Brief an die Leser*innen: Ein Plädoyer für die Veränderung

Liebe*r Leser*in,

vor einigen Tagen hatte meine Tochter große Sorge, dass ihre Haut abfallen könnte. Sie hatte gehört, dass sich die Haut alle sieben Jahre erneuert. Kurz vor ihrem siebten Geburtstag war die Angst groß, ganz ohne Haut dazustehen. Ich musste kurz lachen und habe ihr dann erklärt, dass das mit der Haut nicht plötzlich passiert, sondern sehr langsam. Dass wir jeden Tag Hautschuppen verlieren und es meistens gar nicht merken. „Iiih, das ist ja eklig“, war ihr kurzer und treffender Kommentar. Aufgeregt war sie dann nur noch wegen der Geschenke.

Unser Leben besteht von Geburt an aus Veränderung. Wir wachsen, entwickeln unsere ganz eigene Persönlichkeit, wir lernen viel über die Welt und uns selbst. Manche der Veränderungen in unserem Leben kommen sehr schnell, manche brauchen eine Weile. Ihr lest diesen Text wegen meiner aktuellsten Veränderung. Ab sofort darf ich zusammen mit einem tollen Redaktionsteam das Online-Magazin von EDITION F gestalten. Damit verändert sich viel für mich. Ein neuer Arbeitsort (gerade im Home Office), neue Kolleg*innen, neue Verantwortung, neue Aufmerksamkeit, neue Leser*innen. Und vieles bleibt auch gleich: meine Haltung (feministisch und inklusiv), meine Selbstzweifel (nervig und perfektionistisch), mein Humor (schwarz und überlebenswichtig).

Manche Veränderungen sind selbst gewählt, wie ein neuer Job oder eine neue Wohnung. Einige passieren uns einfach so, eine medizinische Diagnose zum Beispiel, oder die Lebensumstellung wegen des Corona-Virus. Manchmal entscheiden wir uns sogar für schmerzhafte Veränderungen, beispielsweise wenn wir eine toxische Beziehung beenden oder eine Freundschaft. Und manchmal fühlt es sich an, als würde alles stagnieren und sich nichts weiterentwickeln.

Um Veränderung zuzulassen, müssen wir Schritte gehen. Schwierig ist dabei vor allem der erste Schritt. Denn bei selbst gewählten Veränderungen brauchen wir Zuversicht – bei den von außen kommenden Veränderungen oft sogar noch mehr. In den vergangenen Wochen war es für mich oft schwer, die Zuversicht zu behalten. Der tödliche Rassismus und Antifeminismus von Hanau, das teilweise egoistische Verhalten von Menschen rund um das Corona-Virus und die damit verbundene Sorge um chronisch kranke, behinderte und alte Menschen, die Klimakrise, der Umgang mit den Geflüchteten an der EU-Außengrenze und alle Statistiken zum Frauenkampftag: Mit offenen Augen, Ohren und Herzen die Welt zu betrachten, macht mich im Moment wenig zuversichtlich. Und dennoch bin ich fest davon überzeugt: Wir leben in einer Welt, in der die Offenheit für Veränderung ein Weg sein kann, zuversichtlich zu bleiben.

Um zuversichtlich zu bleiben – oder wieder zu werden, denn auch die Zuversicht zu verlieren gehört zum Leben – helfen mir manchmal Worte. Von Freund*innen, aber auch von Autor*innen. Das Gefühl, nicht allein zu sein mit meinen Sorgen, Ängsten und Unsicherheiten. Ein Gedicht, das ich sehr liebe, ist von Hilde Domin. Es handelt vom Mut zur Veränderung:

Ich setzte den Fuß in die Luft,
und sie trug.“

Bei EDITION F wollen wir von Veränderungen erzählen. Von mutigen, schmerzhaften, existenziellen, wunderschönen, plötzlichen, langsamen, traurigen und lustigen Veränderungen. Von persönlichen und von gesellschaftlichen Veränderungen, denn beides gehört zusammen. Und auch mit dem Magazin werden wir uns verändern, das Leben, die wandelnden Themen unserer Zeit und die neuen Perspektiven hier stattfinden lassen – im Austausch mit euch, den Leser*innen.

Wann hast du dich das letzte Mal verändert? Ging das plötzlich, wie die Vorstellung meiner Tochter mit ihrer Haut, oder ganz langsam, vielleicht sogar über Jahre? Konntest du dabei zuversichtlich sein? Und wie geht es dir gerade mit den vielen Veränderungen, die uns alle betreffen und unser Leben durcheinander wirbeln? Ich freue mich, wenn du mir davon erzählst. Und wenn wir uns gemeinsam weiter verändern.

Mareice
(mareice.kaiser@editionf.com)

  1. Ich verändere mich stetig – mal größer, mal kleiner. Die größte Veränderung bisher: Ich konnte laufen, springen, tanzen, dann kam die MS und verschob meine Bewegung in den Rollstuhl. Mein Körper veränderte sich von einem, auf den ich mich verlassen konnte, zu einem, der pflegebedürftig ist und den ich in vielen Fällen nicht verstehe. Ich nehme die Veränderungen nicht einfach hin sondern versuche, das Beste draus zu machen. Neugierig war ich schon immer, jetzt ist der Wille dazugekommen, nicht aufzugeben, Neues zu probieren, meine Welt so groß zu behalten, wie sie sein kann. Ich will ein buntes, granatenstarkes Leben so lange wie es irgend geht.

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