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Grüne Zukunft: Wut von unten statt Gelaber von oben

Die Zeit, in der hochstehende Politiker*innen den Takt für Nachhaltigkeit angeben, neigt sich unumstößlich dem Ende entgegen. Gut so. Die Zukunft ist voller Graswurzeln.

Politische Trägheit hat sich selbst überlebt

Demokratie mag von allen Staatsformen die beste sein. Aber in der Praxis versteht es gerade die parlamentarische Demokratie hierzulande auf leider brillante Weise, die Entscheidungsfindungsprozesse so schmerzhaft-langwierig zu machen, dass es Bürger*innen beim Zusehen grausen kann. Ewig lange Diskussionen, „…aber wir müssen doch an die Industrie denken!!!“ und am Ende kommt ein Ergebnis, das in den meisten Fällen so verwässert ist, dass der ursprüngliche Ansatz selbst mit wirklich gutem Willen kaum noch erkennbar ist.

Nicht zuletzt deshalb sind viele Menschen schon heute ungleich weiter – sowohl im Denken wie Handeln – als die meisten politischen Gremien. Vieles davon hat durchaus mit Bauchwut zu tun, hauptsächlich jedoch mit Aktion statt Reaktion. Ein gutes Signal für die Zukunft unseres Planeten und unserer Gesellschaft.

Wer hat Angst vor Schreckgespenstern mit Pudelmütze und Schulranzen?

Hunde bellen nicht nur, wenn sie wütend sind. Sie bellen besonders laut, wenn sie Angst haben. Würde man dieses Verhaltensmuster als Nachweis auf den Menschen umlegen, dürfte die Angst in gewissen Kreisen gerade Purzelbäume schlagen.

Denn was Greta Thunberg entgegenschlägt, ist nicht nur Bellen, sondern ei n ganzes Bellkonzert. Aber auch wenn die Liste der Beleidigungen und Sprüche gegen die mutige Schwedin ganze Bibliotheken füllt, sie kommt von einer Minderheit, der vor Angst die Hosenbeine schlottern.

Die Wahrheit sieht so aus: Egal wo Greta öffentlich unterwegs ist, es sind praktisch immer tausende Unterstützer*innen vor Ort. Mitnichten weil sie „Fanboys“ oder „Fangirls“ sind, wie es ihnen oft vorgeworfen wird, sondern weil sie längst überzeugte Anhänger*innen derjenigen Ideen sind, denen Greta bloß eine Stimme gibt.

Das gleiche Muster lässt sich bei den Demos für Fridays for Future beobachten. Immer wieder heißt es, diejenigen, die mitmachen, wären Mitläufer*innen, würden bloß hinterhermarschieren.

Genau in solchen Vorwürfen zeigt sich, wenn man sie durchleuchtet, wie rückwärtsgewandt die Kritiker*innen – sowohl Private wie Politische – eigentlich sind. Und auch, wie viel Angst es ihnen macht.

Denn tatsächlich sehen wir gerade in Greta, den Freitags-Demos und ja, auch den Ergebnissen der Europawahl, der Bremen-Wahl und auf kommunaler Ebene, was heute Sache ist:

Das Heft des Handelns liegt längst in der Hand des Volkes

Es sind nicht mehr Politiker*innen, die den Ton angeben, die agieren. Es sind wir selbst. Wir geben vor, wir fordern ein und den Großen bleibt nichts anderes, als zu reagieren.

Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt

Und das nicht in ironischem Sinn, sondern wortwörtlich. Wo die Politik seit Jahrzehnten an der Energiewende herumdoktert, haben wir längst erkannt, dass es nur einen Klick auf Stromvergleich.de braucht, um sich von Graustrom abzukapseln.

Wir sind es auch, die immer häufiger aufs Fahrrad umsteigen. Nicht weil die Politik uns die schönsten Radwege servieren würde, sondern trotzdem es in vielen Städten – und nicht mal den kleinsten – nicht nur sprichwörtlich lebensgefährlich ist, sich auf seinem treuen Drahtesel durch den Verkehr zu boxen.

Dass immer mehr Repair-Cafés aus dem Boden schießen, ist keinen Lenkenden aus der Politik zu verdanken. Wir waren es, die sie aufzogen. Nachdem die Politik es nicht nur jahrelang versäumte, den Herstellern strengere Vorgaben zu machen, sondern sogar auch in Studien angeblich keine Beweise für geplante Obsoleszenz fand.

Was wir tun, ist im Besten Sinne Feuer unter trägen Hinterteilen zu entfachen. Aber es kommt noch besser: Wir sind längst auf dem allerbesten Weg, uns gänzlich von der heutigen Politik zu entkoppeln. Ob und wann die Politiker*innen es schaffen, wirklich nachhaltige Dinge in klare Gesetze umzuwandeln, wird immer mehr nebensächlich.

Wir sind unsere eigenen Expert*innen

Lange war der Spruch aus unseren Köpfen verschwunden: Wenn Du willst, dass etwas gut gemacht wird, mache es selbst. Zugegeben, wir waren eingelullt. Von Politiker*innen, von deren Expert*innen und Sprachrohren.

Noch vor gut zehn Jahren glaubten wir es, wenn man verkündete, dass Diesel umweltfreundlich sei. Wir glauben auch nicht mehr, dass Gasheizungen den Planeten schonen oder Atomkraft einen Beitrag zur CO2-Reduktion leisten könne – und all das hat in der Politik nach wie vor Anhänger*innen.

Warum wir so wurden? Weil aus unseren Reihen längst unsere eigenen Expert*innen hervorgingen. Es sind Influencer*innen, YouTuber*innen, Handwerker*innen, Wissenschaftler*innen wie Louisa Dellert, angeliquelini, Lothar Jansen-Greef oder DariaDaria, die uns heute als Leitsterne dienen.

Sie zeigen uns, wie Umweltschutz geht. Wie wir uns mit alten Techniken von neuen Dingen befreien können. Wie es wirklich um die Umwelt steht. Dazu brauchen wir niemanden mehr, den die Politik für gut befindet. Das ist, um es ganz deutlich zu sagen, Emanzipation in Reinform. Die Quintessenz einer Selbstständigwerdung, Entkopplung von externer Steuerung.

Wir müssen nur weitergehen – um unserer selbst willen

Oft hört man nach Wahlen die Ankündigung, nun andere Parteien vor sich hertreiben zu wollen. Das machen wir gerade. Aber wir dürfen keinesfalls von dem Weg abweichen, den wir eingeschlagen haben, sonst erlahmt der Schwung.

Konkret:

→ Die Politik reagiert. Grüne Themen werden bei allen Parteien immer wichtiger. Das birgt durchaus die Gefahr, dass viele von uns zufrieden werden – wir dürfen jedoch nicht satt sein. Wir stehen erst am Anfang des Weges.

→ Wir müssen noch mehr begeistern. Es stehen immer noch zu viele Menschen der Nachhaltigkeit neutral gegenüber. Wir müssen ihnen zeigen, dass es nur Vorteile hat, über Mindeststandards hinauszugehen.

→ Wir müssen laut bleiben und noch viel lauter werden. Teilen im Netz, Widerworte geben, aktiv die Konfrontation suchen und vor allem raus auf die Straße gehen. Nichts ist sichtbarer und deutlicher als tausende Menschen in den Abendnachrichten.

→ Wir müssen gnadenlose Wähler*innen sein. Wählen ist absolute Pflicht. Ebenso ist es jedoch Pflicht, zaudernde, bremsende oder rückständige Politiker*innen und Parteien gnadenlos durch Stimmentzug abzustrafen. Unsere Stimmen dürfen nur diejenigen bekommen, die wirklich pro Nachhaltigkeit handeln und nicht nur dampfplaudern.

→ Wir müssen selbstbewusst sein. Nicht nur anderer Leute Blogs folgen, sondern selbst welche machen. Wer Ideen hat, sollte sie beitragen. Heute gibt es keine medialen Hürden mehr.

→ Wir müssen unsere Marktmacht nutzen. Wir sind die Käufer*innen. Kein Hersteller der Welt kann ohne uns überleben. Das ist ein gigantischer Hebel, den wir für nachhaltige Produktentwicklung einsetzen können und müssen.

Und so sehr wir momentan auch dabei sind, uns von der bisherigen Politik zu emanzipieren, müssen wir verstehen, dass es sie für gesamtgesellschaftliche Veränderung braucht. Auch die 68er, ein leuchtendes Vorbild, erkannten, dass die Wut auf der Straße nur ein Teil des Weges ist. Der andere ist es, selbst in der Politik die Dinge zum Besseren zu wenden.

Die Zeit ist zwar knapp, aber noch haben wir die Zukunft, all das anzugehen.

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