Konrad J. Schmidt

„Wir sind nicht identisch mit den Menschen auf der Bühne“

Kunst als Marke? Die Elektro-Pop-Band „Hundreds“ geht seit zehn Jahren ihren eigenen Weg. Frontfrau Eva Milner über die Bedeutung von Bühne und Öffentlichkeit in der Musik.

Nur wenige Künstler*innen können allein von ihrer Kunst leben. Noch schwieriger ist der Sprung auf die großen Bühnen. Woran liegt das? Warum schaffen es die einen und die anderen nicht? – Künstler*innen müssen sich von der riesigen Konkurrenz durch etwas Herausragendes abheben können. Sie müssen wiedererkennbar sein und doch immer mit der Zeit gehen. Und: Sie müssen authentisch sein. Leiden unter solch marketingstrategischen Überlegungen nicht die kreativen Prozesse? Und verändert sich nicht zwingend die Kunst, wenn sich die*der Künstler*in den Bedürfnissen der Konsument*innen entsprechend verformt? – Hundreds leben seit zehn Jahren von ihrer Kunst. Sie sind eine der wenigen deutschen Indie-Bands, die kontinuierlich und mit wachsender Fangemeinde auf internationaler Ebene mitspielen.  

___STEADY_PAYWALL___

Wer die Musik von Hundreds hört, die Videos sieht, die Live-Shows besucht, dem fällt auf, dass sich bei aller Unterschiedlichkeit der Songs, Alben und Clips immer diese eine sonderbare Welt öffnet. In der herrscht eine eigene Logik, eine Hoffnung, manchmal wirkt sie bedrohlich, die großen Augen, das Schemenhafte, die Landschaften, das Nicht-Sichtbare als eine Art literarische Lücke, die alle Anwesenden auffordert: Füll mich aus! Diese unverwechselbare Welt der Hundreds vereint ziemlich geschickt beides: Die Wiedererkennbarkeit zum einen und dass sich die Bandmitglieder, bestehend aus dem Geschwisterpaar Eva und Philipp Milner und (seit 2014) Florian Wienczny, innerhalb eines klar definierten Raums ganz frei bewegen und all ihre Ideen umsetzen können. 

Ihre „Existenzberechtigung“ nennt Eva Milner die Live-Shows – essentieller Bestandteil des Hundreds-Universums.. Foto: Andreas Hornoff

Wir haben uns Menschen gesucht, die uns das ermöglicht haben.“

Ein nächtlicher Traum brachte Eva auf den Bandnamen. Sie träumte, dass sie zusammen mit ihrem großen Bruder auf einer Wiese mit einem Spiel beschäftigt war. Die Spielregeln innerhalb des Traums waren vollkommen nachvollziehbar, wie das mit Träumen nun mal so ist. Auf einmal waren da mehr Menschen, lauter Reproduktionen von Eva und Philipp – „Hunderte“ seien das gewesen, erzählt Eva ihrem Bruder am nächsten Tag, und das ist die Geburtsstunde der „Hundreds“. In der Hamburger Elbphilharmonie feiern sie im Januar 2020 mit einem Sonderkonzert – der größten Show in ihrer Bandgeschichte – die vergangenen zehn Jahre mit orchestraler Begleitung vor ausverkauftem Haus. 

Nun muss ein*e Künstler*in vielleicht nicht gleich „Hunderte“ sein, aber doch mehrere oder mindestens zwei: die öffentliche und die private Person, zwischen denen immer eine bestimmte Wegstrecke zu absolvieren ist. Billie Eilish, Shootingstar und neues „It-Girl des Pop“ aus den USA, sagte in einem Interview mit Blick auf das Musikbusiness: „Es ist merkwürdig, dass es das Schwerste ist, zu tun, was du willst.“ – Ich frage Eva, ob das ein Satz ist, den sie unterschreiben würde, sie aber schüttelt schnell den Kopf. „Das ist etwas völlig anderes, wenn so viele Leute daran mitverdienen. Billie Eilish ist ja wirklich von 0 auf 100 in dieses krasse Business hineingeworfen worden. Und sie ist eine Ausnahme, weil sie genau weiß, was sie will. Jedes Business ist zugleich auch immer ein Abgrund. – Nein, wir konnten eigentlich schon immer machen, was wir wollen. Wir haben uns Menschen gesucht, die uns das ermöglicht haben. Wir wären niemals zu einem Major gegangen, wenn der uns gesagt hätte: Hier Eva, zieh dich mal sexy an und Philipp, rasier dir mal den Bart ab!“

Der Mythos „Hundreds

Philipp hatte seiner Schwester schon früh vorgeschlagen, gemeinsam mit ihm etwas aufzunehmen. Aber Eva – die als 16-Jährige aus ihrer Indie-Band wegen „mangelnder Bühnenpräsenz“ hinausgeworfen wurde, nachdem sie bei einem Nachwuchswettbewerb gewonnen hatten und ein negativer Kommentar zu ihrer Strickjacke gefallen war – hatte die aktive Nähe zur Musik lange Zeit vermieden. „Das zeigt, dass man in dem Alter sehr beeinflussbar ist.“ – Im Jahr 2008, als Eva eine schwierige Trennungsphase durchlebt, ist der Zeitpunkt aber da. Die Geschwister arbeiten zusammen. „Im August stellten wir die zwei Songs Fighter und Grab the Sunset auf MySpace. Zwei Wochen später hat uns ein Typ geschrieben.“

Eva Milner: „Das ist mein Platz. Das ist der Ort, an dem dich niemand ersetzen kann.“ – Foto: Andie Welskop

Dieser Typ ist Nino Skrotzki, ehemaliger Sänger von „Virginia Jetzt“, der ab sofort zusammen mit dem Immergut-Festival-Mitbegründer Daniel Kempf das Management-Team von Hundreds bildet. „Daniel hat immer wahnsinnig viele Ideen gehabt“, erzählt Eva. „Ihm war es wichtig – so empfand er das ganze Projekt und die Musik – dass wir nicht so viel von uns verraten. Also sprich: Wir sind nicht die netten Milners von nebenan.“ Stattdessen ist die Band von Mythen umrankt, die realen Personen in der Band sind kaum zu greifen. „Philipp ist auf den ersten Plakaten gar nicht zu sehen. Nur ich bin zu sehen, wenn auch bloß schemenhaft durch das grelle Licht von hinten. Die Musik sollte für sich sprechen. Und das war der beste Rat, den man uns hätte auf den Weg geben können.“ Eva räumt ein, dass sie und ihr Bruder zunächst irritiert waren. Schließlich standen sie noch ganz am Anfang, spielten in kleinen Clubs vor 30 Leuten, und dann sollte gleich so ein Geheimnis um die Band gemacht werden? „Es wurde in dem Moment professionalisiert“ erinnert sich Eva. „Das alles bekam einen Platz und auch eine Bedeutung im Sinne von Kunst. Unsere Manager sagten: Das ist jetzt ein Kunstprojekt. Wir sind nicht identisch mit diesen Menschen auf der Bühne. Wir haben Bühnenpersonal. Und ich wusste, ich darf mich dahinter verstecken. Ich darf auf der Bühne outgoing sein, ich kann tanzen, ich kann strange sein – das alles hat mit dem Rest nichts zu tun.“ 

„Die Bühne ist der Ort, an dem dich niemand ersetzen kann.“

Unmittelbar vor den Live-Shows – ihrer „Existenzberechtigung“, wie sie es nennt – verwandelt sich Eva in die Bühnenperson. In den ersten 30 Sekunden wackelt noch immer die Stimme. Und dann offenbart sich diese „Wand aus Musik“, mit der sie zu arbeiten beginnt. Über die Bühne sagt sie: „Das ist mein Platz. Das ist der Ort, an dem dich niemand ersetzen kann. Ich glaube, das ist das Schönste, wenn du so einen Beruf hast, in dem du nicht ersetzbar bist. Und ich habe ja wirklich auch noch dazu das Glück, heraustransportieren zu dürfen, was ich mir ausgedacht habe; das ist natürlich die Essenz von Erfüllung.“ In dem neuen Werk „The Current“ wendet sich Eva mit eindringlichen Lyrics übrigens ungewohnt laut und direkt an die Öffentlichkeit. Der Song „Ready Shaking Silent“ ist ein Bekenntnis zum Feminismus, ein Aufruf zu Solidarität und einem kollektiven Aufstehen: „I’m setting fire to your scalp, hungry for the fight!“

Hundreds auf dem Melt-Festival.
Foto: Stefan Flad

Auch, wenn die Musik von Hundreds wohl eine der schönsten vertonten „Traurigkeiten“ ist, liegt zugleich etwas Euphorisches in ihr. Ein Teil dieser Euphorie kommt nicht nur auf der Bühne zum Vorschein, sondern zeigt sich für Eva und Philipp bereits, während sie die Musik gemeinsam schreiben. „Da ist das Klavier, die Stimme, und dann immer auch schon einige Textfragmente. Und es gibt diesen einen Moment, wo wir immer beide gleichzeitig wissen: Jetzt ist es ein Hundreds-Song! Das ist der Hundreds-Moment! Und ich kann das leider auch nicht genauer definieren oder in Worte fassen. Aber es ist diese bestimmte Form von Melancholie, die eben eintreten muss. Die kommt immer anders daher. Das kann auch bei ,Circus‘ sein, der ja relativ poppig ist oder bei ,Calling‘, der super-poppig ist, aber du brauchst dieses eine Gefühl und wir beide wissen immer genau, wann das eintritt. Ich glaube, es ist eine Mischung aus Zweifel … und Vertrauen, was zu diesem Moment führt.“ 

„Wenn du den Kern der Geschichte hast, dann kannst du alles andere ausklappen.“

Hundreds starten trotz des anfänglichen geringen Bekanntheitsgrades auf sehr hohem Niveau. Hinter allem, was die Öffentlichkeit zu sehen und zu hören bekommt, steht eine Entscheidung innerhalb eines bewusst abgesteckten Rahmens. Begriffe wie „Branding“ oder „Marketingstrategie“ gehören zu der Zeit nicht zu ihrem Wortschatz, aber genau in diesem Themenfeld bewegen sie sich instinktiv, als sie sich für eine konkrete Schrift entscheiden oder für ganz bestimmte Farben rund um das Cover, die Tour-Plakate und die Live-Shows. Sie nehmen sogar einen Tonmann und einen Lichttechniker mit auf die erste Tour, was ungewöhnlich ist für eine Band, die noch am Anfang steht. „Wir haben uns gemeinsam immer beraten: Wie passt das denn alles zusammen? Der erste Schritt war also wie aus einem Guss gemacht, und so konnten wir das dann auch fortsetzen. Wenn du den Kern von der Geschichte hast, dann kannst du alles andere ausklappen, von da aus wird es leichter.“ 

„Das ist doch Musik!“

Dass es auch ganz anders ablaufen kann, wurde Eva und Philipp schmerzlich bewusst, als sie auf Initiative eines berühmten deutschen Künstlers zu einem Songwriting-Camp eingeladen wurden. Er hatte bereits unzählige Nr. 1-Charts-Hits herausgebracht, war ein Fan von Hundreds und wollte Nachwuchskünstler*innen mit dem Projekt fördern. „Wir hatten so etwas vorher noch nie gemacht und dachten, ok, lassen wir uns mal überraschen. Als wir ankamen, standen dort dreißig völlig gestylte, total begeisterte Musiker*innen, sehr international, in Tempelhof war das. Wir dachten, wir gehen ins Studio und schreiben einen Song mit dem Musiker, aber der befand sich in Amerika auf Tour. Und dann kam sein Manager und hat uns Arbeitsblätter ausgeteilt, darauf stand: Folgende Wörter im Titel des Songs sind möglich. Folgende Wörter sind momentan erfolgreich in der Konsumentenwahrnehmung. Sound: Bitte hört euch diese sieben Chart-Songs an, wir würden uns gerne davon beeinflussen lassen. Was in den Lyrics vorkommen kann: das hier ja, das hier auf keinen Fall, nicht zu traurig, aber schon ein bisschen melancholisch. Die Topline muss so was von sitzen, u.s.w. Wir saßen so mit unseren Arbeitsblättern da und dachten: Ok, krass, so kann man das natürlich auch machen. So machen es wahrscheinlich alle, bei denen mehr als fünf Autor*innen am Song mitschreiben. Dann sind wir mit dem ins Studio, haben tatsächlich so ein Ding zusammengezimmert und mussten aber leider ganz früh los….“ Und dann sind wir nach Kreuzberg und haben uns ganz fürchterlich betrunken. Weil es so schaurig war. Das ist doch Musik! 

Natürlich, sagt Eva, denken sie mittlerweile an ihr Publikum, wenn sie Songs schreiben, anders als bei der Arbeit für das erste Album. Funktioniert das beim Konzert? Kann man das machen oder ist das zu weird? – „Aber wir stellen uns nicht die Frage: Was braucht der Markt? Wie passen wir in den Markt? Auf keinen Fall.“ 

Eva Milner, Philipp Milner, Florian Wienczny bekommen Standing Ovations. – Foto: Andreas Hornoff

Live-Streams und Live-Chats

Auf Social Media-Kanälen erleben wir, dass junge Musiker*innen, die hoch hinaus wollen, nicht nur ihre Musik, sondern auch unentwegt ihr Leben teilen. Eva, Philipp und Florian halten es grundsätzlich für schwierig, ihre „Nudeln mit Pesto“ zu posten oder Spaziergänge mitzufilmen. Auch hier richten sie sich nach einem stringenten Plan, von dem allerdings mit Beginn der Corona-Krise im März 2020 eine Zeitlang abgewichen wurde. „Als das neue Album ,The Current‘ fertig war und wegen der Krise keine Promo-Termine möglich waren, haben wir Live-Streams gemacht. Auch Live-Chats zuhause an meinem Küchentisch. Das hätten wir sonst niemals getan, aber es war in dem Moment total gut. So waren wir in Verbindung mit den Leuten, die das Album hören sollten. Es war der einzige Weg, mit unseren Fans zu kommunizieren.“

Derartige Einblicke ins private Leben kommen aber auf Dauer für Hundreds nicht in Frage. Man habe eben nicht immer etwas zu sagen, und sobald etwas inszeniert werden müsse, mache es doch keinen Sinn mehr, findet Eva. Im Mittelpunkt von Hundreds standen und stehen die Musik und die Live-Shows, das sei der „Markenkern“. Und dabei gehe es auch um eine explizite Stimmung, die das Publikum umgeben soll, wenn es den Konzertsaal verlässt. „Du bist irgendwie melancholisch, euphorisiert, irgendwie auch traurig, einfach alles auf einmal! Und dann fährst du auf dem Tempelhofer Feld einer großen untergehenden Sonne entgegen. So ungefähr ist die Stimmung, die wir erzeugen möchten.“ 

„Come dance and dive with us“

So ist auf ihrer Website, etwas versteckt unter „Bio“, in wenigen Sätzen zu lesen, wo sich der Herzschlag der Band befindet. Nämlich in ihren Live-Shows. Wenn Eva erscheint und die ersten Töne den vollen Saal ertasten, verdichtet sich die ganze Welt auf der Bühne. Dann verbinden sich Zuhörer*innen zu einer tanzenden Menge und sie tauchen ein in diese sonderbare Welt, die Geschichten zwischen Traum und Wirklichkeit erzählt.

Die Live-Shows wurden corona-bedingt auf April 2021 verschoben. Wer Hundreds während der Krise unterstützen möchte, kann das HIER tun.

Auf Sendung! Wie du dich und deine Themen positionierst – alle Inhalte

Du willst noch mehr Podcasts, Texte und Gedanken zum Thema lesen oder hören? Alle Inhalte aus dem Themenschwerpunkt „Auf Sendung! Wie du dich und deine Themen positionierst” findest du auf unserer Überblicksseite. Hier geht’s lang

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.