Zu sehen ist eine Frau in einem rosa T-Shirt, auf dem in Höhe der rechten Brustwarze das Bild einer Brustwarze aufgedruckt ist. Sie greift sich unter das T-Shirt.
Foto: Cottonbro | Pexels

Warum ich weibliche Brustwarzen sehen will

Autor*in
Charlotte Büsig

Unsere Community-Autorin ist wütend über die Zensur weiblicher Brustwarzen auf Instagram. Denn die sozialen Medien bieten Raum für vielfältige Körper – aber nicht für die Nippel von Frauen.

Vor zehn Jahren kam mir Instagram wie eine Verheißung vor. Soziale Medien und damit auch Instagram haben es für Frauen einfacher gemacht, sich durch vielfältige Darstellungsweisen auf Bildern zu präsentieren. Wir konnten uns zeigen, genauso wie wir sind. Wir konnten zeigen, wie divers der weibliche Körper ist.

Die digitale Vernetzung untereinander hätte dazu führen können, dass wir uns digital eine eigene Identität schaffen, dass wir unsere Körper öffentlich präsentieren – ohne Rücksicht auf soziale und gesellschaftliche Normen. Doch der kontinuierliche Akt der Zensur, bei dem bestimmte Bilder aus dem öffentlichen Blickfeld verschwinden, führte genau zum Gegenteil. Soziale Medien sind kein Gegenpol für das gestaltete Frauenbild in Zeitschriften oder anderswo. Es ist kein Raum entstanden, der die Zensur des weiblichen Körpers aufhebt. Stattdessen ist die ganz normale weibliche Brustwarze verboten. Erst seit kurzem können Mütter ein Selfie beim Stillen posten.

Social Media bietet Raum für vielfältige Körper – aber nicht für weibliche Nippel

Dabei begann es so gut. Mit Instagram hätte ein neues Kapitel in der Kunstgeschichte beginnen können. Oder wenigstens hätte dreizehnjährigen Mädchen gezeigt werden können, dass Menstruation nicht „bäh“ ist und jede Frau andere Brustwarzen hat (Überraschung!). Es hätte ihnen und uns allen zeigen können, dass unsere Körper okay sind, genauso wie sie sind.

Social Media wollte eine Plattform bieten, die Austausch über diverse Erfahrungen und Perspektiven ermöglicht. Und stellt mit den eigenen Nutzungsbedingungen genau diese Mission in Frage. Benutzer*innen sollen nur Fotos und Videos einstellen, die für ein vielfältiges Publikum geeignet sind. Aus einer Vielzahl von Gründen wird Nacktheit nicht toleriert. Nur was ist Nacktheit? Was ist Kunst? Wo verläuft hier die Grenze? Muss jeglicher Content oder Kunst likeable for all sein?

Warum sind Brustwarzen anstößiger als explizit sexuelle Inhalte? Warum sind Brustwarzen anstößiger als Bilder von Schusswaffen? Warum ist es für uns als Gesellschaft unangenehm, weibliche Brustwarzen zu sehen?

Warum sind weibliche Brustwarzen unsichtbar auf Instagram? Es gibt sexualisierte Aufnahmen, GIFs, Videos, aber keine weiblichen Brustwarzen. Es sind Frauen zu sehen, die nur mit einem String bekleidet auf dem Schoß von einem Mann sitzen, wie sie twerken, wie sie sich am Sandstrand wälzen – aber ihre Nippel siehst du nicht.

Nur männliche Brüste dürfen bleiben. Auch der Hintern von Kim Kardashian. Mit durchsichtigen Tops „bedeckte“ Brüste sind ebenfalls erlaubt. Was nicht in Ordnung ist, sind Menstruationsflecken, Pos, die nicht zu Kim Kardashian gehören, weibliche Schamhaare, die oben aus dem Slip heraus blitzen, und weibliche Brustwarzen im Allgemeinen.

Warum sind Brustwarzen anstößiger als explizit sexuelle Inhalte? Warum sind Brustwarzen anstößiger als Bilder von Schusswaffen? Brustwarzen sind ein grundlegendes physiologisches Merkmal von Frauen. Warum ist es für uns als Gesellschaft unangenehm, weibliche Brustwarzen zu sehen? Warum ist die Versachlichung von Frauen für uns in Ordnung, sogar normal?

Pornografie und Kunst sind auf Instagram dasselbe

Nacktheit auf Fotos von Gemälden und Skulpturen ist akzeptabel. Hier wird das Grundprinzip Sozialer Medien sichtbar, es wird eine Grenze zwischen Fotografie und allen Formen der bildenden Kunst gezogen.

Was in Bezug auf Nacktheit und was in Bezug auf die weibliche Brustwarze zulässig ist, wird durch soziale Medien immer wieder neu definiert und vorgegeben. Es besteht ein generelles Zensurverbot für „reife Inhalte“, das jedoch so uneinheitlich umgesetzt wird, dass ein unklares Konzept von Nacktheit entstanden ist. Soziale Medien unterscheiden zudem nicht zwischen Pornografie und Kunst.

Diese Richtlinien stehen für eine (selbst-)zensierte weibliche Brust und für eine männliche Brust, die als alltäglich, normal und öffentlich wahrgenommen wird.

Instagram selbst sagt, dass es kein eigenes Werturteil abgibt, wie Brustwarzen in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Die Richtlinien sollen lediglich die Sensibilität des breiten und vielfältigen Spektrums von Kulturen und Ländern auf der ganzen Welt widerspiegeln. Das ist Bullshit. Wir sehen die Welt so, wie wir sie auf Social-Media-Plattformen abbilden und vor allem auch selber abbilden können. Beunruhigend an der gegenwärtigen Ära der Aktkunst ist, dass Frauen oft diejenigen sind, die die Kamera oder den Pinsel halten. Und oft zensieren wir uns damit selber, um sichtbar zu sein.

Nippelverbot zwingt Frauen zur Selbstzensur

Die Richtlinien Sozialer Medien stehen nicht für Sensibilität, sondern für die ambigue Sichtweise der Gesellschaft auf den weiblichen Körper. Diese Richtlinien stehen für eine (selbst-)zensierte weibliche Brust und für eine männliche Brust, die als alltäglich, normal und öffentlich wahrgenommen wird.

Die größere Auswirkung des Löschens von Brustwarzen und anderen angeblich beleidigend dargestellten Körpern besteht darin, dass viele zeitgenössische Künstler*innen nicht in der Lage sind, die Vorteile der sozialen Medien in gleicher Weise wie andere zu nutzen. Wenn Websites, die als Nachrichten- und Ausdrucksplattform dienen, Beiträge selektiv und unerwartet löschen, dann ist das Zensur. Die Beschränkung des Zugangs von Künstler*innen und Kunstliebhaber*innen zu sozialen Medien auf der Grundlage des Inhalts ihrer Werke wird zur Diskriminierung.

Die Macht, Bilder von weiblichen Brustwarzen zu unterdrücken, hat einen enormen potenziellen Einfluss auf die Kommunikation über visuelle Kunst, aber auch auf die Sexualerziehung, auf Diskussionen über Sexualpolitik und sogar auf die eigene Selbstzensur. Die Politik der Meinungsfreiheit hat sich auf private Unternehmen verlagert.

Wann wird Nacktheit zur Kunst?

Um pornografisches Material in ihren Foren zu verhindern, verbieten die meisten Social-Media- Sites das Posten von Nacktbildern. In der Regel erlauben ihre Nutzungsbedingungen Bilder von Gemälden oder Skulpturen mit Nacktheit. Das Problem für viele Künstler*innen und Kunstliebhaber*innen besteht jedoch darin, dass die Websites nicht in der Lage sind, die von ihnen gemachte Unterscheidung zwischen künstlerischer Nacktheit und Pornografie zu erkennen. Die Linie, die Pornografie von Kunst unterscheidet – auch wenn sie oft verschwommen ist – ist wichtig, um festzustellen, ob ein Bild oder Werk als obszön gilt.

Es steht außer Frage, dass Brüste und damit die weibliche Brustwarze nach wie vor mit kulturellen und sexuellen Erwartungen aufgeladen sind. Nur warum ist es im Jahr 2020 immer noch unmöglich diese Erwartungen aufzulösen? Für einen #nipple auf Instagram. TikTok, Facebook, Tumblr, Pinterest und Instagram haben kein Recht auf Zensur. Nur weil jemand durch weibliche Brustwarzen belästigt werden könnte. Was wird als nächstes zensiert? Woran werden wir uns als nächstes stören?

Denn nackte Brüste mit weiblichen Brustwarzen(!) hat es schon immer gegeben. Angefangen mit den Darstellungen stillender Madonnen im 14. Jahrhundert bis hin zu nackten Französinnen im späteren 16. Jahrhundert. Nackte Brüste sind nicht erst seit Instagram und dem Verbot weiblicher Brustwarzen ein künstlerisches Anliegen.


Charlotte Büsig ist Turnschuh-tragender Digital Native, immer auf der Suche nach dem neusten Trend in den Bereichen (Female) Empowerment und Diversity im Netz und ansonsten Consultant in Berlin.

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