Foto: Jan Zhukov

Das Sinnvollste, was ich bei einem Bondage-Workshop gelernt habe

Was ist dran am Hype um BDSM? Um das herauszufinden, hat Theresa Lachner einen Bondage-Workshop in einem Berliner Sadomaso-Keller besucht. Ein Auszug aus dem Buch „Lvstprinzip“, in dem Theresa über ihre sexuellen Erfahrungen, aber auch über ihr turbulentes Leben als Digitalnomadin schreibt.  

Sex, Selbstwert und Tabubrüche

Bondage, Orgasmische Meditation und Tantra – statt einer Bucket-List hat Theresa Lachner eine Fucket-Liste geschrieben. Diese „Sex-To-do’s“ arbeitet die Bloggerin und Journalistin in ihrem ersten Buch „Lvstprinzip“ mit viel Witz, aber auch kritischer (Selbst-)Reflexion ab. Vermeintlich könnte man nun denken, ihr autobiografisches Debüt sei lediglich eine Sammlung sexueller Erfahrungen. Doch weit gefehlt. In „Lvstprinzip“ nimmt Theresa Lachner Leser*innen mit auf eine Reise – sowohl in die 36 Länder, die sie als Digitalnomadin innerhalb von fünf Jahren bereist hat, als auch auf die Reise zu sich selbst: Weg von toxischen Beziehungen, hin zu abenteuerlichen (Sex-)Erlebnissen und noch wichtiger, zu einem gesunden Selbstwertgefühl.

Reisend und schreibend verarbeitet Theresa Lachner traumatische Erfahrungen, erzählt vom nicht immer einfachen Leben als Digitalnomadin, lässt tief in ihre Gefühlswelt blicken, bricht mit Tabus und macht Lust auf emanzipierten, befriedigenden Sex. Für alle, die einen Vorgeschmack möchten, kommt hier ein Buchauszug, in dem sie sich Punkt 2 auf ihrer Fucket-List widmet: Bondage.

Was ist dran an diesem Unterwerfungs-Hype?

Meine Mission führt mich in einen Sadomasokeller im Bergmannkiez. So wie jede vernünftige Frau weltweit frage natürlich auch ich mich seit „Fifty Shades of Grey“, ob in mir eigentlich auch eine Sub schlummert oder ich einfach gern mal von einem kontrollsüchtigen Milliardär durchgebumst werden und nie wieder meinen Abwasch und meine Fingernägel selbst machen will. Ich habe ja wirklich selten ein beknackteres Buch gelesen und mich dabei maßlos über diese ultraklischeehafte Darstellung von BDSM aufgeregt, will aber natürlich selbst mal wissen, was eigentlich an diesem ganzen Unterwerfungs-Hype dran ist. Mit dem Sex reden, statt immer nur über ihn steht groß in meinem Mission-Statement im Blog, und es käme mir unseriös vor, über etwas zu urteilen, was ich nicht selbst auch mal ausprobiert habe. Also buche ich einen Japanese-Bondage-Workshop.

Schon auf der Treppe hinunter in den stickigen Keller beginne ich in meinen Kunstledershorts (bequeme Kleidung stand in der Workshop-Beschreibung) zu schwitzen und würde eigentlich gerne direkt wieder umdrehen. Bei dreißig nervös hyperventilierenden Kursteilnehmenden wird Sauerstoff schnell zur Mangelware. Dafür riecht die wenige Luft wenigstens schön vertraut nach IKEA-SB-Halle. Das Andreaskreuz ist eine liebevolle Einzelanfertigung aus Pressspanplatten. Sadomasofreunde sind passionierte Heimwerker – eine Erkenntnis, die übrigens auch im Umkehrschluss funktioniert. Basteln scheint Menschen auf wilde Ideen zu bringen.

Leider zu wohlerzogen

Unsere Kursleitung stellt sich vollmundig als die Bondage-Koryphäe Deutschlands vor, ist mehr so alte Schule, und zeigt uns jetzt so zur Motivation erst mal, wie er seine Übungspartnerin mit rund sieben Meter Juteseil in eine Art dekorativen Rollbraten verwandelt. Die beiden haben eine für Außenstehende eher ein bisschen ekelhaft anmutende Paardynamik: Er schubst sie in der Gegend rum, gibt ihr zwischendurch Klapse auf Po, Schritt und Busen, sie quiekt dabei jedes Mal reflexartig wie ein wild gewordenes Meerschweinchen. Schon klar, dass die beiden das hier nicht zum ersten Mal machen. Whatever works und so, aber innerhalb der Workshopsituation mit neunundzwanzig anderen Fremden fühlt sich diese Show so ganz kontextbefreit ziemlich chauvinistisch und unangebracht an und setzt einen komischen Grundton. Jetzt wirklich so null Hashtag Relationshipgoals, eher bitte ganz schnell weg hier. Ich will sehen, wie Knoten gehen, und nicht, was diese beiden alten Leute in ihrer Freizeit so treiben.

„Wollen wir?“, fragt mich so ein Handygürteltaschen-Walter, als es an die Paarübung geht, und ich verfluche meinen Wohlerzogenes-Mädchen-Komplex, der mich im entscheidenden Moment nicht „Ich möchte eigentlich nicht mal mit jemandem sprechen, der eine Handygürteltasche trägt, geschweige denn, ihn mit einem sieben Meter langen Juteseil verschnüren“, sondern „Okay“ sagen lässt. „Wie fühlt sich das für dich an?“, frage ich also gehorsam Walter, als ich ihn mit der frisch erlernten Brezenknotentechnik in ein Geschenkpaket verwandle – immer schön kommunizieren, Feedback einholen, Blutdruck und Gemütszustand checken, keine Arterien abschnüren.

„Ich bin so geil, meine Hose platzt gleich“, kommt prompt Walters fröhliche Antwort. Pfuh. Was, wenn ich jetzt einfach so tue, als müsste ich aufs Klo, verschwinde und den verschnürten Walter seinem Schicksal überlasse? Schon wieder zu wohlerzogen, leider. Als er „Und jetzt du?“ fragt, schiebe ich meinen zu niedrigen Blutdruck vor und vertschüsse mich schnell an die Bar. „Boah, schlimm hier, oder?“, sage ich zu dem wunderschönen schwulen Mann an der Theke neben mir, während ich auf meinen Prosecco auf Eis warte, der kein bisschen safe, sane and consensual ist. „Ja, voll sexistisch, das ist mir hier echt alles zu viel.“ Hach!

Manchmal will man einfach ein kleines verschnürtes Paket sein, das darum bettelt, gefickt zu werden

François ist Tänzer und Choreograph und arbeitet zurzeit an einem Stück über und mit Sexarbeiterinnen. Wir quatschen uns sofort auf Englisch-Französisch fest und ignorieren die anderen Heimwerkenden. „Und, wie findest du Bondage so?“, frage ich ihn irgendwann. „Na ja, manchmal will man eben einfach ein kleines verschnürtes Paket sein, das darum bettelt, gefickt zu werden“, sagt er und hält dabei meinem Blick stand, und ich finde, das ist mit sehr großem Abstand das Sinnvollste, was ich an diesem Tag über BDSM gelernt habe. „Wollen wir abhauen?“, fragt er jetzt, und sein Blick bleibt so lange an mir hängen, dass selbst mir doch noch klar wird, dass François gar nicht schwul ist, sondern halt einfach ein sehr schöner französischer Tänzer.

Als Sexkolumnistin werde ich ja oft nach Sex-Lifehacks gefragt. Nach dem einen Trick, mit dem im Bett dann so wie mit einem Fingerschnipsen auf Anhieb alles super läuft. Ich weiß, „Einfach mal nachfragen und herausfinden, was dem anderen eigentlich so gefällt“ ist eine ziemlich langweilige, aber immerhin ehrliche Antwort. Was bei mir außerdem immer großartige Resultate erzielt: Sex mit Männern, die ich ursprünglich für schwul gehalten habe. Man lernt sich erst mal wunderbar unverkrampft kennen, unterhält sich super, spart sich so viele alberne Games, die man in Hetero-Konstellationen unter „Flirten“ verbuchen würde, hat null Erwartungshaltung und somit auch keinerlei Angst, enttäuscht zu werden, und bekommt dann als Bonus noch einen empathischen, lustigen Mann ohne Riesenego, der noch dazu verdammt gut riecht. Winning at life!

„Lvstprinzip“ von Theresa Lachner. Aufbau Verlag, 20 €.

Das Buch ist natürlich auch bei lokalen Buchhändler*innen eures Vertrauens zu finden. Support your local Book-Dealer!

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