Foto: Laura Fröhlich | Heute ist Musik

Wenn wir wollen, dass unsere Töchter gleichberechtigt leben, müssen wir bei uns selbst anfangen

Ich habe es satt, Frau und Mutter zu sein. Ich wäre lieber Mann und Vater. Dann könnte ich meinen Beruf ausüben und wäre finanziell unabhängiger, müsste aber nicht auf Familie und Kinder verzichten. Eine andere Möglichkeit wäre: Vater und Mutter schaffen es endlich gemeinsam.

Kuscheln, Kichern, Kastanien sammeln und das bisschen Care-Arbeit …

„Genieß die Zeit mit den Kleinen und denk nicht so viel nach…” schrieb mir eine Bekannte neulich unter einen Blog-Text zum Thema Mental-Load, in dem ich mich über die enorme Denkleistung beklagte, die ich als teilzeitarbeitende Mutter aufbringen muss und die mir das Leben schwer macht. Der Kommentar ging noch weiter und lief in etwa darauf hinaus, dass es früher auch möglich war, all diese Dinge zuhause zu managen, zumal der Ehemann dauernd auf Geschäftsreise weilte. Vor allem aber sollten wir Frauen die Kleinkindzeit genießen, so der enthaltene Ratschlag, denn viel zu schnell würden die Kinder groß werden.

Bemerkungen wie diese habe ich von Frauen aus einer Generation vor mir oft gehört. Und ich bin selbst der Meinung: die Zeit, in der die Kinder in Kindergarten und Grundschule gehen und uns Eltern brauchen, ist wunderbar – einerseits. Ich liebe meine Kinder und bin gerne mit ihnen zusammen. Aber es ist andererseits auch eine sehr anstrengende Zeit. Wenn die Kinder klein und hilfsbedürftig sind, besteht das Leben nicht nur aus Kuscheln, Kichern und Kastanien sammeln. Alle Trotzanfälle begleiten, alle Hausaufgaben beaufsichtigen, alle Einkäufe tätigen und alle Wäsche waschen. Vor allem wenn ein Elternteil die Hauptlast zuhause trägt, ist das an vielen Tagen ein Knochenjob. Diese Arbeit wird nach wie vor meist von Müttern gemacht und nach wie vor ist es aus diesem Grund das größte Risiko, eine Frau zu sein und alt zu werden. Im Übrigen ist es auch ein Knochenjob, alleine für den gesamten Unterhalt einer Familie verantwortlich zu sein.

Schuld ist nur das Doppel-X-Chomosom?

Was mich beschäftigt und ich in Zusammenhang mit dem erwähnten Kommentar fragen möchte: Wieso ist es ehrenwert, die Zähne zusammen zu beißen und dem Mann den Rücken frei zu halten, während dieser Karriere macht? Ist der Grund einzig und allein das doppelte X-Chomosom? Deshalb kann ich Kinder zur Welt bringen und bin automatisch multitaskingfähig, weshalb es eben leichter ist, den Haushalt zu managen und all diese Alltags-Dinge zu jonglieren, bis mir der Kopf surrt und das Hirn fast platzt? Sind die Kinder Babys, höre ich aus diesem Grund am besten auf zu arbeiten, jobbe wenig später wegen der Kinder maximal halbtags, weil sie mich für die Hausaufgaben brauchen und habe eine miese Aussicht auf die Rente, während mein Mann jahrelang selbige aufbaut. Da kann ich nur hoffen, dass die Ehe hält. Ist das nicht irgendwie ziemlich unfair?

Und genau da ist es wieder, dieses Gefühl der Wut, das mich in der letzten Zeit oft überkommt. Ich bin eine Frau, die nicht nur zuhause für die Kinder zuständig sein will. Ich möchte arbeiten gehen, weil ich meinen Job sehr gerne mache. Ich möchte aber auch wieder arbeiten gehen, weil ich ohne Geld im Zweifelsfall nicht in der Lage wäre, das eigene Leben zu meistern und meine Kinder zu ernähren. Was ist, wenn meinem Mann etwas passiert oder er mich verlassen würde, auch wenn ich das für unwahrscheinlich halte?

Die Mutterfalle

Wie so viele andere Mütter arbeite ich halbtags und kümmere mich nachmittags um alle drei Kinder. Ich verdiene ein Drittel vom Gehalt meines Mannes, die Mieten hier im Süden und die Kosten für die Kinderbetreuung sind unglaublich hoch, deshalb ist eine andere Verteilung der Arbeitszeit zwischen uns aus ökonomischer Sicht schwierig. Außerdem bin ich in die typische Falle getappt: der feste Arbeitsvertrag lief in der Elternzeit aus und weil es so schwer war, einen neuen Job zu finden, bin ich zuhause geblieben und habe begonnen, freiberuflich zu arbeiten. Nun bin ich eben zuständig für Haushalt, Hausaufgaben und Familienmanagement und verdiene dazu, wie es so schön heißt.

Mein Mann tut was er kann, er unterstützt mich sehr. An unserem Leben lässt sich aber aus finanzieller Sicht gerade nichts ändern. Trotzdem frage ich mich, ob wir wirklich keine andere Wahl haben. Wann habe ich mich dafür entschieden, diesen von mir über alles geliebten vier Personen über Jahre hinweg die Schmutzwäsche zu machen? Und wann hätte ich die Notbremse ziehen oder gemeinsam mit meinem Mann andere Entscheidungen treffen sollen?

Auf wackligem Fundament

Ein bis zwei Generationen zuvor war das alles selbstverständlich. Da wurden all diese „Hausfrauen-Tätigkeiten” von Frauen erledigt und nicht in Frage gestellt. Unsere Großmütter waren dazu als Ehefrau sogar gesetzlich verpflichtet und selbst die Frauen in den 60ern durften weder ein eigenes Konto eröffnen noch ohne Erlaubnis des Ehemanns einem Beruf nachgehen.

Wir dürfen heute alles. Der Witz ist nur: nach wie vor scheinen die Frauen für das Familienmanagement zuständig zu sein, aber haben nun oft zusätzlich noch einen Halbtagsjob an der Backe. Das gleicht einer 150-Prozent-Stelle mit äußerst mieser Bezahlung. Stehen sie hinterher ohne Mann da, sieht es sogar noch blöder aus als früher. Da gab es wenigstens nach der Scheidung noch Unterhalt. Gleichzeitig fördert der Staat aber genau dieses Ungleichgewicht des Einverdienerhaushalts und belohnt mit dem Ehegattensplitting Familien, in denen der*die eine sehr viel mehr (meist der Mann) und der*die andere nichts bis wenig verdient (meist die Frau).

Angriff aus den eigenen Reihen

Im dritten Artikel des Grundgesetzes steht zwar, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Aber der Gender-Pay-Gap oder der weiterhin vorherrschende Sexismus am Arbeitsplatz sprechen eine andere Sprache. Zusätzlich fühle ich mich aber auch noch von meinen Mitstreiterinnen diskriminiert. Was Finanzexpertin und Buchautorin Helma Sick einen Backlash nennt, beobachte ich im Internet täglich. „Zurück an den Herd“ scheint das Motto einiger junger, gebildeter Mütter zu sein, die sich dafür entscheiden, jahrelang nicht mehr arbeiten zu gehen und das Bild einer aufopferungsbereiten Mutterschaft bewusst und mit schicken Fotos an Tausende von Follower*innen nach außen tragen und es dadurch bewerben.

Wenn sie dabei darauf hinweisen würden, dass so eine Entscheidung ohne Partner- oder Ehevertrag, Rentenlückenausgleich oder andere Absicherung ein hohes finanzielles Risiko ist – aber nein, viel mehr höre ich aus dieser Ecke, dass die Kinder eine Mutter brauchen, die sich kümmert. Ich finde ja auch, dass kleine Kinder einen Elternteil brauchen. Aber wieso nicht zur Abwechslung mal den Vater? Frauen, die sich bewusst und aus freien Stücken für die Hausarbeit entscheiden, sollen das gern tun. Auch das ist eine feministische Art zu leben. Aber diesen „Way of life” als den einzig richtigen zu deklamieren, schickt uns Frauen zurück in die entbehrungsreiche Vergangenheit.

„Ich kriege doch keine Kinder, um dann den ganzen Tag arbeiten zu gehen“ ist das Argument einer schwangeren Kollegin. Aber gilt das auch für die Männer? Mich schmerzen Aussagen wie diese. Sie machen uns Frauen ein schlechtes Gewissen und sie ärgern mich. Gleiches gilt für den Kommentar vom Anfang.

Gleichberechtigung: Mission missglückt

Ich fasse zusammen: Ich soll also eine gute Mutter sein, die sich um ihre Kinder kümmert und die Zeit mit ihnen genießt, ohne über Ungerechtigkeiten nachzudenken. Für meinen Mann bin ich am besten eine tolle Partnerin, die Hobbys hat und Spannendes zu erzählen weiß. Berufstätig wäre fein, denn schließlich kommt mit Miete und Kinderbetreuung einiges zusammen. Aber bitte nur so viel, dass die Kinder nicht darunter leiden! Ja gehts denn noch?

In ihrem Text „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ schrieb Mareice Kaiser neulich auf ze.tt: sozialen Erwartungen. Das Leitbild der erwerbstätigen Mutter, die zu funktionieren hat, weil sie ja heutzutage schließlich genau die gleichen Chancen hat wie ihre Kollegen. (Ich lache an dieser Stelle leise und augenrollend.) Das Leitbild der Mutter als Vorbild für ihr Kind.”

Und da wundern wir Mütter uns noch, dass das Feuer im Kopf bald explodiert und wir wimmernd, mit Rückenschmerzen und Burn-Out-Symptomen beim Arzt sitzen?

Wir setzen uns selbst unter Druck

Ich möchte nicht damit hinterm Berg halten, dass wir Frauen zum eigenen Unwohlsein beitragen. Denn dieser Perfektionswahn, der uns auf jedem Kindergartenbuffet ins Augen sticht, verstärkt den Druck auf uns selbst. Wir wollen alles perfekt machen und geben uns nicht nur Mühe mit den Kindern, sondern auch mit dem Haushalt und dem Job. Wir engagieren uns im Kindergarten und übernehmen Fahrdienste und die Öffentlichkeitsarbeit. Wir möchten uns nicht vor der Verantwortung drücken, überlegen, uns auch noch politisch zu engagieren und backen das Dinkelbrot natürlich selbst.

Diese Kümmerei um alles und jeden, das Nichtloslassen können, das haben wir auch von unseren Müttern gelernt, die zuhause alles alleine wuppen mussten, denke ich manchmal. Papas Bereich sind Finanzen, Auto und die Bohrmaschine, Mama übernimmt Kinder, Küche und soziales Engagement. Diese Sozialisation steckt fester in unseren Köpfen, als wir das so glauben wollen in unserer scheinbar gleichberechtigten Welt.

Das Kümmergefühl bricht sich vollständig Bahn, wenn ein Baby auf die Welt kommt. Und weil wir eben stillen, bleiben wir zuhause. Weil wir zuhause bleiben, üben wir das mit dem Familienmanagement und werden mit den Jahren so gut, dass es nicht mehr ohne uns geht. Und schwupps, haben wir Küche und Wäsche an der Backe, plus Halbtagsjob und fetter Rentenlücke. Ich möchte dieses Gefühl, dass Frauen sich um alles kümmern müssen, nicht an meine Tochter weitergeben. Ich möchte ihr lieber eine Bohrmaschine in die Hand drücken und sagen: Du kannst alles machen, was du möchtest! Und pass bloß auf, wenn du später mal mit deinem Partner an Kinder denkst …

Meine Forderungen

Auch Mareice Kaiser verweist auf den Druck und den Stress, den Mütter heute fühlen, und macht die gesellschaftlichen Strukturen verantwortlich, die von Männern für Männer gemacht wurden. Deshalb müssen wir Frauen gemeinsam mit den Vätern für gesellschaftliche Änderungen eintreten:

Ich fordere die Abschaffung des Ehegattensplittings und der Mitversicherung des Partners in der Krankenkasse, so lange sich dieser nicht um Kinder oder Angehörige kümmert. So wird der Einverdienerhaushalt nicht länger unterstützt und uns Erwachsenen bleibt nichts anderes übrig, als uns von Anfang an eigenverantwortlich um unsere Sozialversicherungen zu kümmern, auch zum Wohle aller Steuerzahler. Juristin Nina Straßner schreibt auf auf ihrem Blog über das Ehegattensplitting:

„Wenn Frauen diesen angeblichen Ausgleich ,ungleicher Einkommen’ durch ihre persönliche Altersvorsorge bezahlen, dann ist es eben kein Vorteil, sondern ein Geschäft. Zu ihren Lasten. Das Ehegattensplitting muss umgestaltet werden in einen Steuervorteil, der sich ausschließlich danach richtet, wo Kinder sind, die finanziell versorgt werden müssen.”

Dafür brauchen wir bessere Bedingungen für Eltern, die beide in Elternzeit gehen oder reduziert arbeiten können, wenn die Kinder klein sind. Zum Beispiel sollte das maximale Elterngeld nur dann ausgezahlt werden, wenn sich beide Eltern die Elternzeit teilen. Wir brauchen kostenlose und hochwertige Kinderbetreuung sowie Ganztagsschulen mit ausreichend vielen und ausreichend ausgebildeten Fachkräften. Das würde auch Alleinerziehende und finanziell schwächere Familien entlasten. Finanziert werden könnte das mit den Ersparnissen aus dem abgeschafften Ehegattensplitting, wie es Helma Sick und Renate Schmidt in ihrem Buch „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“ fordern.

Vorbilder aus der nördlichen Nachbarschaft

Unternehmen könnten sich an den skandinavischen Ländern orientieren. Dort ist es in vielen Firmen ein Unding, wenn junge Väter Überstunden machen. Flexible Arbeitsplätze, keine Angst vor dem Karriereknick nach Elternzeit, Familienmanagement als Qualifikation für Führungskräfte – wenn mehr für Eltern getan würde, hätten Väter nicht länger Bedenken, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Gut qualifizierte Frauen würden die Firmen und Chef*innenetagen bereichern und mit einer solchen Work-Life-Balance, die für junge Arbeitskräfte immer wichtiger wird, könnten Unternehmen die besten Köpfe spielend für sich gewinnen. Es haben also alle etwas davon!

Wir brauchen mehr Väter, die sich genauso zuständig fühlen für alles, was Heim und Herd betrifft und die beweisen, dass auch sie Familienmanagement können. Es ist alles eine Frage der Übung. Wir brauchen Frauen, die das von ihren Männern fordern, die erwerbstätig sind und zeigen, dass es geht, gemeinsam mit dem Partner Job und Haushalt zu wuppen. Wir brauchen Frauen, die sich nicht wieder an den Herd zurückziehen und sich gegenseitig Vorwürfe und ein schlechtes Gewissen machen, sondern sich dabei unterstützen, den inneren Druck abzulegen und gemeinsam stark zu sein. Wir brauchen neue Vorbilder: Papas, die beim Baby zuhause bleiben oder den Kuchen fürs Schulfest backen und Frauen, die die Finanzen oder die Bohrmaschine übernehmen. Es muss normal werden, dass beide beides können, denn dann ist es endlich keine Geschlechterfrage mehr, wer mit dem Kleinkind auf den Spielplatz geht und wer sich um die Moneten kümmert.

Zähne zusammenbeißen? Nicht mit mir!

Die Frauen einer früheren Generation, die uns vorwerfen, dass wir uns zu viel beschweren, die verwundert sind, wenn wir die Kleinkindzeit nicht ausnahmslos genießen, die geschockt reagieren, wenn ich sage, dass ich drei Wochen zur Kur gehe – ohne Kinder –, die sehen vielleicht mit meinen Forderungen ihr eigenes Leben in Frage gestellt. Das ist nicht mein Ziel. Aber die Zähne zusammenbeißen, meinem Mann, der sich tagelang auf Geschäftsreise verabschiedet, an der Tür winken, um dann Nachmittage lang Kinder zum Flöten- und Reitunterricht zu kutschieren – ich kann und will es nicht.

Ich habe es satt, eine Frau zu sein. Ich habe es satt, tagtäglich im Alltag gegen den selbst gemachten Druck und den Druck von außen zu kämpfen und mir am Ende auch noch aus den eigenen Reihen anzuhören, ich soll mehr genießen, aber weniger denken. Ich möchte Kinder, denn sie sind mein größtes Glück und unsere Zukunft, aber ich möchte die Arbeit zuhause nicht mehr alleine machen. Darum kämpfe ich für eine gleichberechtigte Elternschaft. Lasst uns bei uns selbst anfangen und dann gemeinsam Forderungen an Arbeitgeber*innen, Politik und Gesellschaft stellen. Damit wir Mütter mit den Vätern GEMEINSAM die Kleinkindzeit genießen können, ohne Mental-Load und klaffende Lücken in den Rentenkassen der Frauen.

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