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„Brokkoli soll super gut gegen Krebs sein!“ – welche Ratschläge Leute mit Krebs nicht hören wollen

„Ich bin für jeden Rat dankbar, solange er Mut macht“

Für krebskranke Menschen kann ihre Situation schlimmer werden, wenn gesunde Menschen aus ihrem Umfeld helfen wollen. Etwa, wenn sie mit Empfehlungen für neue Therapien, von denen sie irgendwo gelesen haben, um die Ecke kommen, oder mit abgedroschenen Weisheiten um sich werfen („Krebs soll ja auch sehr stark Kopfsache sein.“). Wie geht man als erkrankte Person damit um? Und wie können Freund*innen, die helfen wollen, wirklich helfen?

Die Autorin Susanne Reinker ist eine „Krebse“, wie sie sich selbst und andere Krebserkrankte nennt, und hat ein Survival-Kit-Buch darüber geschrieben, was ihr damals während ihrer Erkrankung gefehlt hat: „Kopf hoch, Brust raus! Was wir im Umgang mit Krebs alles richtig machen können“.

In diesem Buchauszug gibt Susanne Reinker Tipps, wie Krebser*innen und Nicht-Krebser*innen am besten mit vermeintlich hilfreichen Tipps und gut gemeinten Ratschlägen umgehen können:

Ratschläge: Ernährung, Esoterik und andere Missionsgebiete

Eigentlich ist es echt süß. Denn sie wollen ja alle nur helfen. All die Menschen in unserem Umfeld, die uns in diesen schweren Stunden beistehen wollen. Sie wünschten, uns auf der Stelle wieder gesundzaubern zu können – aber weil sie das nun mal nicht können, geben sie uns wenigstens jede Menge guten Rat. Oder was sie dafür halten.

Wegweisende Tipps, wertvolle Erfahrungen, interessante Google-Funde, neueste Erkenntnisse aus der Apotheken-Umschau, altchinesische Behandlungsmethoden, tiefenpsychologische Analyseergebnisse, wahlweise selbst erfahren oder aber aus der Hand/dem Mund diverser Experten, vom eigenen Hausarzt, der Apothekerin um die Ecke oder dem Bruder der Schwägerin eines lieben Kollegen.

„Hast du schon gehört? Brokkoli soll super gut gegen Krebs sein!“

Da kommt auf die Dauer eine ganze Menge Rat zusammen. Alles lieb und gut gemeint, einiges davon interessant, nützlich oder sogar genial. Aber der Rest, bei aller Liebe: einfach nur zu. Zu überholt, zu vage, zu verwirrend, zu deprimierend, zu altbekannt, zu spekulativ, zu platt, zu widersprüchlich. Zu viel.

Den Ratgebern ist das nicht klar. Sie sehen uns in Not, wollen unbedingt helfen, schon allein, um sich nicht so verdammt hilflos zu fühlen. Doch das Einzige, das ihnen unmittelbar zur Verfügung steht, sind Wörter und Weisheiten, ein paar eigene Erfahrungen und einschlägige Gedächtnisinhalte. Also geben sie uns alles, was sie an Ratschlägen auf Lager haben. Leidenschaftlich, mitfühlend, ausführlich, mitunter sogar intensiv recherchiert. Aber ohne je auf den Gedanken zu kommen, dass auch ein Haufen anderer Leute in unserem Umfeld nichts mehr will, als uns wenigstens mit gutem Rat zu helfen. „Ich an deiner Stelle würde unbedingt eine Mistelkur machen“, „Hast du schon gehört? Brokkoli soll super gut gegen Krebs sein!“, „Sie müssen jetzt nach vorne denken“, „Im Internet gibt’s ein paar echt nützliche Betroffenenforen, da solltest du regelmäßig reinschauen“, „Pilgern ist mit Sicherheit sinnvoller für Sie als Reha, glauben Sie mir“, „Ich hab gehört, die Onkologie in der Charité ist tausendmal besser als bei uns“, „Ohne regelmäßige Blutwäsche ist so eine Chemo ein ziemliches Risiko für den Körper“, „Ich kenn da eine fantastische Heilpraktikerin“ … und so weiter und so fort.

Ratschläger und Druckmacher

Da kommt bereits an einem einzigen Tag ganz schön was zusammen (vor allem gleich nach der Diagnose). Spätestens nach einer Woche brummt uns der Schädel vor lauter Geschichten, Tipps, Ermahnungen und Warnungen. Spätestens nach einem Monat macht sich in den Gehirnwindungen Erschöpfung breit, nach zwei kommt es zu ersten allergischen Reaktionen, und nach drei Monaten würden wir bei jedem Anflug von „Ich an deiner Stelle“ am liebsten schreiend davonlaufen.

Schon allein aus Selbstschutz. Denn so lieb gemeint Ratschläge auch sind – sie können uns ganz gewaltig unter Druck setzen. Die Ratgeber erhoffen sich nämlich ein Feedback, am liebsten ein positives: Ratschlag befolgt, alles super! Doch solche Erfolgsmeldungen können wir ihnen nicht immer bescheren. Denn dazu regnet es zu widersprüchliche Ratschläge. Chemo – ja oder nein? Nahrungsergänzungsmittel – ja oder nein? Antidepressiva – ja oder nein?

Eher schüchterne und höfliche Krebse fühlen sich da ganz schnell unter Rechtfertigungszwang, warum sie Ratschlag A von Ratgeber A nicht angenommen haben, aber brav Ratschlag B von Ratgeber B befolgten. Ratgeber A wird daraufhin Anzeichen von Bedrückung, Trauer oder sogar Kränkung („Ich versteh schon. Du musst halt selbst wissen, was gut für dich ist …“) zeigen. Und uns damit obendrein ein schlechtes Gewissen bescheren, das unsere Tagesform mit Sicherheit nicht verbessern wird.

Wenn es sie nicht gleich in den Keller zieht. Denn jeder nicht angenommene Ratschlag lässt ein Quäntchen Zweifel zurück: „Vielleicht hätte ich ja doch auf Ratgeber A hören sollen…“ Und schon versinken wir wieder im Chaos verzweifelter Fahndung nach eindeutigen Antworten. Die es aber nun mal in unserer Lage nicht gibt.

Was also tun mit den Ratschlagfluten?

Eindämmen natürlich, wie jede Flut, die bedrohliche Ausmaße annimmt. Und zwar möglichst, bevor einem das Wasser bis zum Hals steigt und der gut gemeinte Rat Verwirrung und Verzweiflung noch mehr befeuert, anstatt sie zu vermindern.

Die meisten von uns wollen selbst in dieser existenziellen Krise die Gesetze der Höflichkeit wahren und wohlmeinende Ratgeber nicht vor den Kopf stoßen. Und das muss auch nicht sein (obwohl ein bisschen Klartext, ganz unter uns gesprochen, manchmal richtig erfrischend ist). Jedenfalls dann nicht, wenn wir trotz Diagnoseschock ein paar klare Ansagen machen:

Medizinische Ratschläge bitte nicht an mich, sondern gleich an die oder den XY. Die oder der recherchiert nämlich diese ganzen Behandlungsfragen für mich, weil mich das alles einfach zu sehr belastet.

Danke, das reicht! Ich hab mich inzwischen für Behandlung A, Heilpraktiker B, Ernährung C und Antiangststrategie D entschieden. Damit geht’s mir gut, dabei bleib ich. Etwas anderes würde mich jetzt nur verunsichern.

Bitte keine Bücher, Zeitungsartikel und Internet-Links. Die sind bestimmt total interessant, doch, doch, da bin ich mir ganz sicher – aber ich pack das momentan einfach nicht, das könnt ihr bestimmt verstehen.

Ratschläge gerne, aber nur in einem bestimmten Bereich: In Sachen Immunsystem (Nahrungsergänzungsmittel Infos gegen Übelkeit, krebsfeindliches Gemüse, etcetera pp.) weiß ich inzwischen ganz gut Bescheid, aber könntest du bitte für mich rausfinden, was es so alles an Tipps bei Strahlentherapie gibt, welche Reha für mich am besten wäre, warum die Krankenkasse diese Rechnung hier nicht erstatten will?

Natürlich bin ich für jeden Rat dankbar. Aber nur, wenn er ein Mutmacher ist.

Darüber hinaus ist vieles einfach situationsabhängig. Davon, wer (ernst zu nehmend? Quatschkopf?) wann (vor oder nach wichtigen Entscheidungen? Tagesform gerade okay oder auf Halbmast?) was (interessant? verwirrend? Plattitüde?) rät. Und davon, ganz entscheidend, wie der Ratschlag präsentiert wird. Es gibt nämlich ein paar Formen, auf die wir umgehend mit der Roten Karte reagieren dürfen:

Muss-Ratschläge. „Du musst jetzt positiv denken, stark sein dringend einen Heilpraktiker finden dich im Internet schlau machen, nur noch grünen Tee trinken, dich fragen, was diese Krankheit dir sagen will…“. Einzig sinnvolle Reaktion: „Müssen muss ich gar nix.“ Wer sich nicht traut, das so klar auszusprechen, kann sanft darauf hinweisen, dass „Du-musst“-Formulierungen aus psychologischer Sicht nachweislich kontraproduktiv sind.

Als Ratschlag verkleidete Vorwürfe. „Kein Wunder, bei dem Stress, den du dir immer machst!“, „Ich hab dir immer schon gesagt, dass du zu viel trinkst“, „Sie als Fleischesser sollten endlich darüber nachdenken, Ihre Ernährung umzustellen“, „Tja, du hast ja auch jahrelang kettegeraucht…“ Rein inhaltlich womöglich alles korrekt. Aber gerade trotzdem voll daneben.

Missionierungsversuche aller Art. Ob nun zum einzig wahren Glauben, zur einzig wahren Ernährung oder zur einzig wahren Lehre aus dieser Erkrankung.

Fazit: Ratschläge sind in unserer Situation unvermeidlich. Je nach Kontext sind sie alles Mögliche von sensationell bis absurd, vielleicht sogar beides auf einmal. Aber eines können sie gar nicht sein: der Stein der Weisen. Sie geben Hinweise, aber nicht den einen Hinweis, der zur güldenen Richtschnur für die Genesung wird. Jeder muss seinen Weg durch diese Krankheit selbst finden, und jeder Weg ist anders. Je nach Betrachtungsweise ist das eine bittere Pille – oder aber schlichtweg erleichternd.

„Kopf hoch, Brust raus!“: Was wir im Umgang mit Krebs alles richtig machen können, Susanne Reinker. Ullstein Verlag, 16,99€.

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