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Make-up: Ich mache mich nicht schön für euch, ich mache, was ich will

Für wen legen Frauen eigentlich Make-up auf? Nicht für sich selbst, oder? Es scheint tatsächlich immer noch abwegig, dass wir Frauen auch aus anderen Beweggründen handeln als uns für andere gefällig zu machen.

 

Schönsein als oberste Credo der Frau – und andere Missverständnisse

Frauen und Make-up – ach, es ist eine so schöne wie leidige Geschichte. Letzteres insbesondere deshalb, weil es immer wieder eine Rolle spielt, ob wir uns damit am Ende doch nur unserer traditionellen Rolle unterwerfen, ob wir uns nicht wieder der Identität als „schönes“ Geschlecht unterjochen, uns attraktiv machen für die Männer und für alle anderen, denen es positiv auffallen mag. Wir selbst sind bei den Beweggründen für die Nutzung von Make-up in der Regel ausgeschlossen – denn das macht doch keine Frau für sich alleine, so ein Aufwand! Wenn Frauen nicht gefallen wollen würden, würden sie sich das Gesicht nur noch mit Kernseife waschen, Leibchen und Joggingbuxe überstreifen und so den Alltag bestreiten. Nun, vielleicht würden das gerne einige machen und trauen es aus Gründen der Etikette nicht, es wäre auch durchaus legitim. Aber viele andere eben nicht, so schockierend es auch klingen mag. Wir Frauen handeln auch aus anderen Gründen, als uns für andere schön und ansehnlich zu machen – offensichtlich sind das immer noch Hot News.

Kein Wunder, denn wenn wir uns die eine Sicht der Dinge nicht so oft erzählen würden, dann wäre auch mehr Platz für die anderen Facetten der Thematik. Und die sind wichtig – nicht, weil ich mir nicht auch manchmal Make-up auflege, die Augen anmale und dem Mund eine Farbe verpasse, um schön zu wirken – so wie ich für mich schön verstehe. Sondern, weil es eine verkürzte Darstellung ist, die nur auf eine Spielart mit Make-up verweist, aber noch lange nicht alle Ebenen abdeckt. Und nicht zuletzt uns Frauen die Selbstbestimmtheit abspricht. Warum reden wir stattdessen nicht mehr über die Wirkungskraft, die Make-up verleihen kann – eine, die so vollkommen an einem Gefühl von „Schönsein“ vorbeigeht? 

Bild: Ariel Lustre | Unsplash

Lippenstifte haben Signalwirkung – nur nicht immer die offensichtlichste

Ein gutes Bespiel dafür ist der Lippenstift. Dieser eine, ganz bestimmte, den viele Frauen zuhause haben und den sie gerne an besonders müden Tagen, zu wichtigen Termin oder besonderen Anlässen auflegen, weil er eine ganz bestimmte Kraft für sie hat. Der Power-Lippenstift, wie ich ihn gerne nenne. Für ihn braucht es Mut, Selbstbewusstsein, weil er eine ganz neue Präsenz verleiht. Weil egal wie unscheinbar man ansonsten auftritt, er dazu führt, dass dir Menschen auf der Straße oder bei Veranstaltungen etwas häufiger und etwas länger ins Gesicht schauen. Der den Scheinwerfer auf einen richtet und auch ein bisschen zurückstrahlt. Der viel sagt, aber ganz sicher nicht: Schaut, wie schön ich bin!

Tatsächlich scheint es mir fast komisch, die Wirkung meines ganz persönlichen Power-Lippenstifts mit femininem Auftreten im klassischen Sinne, einem Gefallenwollen durch Lieblichkeit zu verbinden. Vielmehr fühlt sich das Auftragen dieses einen Lippenstifts für mich so an, wie mir zwei Streifen als Kriegsbemalung auf die Wange zu malen, er ist für mich Teil eines nach außen nicht als solchen erkennbaren Kampfanzuges. Oft bewirkt er sogar das genaue Gegenteil dessen, was als schön im klassischen Sinne wirkt – er ist nämlich leuchtend rot, knallrot, und ruft bei Männern häufig diese Reaktion hervor: Zu krass, zu viel, zu da.

Ich kann dann nur nicken, denn tatsächlich ist es genau das, was die Farbe für mich ausmacht. Es ist ein Signal, allerdings für mich im positivsten aller Sinne. Dieser Lippenstift ist meine Liebeserklärung an einen der wichtigsten Teile meines Körpers – der, aus dem alle meine klugen Gedanken kommen, alles was ich zu sagen haben: mein Mund.

Bild: Marcos Amaral | Unsplash

Aber was ist mit der Emanzipation, herrje! Na, fragt doch mal die Suffrageten, die mit knallroten Lippen 1912 Jahrhunderts auf die Straßen marschierten, um für Frauenrechte zu kämpfen. Hatten die damals vor ihre politischen Forderungen hervorzubringen und dabei praktischerweise auch noch hübsch für die Männer auszusehen? Nein, es war ein Akt der Selbstbestimmung – damals war der rote Lippenstift noch ein Affront, zu offensiv, ordinär in seiner Wirkung. Im alten Rom war das übrigens genau anders herum, da hoben sich mit ihm die feinen Damen gegenüber den liederlichen Frauen ab. Kulturelle Zuschreibungen spielen also eine Rolle, aber auch, mit welcher Haltung man sie für sich nutzt.

Die Wirkung, die Make-up erzeugen kann, ist mehrdimensional

Die Mehrdimensionalität des Effekts und erwünschten Wirkung von Lippenfarbe ist ja nie verloren gegangen – denn was erzählen all die sehr dunklen Rottöne, die gerade angesagt sind, was ein blauer Lippenstift, ein schwarzer Lippenstift, die gerade in allen Drogerien angepriesen werden, und auch in den 20ern ein großes Ding war. Diese Farben zu tragen suggeriert kein „Küss mich“, sondern doch wohl sehr viel eher ein „Fuck you, ich fühl mich heute danach“. Apropos 20er Jahre – es ist doch auch interessant, dass der Absatz von Lippenstiften gerade in Krisenzeiten besonders hoch ist, etwa auch während der Wirtschaftskrise Anfang der Nullerjahre. Tja, Krisenbewältigung ist eben manchmal im Gesicht nicht nur durch Sorgenfalten abzulesen, sondern scheinbar auch anhand von Farbe. Und die Lust auf Lippenstift offensichtlich mit vielen Faktoren verbunden, die erstmal nicht direkt auf der Hand liegen.

Wie auch immer, fest steht doch: Natürlich erzeugt Make-up Wirkung – entweder verstärkt sie das Selbstbild, oder aber konterkariert es – und alles dazwischen. Genau das ist das Schöne mit dem Spiel mit den Farbtöpfen. Und genau deshalb habe ich auch genug von der alten Mär, dass ich sie alleine für meine Positionierung auf dem Fleischmarkt nutze.

Bild: Annie Gray | Unsplash

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