Foto: Frej Rosenstjerne

Camilla Zuleger: „Mein Verlag ist mein kleiner Protest”

Camilla Zuleger will junge, aufstrebende skandinavische Autor*innen auf den deutschen Buchmarkt bringen. Deshalb hat die Dänin einfach selbst einen Verlag gegründet.

Die skandinavische Literaturszene ist vielfältig 

Das erste woran viele Deutsche denken, wenn sie den Begriff „skandinavische Literatur” hören sind wohl düstere Krimis und Pippi Langstrumpf. Die skandinavische Szene hat aber einiges mehr zu bieten, sagt die 28-jährige dänische Literaturwissenschaftlerin und Autorin Camilla Zuleger. 2017 gründete sie ihren eigenen Verlag, den „Nord Verlag“. Seitdem sind in ihrem kleinen Unternehmen, das sich hauptsächlich in ihrer eigenen Wohnung abspielt, zwei Bücher von jungen Autor*innen auf Deutsch erschienen. Denn das ist das Besondere: Der „Nord Verlag” verlegt junge skandinavische Autor*innen für das deutschsprachige Publikum. Es gibt einen eigenen Webshop, ein liebevoll bespieltes Instagram-Profil und eine Gründerin, die es schafft, ihre Liebe für Bücher weiterzugeben. Wir haben mit Camilla Zuleger über das Verlegen mit deutschen bürokratischen Hürden, die Arbeit eines kleinen Verlages und großartige skandinavische Autorinnen gesprochen.

Was bedeuten Bücher für dich?

„Das ist eine gute Frage. Eine meiner ersten Kindheitserinnerungen sind die Besuche bei meiner Oma und die riesigen Kinderbücher von Richard Scarry, die sie hatte. Jedes Mal, wenn ich die Sommerferien bei ihr verbrachte, bekam ich ein Buchpaket: Sofies Welt, die Chroniken von Narnia, solche Geschichten. Als Kind war ich ein richtiger Buch-Nerd. Bücher waren einfach immer da und haben dadurch eine so wichtige Bedeutung bekommen für mich. Dass ich Dänisch studiert habe, so wie anderen in Deutschland Germanistik  studieren, war dann eher Zufall. Auf der einen Seite wollte ich gerne Journalistin werden, auf der anderen Seite Literaturwissenschaften studieren. Beides war mir aber für sich zu spezifisch und deshalb ist es Dänisch geworden.” 

Wofür steht skandinavische Literatur? 

„In Deutschland gilt nordische Literatur als Synonym für Krimis. Das fand ich irgendwie total verrückt, weil es so viel mehr und so viel Besseres gibt. Krimis sind gute Unterhaltung, aber mir war das zu wenig. In Deutschland habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Leute dachten: ,Dänemark, Schweden und Norwegen – irgendwas mit Kanelbullar, Hygge und Krimis.‘ Aber so sind wir ja gar nicht  – auf jeden Fall nicht nur so. Wir sitzen nicht ständig nur auf dem Sofa und ,hyggen‘ so vor uns hin. Wir machen uns auch Sorgen über den Rechtsruck in Dänemark und es gibt eine Gegenbewegung dagegen.  Der Verlag ist mein kleiner Protest.” 

Und wie würdest du die skandinavische Literaturszene beschreiben? 

„Weil sich zwischen Dänemark, Schweden und Norwegen eigentlich alle verstehen können, bewegt sich auch die literarische Szene über die Ländergrenzen hinaus. In jedem der drei Länder gibt es eine Autor*innenschule, die sehr bekannt ist. Und an diesen Schulen sind dann jeweils Autor*innen aus allen drei Ländern. Das finde ich besonders: drei Länder, mit unterschiedlicher Geschichte und Kultur, die eine gemeinsame literarische Tradition haben. Man merkt, dass sie sich gegenseitig beeinflussen. Dazu ist die Szene sehr jung. Autor*innen machen oft früh ihr Debüt, weil es sehr gute Fördersysteme und Raum zum Schreiben gibt. Hier ist es nicht unnormal, mit 20 sein Debüt zu schreiben. Dafür ist die Szene natürlich auch deutlich kleiner und dadurch ist es vielleicht auch einfacher. Allein in Kopenhagen gibt es gerade ungefähr 30 unabhängige Verlage, die sogar ihr eigenes Festival haben. Hier ist es einfacher Bücher zu verlegen, schlicht, weil man Lust drauf hat. Für Verlage meiner Größe ist das deutsche System nicht da, es ist für die großen Verlage, die Millionen von Büchern jedes Jahr herausgeben.”  

Trotzdem hast du nun einen Verlag, der nordische Bücher ins Deutsche übersetzt. Wie kam es dazu? 

„Vor zwei Jahren habe ich mein Studium abgeschlossen und war so, wie Menschen an der Uni oft sind: ,Hey, ich kann alles.’ Und war dann fast ein bisschen enttäuscht, dass nicht andauernd mein Handy geklingelt hat, und jemand mir einen Job geben wollte. Da wusste ich schon, dass ich etwas mit Literatur machen wollte. Aber einen Job in einem der großen Verlage zu bekommen, war geradezu unmöglich. Und wenn es geklappt hätte, nur mit vielen Kompromissen: ein Lyrikband für drei Fitnessbücher. Und zu der Zeit habe ich mit einem Freund gesprochen, der meinte: ,Warum machst du denn nicht einfach selbst einen Verlag für deutsche Bücher in Dänemark?`. Und erst einmal dachte ich: Das könnte zwar Spaß machen, aber es hat keine Zukunft. Und dann hat er es umgedreht: ein deutscher Verlag für dänische Literatur. Und dann dachte ist: Das könnte funktionieren, habe ein wenig Recherche gemacht und bin zu dem Ergebnis gekommen: Wenn dann jetzt.” 

Wie ist dein Verlag aufgebaut? 

„Bis vor einem halben Jahr hatte ich noch einen Teilzeitjob. Die andere Hälfte der Zeit gehörte meinem Verlag. Da hatte ich auch einen Arbeitsplatz in einem Büro. Mittlerweile bin ich Vollzeit angestellt. Deswegen ist der Verlag zurück in mein Wohnzimmer gezogen. Mein deutscher Freund unterstützt mich bei den Übersetzungen und liest Korrektur bei allem von Instagram-Untertitel bis hin zu Pressemitteilungen. Darüber hinaus habe ich ein großes Netzwerk von Leuten, die mir helfen. Aber eigentlich ist es ein ganz simples Set-up: Ich und mein Laptop.”

Camillas Arbeitsplatz. (Quelle: Instagram | Nordverlag)

Wie bist du auf deine ersten Autor*innen gestoßen?

„Ich habe keinen Themenschwerpunkt, sondern habe Bücher ausgesucht, bei denen die Autorinnen sich etwas getraut haben, etwas Neues geschaffen haben. Dieses ,Neue’ kann alles mögliche sein. Das erste Buch, ,Gold’ hat zum Beispiel eine neue Sprache in der dänischen Lyrik definiert. Es gibt wirklich ein davor und danach. Und das war mir wichtig: Bücher vorzustellen, die nicht eines von vielen sind, die ,nur´ gut sind. Deshalb waren die ersten beiden Bücher Lyrikbände. Das ist das Genre, in der skandinavischen Literatur, wo experimentiert wird, das Neue und Coole entsteht. Und das fand ich dann auch spannend für Deutschland.” 

Nehmen wir das erste Buch „Gold”: Wie sah der Weg aus von der Entscheidung: Ich will dieses Buch verlegen, bis hin zu dem Moment, wo es gedruckt bei dir ankommt? 

„,Gold’ habe ich mir selbst ausgesucht. Mein Freund hat es dann übersetzt. Und danach haben wir zusammen am Text gearbeitet, um den richtigen Ton zu treffen. Das Cover war recht einfach: Es ist das Gleiche wie bei der dänischen Ausgabe. Da mussten wir nur noch die Grafikerin fragen, die es umsonst gemacht hat, weil sie die Schwester des Autors ist. Dann habe ich eine Druckerei in Lettland gefunden, weil ich in meinem Bücherregal geschaut habe, welche Bücher ich schön finde und wo diese gedruckt wurden. Dann wurden die Bücher gedruckt. Das klingt super einfach, ich weiß. Das liegt aber auch daran, dass die Szene hier in Dänemark wirklich sehr klein ist. Insgesamt hat der ganze Prozess vielleicht etwas mehr als sechs Monate gedauert.” 

Und danach, lief alles total easy? Oder gab es auch Hürden? Vor allem auf dem deutschen Markt? 

„Am Anfang war mein großes Glück, dass ich super naiv gewesen bin. Ich hatte wirklich keine Ahnung. Ich wusste, wie es in Dänemark läuft und so anders konnte es in Deutschland schon nicht sein. Ich hatte total unterschätzt wie groß Deutschland ist und dass es deshalb auch eine gewisse Art von System braucht. Meine ursprüngliche Idee war es, einfach mal Bücher drucken zu lassen und dann einfach Buchhandlungen anzurufen oder eine E-Mail zu schicken. Und das geht einfach nicht.” 

Sondern? 

„Das hat ewig gedauert. Ich bin erst vor ein paar Monaten mit den grundlegenden Kriterien fertig geworden: Bar-Sortimente und solche Sachen. Erst dann konnten die Bücher aus meinem Schlafzimmer in ein Lager nach Deutschland ziehen Das war die allergrößte Hürde. Dazu kommen dann Dinge wie Buchhaltung und Umsatzsteuer.” 

Und das hast du dir alles selbst beigebracht? 

„Ja, am Anfang musste ich es selbst machen, weil ich es mir echt nicht leisten konnte, mir Hilfe zu suchen. Mittlerweile, seitdem ich Vollzeit arbeite, habe ich Unterstützung. Das lohnt sich für mich, auch wenn es aus meinem privaten Geld finanziert wird, weil ich sonst nicht weiterkomme.” 

Wo bekommt man deine Bücher in Deutschland? 

„Das ist eine gute Frage. Am Anfang hatte ich eine komplette Liste, aber jetzt, wo es ein Lager gibt, habe ich keinen kompletten Überblick mehr, weil es eine Art Schweigepflicht zwischen Sortiment und Handel gibt. Aber es gibt relativ viele, die mindestens ein Exemplar haben. Und, dadurch dass es jetzt ein Sortiment gibt, können sie in jeder Buchhandlung bestellt werden, so wie alle anderen Bücher. Und wir haben einen Webshop, über den die meisten Bücher gekauft werden. In meinem Businessmodell waren außerdem von Anfang an Instagram und andere digitale Verbreitungsmodelle essentiell. Das unterscheidet uns vielleicht ein bisschen von deutschen Verlagen.” 

Verdienen du oder deine Autor*innen Geld mit dem Verlag? 

„Also, ich nicht. Aber alle anderen arbeiten nicht umsonst, wirklich Geld verdienen tun sie aber auch noch nicht darüber. Trotzdem macht man ja einen Vertrag über die Rechte, bei dem die Autor*innen einen Vorschuss bekommen. Bei unseren Auflagen ist das aber natürlich nicht besonders viel.”

Soll sich das irgendwann ändern? 

„Ja, das ist der Plan. Auch weil es schön wäre, den Verlag in Vollzeit zu machen. Manchmal tagträume ich und mache Berechnungen, wie viele Bücher ich verkaufen muss, um davon leben zu können. Aber gerade ist es auch schön, die Freiheit zu haben unabhängig vom Finanziellen zu entscheiden, was die Auswahl der Geschichten angeht, die Art des Papiers  und die Tatsache, dass alle, außer mir, für ihre Leistung bezahlt werden – ohne meinen Job wäre das nicht möglich.“ 

Und zum Schluss: Welche skandinavischen Autor*innen sollte man, abseits von Krimis, unbedingt kennen?

 „Ich finde die Schwedin Lina Wolff ganz großartig. Ihr Buch: ,Die polyglotten Liebhaber” ist Ende letzten Jahres auf Deutsch erschienen. Die Norwegerin Merethe Lindstrøm finde ich auch ganz schön. Sie ist auch gerade übersetzt worden, von Elke Ranzinger, die auch mein nächstes Buch übersetzen wird. Und die Dänin Mette Moestrup, die empfehle ich auch immer wieder, ist auch auf deutsch übersetzt worden. Außerdem fallen mir spontan noch Athena Farrokhzad, Madame Nielsen, Edith Södergran und unbedingt Tove Jansson ein.”

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