Foto: Billy Pasco Smith | Unsplash

Es ist völlig okay, mit Mitte 20 nicht zu wissen, wie der Rest deines Lebens aussehen soll

Als Mittzwanziger empfindet man oft eine innere Zerrissenheit: Abenteuer oder Sicherheit, Ankommen oder Neues ausprobieren, einen Plan haben oder keinen brauchen? Ein Bericht über unsere Twenty-five-something-Uniabsolventen-Generation.

Wie soll sich Mitte 20 sein eigentlich anfühlen?

Neulich saßen wir im Biergarten zusammen: die Masterstudenten kurz vor dem Abschluss und ich als einzige fertige Masterabsolventin, bereits mit Berufserfahrung. Nach dem zweiten Radler wurden sie angesprochen, die Ängste und Träume unserer Generation, die scheinbar in jedem schlummern und an diesem Abend, zwischen Lampions, surrenden Bienen und dem eintönigen Rauschen der Nachbartischgespräche, ausgepackt wurden. Irgendwann sagte ich: „Wie Mitte 20? Nee, so fühle ich mich nicht.” In der Runde nicken alle zustimmend. Puh, den anderen scheint es genau so zu gehen. Doch warum möchten wir gerade jetzt, nachdem man sich früher so lange genau danach gesehnt hat, das Erwachsenensein am liebsten von uns wegschieben?

Gibt es einen festen Plan, nach dem alles ablaufen sollte? Mit 26 heiraten, mit 28 schwanger und dann … So einfach ist es für die meisten nicht. Kurz vorm Masterabschluss stehen viele plötzlich vor der Frage: „Und jetzt?” Wie verlockend da doch plötzlich ein Abenteuer ist: einfach alles stehen und liegen lassen und sich für die stundenlangen Bibschichten, zig neu abgespeicherten Masterarbeiten (Masterarbeit_fertig, Masterarbeit_fertig2, Masterarbeit_jetztaberwirklich) und den tausend gelesenen Büchern (oder zumindest ausgeliehenen) zu belohnen.

Oder siegt doch die Vernunft, die auf der Schulter sitzt, einen piesackt und sagt: „Jetzt ist aber mal gut, jetzt geh mal Geld verdienen.” Oder: „Deine innere Uhr tickt – am besten du heiratest jetzt und bekommst Kinder, die anderen machen das auch so.” Schließlich ist meine Facebook-Timeline mittlerweile voll von Hochzeitsbildern und Babyfotos. Und auch auf Instagram tauchen in den Vorschlägen auffällig viele solcher Bilder auf. Ja, ich habs verstanden, ich komme in das Alter. Oder bin ich längst drin? Aber haben wir als Studenten nicht eh einen anderen, einen ganz eigenen Rhythmus? Da haben meine Freundinnen mit Ausbildung schließlich schon zehn Jahre Berufserfahrung hinter sich, wenn ich mich das erste Mal mit dem Berufseinstieg befasse.

Zu viele Möglichkeiten

Ist es da nicht normal, dass sich die Träume und Vorstellungen zeitlich verschieben. Was will ich jetzt eigentlich? Und dann noch die Frage: Wohin geht es nach dem Master? Scheinbar steht einem alles offen, aber ist genau das vielleicht das Problem?

Mein letzter Absatz besteht fast nur aus Fragen. Fragen, die uns beschäftigen – uns kurz-vor-dem-Masterabschluss-Stehenden und uns Berufseinsteiger. Es gibt keinen Plan, der für alle funktioniert. Okay, das macht es jetzt auch nicht unbedingt einfacher. Ist dieses Twenty-five-something-Ding vielleicht einfach dieser Punkt im Leben, an dem ich mich für eine Richtung entscheiden muss? Oder nimmt sich dieses Alter selbst viel zu wichtig? So nach dem Motto die 25er sind die neuen 30er. Wann ist diese Unbeschwertheit verschwunden? Mit Abgabe der Masterarbeit? Wohl kaum.

Wie mir geht es auch vielen anderen

Als wir auf den Bierbänken unter den Lampions sitzen, das Radler in der Hand, alle die gleichen Ängste und Träume ansprechen, denke ich mir verwundert: „Wow, von dem hätte ich das nicht gedacht, der wirkt so straight.”, Und das beruhigt mich innerlich. Anderen geht es also genauso. Die scheinen nur diese „Alles-easy-ich-weiß-schließlich-was-ich-will-Ausstrahlung“ zu haben.

Es ist diese innere Zerrissenheit zwischen Abenteuer und Sicherheit, zwischen
Ankommen und Ausprobieren, zwischen einen Plan haben oder keinen zu brauchen und ja irgendwie auch Entscheidungen zu treffen ohne sich für oder
gegen etwas entscheiden zu müssen.

Es gab irgendwie immer diesen Plan im Leben. Man fängt mit einem Bachelor an und macht mit einem Master weiter. Neben den vielen Abenden mit Freunden, der neu gewonnenen Freiheit im Studium, der Leidenschaft für das eine Fach, der Unbekümmertheit und der vielen neuen Leute, mit denen man eine tolle Zeit verbringt, gibt es auch diese Sicherheit, das man weiß, was einen die nächsten Jahre erwartet. Jede Entscheidung, die man hier trifft, wirkt sich vielleicht darauf aus, dass man ein Semester länger oder an einem anderen Ort studiert – aber längerfristig? Ach, der Abschluss, das dauert ja noch. Diese typische „Was willst du später mal machen”-Frage wird entweder mit einem lachenden: „Ach, da habe ich noch ewig Zeit”, abgewunken oder nur mit einem Augenrollen quittiert. Doch jetzt, mit Abgabe der Masterarbeit, ist der Punkt gekommen, an dem uns alles offen steht, viel mehr als je zuvor.

Muss ich mich denn überhaupt entscheiden?

Aber ist es vielleicht genau das, was einen wieder einschränkt? Die Angst, diesmal wirklich eine Entscheidung zu treffen, die sich nicht nur auf das nächste Semester auswirkt. Womöglich noch einmal woanders komplett neu anzufangen. Ich möchte eine Entscheidung treffen, ohne mich für oder gegen etwas zu entscheiden. Ich möchte ankommen, ohne das Auszuprobieren aufzuhören. Vielleicht klingt das für viele nach einer Einstellung, sich alles offen halten zu wollen. Vielleicht ist es genau das. Doch vielleicht ist das der Weg, der für mich am besten funktioniert.

Ich bin die einzige, die die Abgabe der Masterarbeit über ein Jahr hinter sich hat, aber ich stelle mir diese Fragen trotzdem genauso. Hätte ich es vielleicht anders machen sollen? Kann ich es jetzt doch noch einfach anders machen? Schon irgendwie. Denn jetzt ist doch tatsächlich der Punkt, an dem uns alles offen steht. Anstatt zu zweifeln und dadurch stehenzubleiben, gilt es einfach zu machen. Müssen wir uns unter Druck setzen lassen? Wieso sollten wir jetzt anfangen, uns die Unbekümmertheit und Leichtigkeit des Studiums nehmen zu lassen. Das macht keinen Sinn, das merken wir auch, als wir so in der Runde darüber sprechen. Es tut gut zu wissen, dass es den anderen auch so geht. Dass sie an demselben Punkt stehen. Dass sie sich dieselben Fragen stellen.

Wo soll es also hingehen?

Zurück in die Heimat? Ins Ausland? Neue Stadt? Oder doch die Unistadt? Die Frage liegt noch in der Luft an diesem Sommerabend. Und auch diese Frage beschäftigt uns alle. Doch jeder muss sie für sich beantworten. Wir müssen schließlich erwachsen werden. Und wenn uns die Entscheidung doch nicht gefällt und nicht zu uns passt? Tja dann sind wir mal ganz verrückt und machen es nochmal neu.

Sicherlich sitzen wir nächstes Jahr wieder zusammen im Biergarten und erzählen uns von unseren Abenteuern. Sicherlich merken wir dann, dass die ganze Aufregung umsonst war und es sich einfach um einen neuen Lebensabschnitt handelt. Und sollten wir wieder Ängste und Träume haben?
Dann tut es gut, dass wir uns verstehen, wir, die Twenty-five-something-Uniabsolventen-Generation.

Dieser Beitrag ist bereits auf Lisas  Glücksgriff-Blog erschienen. Wir freuen uns, dass sie ihn auch hier veröffentlicht.

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