Foto: Jelleke Vanooteghem I Unsplash

Warum manche Eltern das Geschlecht ihrer Kinder nicht verraten

„Gender Creative Parenting“ nennt man das, wenn Eltern das Geschlecht ihres Kindes geheimhalten und auch von der Gesellschaft erwarten, dass es weder als Mädchen noch als Junge angesehen wird. Kann das funktionieren?

Mädchen oder Junge? Egal!

Zoomer ist zwei Jahre alt, und auf dem Instagram-Account der Eltern trägt das Kind die Haare manchmal zu Zöpfen gebunden, manchmal offen, manchmal pinke Klamotten, manchmal Sachen, die viele als „Jungs-Outfit“ bezeichnen würden. Zoomer spielt mit Baggern und mit Kuscheltieren, alles nicht weiter ungewöhnlich, aber was nicht gewöhnlich ist: Dass dieser Text versuchen muss, ohne „er“ oder „sie“ auszukommen, denn die Eltern von Zoomer verraten bewusst das Geschlecht ihres Kindes nicht.

Sie sind Anhänger der „Creative Parenting Movement“ und der Ansicht: Das biologische Geschlecht eines Kindes (englisch: sex) ist vorgegeben, das soziale Geschlecht (englisch: gender) aber ein gesellschaftliches Konstrukt. Damit Zoomer aufwachsen kann, ohne von Geburt an stereotypen Zuschreibungen ausgesetzt zu sein, verraten die Eltern Zoomers Geschlecht niemandem, der es nicht dringend wissen muss (wie etwa Kinderärzt*innen). Im Englischen nennen die Eltern diese Kinder „Theybies“, statt Pronomen wie „she“ oder „he“ (er/sie) benutzen sie die neutrale Pluralform „they“, „their“ und „them“, um eine Geschlechtsfestlegung durch die Sprache zu umgehen.

In einem ausführlichen Stück bei The Cut erklärt eine Mutter ihre Entscheidung, ihr Kind geschlechtsneutral zu erziehen, so:

„Ich habe das heteronormative und Cis-normative Modell einfach satt. Ich habe die Nase voll vom Patriarchat. Ein Grund, warum wir unser Kinder so aufwachsen lassen: Es gibt intersexuelle Menschen, es gibt Transgender, und Menschen, die queer sind – Sex und Gender bilden ein breites Spektrum ab, und doch glaubt unsere Kultur, alle sieben Milliarden Menschen könnten oder sollten auf entweder/oder reduziert werden.“

Gerade in den ersten Lebensjahren eines Kindes ist das Modell des „Gender Creative Parenting“ recht unkompliziert vorstellbar, wenn Kinder sich selbst noch keine Gedanken machen über ihr Geschlecht, und was aufgrund der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht möglicherweise von ihnen erwartet wird. Interessant wird es sicherlich im Kindergartenalter, wenn Kinder ihre eigene Identität als Junge oder Mädchen entdecken. Im Alter von drei, vier Jahren beginnen Kinder, ihre eigene Rolle und ihr Dasein als Mädchen oder Junge bewusst wahrzunehmen – was dann oft zu extremen Auswüchsen in beide Richtungen führt, nämlich  dass vierjährige Jungen jeden noch so harmlosen Gegenstand zur Waffe umfunktionieren und viele Eltern die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn Töchter in einen Elsa-Einhorn-Glitzerröckchen-Wahn geraten. Insofern wäre es spannend, Zoomers Weg in den nächsten Jahren weiter zu beobachen, denn es wäre natürlich unglaublich interessant, zu erfahren, ob Zoomer als vierjähriges Kind mit den üblichen Rollenzuschreibungen nichts anfangen kann und besser als andere Kinder in der Lage sein wird, eigenen Interessen und Vorlieben zu folgen – man kann es sich gut vorstellen.

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