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Die unglaubliche Ruhe am 1. Januar – auf dem Land kriegt ihr das jeden Tag, Großstädter*innen!

Wer sind „wir“ als Gesellschaft, was muss sich verändern und wo wollen wir hin? Das sind Fragen, auf die es mit jeder neuen Perspektive auch neue Antworten gibt. In unserer Kolumne „Reboot the System“ gehen ihnen deshalb verschiedene Autor*innen zu unterschiedlichen Themenbereichen nach. Heute mit: Elina Penner

Diese unglaubliche Ruhe des Ersten

Heute ist der erste Erste. Hört ihr das? Genau. Nichts. Spaß beiseite, ihr seid Eltern. Euren Kindern ist es egal, was heute für ein Tag ist, sie produzieren nur für euch die gleiche Geräuschkulisse wie jeden Tag. Vielleicht schreit euer Baby, vielleicht brabbelt eure Zweijährige, vielleicht streiten eure sechsjährigen Zwillinge. Vielleicht schnarchen eure Teenager. Packt sie alle ein, und geht raus! Die Ruhe wird euch umhauen. Meine liebste deutsche Tradition: der Neujahrsspaziergang. Warum? Weil dann endlich mal alle still sind.

Viele meiner Freund*innen haben vor ein paar Tagen ihr erstes Weihnachten und Silvester mit Kind erlebt, andere ihren ersten Abend ohne Kind gefeiert. Ich erinnere mich am ersten Ersten immer an den ersten Spaziergang mit dem ersten, neugeborenen Kind, der fiel zufällig auf den Neujahrstag und puh, das war schon ganz schön emotional.

Alles war auf Anfang und komplett neu. Meine ersten Schritte als Mutter, draußen in der Welt, die ja an diesem Tag in Berlin eher post-apokalyptisch erscheint. Die Luft stand still, roch nach verkohltem Schwarzpulver und Alkohol, und auf dem Boden lag noch mehr Müll als sonst. Wir also raus, rein in diesen vermüllten Tag, um als Eltern zum ersten Mal einen Kinderwagen zu schieben, und diese unglaubliche Ruhe zu verinnerlichen.

Ich habe den ersten Ersten vor allen Dingen deswegen schon immer geliebt, weil es der eine Tag im Jahr war, an dem in Berlin die Zeit stillsteht.

Themaverfehlung?

Ich habe sehr viel Liebe für diesen ersten Tag im Jahr. Aber wollt ihr das überhaupt hören? Nein, so geht das nicht, Elina, du musst über Sachen schreiben, die dich wahnsinnig machen, das ist dein Markenzeichen, jetzt reg dich mal fein auf und vergiss nicht so krass zu übertreiben, dass niemand mehr den Unterschied zwischen überspitzt und real erkennen kann. Niemand liest deine Texte, um sich zu beruhigen.

Ok, gut, dann halt Silvester, ich kann mit Silvester nichts anfangen. Ja, ok, ich hasse Silvester. Für mich! Wenn es Menschen glücklich macht, völlig überzogene Preise für Menüs auszugeben und danach in überfüllten Bars und Clubs nicht steil zu gehen, weil sich niemand bewegen kann, dann bütteschön, whatever crumbles your cookie! Dumm finde ich euch trotzdem. Mich finden auch viele Leute dumm.

Mein Ruhebedürfnis und ich, wir haben Berlin auch wegen Silvester verlassen, denn der letzte Tag des Jahres in Berlin ist bekanntermaßen auch gerne etwas, was bei Youtube mit dem Begriff Krieg beschrieben wird. Und ja, ich bin ein Angsthase, ein richtiger Schisser, mir taugt die ganze Böllerei nichts. Ich schrecke nur zusammen, und bin fest davon überzeugt, in dieser Nacht als „Bild“-Schlagzeile zu enden. Deshalb freue ich mich auf den ersten Tag des neuen Jahres wie andere auf den letzten des vergangenen Jahres.

Next Level: nüchtern!

Jetzt grummeln die Silvesterfans direkt los, dass man ja am 31.12. vor allen Dingen das neue Jahr feiert. Man heißt es quasi willkommen! Ist das so? Sogar Wikipedia erklärt, dass der Tag auch als Altjahrstag bezeichnet wird … mmmh. Besondere Silvester-Outfits werden in Schaufenstern angepriesen und jede Menge zusätzlicher Plastikscheiß wird in Drogeriemärkten als Partydekor verscherbelt. Pailletten kann man übrigens das ganze Jahr über tragen, ich bin der lebende Beweis. Ich bleib bei meiner Vorliebe für den Neujahrstag. Wart ihr schon mal in eurem Kiez am Neujahrsmorgen spazieren? Nicht gegen zwölf, hust hust, eher so um acht, da seid ihr eh schon seit Stunden wach und habt zweimal gefrühstückt. Macht mal! Und, next level, nüchtern! In der Schwangerschaft und mit einem Baby macht man ja urplötzlich viele Dinge auf einmal nüchtern. Nüchtern im Fußballstadion ist zum Beispiel wesentlich unangenehmer als nüchtern am ersten Ersten durch den Stillstand Berlins zu spazieren.

Vor fast zehn Jahren kam mir das revolutionär vor. Ich war zwar schon daran gewöhnt, Silvester nicht wirklich zu feiern, denn im Studium war ich Team Gastro und wurde von den lieben Gästen so bemitleidet, dass ich armes Ding am 31.12. arbeiten musste, dass das Trinkgeld nur so klimperte. Doch Jahre später bewusst zu Hause zu bleiben, einfach nichts zu machen, während die Welt um einen herum die Nerven verlor, fühlte sich an wie Rebellion.

An Silvester nichts zu machen ist doch das original JOMO – Joy Of Missing Out. (Niemand hat mehr FOMO, keep up.) Um 22 Uhr das Licht ausmachen, sich ins Bett legen und ins neue Jahr schlafen? Mein Ruhebedürfnis und ich sagen WHOOP WHOOP! Lasst euch von niemandem einreden, dass ihr als langweilige Eltern jetzt urplötzlich diesen Pseudopartytag unbedingt mitmachen müsst. Feiert lieber mal wieder euren Geburtstag! Da ist dann auch ein Jahr vergangen, aber es geht um euch!

Ein paar Mal sind wir aus Berlin geflohen, als das Baby noch sehr klein war, denn geballert wurde nicht wie hier in der Kleinstadt von 23:40 bis 0:20 Uhr, sondern einfach mal Tage vorher bis gefühlt Februar. Ruhe Ruhe Ruhe. Wir konnten an nichts anderes denken, als raus aus der Stadt, die in dieser Nacht jeden letzten Anstand verliert.

Mittagsruhe – echt jetzt?

Aber jetzt sind wir ja ganz aus Berlin raus! Jetzt haben wir sie, die Ruhe. Dieses besondere Gefühl, am ersten Januar aufzustehen, und mit Kind und Kegel durch den Dreck der Vornacht zu spazieren und die absolute Stille zu genießen, die haben wir hier werktags von 12-15 Uhr, jeden Montag, Mittwoch und Samstag. Sonntag sowieso! Und Freitagnachmittag kannste auch vergessen. Ohne Dreck wohlgemerkt, hier ist alles immer sauber. Es gibt Gerüchte, dass hier manche stolzen Steingartenbesitzer*innen quartalsweise die Kiesel in die Spülmaschine packen.

Wirklich, wie zwei vollkommene Ottos mussten wir uns daran gewöhnen, dass eine Bank, ein Bäcker, ein Friseur oder eine Post nicht immer geöffnet haben. Mittagsruhe ist ja die eine Sache, aber einfach mal einen ganzen Tag dicht machen? Ich dachte, mein Mann verarscht mich, als er mir an unserem Einzugswochenende ein Bild von den Öffnungszeiten des Discounters schickte. Samstags bis 18 Uhr. Aber natürlich gibt es hier auch Supermärkte, die bis 22 Uhr geöffnet haben – wir leben ja nicht in Niedersachsen.

Tor zur Hölle der Ungeduld

Ein paar Mal habe ich den Fehler gemacht, und bin vormittags einkaufen gefahren, um auf der sicheren Seite zu sein. Haha, nie wieder. Tor zur Hölle der Ungeduld. Während also in Berlin um 19 Uhr der Ausnahmezustand an den Supermarktkassen ausgerufen wird, scheint das hier in der Kleinstadt eher so neun Uhr morgens zu sein, denn das ist Rentner*innen-Prime-Time. (Die gehen hier übrigens immer paarweise einkaufen, was ich wiederum sehr sehr süß finde.)

Wisst ihr, wer hier noch vormittags einkauft? Frauen mit Babys. Frauen mit kleinen Kindern. Frauen mit älteren Kindern und ihren Schnupfnasen. MÜTTER! Ja, genau die. Seit gut einem Jahr arbeite ich von zu Hause aus, was ein Luxus ist, für den ich sehr dankbar bin, und dafür, dass ich jetzt richtig tight mit unserer Postbotin bin.

Wir leben jetzt seit zwei Jahren hier auf dem Land und seitdem warte ich darauf, einen Papa mit Kind werktags und vormittags im Supermarkt zu treffen. Wo sind die alle? Sind die alle arbeiten? Kann das wirklich sein? Auch in der Abholschlange vorm Kindergarten um 11:59 Uhr sehe ich keine Papas. Mamas, Omas, Opas, keine Papas. Morgens ja! Auch mal nachmittags, ja, aber nicht mittags. Mmmh. Könnte es sein, dass das diese ‚persönliche und individuelle Entscheidung‘ ist, von der alle immer sprechen?

Für sich, gegen die Rentenkasse

Jede entscheidet für sich und ihre Familie, was am besten ist. Für sich, aber gegen die Rentenkasse, ist richtig. Für sich, für die Karriere des Mannes, für die eingehaltene Mittagsruhe. Woher ich überhaupt weiß, wie lang die Schlange mittags vorm Kindergarten ist? Das erste halbe Jahr hatten wir nur einen 20-Stunden-Platz. Deshalb. Ich zitiere hier meine gute Freundin: ‚Echt, sowas gibt’s?‘

Elina, das können wir so nicht stehen lassen, dann kommentieren sofort wieder alle, dass das doch schön ist, wenn die meisten Kinder in eurem Kindergarten mittags zu Mutti nach Hause dürfen, wo frisch gekocht wird. Wunderschön ist das. Alles freiwillig. Ich verweise an dieser Stelle wie immer auf einen meiner Lieblingsartikel von Alexandra Zykonov und diese Tatsache: „Laut Statistischem Bundesamt arbeiten nur zehn Prozent aller Mütter mit Kleinkindern unter drei Jahren Vollzeit. 90 Prozent arbeiten also in Teilzeit oder gar nicht, solange ihre Kinder im Krippenalter sind.“

Aber was willste machen, wenn wie bei uns die meisten Kindergärten Kinder erst ab zwei Jahren annehmen und Tagesmütter auf Jahre ausgebucht sind?

An Ampeln ins Leere starren

Es kann doch nicht sein, dass eine Kolumne zum Thema Ruhe und Neujahr wieder zum Thema Vollzeit-Teilzeit-Elternschaft führt. Doch. Und warum? Weil die Frauen, die um 11:59 Uhr ihre Kinder abholen, anders aussehen als die Eltern, die mit mir in Berlin ihre Kinder um 15:59 Uhr abgeholt haben. Die haben nämlich die Ruhe weg.

Sie wirken, und es schüttelt mich bei diesem gefühlten Oxymoron, entspannt. Die lachen auch immer! Jetzt denkt die eine Hälfte wieder, ich lüge, aber wirklich! Ostwestfälische Mütter, die lachend, und völlig entspannt in einer Schlange stehen und auf ihre Kinder warten. Entspannte Mütter, die mit diesen Kindern vormittags in Ruhe einkaufen gehen. Stellt sie euch mit einem Strauß Fleischwürste vor und in Engelbert-Strauß-Hosenanzügen. Ja, ok, jetzt lüge ich.

Entspannte Mütter. Normalerweise liest man so etwas nur bei den Sponsored Ads für irgendwelche Tagesthermen, aber hier auf dem Land gibt es sie noch. Manchmal möchte ich mich da einreihen, in die Schlange, und sie antippen, wie bei „Ruck Zuck“ früher und ihnen den Begriff Altersarmut ohne Gesten und ohne Mimik erklären. Ganz schnell, in wenigen Sekunden, möchte, dass sie genauso paranoid und panisch werden wie meine Blase und ich! Ihr werdet alle in Armut sterben! Was ist, wenn er euch verlässt? Was macht ihr dann? Lest ihr denn nicht all die Bücher und all die Artikel zum Thema Altersarmut bei Müttern?

Doch, um beim „Ruck Zuck“-Bild zu bleiben, ich habe den Verdacht, dass die 12-Uhr-Mütter die Kopfhörer nicht abnehmen wollen. Sie wollen es nicht hören. Oder, und das kann auch wahr sein: Sie müssen es nicht hören. Das Eigenheim ist abbezahlt, seit Jahren, ihr Name steht im Grundbuch und die Rentenpunkte und private Rente sind gesichert. Die Jobs, die sie vor den Kindern ausgeübt haben, dienten nicht zur persönlichen Erfüllung, es waren einfach Jobs. Die gibt es auch noch. Denn auch wenn man der Blogosphere gerne, gerne glauben würde, aber wir können nicht alle kündigen, nur weil uns der Job nicht glücklich macht.

Kinder kriegen, um raus aus dem Job zu kommen?

Aber wir können Kinder kriegen. An dieser Stelle würde sich der Emoji mit den weit aufgerissenen Augen, einer neutralen Mundpartie und leicht geröteten Wangen richtig gut machen. Hat sie etwa? Nein, hat sie nicht. Sie hat nicht gesagt, dass Frauen Kinder kriegen, um ihren uninspirierenden Jobs zu entkommen.

Ich kann verstehen, dass man keinen Bock hätte, so schnell wie möglich zurück in einen Beruf zu kehren, der im besten Fall langweilig war. Meine Blase in Berlin rettet die Welt, schreibt Bücher, und hat nie Geld. Wie Kraftklub es vor Jahren schon besang: Sie haben da alle so ein Projekt, nichts Konkretes, aber geil. Wenn ein Kind kommt, wird es in das Leben integriert. Das Leben geht weiter, das Kind muss mit. Hauptsache das Kind bringt keinen Stillstand.

Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, aber in den ersten Monaten war es für mich wirklich überraschend, Mütter kennenzulernen, die keiner Erwerbstätigkeit nachgingen. In meiner sehr reduzierten, kleinen Berliner Blase, die natürlich nichts mit dem echten Berlin zu tun hatte, hatte die Elternzeit genau einen Sinn: ein Buch schreiben, einen Uni-Abschluss beenden, einen Online-Shop aufmachen, Trageberaterin werden oder halt nach zwölf Monaten dem Mann das Kind für seine Vätermonate geben, und husch husch, zurück ins NGO-Büro. Anders kannte ich es nicht. Keine hat länger als ein Jahr Elternzeit gemacht, kein Kind wurde im Kindergarten um zwölf abgeholt.

Ali Wong hat das in ihrem Netflix-Special „Baby Cobra“ fantastisch auf den Punkt gebracht: „Feminism is the worst thing that ever happened to women. Our job used to be no job. We had it so good! And then all these women had to show off and say, ,We could do it; we could do anything!’ … They ruined it for us!” Das ist übrigens ein Witz und wird hier von Frau Wong erklärt. „I think people who don’t get that are, like, not so smart…It’s a comedy show, not a TED talk.”

Ohne die Mental-Load-Kacke geht es leichter

Doch was der Witz sagen will, ist, dass es natürlich, nein, sag es nicht, sag es nicht, Elina, du wirst dafür hart verurteilt! Ich mach es: Aus meiner eigenen, persönlichen Erfahrung heraus würde ich sagen, dass das Leben als Mutter wesentlich entspannter abläuft, wenn ich nicht um 8:30 Uhr in einem Büro sitzen muss. Wenn ich mir die ganze Mental-Load-Kacke nicht mit meinem Mann teilen muss, wenn ich keine Gummistiefel auf Mamikreisel suche, während ich im Meeting sitze und wenn ich nicht zum Kindergarten hetzen muss, dann ist diese ganze Elternsache tatsächlich etwas, was man prinzipiell weiterempfehlen könnte. Oder, und das ist genauso entspannter: Wenn Mütter sich voll auf ihren Job konzentrieren können, dann haben sie in der Regel auch die Ruhe weg. Aber beides und alles alleine machen? Haha.

Doch wie soll man Ruhe finden, wenn man immer für alles zuständig ist? Wenn das eine Lager die Bedürfnisse der Kinder hochschreit und das andere Lager ständig über Altersarmut schreibt und dann die scheiß Edition-F-Kolumnistin auch noch sagt, man soll am Neujahrstag spazieren gehen, um die Ruhe zu genießen. Wann hat das eigentlich angefangen, dieses Alles-alleine-machen? Sind Kinder wirklich dafür konzipiert worden, von einer Person groß gemacht zu werden, oder von einer Gemeinschaft?

Das sind alles äußerst privilegierte Probleme, das weiß ich. Menschen sowie Mütter arbeiten, um leben zu können, so will es das System. Wenn man es sich doch leisten kann, dass SIE zu Hause bleibt, dann ist das doch schön, vor allem für die Kinder. Wie gesagt, wunderschön ist das. Alles freiwillig. 90 Prozent aller Frauen, alle freiwillig.

Immer, wenn wir jetzt zu Besuch in Berlin sind, wissen wir auch ohne Uhr, wenn es auf 16 Uhr zugeht. Denn dann kommen sie, die fertigen, müden, gestressten Mamas und Papas. Rucksack, Einkaufstasche, Kita-Beutel, Ranzen, Sportbeutel, Laufrad, Kinderwagen, Sandspielzeug, Wasserflasche, Jumbopack Windeln, man kriegt viel an so eine*n Erziehungsberechtigte*n gehängt. Sie stehen an Ampeln und starren ins Leere, während sie wortlos Brezenstücke nach unten reichen, oder verfluchen die Ampel, die nicht grün werden will, denn es ist 15:55 Uhr und die Tram ist grad weggefahren.

Letztens musste ich zur Bank, zur Post, und zum Amt, alles war barrierefrei und ich wurde nicht einmal als Hurentochter beschimpft*. Außerdem, ungelogen: Nach zwanzig Minuten war ich zu Hause. Zu Fuß. Allein bei dem Gedanken, in Berlin auch nur zu einer dieser Instanzen zu müssen, fängt mein linkes Auge an zu zucken.

Der Alltag als Wahnsinn – es geht auch anders

Mein Mann und ich gucken uns dann immer völlig arrogant besserwisserisch an und nicken lautlos. Ein kalter Schauer, wie bei einem Dementoren, stimmt, so war das mal. Da war nichts mit Ruhe. Jetzt ist Ruhe, immer. Und immer wieder fragen sie uns, fehlt euch das nicht? Fehlt euch Berlin? Wollt ihr manchmal zurück? Je nachdem, wer fragt, wurschteln wir uns um die Antwort herum. Uns fehlt so viel. Sushi, Kino auf Englisch, bisschen Hektik, Museen und ja, manchmal auch ein Drogeriemarkt, der sonntags geöffnet hätte. Wir haben uns vor Berlin verneigt und danke, tschüss gesagt. Berlin hat sich nicht dafür interessiert, berechtigterweise.

Wir denken an unsere Privilegien, dass wir die Wahl hatten, dass wir das konnten, den Stress verlassen, und in die Ruhe ziehen. Ruhe bedeutet in diesem Fall: Es nicht alles alleine schaffen zu müssen und Unterstützung zu haben.

Immer wieder treffen wir Menschen, die mal in München, Bonn, Hamburg oder der Weltstadt Bielefeld gelebt haben und jetzt wie wir zurück in die Heimat gezogen sind. Wir fragen sie manchmal, würdet ihr zurückwollen? Schulkrise, fehlende Hortplätze, horrende Mieten, Wohnungsmangel, es wird Familien nicht einfach gemacht. Ich ziehe meinen Hut, liebe Großstadteltern, vor euch und eurer Leistung, aber vergesst nicht, euer Alltag grenzt manchmal an Wahnsinn. Vielleicht geht es auch anders. Vielleicht solltet ihr heute beim Spazierengehen oder beim Vision-Board-Erstellen und Wohnungausräuchern darüber nachdenken, wie ihr dieses Jahr mehr Ruhe reinkriegt. Nicht durch mehr Achtsamkeitsübungen im Alltag, sondern mit strukturellen Veränderungen. Elternzeit verlängern, in Teilzeit wechseln, in Vollzeit wechseln, Jobwechsel, Umzug, im Lotto gewinnen und einen Personal-Assistant einstellen, was man halt so macht.

Diese Ruhe, liebe Berliner*innen, wenn ihr am Neujahrsmorgen aus dem Haus geht, und den Feinstaub einatmet und nichts hört oder seht, das haben wir hier jeden Tag. Nur mit Gülle. Ich kann es empfehlen.

„Schatz schau mal, die haben die Großstadt verlassen, hier lies mal den Artikel, wollen wir nicht auch? Die Alte sagt, is geil.“

*von anderen Menschen in der Warteschlange. Nicht von den jeweiligen Beamt*innen. Aber wie geil bitte, dass sie mich richtig gegendert haben?

„Reboot the System“ ist eine Kolumne von verschiedenen Autor*innen im Wechsel. Mit dabei: Rebecca Maskos (inklusive Gesellschaft), Sara Hassan (Sexismus), Josephine Apraku (Diskriminierungskritik), Elina Penner (Familienthemen), Natalie Grams (Gesundheit / Homöopathie) und Merve Kayikci (Lebensmittelindustrie).

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