Plüschtieren neben mir verbracht hat. Kann ich mich wirklich von ihm verabschieden?

Ich drehe mich um und sehe, dass mein Vater im Türrahmen lehnt: „Hör mal, ich weiß, dass du den Hasen sehr gern hast, aber du kannst nicht all diese alten Plüschtiere behalten. Du musst sie loslassen.’’

Was heißt eigentlich loslassen?

Diese Anekdote stammt aus meinen Kindheitstagen. Es dauerte damals nicht lange, bis ich begriff, wofür „Loslassen’’ stand: Dinge wegwerfen, Abschied nehmen, Tschüss und auf Nimmerwiedersehen. Durch meine kindliche Missinterpretation wurde das halbjährliche „Ausmisten” immer wieder eine regelrechte Tortur.

Im Nachhinein habe ich verstanden, warum es nötig war, alte oder kaputte Dinge zu verschenken oder wegzuwerfen, doch damals konnte ich die Erinnerungen quasi an den Plüschtieren, Sammelkarten, Videospielen und alten Kleidungsstücken kleben sehen.

Auch heute noch, mit 22 Jahren, fühle ich mich, als würde ich ein kleines Stück von mir selbst weggeben, wenn ich mich von Dingen trenne. Als würde ich ein Stück Erinnerung wegschmeißen. Jedes Mal fühle ich mich dann ein bisschen schuldig.

Und auch wenn es mir heute viel leichter fällt, fürs Aufräumen brauche ich doch immer lange. Jedes Mal wieder sitze ich ewig zwischen alten Briefen, Büchern, Schmuck und Kleidungsstücken und versuche die Erinnerungen noch ein letztes Mal aufzusaugen, bevor ich sie loslasse.

Loslassen muss man manchmal auch Menschen 

Anders ist das bei Orten, Menschen, Gewohnheiten und Glaubenssätzen. 
Als ich vor wenigen Wochen in eine neue Stadt zog, schien es für mich
unmöglich, meine alte Wohnung, Umgebung und Freunde zu verlassen. Am liebsten hätte ich mich an die Wand gekettet und allen Leuten den Stinkefinger gezeigt, die mich versucht hatten, dort wegzubekommen. Schließlich war es mein Zuhause. Da gehörte ich hin. Wieso sollte das morgen nicht mehr so sein?

Schon die Wochen vorher hatte ich einige Tränen vergossen, nur unter Mahnungen meiner Freunde die Sachen zusammengepackt und alles auf den letzten Drücker noch erledigt. Richtig losgelassen, das habe ich erst zwei Minuten vor Abfahrt, wenn überhaupt.

Ja, Loslassen ist ein Kampf

Menschen und Gewohnheiten gehen lassen und probieren, es auszuhalten, wenn die schönen Momente und Dinge zu Erinnerungen werden. Das ist wahrscheinlich eine der härtesten und schwierigsten Aufgaben, die uns das Leben stellt. Abschiednehmen von einem Abschnitt unseres Lebens, einem Kapitel, das wir uns vielleicht viel länger vorgestellt haben.

Wie soll ich einen Menschen gehen lassen, den ich drei Jahre lang als besten Freund, Seelenverwandten und große Liebe betrachtet habe? Wie soll ich meinen Job kündigen, indem ich schon seit zehn Jahren arbeite? Wie soll ich von einem Haus trennen, in dem ich 20 Jahre gelebt habe? Wie soll ich Abschiednehmen von einem Menschen, der mich mein ganzes Leben lang begleitet hat? Wie soll ich das loslassen, was ich immer am allerliebsten festgehalten habe?

Viele Momente meines Lebens habe ich damit verbracht, vor mich hinzugrübeln, völlig verzweifelt und unfähig dazu,  einen weiteren Schritt nach vorne zu tun. Ich wusste genau: Wenn es weiter gehen soll, musst du zuerst etwas loslassen. Doch Loslassen, das war noch nie meine Stärke.

Loslassen tut oft erst einmal weh

Ich weiß, dass ich  nicht die Einzige bin, der es so geht. Loslassen fällt vielen von uns schwer, besonders wenn viele schöne Erinnerungen an den Dingen und Menschen hängen. Solange wir noch festhalten, fühlt es sich so an,  als gäbe es noch Hoffnung und als wäre es noch nicht vorbei. Dabei sind viele Dinge längst
vorbei und wir sind die einzigen, die noch daran hängen. Loslassen kann eine
riesige Hürde sein, die mit viel Schmerz verbunden ist, aber im Nachhinein doch
Vorteile mit sich bringt.

In der Zeit nach meinem Umzug habe ich viel darüber nachgedacht, warum mir das Loslassen selbst so schwerfällt. Mir fiel auf, dass ich mich vor der Veränderung total verschlossen hatte und Angst hatte, mich in der neuen Stadt einsam zu fühlen. Zudem konnte ich mir nicht vorstellen, dass in der neuen Stadt etwas besser werden würde. Dabei bin ich auf 6 Gründe gestoßen, die es mir besonders schwer gemacht haben. Welche das sind und warum es sich lohnt, diese Hürden zu überwinden: 

1. Wir wollen den Schmerz nicht zulassen

Wurden wir gerade verlassen, haben einen wichtigen Menschen oder unseren Job verloren, verschließen wir uns häufig erst einmal. Wir können das Geschehene noch nicht richtig erfassen und bauen eine innere Mauer auf, um uns vor dem Schmerz und all den einstürzenden Gefühlen zu schützen. Wir sind wie erstarrt.  Wir wollen die Kontrolle nicht verlieren. Um Loszulassen, müssen wir nach einiger Zeit diese Eisschicht durchbrechen und den Schmerz ganz bewusst wahrnehmen. Das ist sehr unangenehm und tut ganz schön weh. Manchmal lässt der Schmerz nach, manchmal gewöhnen wir uns an ihn und hin
und wieder können wir ihn sogar schon bald vergessen.

2. Wir fühlen uns schuldig

Auch Schuld spielt oftmals eine große Rolle, wenn es um das Loslassen geht.  Schon bei alten Möbeln oder Geschenken haben wir ein schlechtes Gewissen, wenn wir sie weiterverschenken oder wegwerfen. Es fühlt sich an wie Verrat, als hätten wir die Dinge nicht geschätzt. Dinge wertzuschätzen bedeutet allerdings
nicht zwangsläufig, dass wir sie für immer und ewig behalten müssen. Alles hat
seine Zeit. Wenn du dein altes Kinderbuch nicht mehr liest, dann ist es zwar
eine schöne Erinnerung, aber es ist auch in Ordnung, das Buch an ein kleines
Kind weiterzureichen, das damit selbst neue Erfahrungen macht.

Müssen wir Menschen loslassen, fühlen wir uns oft schuldig, da es sich anfühlt, als würden wir dem anderen Menschen etwas wegnehmen. Es ist, als müssten wir noch etwas gut machen, als müsste es ein gutes Ende geben. 
Dass am Ende nicht alle glücklich sind, bedeutet jedoch nicht, dass du
dich schuldig fühlen musst. Am allermeisten bist du für dein eigenes Glück
verantwortlich. Ein Mensch, der dich mal geliebt hat oder liebt, wird das
verstehen.

3. Wir haben Angst vor Einsamkeit

Ein Umzug in eine neue Stadt, eine Trennung – Auch wenn es oft nur der Abschied von einer einzigen Person ist, fühlen wir uns schnell sehr einsam.  Als wären wir auf einmal ganz allein auf der Welt. Es ist jedoch gerade die Angst vor der Einsamkeit, die uns hemmt, Kontakt zu neuen Menschen aufzunehmen, neue Freunde oder vielleicht sogar einen neuen Partner zu finden. Wir müssen nun wieder ganz klein anfangen, Vertrauen aufbauen und mutig sein. Das macht uns Angst. Wir fürchten uns, wieder abgewiesen zu werden. All diese Ängste sind meistens unbegründet. Anfangs können wir es uns nicht vorstellen, doch neue Menschen werden schnell zu Freunden  und aus einem „Hi” kann auch mal Liebe werden. Sei mutig und versteck dich nicht! Die Welt ist voll von tollen Menschen, die nur darauf warten, dass du sie kennenlernst!

4. Wir haben Arbeit investiert

Es ist ein menschliches Phänomen, dass wir die Dinge nicht loslassen können, in die wir Zeit, Geld und Liebe gesteckt haben. War das alles umsonst?, die Frage spukt uns nach einer Trennung oder einem abgebrochenem Studium im Kopf herum. Wir haben bereits etwas investiert, ein Stück von uns dazugegeben, das wir nun mit aufgeben müssen. Je mehr Energie wir aufgewendet haben, desto schwieriger fällt es uns, loszulassen.

Was du nicht vergessen darfst: Jeden Moment, den du lebst und jede Erfahrung, die du jemals gemacht hast, diese Dinge machen dich zu dem Menschen, der du heute bist. Es zählt nicht nur, ob du einen Ehering oder ein Diplom vorzuweisen hast, sondern welche Erfahrungen du gemacht und was du gelernt hast. Hast du nämlich auch nur eine einzige Sache dadurch gelernt, dann war es nicht umsonst.

5. Wir haben Angst, dass das „Neue” nicht gut wird

In der Vergangenheit haben wir so viele schöne Dinge erlebt und so tolle Menschen kennengelernt. Wie soll das noch getoppt werden? Wie soll ich etwas Besseres finden?

Wenn wir an den Dingen festhalten, dann oft, weil wir glauben, die Zukunft halte nichts mehr Besonderes für uns bereit. Kann es überhaupt nochmal so gut werden? , fragen wir uns.  Niemand wird uns darauf eine Antwort geben, doch wie sollen wir es herausfinden, wenn wir es nicht versuchen? Was kann schon Schlimmes passieren, wenn du loslässt und einen Schritt nach vorne wagst? Es kann sein, dass es nicht sofort besser werden wird, sondern erst einmal nur anders. Trotzdem sind die neuen Dinge es wert, von dir eine Chance zu erhalten. Geh raus in die Welt, sei offen und mutig! Hab ein bisschen Vertrauen in die Zukunft und erwarte nicht gleich zu viel. Das Beste liegt noch vor dir! Du musst nur erst einmal Platz für etwas Neues schaffen.

6. Wir wollen die Vergangenheit nicht akzeptieren

Dieser Punkt ist am allerwichtigsten. Vielen von uns fällt es schwer, loszulassen, weil wir das, was in der Vergangenheit passiert ist, nicht akzeptieren können. Wir fühlen uns ungerecht behandelt oder haben starke Schuldgefühle. Wir können das Geschehene schlichtweg nicht begreifen und wenn wir ehrlich zu uns sind, dann wollen wir das auch gar nicht. Die harte Wahrheit ist: Wir müssen uns damit befinden, dass die Welt nicht gerecht ist und Menschen sich nicht rational verhalten. Wir können nicht jedes Ereignis vorher berechnen und manchmal geschehen Dinge, die schrecklich sind, aber an denen keiner
direkt Schuld hat. An diesem Punkt musst du die Situation einfach so
akzeptieren. Setz dich nicht unter Druck und nehme dir ruhig Zeit! Egal was
passiert ist, du hast es verdient, dass es dir bald wieder gut geht.

Loslassen heißt nicht vergessen

Ich habe in den letzten Wochen besonders gelernt, dass Loslassen nicht bedeutet, ich müsste Dinge vergessen oder ihnen komplett den Rücken kehren.  Die wichtigsten Erinnerungen trage ich immer bei mir, ich könnte sie sowieso nie vergessen.

Mein Geheimrezept für die traurigen Momente: Ein kleine Schachtel gefüllt mit Fotos, alten Briefen und anderen Erinnerungen an all die Menschen, Orten und Dinge, die ich in meinem Leben schon loslassen musste.

Und falls ich doch einmal zu melancholisch werden sollte, dann nehme ich den Zug in meine alte Stadt, besuche meine alte Mitbewohnerin und atme einmal tief ein. Spätestens dann weiß ich, dass ein Stück von mir dort immer zuhause sein wird.

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