Foto: Diana Simumpande | Unsplash

Warum muss, wer schön sein will, überhaupt leiden?

Frauen wird ab der Kindheit gelehrt, dass Schmerz ein Teil ihres Lebens sei und dass sie einen Preis für ihre Schönheit zahlen müssen. Manchmal auch die Afrohaare. Warum sind Schönheit und Schmerz so stark miteinander verbunden?

Vor fünf Jahren hatte sich Hary entschieden, ihre Haare machen zu lassen. „Als ich nach dem Friseurbesuch nach Hause kam, hatte ich extreme Schmerzen. Meine Kopfhaut hatte gepumpt. Meine Mutter meinte noch, „es zieht am Anfang immer“. Die erste Nacht habe sie gerade noch so überlebt. „In der zweiten konnte ich nicht schlafen. Ich habe ein Pulsieren gespürt. Die Kopfschmerzen wurden schlimmer, daher hatte meine Mutter meine geflochtenen Haare nach nur zwei Tagen herausgenommen. Die Haare waren aus der Wurzel gerissen. Ich habe meine ganzen Haare verloren“, fasst die 31-jährige ihr schlimmstes Haarerlebnis zusammen und betont: „Ich hatte einfach keine Haare mehr auf dem Kopf!“ Ein Albtraum.

Mit dieser Erfahrung ist Hary nicht allein. „Durch Goddess Locs war es an den Schläfen zu straff und meine Kopfhaut ist einfach aufgerissen,” erklärt Jess. Viele weitere Frauen berichteten von einer verbrannten Kopfhaut nach dem Relaxer – der chemischen Glättung.

„Wenn Haarausfall durch Styling-Praktiken verursacht wird, ist das Problem in der Regel chronischer Gebrauch“, erklärt die Dermatologin Yolanda M. Lenzy. „Frauen, die diese Styling-Praktiken durchführen, neigen dazu, sie wiederholt anzuwenden, und eine langfristige wiederholte Anwendung kann zu Haarausfall führen.” Die Folge: 47,6 Prozent der Schwarzen Frauen berichten von Haarausfall am Scheitel oder an der Oberseite der Kopfhaut, laut der Black Women’s Health Study am Slone Epidemiology Center der Universität Boston. Zum einen liegt es an genetischer Veranlagung, allerdings können Frauen ihr Risiko für Haarausfall erhöhen, indem sie häufig schädigende Haarstyling-Praktiken wie Braids, Weaves und den Relaxer anwenden. Abgesehen von dem Risiko, stellt sich die Frage: Warum sind wir überhaupt bereit, zu leiden?

Kämmen unter Tränen

Es beginnt bereits in der Kindheit. Unter Tränen werden die Afrohaare gekämmt und in Form gebracht. So erklärte eine RosaMag-Leserin: „Ich habe als Kind die Kämme versteckt.” Auch Hary beschreibt eine wichtige Motivation ihrer Mutter: „In meiner Kindheit durften mein Bruder und ich nie mit ungemachten Haaren irgendwo hingehen. Also hatte ich immer Zöpfe, Braids, bunte Spangen – sonst wäre ein Auftritt nicht möglich gewesen. Meine Mutter sagte immer, ich hätte beim Haare machen geweint und gesagt: Aber ich will schön sein.”

Von jeher kriegen wir es antrainiert: Mit deiner Haartextur musst du halt leiden. Der Umstand, dass man als Schwarze Frau sehr weit vom eurozentrischen Schönheitsideal entfernt ist, macht es nicht leichter. Braids, Locs, Twists, relaxte Haare, Cornrows – all diese Methoden bringen Afrohaare in Form, verbergen sie aber auch. Dabei kann die Bezeichnung „Protective Style” als Dichotomie verstanden werden – einerseits schützt es die Haartextur, aber auch vor fragenden Blicken von außen. Syreeta Scott, Inhaberin von Duafe Holistic Hair Care in Nord-Philadelphia, erklärt in der Un-Ruly-Dokumentation „Pretty shouldn’t hurt”, dass der durch die Protective Hairstyles verursachte Schaden auf ein tieferes Problem hinweist.

Schönheit und Mikroaggressionen

„Es gibt so viele Mikroaggressionen, wenn es um die Schönheit einer Schwarzen Frau geht. Sie ist ständig unter Beschuss. Die Art des Angriffs zwingt uns, Entscheidungen zu treffen, die außerhalb unserer Komfortzone liegen. Das bedeutet, dass wir nicht die notwendigen Entscheidungen treffen, um sicherzustellen, dass wir wissen, wie wir uns gegenseitig und uns selbst auf mitfühlende Weise lieben können,” so Scott. Was sagt es über die Haarstyling Praktik aus, wenn wir nicht mehr in der Lage sind, uns in andere Frauen, denen wir die Haare vielleicht zu engen stylen, nicht mehr hineinversetzen können? So lautet eine Frage von Syreeta Scott.

Es ähnelt fast einem sadistischen Akt, diese ausgesprochen sensible Haartextur mit viel Druck und Kraft zu verstecken – und gleichzeitig verbirgt sich eine tiefe Tradition, fast schon eine mystische Energie hinter dem Prozess der „Haare machen.” Hary lacht: „Ein Bekannter meinte damals zu meinem Freund: Hary sieht jeden Tag anders aus!” Das ist die Schönheit der Afrohaartextur: Die Vielfalt, die Veränderungsmöglichkeit. Genau das kann fast schon zu einer Sucht werden, sich immer wieder wie ein Chamäleon zu verändern und letztlich auch die eigenen Haare zu schädigen. Also warum Druck anwenden gegenüber einer empfindlichen, wunderschönen Haarstruktur?

Die eigene Krone

„Wer schön sein will, muss leiden,” ist ein Satz, der immer wieder genannt wird und sich auf die Person, statt das strukturelle Problem vom Konzept „Schönheit” konzentriert. Studien zeigen, je näher man als Person am vermeintlichen Schönheitsideal ist, desto erfolgreicher wird man. Doch der Denkfehler ist, sich selbst dieses Korsett der Schönheit anzupassen, statt es überhaupt zu hinterfragen. Wer bestimmt, was als schön gilt und warum? Welcher Haarstyle ist professionell, welcher nicht? Doch gleichzeitig muss die Beziehung, die Schwarze Frauen mit ihren eigenen Afrohaaren, aber auch gegenüber anderen Schwarzen Frauen, führen aufgebrochen werden. Wir stecken bereits mitten in einem Wandel.

Holistische und nachhaltige Haarstylist*innen in den USA, aber auch in den deutschen Metropolen zeigen, es geht auch anders. Protective Hairstyles, die schützen, ohne Folgen. Gleichzeitig ist es wichtig, „Haare machen” als das zu zelebrieren, was es ist: Eine liebevolle Wertschätzung und Schutz der eigenen Krone. Deshalb ist die Analogie – Afrohaare als eine Krone zu betrachten –  so relevant. Dass – auch wenn der Protective Haarstyle halten soll, – die Afrohaare mit viel Liebe, fast schon einer Zärtlichkeit behandelt werden müssen. Einfach weil sie nicht so robust sind, wie wir meinen. Sie sind fragil. So wie leider unsere Liebe zu ihnen.

Der Originaltext von Ciani-Sophia Hoeder ist bei unserer Kooperationspartnerin RosaMag erschienen. Hier könnt ihr RosaMag auf Facebook folgen.

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