Foto: Alex Kleis

Anna Dushime: „Dating ist politisch“

In ihrem neuen Podcast „1000 erste Dates“ spricht die Journalistin Anna Dushime mit Gäst*innen über abenteuerliche Verabredungen, große Gefühle und intime Begegnungen. Ein Interview. 

Kurios, aufregend oder richtig heiß – wahrscheinlich kann jede*r von uns mindestens eine Dating-Anekdote zum Besten geben, die in Erinnerung bleibt. Diese Geschichten sammelt die Journalistin Anna Dushime nun in ihrem neuen Podcast „1000 erste Dates“ und nimmt Hörer*innen mit auf eine Achterbahn der Gefühle. Ihre Gäst*innen erzählen von einprägsamen Zufallsbegegnungen, dreitägigen One-Night-Stands, Familientreffen beim ersten Date und Höhepunkten im Kinosessel. 

Neben „1000 erste Dates“ widmet sich Anna Dushime als „taz“-Kolumnistin, Redaktionsleiterin bei „Browser Ballett“ und „Aurel Original“ und im Podcast „Hart unfair“ häufig politischen Themen. Im Interview sprechen wir mit der Journalistin über die gesellschaftspolitische Komponente von Dating, gute und schlechte Verabredungen, veraltete Normen und Intimität in Zeiten von Corona. Zudem erzählt Anna Dushime, warum sie im Vergleich zu ihren Podcast-Gäst*innen fast schon prüde ist und teilt eine persönliche Dating-Geschichte mit uns. 

Du arbeitest als Journalistin an ganz unterschiedlichen Projekten, wie kommt es, dass du nun einen Podcast zum Thema Dating machst?

„Ich schreibe bereits seit einigen Jahren eine Kolumne in der ,taz‘, bei der es hauptsächlich um Dating und Liebe geht. Als mir damals die Kolumne angeboten wurde, habe ich mir selbst die Frage gestellt, womit ich mich gern befassen möchte. Themen wie Diversität und Rassismus werden oft von anderen an mich herangetragen, ohne dass ich diese selbst gewählt hätte. Deshalb verspürte ich bereits damals den Wunsch, ein unpolitisches, leichteres Thema anzugehen – und da kamen für mich eigentlich nur Dating oder Reality TV in Frage.

Als ich dann aber angefangen habe, mich für die Kolumne mit dem Thema auseinanderzusetzen und über meine eigenen Datingerfahrungen nachgedacht habe, merkte ich, dass natürlich auch dieses Thema politisch ist. Ich habe mich quasi selbst verarscht (lacht). Aber: Dating ist auf eine andere Art politisch. Daran lassen sich ganz viele gesellschaftliche Themen verhandeln, auf die man im ersten Augenblick gar nicht kommt und mit denen man sich vielleicht nicht zwingend beschäftigen will, die im Datingmantel dann aber leichter daherkommen.“

Du sagst, Dating sei auf eine andere Art politisch und dass sich daran gesellschaftliche Themen verhandeln lassen, hast du ein Beispiel? 

„Dating ist politisch, weil es ja auch immer die Gesellschaft, in der wir leben, widerspiegelt. Ich muss beispielsweise aufpassen, dass ich nicht auf Typen stoße, die mich fetischisieren und ein Date wollen, weil sie noch nie was mit einer Schwarzen Frau hatten. Schwarze Frauen – ähnlich wie asiatisch gelesene Frauen – werden häufig hypersexualisiert. Ich fühle mich dann manchmal nicht als Anna wahrgenommen, sondern als eine austauschbare Schwarze Frau, die irgendwelche Phantasien bedient. In Deutschland gelten eurozentrische Schönheitsnormen: Das hat häufig zur Folge, dass Männer entweder überbetonen, dass sie mich ,trotzdem‘ schön oder attraktiv finden oder belohnt werden wollen, weil sie mich trotz geltender Schönheitsstandards daten. Das ist nicht immer so, aber dennoch häufiger als bei meinen nicht-schwarzen Freundinnen. Gottseidank habe ich aber auch schöne Dating- und Beziehungserfahrungen gemacht, sonst hätte ich schon komplett aufgegeben.“

Foto: Alex Kleis

Was fasziniert dich am Thema Dating?

„Ich finde das Thema wahnsinnig spannend. Wo sich Menschen begegnen, passiert immer ganz viel, da dabei sein zu können – oh, das hört sich bisschen creepy an – macht total Spaß. Ein Date, oder das was bei einem Date passiert, ist einerseits eine totale PR-Veranstaltung, weil man versucht, seine beste Seite zu zeigen und vorher kuratierte Witze raushaut, andererseits ist Dating aber auch unheimlich intim. Genau dieses Spannungsfeld fasziniert mich. Zudem bin ich selber eine schlechte Daterin (lacht). Mein eigenes Datinggame ist nicht sonderlich stark, weshalb ich es cool finde, wenn ich Mäuschen spielen und hören kann, was andere so erleben.“

Was verstehst du denn unter einem*r „schlechten Dater*in“?

„Das ist natürlich subjektiv und auf mich selbst bezogen. Aber ich sag’s mal so: Es gibt Leute, die haben so eine richtig ausgeklügelte Dating-Routine und -Strategie – und mir fehlt beides. Ich bin chronisch zu spät und kriege es nie hin, mich auf ein Date vorzubereiten, während andere vorher ein ganzes Vorbereitungsprogramm abspulen, Kleider bereitlegen et cetera. Deshalb stolpere ich immer relativ unvorbereitet in Dates. Mir fehlt quasi die Routine.

Und dann gibt es diesen Schlag Menschen, die zu einem Date kommen und man merkt sofort – positiv ausgelegt – dass die das schon oft gemacht haben, gut mit peinlicher Stille umgehen und ein Gespräch tragen können. Das fehlt mir leider. Aber vielleicht kann ich das auch lernen, ich habe noch nicht aufgegeben.“

Wie sieht das perfekte Date für dich aus?

„Es gibt viele verschiedene perfekte Dates, aber auch vermeintlich harmlose Dating-Angelegenheiten – und das wird man auch im Podcast erfahren – die ich total hasse: Spazieren zum Beispiel. Tatsächlich habe ich Spazierengehen schon vor der Pandemie gehasst. Für alle, die jetzt also auf diesen Zug aufspringen, hier die Durchsage: Ich habe Spazierengehen schon gehasst, als es noch in den kleinen Clubs gespielt hat. Gemeinsam kochen finde ich auch nicht geeignet für ein Date. Das ist irgendwie überfordernd, weil man so seine Griffe hat, eingespielt ist und mit einer fremden Person dann alles durcheinander kommt. In der Küche geht es ja auch um Macht – und ich weiß nicht, ob ich diese Seite schon beim ersten Date raushängen lassen will (lacht). Ich kann mir vorstellen, dass das nicht so gut aufgeht.

„Durch die Podcast-Gespräche habe ich festgestellt, dass ich bisher zwar gute, aber relativ unspektakuläre Dates hatte. Im Vergleich mit den Geschichten aus dem Podcast ist da noch viel Luft nach oben.“

Aber die Frage war ja eigentlich, wie ein ideales Date aussieht. Interessant, dass ich die Frage erstmal negativ beantworte, per Ausschlussverfahren sozusagen. Meine Vorstellung eines perfekten Dates ist super klassisch. Erstmal ginge es ins Kino, wenn das wieder möglich ist. Danach hat man Gesprächsthemen ohne Ende, kann sich über den Film austauschen, Konfrontationen ausprobieren und schon mal schauen, wie gut das funktioniert, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Nach dem Kinobesuch geht man in eine Bar und redet dort noch stundenlang über den Film. Und wenn es am Ende zum Kuss kommt, ist es perfekt. Durch die Podcast-Gespräche habe ich aber festgestellt, dass ich bisher zwar gute, aber relativ unspektakuläre Dates hatte. Im Vergleich mit den Geschichten aus dem Podcast ist da noch viel Luft nach oben.“

Und was ist für dich ein absolutes No-Go, quasi ein Dealbreaker beim Dating?

„Ich finde es total bezeichnend, wie Menschen mit Servicepersonal umgehen. Wenn jemand aus unerklärlichen Gründen total knauserig ist und kein Trinkgeld gibt, ist das ein Indiz für Charaktereigenschaften, die ich unsympathisch finde. Respektlosigkeit ist auch sowas. Selbst wenn jemand mir gegenüber nett ist, aber anderen mit wenig Respekt begegnet, ist das auf jeden Fall ein Warnsignal. Und: Wenn jemand nicht über meine Witze lacht. Dann hat die Person a) keinen Geschmack und b) werden wir nicht warm miteinander (lacht).“

Welche Regeln und Normen bezüglich Dating sind deiner Meinung nach veraltet und sollten wir zurücklassen?

„Disclaimer: Ich bin hetero, date also Männer. Ich finde es schön, wenn Männer höflich sind, aber mit diesem Gentleman-Getue, wie Türaufhalten oder In-die-Jacke-Helfen, komme ich nicht klar. Das hat wahrscheinlich mehr mit mir selbst als mit der eigentlichen Sache zu tun. Aber ich habe es echt noch nie elegant hingekriegt, dass mir jemand die Jacke hingehalten hat und ich auf Anhieb den Ärmel gefunden habe. Ich verheddere mich und dann wird die Situation komisch. Also für mich muss diese alte Gentleman-Mentalität echt nicht sein beziehungsweise wird da meiner Meinung nach zu viel Wert drauf gelegt.

„Eine Sache, die wir auf jeden Fall zurücklassen müssen, ist dieses Spielchen-spielen. Das ist albern.“

Eine weitere Sache, die wir auf jeden Fall zurücklassen müssen, ist dieses Spielchen-spielen. Dieses ,Oh das Date war zwar toll, aber ich melde mich erst in drei Tagen‘. Das finde ich albern. In drei Tagen gibt es vielleicht neue Corona-Bestimmungen, weshalb man sich nicht mehr sehen kann und dann hat man sich selbst ausgedribbelt. Selbst ohne Corona sind diese Spielchen total bescheuert. Das ist etwas, was uns Frauen- und Mädchenzeitschriften beigebracht haben und wir hinter uns lassen müssen.“

Was hast du aus den Gesprächen, die du bisher für den Podcast geführt hast, mitgenommen?

„Ich habe durch den Podcast gelernt, dass meine Dates abwechslungsreicher und ich spontaner werden müssen. Da geht noch mehr. Bisher habe ich immer dieses ,Kino-Drinks-Programm‘ abgespielt oder es ging ins Restaurant. In der neuesten Folge geht es zum Beispiel um ein ganz besonderes Kino-Date, bei dem Kino und Sex verschmelzen – und zwar nicht auf der Leinwand (lacht). Soweit muss man natürlich nicht gehen, um ein abenteuerliches Date zu erleben. Aber ich habe durch den Podcast gemerkt, dass ich im Vergleich zu meinen Gäst*innen fast schon prüde bin.“

In deinem Podcast erzählen Gäst*innen von Dates vor und seit der Pandemie. Was ist dein Eindruck: Wie hat sich Dating durch die Pandemie verändert?

„Wir sind gezwungen, anders zu daten. Früher ist man nach dem Date vielleicht direkt zu der anderen Person nach Hause gegangen, hat sich dort nochmal anders kennengelernt, eventuell direkt Sex gehabt. Jetzt sind wir auf dieses leidige Spazierengehen beschränkt oder plaudern via Facetime. Dadurch fällt vieles weg, das Intimität herstellen würde – also zumindest, wenn man sich an die Regeln hält. Ich glaube aber, dass das neue Möglichkeiten eröffnet, sich nochmal anders kennenzulernen.

„Durch die Pandemie sind wir gezwungen, einander vorher auf eine andere Art näher zu kommen, bevor es körperlich wird. Das finde ich eigentlich eine schöne Entwicklung.“

Wir sind gezwungen, einander vorher auf eine andere Art näher zu kommen, bevor es körperlich wird. Das finde ich eigentlich eine schöne Entwicklung. Ich kann mir vorstellen, dass ein Umdenken stattfindet – und wir uns stärker darauf besinnen, was uns eigentlich wichtig ist beim Daten. Ich will überhaupt nicht Sex-negativ klingen oder so, ich finde das total super, soll jede*r machen wie er*sie das am besten findet. Aber ich glaube, dass das Finden einer guten Gesprächsebene, gerade in Zeiten von Tinder, Bumble und der Gamification von Dates, manchmal untergeht – und das holen wir uns durch Corona wieder zurück.“

Also, dass die Leute wieder verbindlicher werden und sich beim Dating stärker auf eine bestimmte Person einlassen?

„Genau. Früher konnten wir theoretisch tausend verschiedene Menschen gleichzeitig treffen und daten, aufgrund der Einschränkungen müssen wir uns nun schon bei unseren Freund*innen entscheiden, wen wir im echten Leben treffen. Da überlegt man sich natürlich sehr genau, wen man trifft und wen nicht. Wer vorsichtig und safe sein will, entscheidet sich für eine bestimmte Person, mehrere Eisen im Feuer haben, ist gerade nicht mehr so leicht wie vor Corona. Ich verstehe alle, die das frustrierend und nervig finden – wie bei allen Einschränkungen, die mit der Pandemie dazugekommen sind – aber zumindest beim Dating kann man die Perspektive darauf nochmal bisschen flippen und es als Chance sehen.“

In deinem Podcast teilen viele Menschen ihre Dating-Geschichten mit dir und den Hörer*innen – erzählst du uns eine Anekdote aus deinem Dating-Leben?

„Wenn meine vergangenen Dates schlecht waren, dann nicht weil irgendwas Krasses vorgefallen ist, sondern weil sie langweilig waren. Also: Ich hatte ein Date mit einem Typen, wir haben Aperol Spritz in einer Bar getrunken und das Gespräch lief nur sehr, sehr schleppend. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, die Konversation aufrechtzuerhalten, aber das hat so gar nicht funktioniert. Als ich schon dachte, ,Boah, ich kann wirklich nicht mehr‘ – Langeweile kann ja sehr ermüdend sein und in dem Fall hat es sich angefühlt, als hätte ich ne vierstündige Klausur hinter mir – sagte der Typ zu mir: ,Sag mal, hast du eigentlich so ne Raufasertapete bei dir oder so eine glatte Wand?‘

„Wenn meine vergangenen Dates schlecht waren, dann nicht weil irgendwas Krasses vorgefallen ist, sondern weil sie langweilig waren.“

Diese Frage hat mich völlig aus dem Konzept gebracht, ich wusste überhaupt nicht, was ich darauf antworten soll und was die Intention dahinter ist. Sollte das etwa so ,Zwinker, Zwinker, kann ich mir mal deine Tapete angucken‘-mäßig sein? Ich war total perplex und habe dann irgendwas gestammelt von wegen ,Ah, mein Bus kommt‘, obwohl das Date in meiner Straße stattfand (lacht). Aber ich habe ne Ausrede gebraucht, um so schnell wie möglich gehen zu können. An der Story merkt man glaub, warum ich die Notwendigkeit verspüre, meine Dates bisschen aufregender zu gestalten.“

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Von Basel nach Berlin, vom SRF zu EDITION F, vom Social Media-Job zur Redakteurinnen-Stelle. Als Redakteurin bei EDITION F widme ich mich all den inspirierenden Geschichten und Persönlichkeiten, die mir jeden Tag begegnen. In meiner Kolumne „Wann hören wir endlich auf ... ?“ schreibe ich über all die Dinge, die mir so richtig auf den Keks gehen.

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