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Oh yes! Über einen geschützten Raum, in dem über Begehren und Sex gesprochen werden kann

Bei den offenen Treffen des Freuden-Salons wird in einem geschützten Raum über Begehren, Körper und Sex geredet. Pornographie ist ebenfalls gerne gesehen – aber bitte feministische. Ein Ausflug in die Welt des Sexpositivismus.

„Woran hat sie wohl gedacht, während sie wichst?“

Die Kamera fährt langsam an die Vulva heran. Es ist still geworden im Raum. Nur Vogelgezwitscher und gedämpfte Großstadtgeräusche dringen durch die geöffneten Fenster und vermischen sich mit dem lustvollen Stöhnen der Filmdarstellerin. Mit kreisenden Fingern umspielt sie ihre Klitoris. Die Perspektive wechselt. Körperbehaarung, Schweiß und das gerötete Gesicht der Frau sind zu sehen. Schließlich der Höhepunkt. Der Porno endet. Die zwölf Teilnehmer*innen des Freuden-Salons brechen in gelöstes Lachen aus, als Maxi, die das heutige Treffen anleitet, mit der Frage eröffnet: „Woran hat sie wohl gedacht, während sie wichst?“

In den folgenden Stunden wird viel gelacht. Nicht übereinander, sondern miteinander, denn der Freuden-Salon im fünften Stock eines Berliner Altbaus in Kreuzberg ist ein sogenannter „Safe Room“ – ein geschützter Raum indem sich jede*r offen mitteilen und austauschen kann. Ohne Tabus werden hier im respektvollen Umgang miteinander Themen rund um Sex, Gender und Politik diskutiert. Von Masturbationsphantasien über Körpersäfte bis hin zu analer Lust wechselt der Themenschwerpunkt wöchentlich. Hinzu kommen Workshops zur weiblichen Sexualanatomie, „Genitalmassagen“ oder auch „Menstrual Blood Painting“-Kurse, die zu einem selbstbewussten und selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper und Begehren anregen wollen.

Keine Pornos, kein Sexismus?

Die offenen Treffen des Freuden-Salons werden von dem Freudenfluss Network initiiert, einem Netzwerk für sexuelle Bildungsarbeit. Sie finden regelmäßig in der Wohnung der Kommunikationswissenschaftlerin, Sexpertin und Mediatorin Dr. Laura Méritt statt. Méritt ist Autorin und Herausgeberin zahlreicher Artikel und Bücher, wie dem Buch „Frauenkörper neu gesehen“ und einer Aufklärungsbroschüre zum Thema weibliche Ejakulation. Das Engagement für körperpolitische Themen zieht sich durch Méritts Biografie, die als Mitbegründerin der PorYes-Bewegung bereits seit den achtziger Jahren einen sexpositiven Feminismus vertritt. Der Name der Bewegung spielt auf die PorNo-Kampagne an, die Ende der achtziger Jahre von Alice Schwarzer ins Leben gerufen wurde. Diese wollte damals ein Gesetz initiieren, das erniedrigende sexuelle Darstellungen von Frauen in Pornos verbieten sollte. „Sexpositivismus“ hingegen richtet sich gegen die patriarchalische Kontrolle von Sexualität – ohne Pornographie als antifeministisch abzulehnen. Im Gegenteil: Méritt möchte der Mainstream-Pornographie eine sexpositivere Darstellung von weiblicher Lust entgegensetzen. Sie ist die Initiatorin des PorYes-Awards, einer Auszeichnung für feministische Pornografie, die alle zwei Jahre im Hebbel-Theater in Berlin verliehen und von Veranstaltungen an Bildungsinstitutionen wie der Humboldt Universität begleitet wird.

In Méritts Wohnzimmer hängen Illustrationen von Vulven in ihrer ganzen natürlichen Vielfalt. In Bücherregalen stapelt sich bis zur Decke feministische Literatur von Judith Butler bis Liv Strömquist. Die Teilnehmer*innen des heutigen Freuden-Salons im „Masturbationsmonat-Mai“ bilden in dem lichtdurchfluteten Raum auf Sitzkissen, Teppich und Sofa verteilt einen Sitzkreis. Maxi vom Freudenfluss Network, die sich selbst als „fröhliche Freudenflüsslerin“ bezeichnet, leitet die Gesprächsrunde an. Ein Mann erzählt von seiner Phantasie, von zwei muskulösen Frauen in einer Bar bedrängt zu werden. Eine andere Person beschreibt den Thrill, jemanden mit allen Sinnen zu verführen. Eine bisexuelle Frau gesteht, dass sie sich aufgrund ihrer sexuellen Phantasien, in denen sie den passiven Part einnahm, in der Vergangenheit wie eine schlechte Feministin gefühlt hat. Lust und Begehren sind ambivalent, auch diese Wahrheit hat hier Raum.

Vielfalt statt Verbot

Feministische Pornographie möchte dieser Vielfalt an sexuellen Vorlieben entgegenkommen und mit stereotypen Geschlechterrollen brechen. In der Mainstream-Pornographie trifft meist ein aktiver Mann auf eine passive Frau. Die Handlung verläuft oftmals nach derselben Choreographie: „Erst wird gelutscht, dann wird sie zielstrebig in alle Löcher gefickt und schließlich wird in ihr Gesicht gespritzt. Das zeichnet sowohl für Frauen als auch für Männer – und erst recht für alle, die sich in der binären Geschlechterordnung nicht wiederfinden, – ein ziemlich armes und eindimensionales Bild von Sexualität“, sagt Maxi. In feministischer Pornographie finden sich alle Gender, es wird mit Geschlechterrollen gespielt. Dies zeigt die reale Vielfalt sexueller Ausdrucksformen und lädt zu einem spielerischen Umgang mit Begehren und Sexualität ein.

Im Nebenraum des Freuden-Salons befindet sich Méritts Kaufladen, der älteste feministische Sexshop Deutschlands. Hier findet sich neben inklusivem Sexspielzeug auch feministische Pornographie, auf deren Cover Menschen aller Geschlechter, Körperformen, Hautfarben und jedes Alters zu sehen sind. Ein Grundsatz von feministischen Sexfilmen sei es, gängigen Körpernormen realistische Körper entgegenzustellen, sagt Maxi. Außerdem werde die Kommunikation zwischen den Partner*innen gezeigt, sodass auch das Einverständnis der beteiligten Filmdarsteller*innen deutlich werden könne. „Es wird nicht einfach die ganze Zeit in Nahaufnahme auf die Genitalien gehalten, deren Träger*innen dadurch ja auch entpersonifiziert werden“, sagt Maxi. „Vielmehr wird auch der Gesichtsausdruck, der Augenkontakt und damit ja auch die Sinnlichkeit, Erregung und Spannung gezeigt, die zwischen den Personen entsteht.“ Echtzeit-Aufnahmen, Perspektivwechsel durch verschiedene Kameraeinstellungen und ein Fokus auf die weibliche* Lust sind weitere Kennzeichen sexpositiver Filme.

Dabei geht es nicht nur um die Befreiung der Frau: „Feministische Pornos wollen nicht nur Frauen zu einem sexpositiven Umgang mit dem eigenen Begehren ermutigen. Sie wollen alle Geschlechter von den rigiden ästhetischen Normen, wie sie im Mainstream Porn vermittelt werden, befreien. Auch die Männer müssen keinen meterlangen Dauerständer haben und ständig bereit sein, zu vögeln wie ein Stier. Es sind auch Männer ohne erigierte Penisse und ohne Sixpacks zu sehen.“ Performancedruck nehmen und Stereotype abschaffen: Letztendlich hat feministische Pornographie auch eine bildungspolitische Zielsetzung.

Pornographie meets Bildungsarbeit

Als Maxi die Gesprächsrunde schließt, verteilt sie Fragebögen an die Teilnehmer*innen, die Lust haben an dem „Million Pussy Project“ des Freudenfluss Networks mitzuwirken. Anhand der Antworten wird eine statistische Erhebung zur Vielfalt der Vulven durchgeführt. Fragen wie „Unterscheiden sich deine äußeren Lippen voneinander?“ geben Aufschluss über die vielfältige Beschaffenheit von Frauenkörpern. In Mainstream-Sexfilmen sind die Darsteller*innen oftmals operiert, um das „Brötchen-Ideal“, wie Maxi es nennt, zu erfüllen. „Das prägt die Selbstwahrnehmung junger Frauen“, sagt sie. Mit dem „Million Pussy Project“ stellt das Freudenfluss Network den idealisierten Darstellungen und dem oft fehlenden Wissen über weibliche Sexualanatomie wissenschaftlich fundierte Informationen entgegen.

Das Körper und sexuelle Vorlieben verschieden sind, wird bei einem Besuch im Freudensalon deutlich. Eine Erkenntnis, die so einfach klingt und dennoch notwendig ist, um eigene Unsicherheiten abzulegen, eine selbstbestimmte Sexualität zu entwickeln und sich dem gesellschaftlichen Normdenken zu entziehen.

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