Foto: Ryan McGuire

Was, schon 5 Uhr? Ab auf den Spielplatz!

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: Der Biorhythmus geht vor die Hunde.

Selbst schuld an der Misere

In den vergangenen vier Jahren hat es für mich ganz persönlich keinen Tag gegeben, an dem ich später als 6:45 Uhr wach geworden bin. An etwa 98 Prozent dieser insgesamt um die 1460 Tage war es vor 6:00 Uhr. Selber schuld, werden manche sagen. Aber das macht etwas mit einem, und zwar nichts Gutes, darüber wird man doch mal sprechen dürfen.

Offenbar bin ich an dieser Misere tatsächlich selbst schuld, denn andere Eltern, denen ich von Zeit zu Zeit mein Leid klage, wissen dann davon zu berichten, dass sie damals die Kinder einfach ignoriert hätten, wenn die vor sieben wach geworden wären, und dann hätten die einfach weitergeschlafen, so hätten sie sich sehr passable Schläfer herangezüchtet. Ja, schon gut.

Es gibt Menschen, die behaupten, Kinder würden jung halten. Das Gegenteil ist der Fall, worüber ich problemlos eine mehrfache empirische Beweisführung vorlegen könnte.

Denn ein Biorhythmus, der einen dazu zwingt, im Bett zu sein, noch bevor die „heute-show“ zu Ende ist und das „Neo Magazin Royale“ überhaupt angefangen hat, der hält nicht jung.

Ebenso wenig die Tatsache, dass man sich in Sachen Nahrungsaufnahme mehr und mehr den Zeitplänen in Altenheimen anpasst.

Am Samstagmorgen bin ich, begleitet von einem Kind, das auf dem Laufrad ungerührt Pfützen aus Erbrochenem und Menschen, die wie Zombies aus den benachbarten Kneipen torkeln, umkurvt, auf der Suche nach einem Bäcker, der schon vor 6 Uhr aufhat und Rosinenschnecken bereithält. Das ist das Szenario für Sommertage, an denen es ganz herrlich sein kann, „der Stadt beim Erwachen zuzusehen“, wie das Optimisten und Leute, die wissen, wie man es sich im Leben schönmacht, bezeichnen würden. Wenn ich in diesen Morgenstunden am Kanal Bekannte treffe, die mit müdem, erloschenem Blick zwei bestens gelaunten Kleinkindern beim Entenfüttern zusehen, dann eint uns trotzdem das Gefühl, dass wir der Stadt jetzt gerade lieber nicht beim Erwachen zusehen würden.

Das Gemüt dunkler als der Nachthimmel

Was viele Eltern zermürbt: Dieses Gefühl, schon einen halben, schweißtreibenden Tag in den Knochen zu haben, wenn alle anderen gerade erst aufstehen. Diese Sehnsucht, einen Samstag zu einer vernünftigen Uhrzeit zu beginnen, sagen wir, um zehn. Um zehn allerdings schaut man auf die Uhr und betet, dass es schon in Richtung Mittag gehen möge, und ist verzweifelt und fängt trotzdem schonmal an, Mittagessen zu kochen.

Ein Freund berichtete mir neulich von einem Missgeschick: Er war im vergangenen Sommer an einem Samstagmorgen bei herrlichsten Wetter mit den beiden Kindern ganz automatisch zum Spielplatz aufgebrochen und wunderte sich irgendwann, dass wirklich so gar nichts los war und es sich nicht füllte. Als er zwei Stunden später wieder nach Hause ging und dort auf die Uhr guckte, war es sieben Uhr.

Wintermorgen sind dagegen düster. Ich erinnere mich an sehr viele Wintermorgen, an denen mein Gemüt dunkler war als der Himmel draußen und ich in finsterer Nacht einem fröhlichen Kleinkind um fünf Uhr dreißig Haferflockenschleim zubereitete.

An einem Dienstag kann es passieren, dass um mich herum Hipster mit dekorativen Augenringen bis 16 Uhr riesige Frühstücksplatten bestellen, während ich um elf die Mittagskarte sehen will, die aber erst noch gedruckt werden muss. Punkt zwölf gebe ich dann bei mitleidig guckenden Kellnern eine Bestellung auf.

Ein anderer Freund sagt, dass er nach dem Ausgehen lieber gar nicht schläft und dann direkt aus dem Berghain gegen acht Uhr nach Hause kommt, um die Kinderbetreuung zu übernehmen, sofern er an der Reihe ist mit Nicht-ausschlafen-dürfen. Fände ich für mich aber auch nicht ideal. Nicht auszuschließen, dass in einer meiner letzten Geburtstagseinladungen drinstand, dass die „Party“ aus bekannten Gründen bereits um 18 Uhr anfängt, damit die Sache kurz nach dem Reinfeiern dann auch langsam wieder ein Ende finden kann.

Aber es ist ja nicht alles schlecht: Hätte früher eine Verabredung für einen Feitagabend Nachrichten vorausgeschickt wie „Muss aber leider ab halb elf schon wieder weiter, sorry“ – ich wäre beleidigt gewesen. Heute mache ich eine innere Becker-Faust: Muss ich mir also keine Ausrede überlegen oder uncoolerweise ab 22 Uhr demonstrativ müde werden und mit Verweis auf die nächste 6-Uhr-Schicht meinen Abgang einleiten.

Und was auch nicht schlecht ist: Seit vier Jahren habe ich das immer so verhasste Geräusch meines Handy-Weckers nicht mehr hören müssen.

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