Foto: Sarah Schaefer

Gründerinnen mit Migrationsgeschichte: „Es ermutigt mich, mit Leuten zusammen zu sein, die an mich glauben”

Der Berliner Verein I.S.I. unterstützt seit 30 Jahren Frauen mit Migrationsgeschichte auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. In Coachings und Kursen zu Webdesign oder Steuerfragen finden die Gründerinnen ein Umfeld, das an sie glaubt.

Es lässt sich erahnen, wie lebendig es vor der Corona-Pandemie in den Räumen von I.S.I. zugegangen sein muss. Selbst jetzt, da viele Kurse ganz oder teilweise ins Digitale umgezogen sind, ist einiges los: In einem Zimmer machen sich die Frauen mit HTML-Grundlagen vertraut, in einem anderen zieht eine gut ausgeleuchtete Flasche Sekt die Aufmerksamkeit der Teilnehmerinnen auf sich – sie üben sich in Produktfotografie.

Im Kurs Produktfotografie lernt Teilnehmerin Farah Hasan, wie man Gegenstände mit der Smartphone-Kamera in Szene setzt. Foto: Sarah Schaefer

An den Wänden hängen Fotos von erfolgreichen Unternehmerinnen und eine riesige Weltkarte: Würden die Frauen, die bislang bei I.S.I. ein- und ausgegangen sind, auf der Karte ihre Herkunftsorte markieren, gäbe es wohl nur wenige freie Stellen: Zuletzt zählte das Team Teilnehmerinnen aus mehr als 70 Ländern.

Da ist zum Beispiel die Grundschullehrerin aus Aleppo, die mit Unterstützung von I.S.I. einen Catering-Service für syrische Küche gestartet hat. Oder die Dozentin aus Indonesien, die sich auf Kommunikationstrainings für deutsch-indonesische Beziehungen spezialisiert hat. Oder die Künstlerin aus der Ukraine, die in Berlin an Kunstprojekten arbeitet und kreative Workshops für Kinder anbietet.

Aller Anfang ist schwer

Seit 1990 gibt es die Initiative Selbstständiger Immigrantinnen, kurz I.S.I. Der gemeinnützige Verein, der in Berlin-Schöneberg sitzt, unterstützt immigrierte Frauen auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Denn Hürden gibt es genug. Eine Gründung in Deutschland stellt schon Personen, die hier geboren wurden vor große Herausforderungen. Bei den Kursteilnehmerinnen kommen hinzu: die neue Sprache, Berührungsängste mit der deutschen Bürokratie und Erfahrungen mit Diskriminierung.

Der Neubeginn in einem anderen Land sei niemals einfach, sagt Selma Yilmaz Schwenker. Das weiß die Projektleiterin aus eigener Erfahrung. Sie ist Kurdin und hat in der Türkei jahrelang als Projektmanagerin für UN- und EU-Projekte gearbeitet, unter anderem mit Schwerpunkt auf Existenzgründung und Emanzipation von Frauen. Deutschland war ihr nicht fremd, sie hatte bereits als Studentin in Berlin gelebt. Doch als sie mit Ende 30 in die deutsche Hauptstadt übersiedelte, um dort mit ihrem Mann zu leben, habe sie sich gefühlt, als müsse sie nochmal komplett von vorne anfangen.

Gegenseitige Unterstützung

Die ersten drei Jahre waren schwierig, erinnert sie sich. Ihr fiel es schwer, im Alltag anzukommen und sie fühlte sich oft nicht willkommen. Ihr Deutsch empfand sie als unzureichend. „Man fällt in ein Loch“ – so beschreibt sie diese Zeit im Nachhinein. Ihr Ziel heute ist es, andere Frauen so zu unterstützen, dass diese kritische Phase möglichst schnell vorbeigeht. Zu I.S.I. kam Schwenker 2012 als Stipendiatin eines EU-Programms. In einem Forschungsprojekt untersuchte sie den Qualifizierungsbedarf von türkischen und kurdischen Existenzgründerinnen.

„Sie merkte, dass sie etwas für sich und andere Frauen tun kann und wurde immer mutiger, auch in der deutschen Sprache.“

Sarah Schaefer

Der Wendepunkt kam für sie, als sie einen Empowerment-Kurs für türkischsprachige Frauen entwickelte – also einen Kurs, in dem sich die Teilnehmerinnen mit ihren Stärken auseinandersetzen und Selbstvertrauen gewinnen. Sie merkte, dass sie etwas für sich und andere Frauen tun kann und wurde immer mutiger, auch in der deutschen Sprache. So lautet der Grundgedanke des Vereins: Migrantinnen sollen sich gegenseitig unterstützen. Genau deshalb haben alle Vorstandsmitglieder, Mitarbeiterinnen und Dozentinnen selbst eine Migrationsgeschichte.

Webdesign und Marketing, rechtliche und steuerliche Grundlagen, Entwicklung der Geschäftsidee oder Achtsamkeit und Empowerment – die Frauen können sich das Kursprogramm so zusammenstellen, wie sie es brauchen. Dazu gibt es Coachings, Gründungsberatung und Angebote zum Netzwerken. Die Kurse werden vom Land Berlin und der EU gefördert und sind für die Teilnehmerinnen kostenlos. Manche Frauen suchen sich gezielt einzelne Kurse aus, um sich weiterzubilden. Andere bleiben dem Verein über mehrere Jahre treu. Auch nach der Gründung sind die Mitarbeiterinnen oft die ersten Ansprechpartnerinnen – zum Beispiel, wenn eine Unternehmerin Hilfe braucht, um Post von Behörden zu beantworten.

Bildungsabschlüsse werden oft nicht anerkannt

Die Gründe, aus denen sich die Frauen selbstständig machten seien ganz unterschiedlich, erzählt Selma Yilmaz Schwenker. Doch zwei Gruppen seien unter den Teilnehmerinnen besonders oft vertreten: Einerseits Frauen, die relativ neu in Deutschland sind und andererseits Frauen, die schon seit einigen Jahren in Deutschland leben und berufstätig sind. Erstere könnten sich auf Deutsch verständigen, aber oft reiche es noch nicht, um Arbeit zu finden. Diese Frauen seien in der Regel über 30 und möchten zügig ins Arbeitsleben einsteigen. Für sie sei eine Gründung der direkteste Weg in den Beruf.

Die zweite Gruppe arbeitete häufig in Berufen, die zwar gebraucht würden, aber nicht zu ihnen passten – etwa als Altenpflegerin oder Reinigungskraft. Denn: Ein Großteil der Frauen, die zu I.S.I. kommen, hat einen Hochschulabschluss. In einigen Fällen werden die Bildungsabschlüsse aus dem Herkunftsland in Deutschland aber nicht anerkannt. Die Unternehmensgründung ist daher für viele die einzige Möglichkeit, einen Beruf auszuüben, der ihrer Qualifikation entspricht.

Hinzu kommt, dass ein eigenes Unternehmen für viele der Teilnehmerinnen nichts Ungewöhnliches ist. „In Deutschland ist man sehr fixiert auf die Festanstellung“, sagt Selma Yilmaz Schwenker. Es gebe keine richtige Kultur der Selbstständigkeit. „Aber die Frauen kommen oft aus Ländern, in denen es total normal ist, selbstständig zu sein.“

Von einer Gründerin erzählt die Projektleiterin besonders gern: eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern. „An ihrem ersten Tag bei uns wusste sie nicht, wie man einen Computer anschaltet. Jetzt hat sie ihren eigenen Online-Shop.“

Mehr positive Erfahrungen als schlechte

Auch Mariana Aguilar Ramirez gehört mit ihrer Gründung zu den Erfolgsgeschichten. Und auch sie weiß, wie schwer es sein kann, in einem neuen Land und einer neuen Sprache anzukommen. Dabei ist es die 33-jährige seit ihrer Kindheit gewohnt, sich in unterschiedlichen Welten und Sprachen zu bewegen: Als sie noch ein Kind war, zog die Familie aus ihrer Heimatstadt San Luis Potosí in Mexiko für einige Jahre in die USA. Zurück in Mexiko begann Ramirez, Englischunterricht zu geben. Für sie war immer klar, dass sie sich als Sprachlehrerin selbstständig machen möchte.

Der Liebe wegen zog sie 2015 nach Berlin. Sie belegte Kurse an Sprachschulen, fühlte sich aber in der deutschen Sprache lange unsicher. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen das Gespräch mit ihr verweigerten oder sie sogar beleidigten, wenn sie kein Deutsch sprach. „Es gibt einen Teil von mir, der sich nicht willkommen fühlt“, sagt sie. Es ist ein Satz, den Selma Yilmaz Schwenker ganz ähnlich formulierte. Allerdings gebe es auch Tage, an denen sei sie regelrecht verliebt in Berlin, sagt Ramirez. Denn: „Insgesamt habe ich mehr positive Erfahrungen gemacht als schlechte.“

Mariana Aguilar Ramirez hat das Unternehmen „Authentic Learning Berlin“ gegründet. Wenn sie beruflich unterwegs ist, hat sie fast immer ihren Rucksack dabei; darin transportiert sie Materialien für das Sprachtraining. Foto: Sarah Schaefer

Gemeinschaft und Empowerment

Ramirez Frustration beim Deutschlernen brachte sie auf die Idee für ihr eigenes Unternehmen, „Authentic Learning Berlin“, mit dem sie 2017 loslegte. Das Konzept: Einen klassischen Unterricht gibt es nicht. Stattdessen üben die Teilnehmer*innen das Sprechen bei Unternehmungen – etwa einem Einkauf im Supermarkt, einem Kochkurs oder einem Spaziergang über Berlins Museumsinsel. Auf diese Weise lerne man die Sprache so, wie man sie auch im Alltag gebrauche, sagt Mariana Aguilar Ramirez. Wegen der Pandemie musste sie ihr Angebot allerdings einschränken, ihre Kurse finden zurzeit fast nur noch online statt.

„Ich fühle mich wohl, wenn ich mit Frauen zusammen bin.“

Mariana Aguilar Ramirez

Bei I.S.I. hat sie Kurse für Suchmaschinenoptimierung und zu Honorarverhandlungen belegt. Honorare verhandeln konnte sie zwar schon, aber sie wollte auf Deutsch üben, selbstbewusst aufzutreten und zu ihren Preisvorstellungen zu stehen. „Ich fühle mich wohl, wenn ich mit Frauen zusammen bin“, sagt sie. Es sei für sie eine willkommene Abwechslung zur Startup-Welt, die im Tech-Bereich oft von Männern dominiert werde.

Für Mariana Aguilar Ramirez sind es nicht die Kursinhalte, die bei I.S.I. im Vordergrund stehen, sondern die Gemeinschaft und das Empowerment. „Selbst wenn ein Kurs nur drei Tage geht – in dieser Zeit ist man mit Leuten zusammen, die an dich glauben und an die du glaubst. Das ermutigt mich.“

Der Originaltext von Sarah Schaefer ist bei unserer Kooperationspartnerin Deine Korrespondentin erschienen. Hier könnt ihr Deine Korrespondentin auf Facebook folgen.

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