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Frauen in Führung: 5 Gründe warum wir authentisch sein dürfen

Weibliche* Führungskräfte haben es oft schwer in einer Business-Welt, die von und für Männern kreiert wurde, zu bestehen. Dieser Artikel widmet sich einem kleinen Ausschnitt weiblicher Führung – der Authentizität und warum sie ein wichtiger Treiber in unserer sich wandelnden Arbeitswelt ist.

Authentisch sein ist eine Ansammlung von Entscheidungen, die wir täglich treffen. Es geht um die Wahl, sich zu zeigen und ehrlich zu sein. Die Wahl, andere unser wahres Ich sehen zu lassen.

Bréne Brown, Wissenschaftlerin

Ist Authentizität im Büro nicht gefährlich?

Was bedeutet der Begriff „Authentizität“?  Die meisten Menschen würden es wohl als „einfach man selbst sein“ definieren.  Experten sehen in der Authentizität die Fähigkeit, sich selbst so zu präsentieren und so zu handeln, wie es dem eigenen Wesen entspricht. Authentische Menschen sind demnach frei von Verfälschungen, äußeren Einflüssen oder dem Spielen einer Rolle.  Damit einher geht aber auch, zu seinen Schwächen zu stehen, seine  Emotionen zeigen zu können und somit auch verletzbar zu sein.

Und trotz, dass wir durch die Authentizität demnach verwundbarer sind als wenn wir die unbeirrbare, harte und gefühlskalte Person spielen, sind wir als authentische Menschen glücklicher.

Wieso? Weil Authentizität zu einer inneren Freiheit führt, sie löst Selbstzweifel, innere Zwänge und Komplexe. (vgl. arbeits-abc.de)

Authentizität im Job, oder noch gewagter, als Führungskraft – was haben wir davon, wenn wir uns ganzheitlich im Berufsumfeld leben? Mit unseren Gefühlen und Unzulänglichkeiten? Nichts als Ärger, Abwertung und Probleme, würden viele sagen.

Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Wer sich im beruflichen Kontext zu sehr einer Rolle hingibt, die man glaubt spielen zu müssen, läuft ernsthaft Gefahr in die Karrierefalle zu tappen oder im schlimmsten Fall auszubrennen. Doch immer wieder höre ich in meinen Sessions, vorrangig von Frauen, dass es doch wichtig sei, eine bestimmte Rolle im Unternehmen zu spielen, die dort erwartet wird.

Der Unterschied zwischen einer Rolle und einem Filter – die reflektierte Authentizität

Sicher, es gibt Situationen in unserem Leben, da können wir allen Gefühlen freien Lauf lassen und wieder solche, da fühlen wir, dass es nicht angemessen ist.

Beispielsweise brechen wir selten in Frustration oder gar Heulkrämpfe aus, wenn im Supermarkt mal wieder die Avocados unreif sind, wir aber heute abend Guacamole essen wollen. Deshalb „reißen wir uns zusammen“ und reagieren in Gesellschaft nicht mehr wie ein kleines Kind. Doch innerlich würden wir das ganz gerne häufiger mal, um unserem Frust Ausdruck zu verleihen. Zusammenreißen – das Wort an sich ist schon Widerspruch in sich.

Eine Rolle zu spielen kann sehr gefährlich im Büro sein, denn die Kraft, die es kostet, diese Rolle jeden Tag erneut anzunehmen, kann auf Dauer zermürbend sein und der eigenen Gesundheit schaden. Ein Filter hingegen kannst du dir vorstellen wie eine Brille, die du aufziehst und dadurch deine Umwelt in ein anderes Licht getaucht siehst. Du weißt innerlich aus deiner Erfahrung, welche Farben und Formgebung die Dinge in deiner Umwelt haben, siehst sie aber in einem anderen Licht durch diese Gläser.

Solche Filter können uns helfen. Der „Bürofilter“ beispielsweise stellt sicher, dass ich die professionelle Version meiner selbst bin und bestimmte Dinge, die ich zuhause machen würde, auf Arbeit nicht mache – und andersherum. Ein tolles Hilfsmittel, bei dem ich selbst bestimmen kann, wie oft ich die imaginäre Brille trage, um beispielsweise handlungsfähig zu bleiben, ohne dass ich meine Persönlichkeit in eine Rolle pressen muss. Die Brille kann man auch reflektierte Authentizität nennen.

Denn reflektierte Authentizität macht es uns möglich, die unsichtbare Grenze zwischen Privatleben und Büro zu Gunsten der Professionalität zu leben und dennoch keine Rolle spielen zu müssen. Fünf gute Gründe, warum wir als weibliche Führungskraft authentisch(er) sein dürfen:

1. Weil wir Vorbilder für andere Frauen sind.

Denke in deiner beruflichen Laufbahn zurück und erinnere dich an die leuchtenden Sterne an Persönlichkeiten, die dir Leitplanken waren und Orientierung gegeben haben. Wie viele von ihnen sind Frauen?

Wenn du eine weibliche Führungskraft bist, trägst du eine Verantwortung in dir. Du selbst kannst natürlich entscheiden, ob du ein Vorbild sein möchtest und in welchem Bereich. Es ist an dir für andere Frauen und Männer ein Vorbild zu sein. Ein Bild von neuer, weiblicher Führung zu prägen und damit ein klitzekleines bisschen auch Geschichte im Leben von anderen Menschen zu schreiben

Ich durfte erst mit Anfang dreißig Frauen kennenlernen, die ich für ihre Art, wie sie Abteilungen und Unternehmen führen, bewundere. Frauen, die mir ein Vorbild sind, hätte ich aber schon vor über zehn Jahren gebraucht, als ich selbst die erste Führungserfahrung sammeln durfte und mich nach männlichen Leitlinien ausgerichtet habe. Und sich das nicht passend angefühlt hat. Meine eigenen Führungsqualitäten hätten sich sehr viel schneller gezeigt, wenn ich schon früher Orientierungshilfen gehabt hätte.

Weiblicher Führungsstil, der nicht davon geprägt ist, es den Männern gleich zu tun, kann auch den Unternehmenszielen mehr als dienlich sein. Denn die intrinsische Motivation der Frau liegt im Gelingen, im Formen von Gemeinschaften, die sich gegenseitig mit ihren Potenzialen unterstützen und fördern so dass das „Klassenziel“ in Gemeinschaft erreicht werden kann.

2. Weil wir Wandel brauchen.

Die Arbeitswelt ändert sich nicht nur durch Digitalisierung und globale Märkte.
Sie ändert sich durch Menschen und ihre Visionen. Die Arbeitswelt, wie sie uns heute in den meisten Büros begegnet, wurde von Männern erschaffen. Wir haben diesen Strukturen viel zu verdanken, eine Industrialisierung, eine Fülle an Innovation, die wir kaum noch verdauen können und letztlich auch unseren westlichen Wohlstand.

Doch durch diese Dinge hat sich nicht nur der Zeitgeist verändert, sondern sie haben uns auch die Zeit gegeben, die herrschenden Zustände kritisch zu hinterfragen.

Autokratische Führung, Gehorsam, Konventionen – Dinge, die wir durch unsere preußische Prägung noch in Schulsystemen verankert finden. Und in vielen Büros. Getarnt durch ein paar Meetings und Vier-Augen Gespräche entpuppt sich doch auch oft heute noch manche flache Hierarchie als eine Worthülle von werblichen Charakter.  Politik, geheime Bünde und Ellenbogenmentalität, die Kooperation schwierig macht, finden sich nicht nur in Konzernen wieder – sondern vor allen in männlich dominierten Führungsetagen. Und viele davon befinden sich in hippen Startup-Büros mit Massage Service und Club Mate für alle.

Wandel durch Authentizität. Denn nur wenn wir Frauen den Mut besitzen, unsere Weiblichkeit nicht mehr zu verleugnen und an ein Männerbild anzupassen, darf Wandel entstehen.  Wir können unser Arbeitsumfeld durch „weibliche Qualitäten“ (die auch Männer in sich tragen) bereichern, sei es Kommunikation, Empathie, Gemeinwohl, Augenhöhe oder gegenseitige Unterstützung.

Dann bist du irgendwann mal für eine Praktikantin, eine Werkstudentin, eine Mitarbeiterin DIE Leitfigur, an die sie sich erinnern wird, wenn sie selbst in ein paar Jahren Führung übernimmt – und deine Vision weiterträgt.

3. Weil wir Emotionen brauchen.

Heulen im Büro – für die meisten Frauen ein Horror. Auch wenn es der ein oder anderen mal „passiert“ ist – es fühlt sich wie ein Verrat an der eigenen Integrität an. Denn Männer heulen nicht im Büro. Oder? Vielleicht ist ihnen auch mal zum heulen zu Mute, aber dieser Tabubruch wäre noch größer.

Doch es geht gar nicht unbedingt darum, Tränen im Büro zuzulassen. Sondern generell Emotionen willkommen zu heißen und nicht nur einen Ausschnitt unserer Persönlichkeit zu präsentieren.

Die Arbeitswelt wird sich in den kommenden zehn Jahren so radikal verändern, dass sich die meisten heute noch gar kein Bild davon machen können.

Digitalisierung und der technische Fortschritt werden eine Welt begründen, in der es wichtig ist, sich als Mensch von der Maschine abzugrenzen.

Es wird nicht mehr darum gehen, Dinge zu lernen, die Computer ohnehin schneller und besser erfassen, errechnen oder skizzieren können. Es wird vor allem darum gehen, Dinge zu leben, die Computer und Robotik nur simmulieren können – wie beispielsweise Emotionen & Kreativität.

Wenn du das nächste Mal merkst, dass du beispielsweise Respekt, oder sogar Angst, vor einer herausfordernden Zeit mit deinem Team hast – wie wäre es, diese Gedanken mit deinem Team zu teilen? Dir dadurch mehr Committment und Teamgedanken zu sichern, weil du nahbar und verletzlich bist? Weil du verstanden hast, dass es nicht darum geht perfekt zu sein? Und wenn dir der Gedanke daran schon Angst macht, dann probiere es auf jeden Fall aus – und beobachte, was sich verändert. Es wird dich verändern. Und dein Team.

4. Weil wir Weiblichkeite leben dürfen.

Jetzt wird’s für viele kryptisch. Weiblichkeit erfahren immer noch viele Frauen durch mediengesteuerte Bilder und eigene (Vor-)Urteile über diesen Begriff.  Er wird im Businesskontext dann gerne bildlich überspitzt dargestellt mit einem schicken Kostüm, langen Beinen in Strumpfhosen und hohen Schuhen.  Das mag für einige Weiblichkeit ausdrücken – doch gemeint ist etwas ganz anderes.

Die weibliche Kraft ist seit jeher das Schöpferische. Es ist uns vorbehalten, Leben zu schenken. Da wir von dieser Kraft nicht stetig Gebrauch machen, haben wir dennoch ihre Qualitäten in uns und können sie anders an unsere Umwelt abgeben. Frauen haben die Qualität Räume (Gestaltungsräume, Gesprächsräume, Innovationsräume u.a.) zu erschaffen und sie zu halten. Einen Raum zu halten ist eine urweibliche Qualität.  Dingen, die im Entstehen sind, einen geschützten Raum zu geben, in dem diese wachsen und gedeihen können. Ohne unsere Manipulation, sondern in Liebe, Fürsorge und Vertrauen.  Diese Kraft, die in unserem Schoß wohnt, kann auch im Außen geschehen.

Beobachte dich mal – in welchen Situationen schenkst du bereits Räume und kannst sie halten? Kannst du dir vorstellen, diese Gabe im beruflichen Kontext sichtbar werden zu lassen?

5. Weil es gesund für Körper, Geist und Karriere ist.

Im Büro eine Rolle zu leben, die nicht unserem Wesen entspricht, macht oft krank. Körperlich und seelisch. Das schadet Mitarbeitern und dem Unternehmen selbst.

Bei hohen Krankenständen in Büros kann man auch gerne mal einen Blick in die Führungskultur werfen um Antworten zu finden.

Wer oft über Jahre hinweg einer Rolle entsprochen hat, die erwartet wurde oder von der man glaubt, dass sie erwartet wird, kann daran erkranken.

Psychische Erkankungen sind bereits auf Platz 2 (Quelle: statista) der Gründe einer Arbeitsunfähigkeit. Kein Wunder eigentlich, wenn man bedenkt, wie viele Stunden man täglich damit konfrontiert ist, nicht authentisch sein zu können/dürfen/wollen.

Bei sich selbst zu sein, Gefühle nicht zu verbieten, Unzulänglichkeiten zuzugeben, sich zu erlauben nicht perfekt zu sein – Authentizität hat so viele Gesichter.

Und sie bereichern nicht nur unsere Arbeitswelt um neue Qualitäten,  die wir dringend brauchen um diese neue Zeit mit zu prägen.

Sie bereichern deine Erfahrung im Mensch-sein und die Systeme, in denen du dich bewegst.

Sei mutig und wähle reflektierte Authentizität, um unsere Arbeitswelt im Wandel voranzutreiben.

Anmerkung zum Artikel:

*mit Frauen in diesem Artikel sind selbstverständlich alle Menschen gemeint, die sich als solche bezeichnen, nicht nur Cis-Frauen. Ich bitte mir nachzusehen, wenn ich das nicht deutlich herausgestellt habe und möchte alle Formen der Weiblichkeit inkludiert sehen in dieser Schreibweise. Des weiteren möchte ich betonen, dass viele weibliche Qualitäten auch Männern innewohnen und genauso willkommen sind. Mein Artikel stellt vor allem die Rolle der Frau heraus, die einen Schwerpunkt meiner Arbeit als Potential-Entwicklerin ausmacht. Die Ermutigungen für einen Wandel am Arbeitsplatz spreche ich gegenüber allen Menschen aus.

Dieser Artikel wurde auch auf meinem Blog TATSINN veröffentlich.

TATSINN ist ganzheitliche Begleitung & Consulting für Mensch & Unternehmen. Perspektivwechsel und Entscheidungshilfe. In Berlin & weltweit per Skype mit der Potentialentwicklerin Ann-Carolin Helmreich.

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