Foto: Leah Kunz

Warum öffentliche Unsicherheit ein Privileg ist

Schwäche als Stärke, das klingt erst mal cool. Können sich aber nicht alle leisten, meint unsere Chefredakteurin.

Liebe sogenannte starke Frau,

Vulnerability is not a weakness, so heißt es auf einem aktuellen Instagram-Posting bei EDITION F. Ich weiß das, denn ich habe die Illustration selbst ausgesucht. Sie sieht schön aus und ich mag die Aussage: Verletzlichkeit als Stärke. Der Verletzlichkeit das Tabu nehmen. Vermeintliche Schwäche zugeben. Überhaupt: Schwäche neu definieren. Denn Verletzlichkeit ist keine Schwäche.

So weit, so selfcare-sprüchemäßig gut. Eine Leserin schreibt unter das Posting: „Stimmt. Eher eine fette Stärke.“ Und ich denke darüber nach. Einen Tag, zwei Tage. Warum muss eigentlich immer alles eine Stärke sein? Und ist Unsicherheit wirklich eine Stärke?

Ja, es ist absolut notwendig, Gefühle und Seiten zu zeigen, in den öffentlichen Diskurs zu bringen, die bisher tabuisiert sind. Dass mehr und öffentlich über Mental Health gesprochen wird, ist so wichtig und für viele Menschen existenziell. Was ich für problematisch halte: zu suggerieren, dass es für alle Menschen gleichermaßen gut ist und funktioniert.

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Schwäche als Existenzbedrohung

Wenn eine erfolgreiche, weiße, nicht behinderte Frau öffentlich eine vermeintliche Schwäche zugibt, kann ihr das durchaus als Stärke ausgelegt werden. Aber wie sieht es bei einer marginalisierten Frau aus, der eh schon durch ihre Marginalisierung Schwäche zugeschrieben wird? Wenn sie öffentlich Schwäche zeigt, kann das im schlimmsten Fall existenziell bedrohlich für sie sein.

Es braucht Privilegien, um Unsicherheiten öffentlich eingestehen zu können. Es braucht ein sicheres Fundament, ökonomisch und sozial, Unsicherheiten zu thematisieren. Wenn wir also sogenannte Selfcare-Sprüche verbreiten, muss immer klar sein, dass sie nicht für alle in allen Situationen gelten und gelten können.

Zum Beispiel liebe ich die Serie Radical Softness von Künstler*in Lora Mathis. Emotions are not a sign of weakness, schreibt Mathis. Die Idee ist gut und muss unbedingt verfolgt werden: Gefühle müssen in den öffentlichen Diskurs. Klar muss dabei aber auch sein: Das geht nicht für alle zu den gleichen Bedingungen. Während eine weiße Frau zum Beispiel durchaus wütend in der Öffentlichkeit sein darf, ist eine wütende Schwarze Frau von ganz anderen Zuschreibungen, Vorurteilen und Diskriminierungen betroffen. Die Darstellung Schwarzer Frauen als Angry Black Woman ist „ein sehr gewaltvoller und natürlich rassistisch motivierter Abwehrreflex“, so Nadja Ofuatey-Alazard, Filmemacherin und Geschätsführerin des rassimuskritischen Vereins Each One Teach One. #StaySoft kann also nicht für jede*n funktionieren und erst recht nicht zu gleichen Bedingungen.

Frauen ohne Power, Moms ohne working

Sobald eine Frau beruflich erfolgreich ist, vielleicht sogar noch Kind(er) hat, wird sie oft mit dem Attribut starke Frau belegt. Was furchtbar ist. Das weiß ich so genau, weil es auch mir zugeschrieben wird. Auch hier wieder problematisch: Die Frau, die vermeintlich stark sein soll, wird als Einzelfall gesehen. Der Begriff Frau reicht allein nicht für Stärke, so scheint es. Oder hast du schon mal von einem starken Mann gelesen, außerhalb von Box- und Ringkämpfen, bloß weil er erfolgreich arbeitet und Kinder hat?

Es ist das gleiche Problem, das sogenannte Powerfrauen (seufz) und Working Moms (seufz) haben. Dadurch, dass es eine extra Bezeichnung für sie gibt, wird sprachlich klargemacht: Sie sind der Ausnahmefall. Eigentlich haben Frauen keine Power, eigentlich sind Moms nicht working.

Ich glaube, wir starken Frauen (seufz) haben zwei Aufgaben, wenn es um vermeintliche Stärke und um vermeintliche Schwäche geht. Wir sollten uns immer wieder trauen, unsere unsicheren Momente zu teilen – und uns dabei gleichzeitig bewusst sein, dass das nicht alle anderen Menschen genauso tun können. Dass sie mit anderen Konsequenzen rechnen müssen als wir selbst. Deshalb muss auch klar sein, dass diese Selfcare-Sprüche nicht für alle gelten. Jedenfalls nicht in der Welt, in der wir gerade leben.

Und im besten Fall schaffen wir die Kategorien stark und schwach für Menschen komplett ab.

Deine Mareice (mal stark, mal schwach und meistens irgendwas dazwischen)

Manchmal stark, manchmal schwach. Warum Unsicherheit ein Teil von uns allen ist und wie wir damit umgehen. – alle Inhalte

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Mareice Kaiser setzt sich für einen Journalismus ein, an dem alle teilhaben können, an dem alle beteiligt sind und in dem alle vorkommen – seit März 2020 als Chefredakteurin bei EDITION F. Ihre Themen: Inklusion, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, Chancengerechtigkeit.

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