Foto: Kristina Lonergan

Anne Freier: „Ich bin eine große Freundin von Liebeskummer“

Die Autorin und Neurowissenschaftlerin Anne Freier beleuchtet Liebeskummer aus wissenschaftlicher Perspektive. Im Interview erklärt sie, was bei Herzschmerz in unserem Körper passiert und gibt Tipps für alle, die gerade unter einer Trennung leiden. 

Das Ende einer Beziehung gehört zu den einschneidendsten Erfahrungen, die wir im Leben machen. Für viele Menschen fühlt sich eine Trennung an wie Scheitern. Anne Freier sieht das anders, sie sagt: „Beziehungen scheitern nicht, sie gehen zu Ende.“ Die Autorin und Neurowissenschaftlerin hat sich, als sie nach einer Trennung selbst unter Herzschmerz litt, intensiv mit der Liebe, Beziehungen und Trennungen auseinandergesetzt. Dabei ist das kürzlich erschienene Sachbuch „Science of Breakup“ entstanden. Wissenschaftlich fundiert analysiert sie darin die psychologischen Effekte einer Trennung, erklärt die dazugehörige Biochemie in Körper und Gehirn und skizziert Wege, eine Trennung besser zu überstehen.

Wir haben Anne Freier gefragt, warum Liebeskummer eigentlich so wehtut, ob wir mit zunehmender Anzahl an Trennungen abstumpfen – und ob Eiscreme tatsächlich gegen Herzschmerz hilft, wie es uns in Filmen gerne vermittelt wird. Im Interview gibt sie Tipps für den Umgang mit Liebeskummer, erklärt, was dazu führen kann, dass wir uns entlieben, und ob es sinnvoll ist, sich direkt nach einer Trennung in neue Projekte oder die nächste Affäre zu stürzen. 

Camille Haldner: Es gibt ziemlich viele Selbsthilferatgeber, die versprechen, uns im Umgang mit schwierigen Lebenssituationen zu unterstützen. Was unterscheidet dein Buch davon?

Anne Freier: „,Science of Breakup‘ ist ein populärwissenschaftliches Buch und nur indirekt ein Selbsthilferatgeber. Anstatt einen Vier-Schritte-Plan zu entwerfen, der erklärt, wie man über eine Beziehung hinwegkommt, wollte ich Leser*innen die Möglichkeit geben, sich mit dem gewonnenen Wissen selbst zu ermächtigen. Wenn ich mehr über die Vorgänge in meinem Gehirn, meiner Biochemie, meiner Psyche weiß, kann ich ableiten, was mir möglicherweise gegen den Liebeskummer hilft. Ziel war, dass die Leser*innen ihre eigenen Schlüsse ziehen können. Denn: Bei Liebeskummer gibt es nicht eine Formel, die identisch für alle funktioniert.“

Was passiert denn bei Liebeskummer in unserem Körper, warum tut es so weh?

„Wir sprechen metaphorisch immer wieder vom gebrochenen Herzen – und das gibt es tatsächlich. Menschen, bei denen das ,Broken-Heart-Syndrom’ diagnostiziert wird, erfahren körperliche Schmerzen. Das ist keine Einbildung und fühlt sich an wie ein Herzinfarkt, weil sich dabei die Blutgefäße im Herz verengen. Natürlich leiden nicht alle Menschen, die Liebeskummer haben, unter diesem Syndrom. Generell kann man sagen: Wer unter Stress steht, eben weil sie*er verlassen wird, schüttet Stresshormone wie Adrenalin aus, was wiederum körperliche Symptome zur Folge haben kann. Unser Gehirn ist darauf eingestimmt, bei Trennungen sozialen Schmerz zu empfinden.

Für das Buch habe ich unter anderem mit der Professorin Naomi Eisenberger gesprochen, die sich schon seit vielen Jahren mit dem Thema Gruppenausschluss und Neurowissenschaft beschäftigt. Sie hat in ihren Studien gezeigt, dass bei physischem und sozialem Schmerz dieselben Areale unseres Gehirns aktiviert werden. Das hat evolutionäre Gründe: Um in der Wildnis zu überleben, brauchte man früher Menschen um sich herum. Wer diese Gruppe verlor oder ausgeschlossen wurde, hatte kaum eine Chance. Diese Information ist noch immer in unserem Gehirn gespeichert und soll unser Überleben sichern. Heute leben Menschen vermehrt alleine, haben eventuell keine Kinder, befriedigen sexuelle Bedürfnisse auf unverbindliche Weise – diese Art zu leben ist gesellschaftlich immer akzeptierter, aus evolutionsbiologischer Sicht jedoch ein neuer Zustand. Es wäre spannend, in 100 bis 200 Jahren zu schauen, wie sich das evolutionsbiologisch auswirkt. Gut möglich, dass die Biologie dieser sozialen Veränderung hinterherhinkt. Dennoch muss man sagen, dass gerade die Corona-Pandemie deutlich gezeigt hat, dass viele von uns stark unter sozialer Isolation leiden und andere Menschen brauchen – mehr, als wahrscheinlich die meisten von uns gedacht haben.“

Es sind also Stresshormone, die dazu führen, dass wir uns bei Liebeskummer so schlecht fühlen?

„Nicht nur, aber Stresshormone sind maßgeblich an Zuständen wie Liebeskummer beteiligt. Die Forschung dazu steckt jedoch noch im Anfangsstadium. Je besser wir das Gehirn künftig verstehen, je mehr wir über Biochemie lernen, umso besser werden wir darin, solchen Schmerz zu mildern. Naomi Eisenberger hat in einer Studie gezeigt, dass Schmerzmittel sozialen, also seelischen Schmerz lindern können. Das heißt natürlich nicht, dass wir Liebeskummer künftig mit Paracetamol behandeln sollten, eine Schmerzmittelabhängigkeit zusätzlich zur Trennung ist bestimmt nicht das, was man will (lacht).

Mit dem Wissenschaftler Brian Herb, der an der Oxford University zu Philosophie und Psychologie forscht, habe ich über die Indikation von Schmerzmitteln bei Liebeskummer gesprochen: Er meinte, dass wir sehr schmerzhaften Liebeskummer in der Zukunft mit Medikamenten behandeln können. Dabei sprechen wir allerdings von Menschen, die extrem leiden und dadurch nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag zu bewältigen, eventuell suizidgefährdet sind. Bereits heute werden seelische Leiden wie Depressionen oder Angststörungen mit Medikamenten gelindert. Bei mentalen Erkrankungen ist das Ziel eigentlich immer, Menschen an einen Punkt zu bekommen, an dem sie sich selbst helfen können. Medikamente können nützlich sein, um eine Person biochemisch auf ein Level zu bringen, bei dem sie die erste Hürde selbst nehmen kann, um ihren Zustand aktiv anzugehen.“

Du hast aus Liebeskummer mit der Recherche zu diesem Thema begonnen, entstanden ist ein ganzes Buch. Inwiefern hast du den Eindruck, dass ein verstärktes Wissen über neurologische und körperliche Prozesse im Umgang mit Trennungsschmerz helfen kann?

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„Mir hat das enorm viel gebracht. Es hilft zu wissen, warum man bestimmte Dinge tut und fühlt, warum man weint, warum man sich scheiße fühlt. Dieses Grundverständnis über die Prozesse im eigenen Körper hilft bei der Auseinandersetzung und Bewältigung des Liebeskummers. Das gilt eigentlich für die meisten Leiden: Je mehr man darüber weiß, desto besser kann man damit umgehen. Damit will ich natürlich nicht sagen, dass Liebeskummer eine Krankheit ist, meiner Meinung nach ist das eher ein temporärer mentaler Zustand.“

„Es hilft zu wissen, warum man bestimmte Dinge tut und fühlt, warum man weint, warum man sich scheiße fühlt. Dieses Grundverständnis über die Prozesse im eigenen Körper hilft bei der Auseinandersetzung und Bewältigung des Liebeskummers.“

Was würdest du einer Freundin aus der Wissenschaft mitgeben, wenn sie dir von Liebeskummer erzählt?

„Einfach zu sagen ,ach, das sind die Hormone, die mit dir tricksen‘ ist Blödsinn. Die Gefühle, die diese Hormone bei uns hinterlassen, sind real. Trennungsschmerz ist legitim, den sollen und dürfen wir fühlen, die Auseinandersetzung mit diesen Gefühlen bringt uns schließlich weiter und eben über die Beziehung hinweg. Meine Freundin würde ich nicht mit Wissen aus der Neurowissenschaft oder Biochemie zuballern, ich würde ihr eher Tipps geben.“

Was sind das für Tipps?

„Um kurzzeitig für Linderung zu sorgen, finde ich Comedy super. Leute, die richtig traurig sind, könnte man vor den Fernseher setzen und ein Stand-up-Programm einschalten. Richtig zu lachen hilft, sich erstmal besser zu fühlen. ,Spiegelneuronen’ nennt man diesen Effekt: Wenn jemand lacht, musst du auch lachen. Wir spiegeln quasi die Emotionen der anderen Person. Dieses Wissen können wir nutzen, um Liebeskummer etwas zu lindern.

Langfristig gibt es verschiedene Strategien. Grundsätzlich würde ich dazu raten, erstmal aufzuschreiben, wie man sich fühlt und die eigenen Gefühle wahrzunehmen. Anschließend macht es Sinn, die Beziehung zu reflektieren; also zu schauen, was schiefgelaufen ist und die Beziehung unter diesem Blickwinkel neu zu bewerten. Dazu gehört auch, darüber nachzudenken, was nicht so gut lief und sich somit vor Augen zu führen, dass nichts perfekt ist und verklärt werden sollte. Manchen Menschen bringt es auch was, darüber nachzudenken, was an dem*der Expartner*in nicht gut war: Eine Person nur in positivem Licht zu betrachten, hilft definitiv nicht dabei, über sie hinwegzukommen.

„Manchen Menschen bringt es auch was, darüber nachzudenken, was an dem*der Expartner*in nicht gut war: Eine Person nur in positivem Licht zu betrachten, hilft definitiv nicht dabei, über sie hinwegzukommen.“

Sich mit sich selbst, den eigenen Gefühlen und Gedanken, der vergangenen Beziehung zu beschäftigen, ist sinnvoll – für eine begrenzte Zeit. Den immer gleichen Gedanken hinterherzuhängen, ewig über die Beziehung und das Ende zu grübeln, ist hingegen nicht gesund. Das kann dazu führen, dass wir in einem ständigen Angstzustand verharren. Tatsächlich kann man sich das Traurigsein quasi antrainieren: Wenn wir ständig weinen, gewöhnt sich unser Gehirn an diesen Zustand. Ich bin der Meinung, dass wir unserer Biochemie nicht komplett ausgeliefert sind. Klar, die macht etwas mit uns, aber wir haben Möglichkeiten, dagegen zu agieren. Deshalb würde ich in einem weiteren Schritt Ablenkung empfehlen. Beispielsweise indem man eigene Projekte umsetzt, neue Erfahrungen sammelt, sich Ziele setzt.“

Ich kenne einige Menschen, die nach einer Trennung von Anfang an voll auf Ablenkung setzen – funktioniert das oder holt uns der Schmerz früher oder später ein?

„Für manche Menschen funktioniert diese Strategie. Wenn du dich drei Monate lang mit neuen Dingen ablenkst, die spannend sind, kann es durchaus sein, dass du nicht zurückgeworfen wirst, sondern merkst, dass das Leben weitergeht und es viele andere Dinge gibt, die man genießen kann. Dann füllt man die entstandene Lücke quasi mit anderen, schönen Dingen des Lebens. Grundsätzlich würde ich jedoch immer dazu raten, sich zumindest ein bisschen mit der Trennung zu beschäftigen, schon allein um herauszufinden, was da eigentlich schiefgelaufen ist. Das ist mit Blick auf die nächste Beziehung sicher sinnvoll.“

Und wie sinnvoll ist es, sich in eine neue Affäre zu stürzen?

„Es gibt Menschen, die mit einem Rebound ziemlich gut fahren. Gerade Leute, bei denen nach einer Trennung das Ego angeknackst ist, kann es helfen, sich durch Casual Dating etwas Selbstbewusstsein zurückzuholen. Das soll nicht heißen, dass man direkt die nächste ernsthafte Verbindung eingehen soll. Es hilft jedoch, sich vor Augen zu führen, dass es da draußen noch viele andere Menschen gibt. Ein Teil dieser unangenehmen Trennungsgefühle kommt auch daher, dass wir fürchten, nie wieder eine*n so tolle*n Partner*in zu finden.“

„Es gibt Menschen, die mit einem Rebound ziemlich gut fahren. Gerade Leute, bei denen nach einer Trennung das Ego angeknackst ist, kann es helfen, sich durch Casual Dating etwas Selbstbewusstsein zurückzuholen.“

Was hast du bei der Recherche über die Dauer von Liebeskummer herausgefunden?

„Das ist individuell. Es gibt diese Rechnung, dass man die Hälfte der Beziehungsdauer braucht, um darüber hinwegzukommen. Diese Lebensweisheit begegnet mir immer wieder, stimmt so aber nicht. Studien zeigen, dass tatsächlich nicht wenige Menschen innerhalb von drei Monaten über eine Beziehung hinwegkommen, und dabei spielt es keine Rolle, wie lang sie mit der Person zusammen waren. Was für die Dauer des Liebeskummers eine viel größere Rolle spielt, ist die Qualität der Beziehung. Wen diese von Respekt, Liebe und Vertrauen geprägt war, kommt man tendenziell schneller über die Trennung hinweg. Das soll nicht heißen, dass der Trennungsschmerz deshalb nicht stark ist, aber eine qualitativ hochwertige Beziehung lässt uns meist nicht mit geringem Selbstwert oder kaputten Vertrauen zurück. Wer im Schlechten auseinandergeht, braucht tendenziell länger, um sein Herz wieder zusammenzuflicken. Das Ego spielt bei Liebeskummer eine nicht unerhebliche Rolle. Wenn du betrogen wurdest, musst du auch noch über den Verrat hinwegkommen. Das ist ein Gefühl, das nachhallt.“

„Wer im Schlechten auseinandergeht, braucht tendenziell länger, um sein Herz wieder zusammenzuflicken. Das Ego spielt bei Liebeskummer eine nicht unerhebliche Rolle.“

In gefühlt jedem Film, in dem die*der Protagonist*in unter Herzschmerz leidet, wird erstmal viel Eis gegessen: Hilft Comfort Food wirklich gegen den Schmerz oder bilden wir uns das nur ein, weil wir das irgendwo abgeschaut haben?

„Zucker ist Dopamin-anregend, ein herrlicher Neurotransmitter, der ähnlich wirkt wie eine Droge, dadurch fühlt man sich erstmal besser. Dieses durch Nahrung ausgeschüttete Glücksgefühl ist jedoch eher kurzlebig. Es ist wahrscheinlich nicht so sehr das Comfort Food, das hilft, sondern die Person, mit der wir das Eis essen. In diesen Filmszenen sitzt meist der*die beste Freund*in daneben. Comfort Food mit jemandem zu teilen, mit dem man über alles reden kann, dem man vertraut, ist eine gute Sache. Der Kontakt mit Freund*innen und auch Fremden hilft uns zu verstehen dass wir nicht alleine sind, dass es noch andere Menschen auf der Welt gibt. Wir gewinnen wieder etwas an Perspektive.“

„Comfort Food mit jemandem zu teilen, mit dem man über alles reden kann, dem man vertraut, ist eine gute Sache.“

Liebe und Beziehungen schenken uns häufig ein Gefühl von Sicherheit, Trennungen bringen meist Ungewissheit mit sich, weil sich dadurch das ganze Leben verändert. Inwiefern spielt die Ungewissheit in unseren Schmerz hinein?

„Ungewissheit ist ein schlimmer Zustand, mit dem die meisten Menschen nicht gut klarkommen. Wir wollen uns sicher fühlen, was evolutionär gesehen Sinn ergibt. Nicht zu wissen, was die Zukunft bringt, vielleicht auch nicht zu verstehen, weshalb der*die Partner*in uns verlassen hat, führt dazu, dass man mehr nachdenkt. Viele Leute hängen dann den immer gleichen Gedankenspiralen nach. Das nennt sich Rumination und ist ein negativer Zustand, der gerade auch bei Depressionen und Angststörungen eine große Rolle spielt. Der Begriff kommt ursprünglich aus der Zoologie und meint eigentlich das Wiederkäuen. Er wurde von der Psychologie für das Wälzen von Problemen übernommen. Es ist wichtig, wieder aus diesen Gedankenspiralen auszubrechen. Einerseits hilft es bei einer Trennung, die ungewissen Faktoren anzugehen. Beispielsweise wenn man aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen muss, tut es gut, sich ein neues Zuhause zu schaffen. Gleichzeitig würde ich empfehlen, dass man sich mit diesen unangenehmen Gefühlen auseinandersetzt, statt vor ihnen davonzulaufen. Ungewissheit lässt sich nur bis zu einem gewissen Grad ausräumen, das Leben ist ungewiss. Auf die nächste Beziehung gibt es auch keine Garantie. Was viel besser hilft, als vermeintlich alle ungewissen Faktoren zu eliminieren, ist, diesen Zustand bis zu einem gewissen Grad anzunehmen. Also zu akzeptieren, dass es diese Gefühle gibt.“

„Das Leben ist ungewiss. Auf die nächste Beziehung gibt es auch keine Garantie. Was viel besser hilft, als vermeintlich alle ungewissen Faktoren zu eliminieren, ist, diesen Zustand bis zu einem gewissen Grad anzunehmen.“

Wird Liebeskummer mit zunehmender Zahl an Trennungen erträglicher, stumpfen wir quasi ab? Hilft Übung dabei – oder ist es jedes Mal gleich beschissen, weil auch keine Beziehung und keine Trennung gleich ist?

„Trennungen sind jedes Mal von neuem beschissen. Aber ich glaube, dass man mit zunehmender Erfahrung lernt, besser damit umzugehen. Und: Gefühle machen uns menschlich, das dürfen wir ruhig zulassen. Liebeskummer muss man wahrnehmen, damit man umgekehrt auch fühlt, warum Liebe eigentlich so schön ist. Wenn wir lernen, mit diesen Gefühlen umzugehen, sind wir für die nächste Trennung auch besser gewappnet. Das Leben ist der reinste Lernprozess und Liebeskummer ist ein Teil davon.“

„Trennungen sind jedes Mal von neuem beschissen. Aber ich glaube, dass man mit zunehmender Erfahrung lernt, besser damit umzugehen. Das Leben ist der reinste Lernprozess und Liebeskummer ist ein Teil davon.“

Verlassen zu werden ist scheiße, aber jemanden zu verlassen ist häufig auch nicht schön. Was können wir tun, um Trennungen für uns selbst – und die andere Person – leichter zu machen?

„Kommunikation finde ich ganz wichtig. Ich würde dem*der Ex-Partner*in immer das Gespräch anbieten. Wenn ich mit einer Person Schluss mache, würde ich ihm*ihr allerdings keine Vorwürfe machen und darauf rumhacken, was schiefgelaufen ist. Es gehören immer zwei Leute zum Ende einer Beziehung – und man hat selbst meist genauso Fehler gemacht. So ein Gespräch sollte auf einer respektvollen Ebene ablaufen, wenn man sich anbrüllt, kann das kurzfristig befreiend sein, bringt langfristig aber niemanden weiter. Was nicht nötig ist: verletzende Dinge bei einer Trennung zu erwähnen. Ich bin mir beispielsweise nicht sicher, ob es gut ist, einem*r Partner*in zu sagen, dass man ihn*sie betrogen hat. Bei Trennungen sollten wir das Bedürfnis nach Antworten respektieren, jedoch ohne damit zusätzlichen Schaden anzurichten.“

Wie wichtig sind denn Antworten, um über eine Beziehung hinwegzukommen?

„Sehr wichtig. Über diesen Zustand der Ungewissheit kommt man nur hinweg, wenn man Antworten bekommt. Wenn ich nie erfahre, warum jemand mit mir Schluss gemacht hat, suche ich die Antworten in mir selbst, mache mich dafür verantwortlich. Ich kann nicht wirklich evaluieren und somit kaum einen Weg aus dem Schmerz finden. Natürlich soll sich diese Fragerei nicht ins Endlose ziehen, aber ich finde es wichtig, der*dem Partner*in die Chance zu bieten, Fragen zu stellen und diese zu beantworten.“

Was führt auf der körperlichen und neurologischen Ebene – mal abgesehen von bestimmten individuellen Trennungsgründen und -auslösern wie Vertrauensbruch – eigentlich dazu, dass wir uns entlieben und das Bedürfnis verspüren, uns zu trennen?

„Entlieben hat ganz viel mit Auseinanderdriften, mit Selbstveränderung zu tun. Wir haben laufend neue Wunschvorstellungen vom Leben. Entlieben ist mit Entleben verbunden – ein Auseinanderleben, bei dem man irgendwann feststellt, dass man verschiedene Ziele hat im Leben. Zudem haben Stresshormone einen großen Einfluss auf unsere Beziehungen. Wenn ich unter Stress stehe, befinde ich mich im Fight/Flight-Modus. Wenn mein Partner mich in diesem Zustand berührt, auch wenn es lieb gemeint ist, kann es durchaus sein, dass man dann abweisend darauf reagiert. Wenn eine*r der Partner*innen langfristig unter Hochspannung steht, kann das dazu beitragen, dass zwei Menschen auseinanderdriften. Je länger du in einem bestimmten Zustand, wie eben Stress, verharrst, desto eher verändert das deine Biochemie – und das vielleicht auch so nachhaltig, dass es beeinflusst, wie du auf deine*n Partner*in reagierst, wie du die andere Person siehst und vielleicht sogar, wie dein*e Partner*in dich sieht.“

Hast du etwas darüber herausgefunden, welchen Einfluss die Art der Trennung auf den Liebeskummer hat? Ich denke dabei beispielsweise an Ghosting.

„Die Art der Trennung ist entscheidend. Bei einer längeren Beziehung oder gar Ehe bedarf es natürlich eines deutlich längeren, größeren Gesprächs als bei einer Affäre, die sich vielleicht nur über zwei Dates erstreckt hat. Wenn ich mich einmal mit einer Person getroffen habe und dann entscheide, keinen Kontakt mehr zu ihr*ihm zu suchen, ist es meiner Meinung nach nicht sonderlich traumatisch, wenn man sich nicht mehr meldet. Die Art des Auseinandergehens hat sich durch Technologie auch verändert, quasi eine dadurch hervorgerufene Evolution. Wenn wir eine Person über eine App kennenlernen, dürfen wir auch über diese App Schluss machen beziehungsweise gar nicht mehr erst den Kontakt suchen. Wenn die andere Person mich dann aber fragt ,hey, wieso willst du mich nicht mehr sehen?’ sollte man jedoch darauf antworten und nicht einfach ghosten.“

Was lernen wir, unser Gehirn, unser Körper durch das Scheitern einer Beziehung?

„Ich denke, dass man das Ende einer Beziehung nicht mit Scheitern gleichsetzen sollte. Beziehungen scheitern nicht, sie gehen zu Ende. Aber wenn etwas zu Ende geht, kann man auch wieder neu anfangen. Aus diesem Grund bin ich eine große Freundin von Liebeskummer. Sich erstmal richtig im Elend zu suhlen, ist völlig ok, aber wenn ich danach einen Neuanfang wage, kann daraus richtig viel Lebensfreude entstehen. Nach dem Ende einer Beziehung stürze ich mich meist in kreative Projekte, die Dinge hervorbringen, die ohne die Trennung wahrscheinlich nicht entstanden wären. Ein Ende ist immer der Nährboden für etwas Neues. Da ich künstlerisch tätig bin, bin ich bestens damit vertraut, zu scheitern. Wenn ich dabei den Kopf in den Sand stecke, komme ich nicht weiter, es entsteht nichts mehr. Das Leben geht aber weiter.“

„Ich denke, dass man das Ende einer Beziehung nicht mit Scheitern gleichsetzen sollte. Beziehungen scheitern nicht, sie gehen zu Ende. Aber wenn etwas zu Ende geht, kann man auch wieder neu anfangen.“

Wie hat sich dein Blick auf Beziehungen, auf Liebe und Trennungen seit der Arbeit an diesem Buch verändert? Verlieren diese romantisierten Bereiche des Lebens an Magie, wenn man sie auf wissenschaftlicher Ebene seziert?

„Nein, auf keinen Fall. Liebe und alles, was sie mit sich bringt, ist wunderbar. Wobei ich mir heute jedoch ziemlich sicher bin: Diese*n eine*n perfekte*n Partner*in gibt es nicht. Unsere Ziele und Wünsche verändern sich im Laufe unseres Lebens und dadurch kann es immer passieren, dass wir uns von einem*r Partner*in entfremden. Vielleicht ist mein Denken da etwas weniger romantisch als das anderer Menschen. Liebe und Romantik haben für mich dennoch etwas sehr Poetisches und die Wissenschaft half und hilft mir, nach einer Trennung über eine Liebe hinwegzukommen.“


Anne Freier ist Autorin von Sachbüchern und Belletristik, Musikerin und Wissenschaftlerin. Ihre Arbeiten sind bereits bei „Forge“, „Elemental“, in verschiedenen Literaturzeitschriften und wissenschaftlichen Publikationen erschienen. Anne Freier ist in Deutschland geboren, hat aber die Hälfte ihres Lebens in London verbracht, wo sie auch heute noch wohnt. Sie verfügt über einen Master-Abschluss in biomedizinischer Forschung des Imperial Colleges UK und einen Master in Neurowissenschaften und Neuropsychologie der Birkbeck University. „Science of Breakups“ ist ihr erstes Sachbuch.

Schöner Scheitern. Trennung, Kündigung, Vorsätze – wir scheitern alle, immer wieder. Doch was lernen wir daraus?

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Seit 2019 schreibt Camille Haldner für EDITION F über gesellschaftspolitische und zwischenmenschliche Phänomene, widmet sich Kultur-, Arbeits- und Körperthemen und trägt Inhalte weiter auf die Social-Media-Kanäle des Magazins.

In ihrer Kolumne „Wann hören wir endlich auf ... ?“ thematisiert die Redakteurin all die Dinge, die ihr in Gesellschaft und Politik so richtig auf den Keks gehen.

Die Wahlberlinerin und Heimwehbaslerin hat vor, während und nach dem Studium (Journalismus & Kommunikation, ZHAW) für verschiedene Schweizer Publikationen und Medien gearbeitet, zuletzt für die Kulturredaktion des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF).

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