Foto: Sophie Mayanne

„Boobs” – eine Ausstellung feiert die wunderschöne Vielfalt unserer Brüste

Sie können runzlig sein, schief und leer getrunken. Die Kuratorinnen Britta Helbig und Saralisa Volm zeigen die Brust in ihrer Vielfalt und facettenreicher künstlerischen Interpretation in einer Ausstellung in Berlin.

„Wir zeigen Brust“

Die Kuratorinnen Britta Helbig und Saralisa Volm haben in dieser Woche in Berlin die Ausstellung „bOObs – Wir zeigen Brust“ eröffnet und verbinden darin nicht nur einen künstlerischen Anspruch, sondern auch einen gesellschaftlichen. Die Ausstellung soll positive Zugänge zum Körper ermöglichen, jenseits von klassischen Schönheitsidealen und sexistischen Vorstellungen.

Wir haben Saralisa Volm zur Ausstellung interviewt. 

An ihnen kommt kaum ein Mensch in seinem Leben vorbei: Brüsten. Warum glaubst du, polarisiert dieser Teil vom Körper so sehr?

„Vor vielen Dingen, die wir lieben, fürchten wir uns auch. Die Brust steht in gewisser Hinsicht ja auch für die Mutter und an der arbeiten sich die meisten von uns sich ihr Leben lang ab. Sie hat uns genährt. Wir waren zu 100 Prozent abhängig von ihr. Nun wollen wir frei sein und müssen das Verhältnis neu definieren. Das ist nicht immer einfach.“ 

Ihr knüpft mit der Ausstellung an eurer Zusammenarbeit aus dem letzten Jahr an: „bitch MATERial“, die sich der Mutterschaft gewidmet hat. Gehören Mütter und Brüste zwangsläufig zusammen? Wie baut die Ausstellung aufeinander auf?

„Bei bitch MATERial wollten wir zeigen, dass Mutterschaft weit über biologische Faktoren und Rollenklischees hinausreicht. Auch Großväter, trans Eltern und schwule Elternpaare können Mütter sein beziehungsweise klassische Mutteraufgaben übernehmen – und vor allem: Sie tun es im Alltag ständig. Trotzdem ist das Mutterbild in der Gesellschaft sehr klassisch. Das gleiche gilt für den Kunstbetrieb. Wir wollten diese Struktur aufbrechen und eine Bandbreite an Mutteridentitäten offenbaren. Und hier knüpft nun auch die bOObs-Ausstellung an. Denn auch wenn für uns nicht jede Mutter Brüste hat oder braucht, so gibt das Klischee sie vor. Außerdem gibt es sehr enge Vorstellungen davon, wie so eine Brust auszusehen hat. Davon wollen wir weg. Außerhalb der Zeitschriften-Cover und Fernsehsendungen sind Brüste nämlich runzlig, schief, schön, abgenommen, ausgezehrt, leergestillt, klein, groß, asymmetrisch oder auch verbrannt. All diese Brüste finden bei uns Platz. In all ihrer Vielfalt, Echtheit und Schönheit. “

Gab es eine Kunstepoche, in der die Brust befreit war und nicht gezwängt in ein starres Ideal?

„Ich denke da vor allem sofort an die starke feministische Kunstbewegung in den USA der 70er Jahre. Da gibt es fantastische Arbeiten von Ana Mendieta oder Carolee Schneemann, die mit dem weiblichen Körper auf ganz neue Art verfahren. Hier findet eine echte Abwendung vom weiblichen Körper als sexuellem Objekt statt und die Künstlerinnen zeigen und machen Nacktheit, Fruchtbarkeit oder auch Menstruationsblut zum Thema und Mittel, das aus sich selbst eine Daseinsberechtigung hat. Auch Louise Bourgeois ist hier als Vorreitern zu nennen. Und diese oft performativen oder skulpturalen Arbeiten finden heute ihre Nachfolgerinnen z.B. in Tracey Emin oder Sarah Lucas. Und wenn wir unser eurozentrisches Bild verlassen, können wir glücklicherweise sehen, dass gerade in der afrikanischen Kunst eine große Freiheit herrschte für die weibliche Brust.“

Eglė Otto – Untilted, 2016

Gibt es ein gegenwärtiges Ideal?

„Ich bilde mir ein, dass die Kunst einen Freiraum schafft, wo Brüste sehr vieles sein dürfen. Hier ist die spannendere Frage vielleicht fast: Wie muss eine Künstlerin aussehen, was wird von ihren Brüsten erwartet? Studien zeigen: Ab einem bestimmten Alter wird es sehr, sehr schwierig als Künstlerin noch Bilder zu verkaufen. Entweder man ist jung und frisch oder es geht bergab.“

Wie sieht es heute aus: Beschäftigen sich viele Künstlerinnen mit dem Thema? Oder sind es die Künstler, die die Faszination in ihren Werken verarbeiten?

„Momentan explodiert der Kunstmarkt gefühlt in alle Richtungen. Malerei und Konzeptkunst. Viel Video-Art und eine große Begeisterung für Technik und neue Optionen durch Algorithmen. Und da begegnet einem dann doch öfter mal der perfekte Cyborg oder ein ‚Überkörper‘, wie bei Jeff Koons. Trotzdem gibt es viele künstlerische Positionen, die dem echten Körper Raum geben. Hier ist die Kunst eine Art Schutzraum im Unterschied zur Werbung, dem Fernsehen oder leicht konsumierbaren Print-Angeboten, die das ‚Echte‘ gerne vertuschen. Besonders offen und berührend empfinde ich hier zum Beispiel die Arbeiten der österreichischen Malerin Maria Lassnig, weil sie ein ehrliches, nacktes Altern zeigt, wie man es selten sieht und damit extrem erfolgreich ist. Und auch wir zeigen in unserer Ausstellung viele Brustvarianten fernab des Mainstreams. Da sind die Fotografien von Julija Goyd und die ineinandergreifenden Körperteile mit vielen Brüsten von Eglė Otto. Aber auch die Gemälde von René Schoemakers sind sehr pur und ehrlich. Ganz bewusst präsentieren wir Arbeiten von Künstler*innen aller Geschlechter.“

Welches Werk in der aktuellen Ausstellung hat dich besonders berührt?

„Die  ‚Matrone‘ von Birgit Dieker bewegt mich auf einer sehr assoziativen und auch kindlichen Ebene. Man will sie umarmen, eintauchen, sich geborgen fühlen zwischen den Brüsten und der Unterwäsche und sich verstecken vor der Welt. Sie ist für mich der Innbegriff weiblicher Stärke und Pracht.“

Birgit Dieker – Matrone, 2018

Plastisch operierte Brüste spalten selbst Frauen. Die einen sehen sie als selbstbestimmten Eingriff in den Körper, für andere sind sie Symbol der Unterdrückung, weil Frauen sich einem globalen Schönheitsideal unterwerfen und diese Form der körperlichen Optimierung, die unter die Haut geht, immer noch öfter von Frauen gewählt wird als von Männern. Gibt die Ausstellung hierzu Anstöße?

„Da wir die perfekt gemachte Brust schon so oft im Straßenbild und in den Medien präsentiert bekommen, haben wir auf eine fotografische Abbildung verzichtet. Allerdings zeigen wir erneut Arbeiten von Annique Delphine, die mit kleinen luftgefüllten Gummibrüsten genau dieses Ideal immer wieder hinterfragt. In der Ausstellung kommt das Thema eher andersrum wieder zum Vorschein, indem wir zum Beispiel das entnommene Brustmaterial der Künstlerin und Brustkrebspatientin Thedra Cullar-Ledford zeigen. Auch nach einem solchen Eingriff wird normalerweise die Brust künstlich wieder aufgebaut. Die Fotografien der Künstlerin Sophie Mayanne zeigen, dass es auch anders geht. Mit ihrem Projekt ‚behind the scars‘ zeigt sie Menschen, die enorme Schicksalsschläge hinter sich haben. Ihnen fehlen aus unterschiedlichen Gründen beide Brüste, Trotzdem strahlen die Bilder eine große Kraft und Hoffnung aus.“

Der Playboy hat seit den 90er Jahren über die Hälfte seiner Auflage eingebüßt. Müssen Brüste heute anders in Szene gesetzt werden?

„Ich denke der Playboy verlor vor allem Leser an Youporn und das Internet im Allgemeinen und befürchte: Brüste sind heute oft noch perfekter in Szene gesetzt, als in den 90ern.“

Beobachtest du beim Verhältnis zu den eigenen Brüsten eine Entwicklung? Sind erwachsene Frauen noch so verunsichert, wie als Teenager? Trauern Mütter ihren Brüsten vor dem Kind hinterher? Oder ist der Umgang mit Brüsten schon jetzt befreiter?

„Das ist eine spannende Frage. Ich denke der Körperkult ist heutzutage sehr stark und im Vergleich zu früher scheint mir der Anspruch an den Körper nach Geburten auch größer zu sein. Schlicht, weil die Möglichkeiten heute facettenreicher sind. Auch wenn die große Silikonbrust gerade nicht mehr in ist, die chirurgischen Eingriffe nehmen weltweit zu. Deshalb vermute ich, dass es eher eine kleine Bubble von Frauen ist, die sich entspannt.“ 

Raquel Paiewonsky – Bitch Balls, 2015

Hast du eine Idee, was man den Zensurmechanismen sozialer Netzwerke, die zum Beispiel weibliche Brustwarzen als anstößig empfinden, entgegensetzen könnte?

„Es ist schwer den sozialen Netzwerken selbst etwas entgegenzusetzen, weil die Konzerne so groß und mächtig sind. Ich empfehle: trotzdem posten, Widerspruch einlegen, erklären, dass es sich um Kunst handelt. Die Diskussion nicht aufgeben. Wir sollten aber vor allem aufpassen, dass die Plattformen nicht die Regelhoheit in der Realität übernehmen. Brüste und Körper sollten sichtbar bleiben. Beim Stillen im Café, an FKK-Stränden, in Museen, im Fernsehen, in Umkleiden im Schwimmbad und in Büchern. Nacktheit ist erstmal ein komplett natürlicher Zustand, den wir meiner Meinung nach gerne wieder etwas mehr normalisieren dürften.“

Danke für das Gespräch.

Wo ihr die Ausstellung sehen könnt:

bOObs – Wir zeigen Brust!
Karl Oskar Gallery
Burgemeisterstraße 4, 12099 Berlin
20.02.2019 – 08.03.2019

 

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