Eine Frau im Arztkittel steht vor einer Klinik
Foto: Getty Images

Über Lücken im Gesundheitssystem und die andere Seite des Schreibtisches

„Ihr geht auf die Arbeit und wisst, dass ihr Fehler machen werdet. Weil ihr am Stresslimit seid. Das ist der Zustand von Ärzt*innen und Pflegekräften.“ Ein Blick hinter die Kulissen der Kliniken.

Warten auf den Arzttermin in der Klinik. Eine Lektion in Geduld. Dafür gibt es lauwarmen Kaffee aus Pappbechern. Wenn das Licht auf Grün zeigt, darf man den Raum betreten. Die Ärztin Frau A. begrüßt mich an der Tür. Sie lächelt. Spricht ruhig, empathisch und klar. Wenn Anspannung abfallen kann, fühle ich mich gerade wie ein Ficus im Lüftungsschacht. Ich kann meine Fragen stellen. Und bekomme Antworten. Was für ein Geschenk, diese Ärztin. 

Als ich Frau A. das nächste Mal treffe, sitzt sie müde am Schreibtisch. Zwischen uns der Bildschirm ihres Computers. Sie schaut in meine Patientenakte vor sich. Wühlt zerstreut in den einzelnen, eng bedruckten Seiten. Als sie aufschaut, sehe ich, wie ihr glasiger Blick komplett durch mich hindurchgeht.  

Ein paar Wochen später spreche ich mit Dr. Maddie Sin, wie sie sich bei Instagram nennt. Sie ist Ärztin und angehende Sexologin. Aus ihrer fünfjährigen Berufstätigkeit als Ärztin kennt sie den Schreibtisch von der anderen Seite. Und sie kennt die Gründe für den glasigen Blick und die endlose Müdigkeit. Auf ihrem Instagram-Kanal hat sie kürzlich geschrieben: „Die aktuellen Gespräche mit Kolleginnen sind so erschütternd, dass ich mich entschieden hab, mal zu teilen, wie ich meine Zeit als Ärztin so erlebt habe. Die Situation ist seit circa 15 Jahren aktuell und wird immer schlimmer.“ 
 
In den Folgetagen recherchiere ich Dinge wie Fallpauschalen und Opt-Out-Regelungen. Ich erfahre, dass die Arbeitgeber*innen die Möglichkeit haben, die Vorgaben des Arbeitsschutzes ganz legal durch eine sogenannte Opt-Out-Erklärung zu umgehen. Die Opt-Out-Regelung ist ein Begriff aus dem Arbeitsrecht und ermöglicht es den Krankenhäusern, dass Ärzt*innen über die gesetzlichen Höchstgrenzen hinaus arbeiten. Maddie sagt dazu: „Wer das nicht unterschreibt, bekommt den Job erst gar nicht.“ Kein Wunder, dass die Überlastung der Mediziner*innen groß ist. Und das zehrt. Jede*r vierte überlegt, den Job hinzuschmeißen. (Quelle: Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Stand 8/2022). 

Ich denke an die Wartemusik in den Telefonschleifen von Fachärztinnen. Das Warten in langen Fluren in der Klinik. An ewig in der Zukunft liegende Terminvorschläge zu akuten Problemen, bei denen man manchmal gerne lachen würde, wenn es nicht so traurig wäre. Und ich spüre, dass ich in solchen Momenten oft nur meine Sicht als Patientin im Blick habe. Hier sitzt eine Person, die mir die andere Seite zeigt. 

Viele ihrer Kolleg*innen wissen, dass ihnen bei dieser Belastung Fehler passieren werden, erzählt Maddie. Und dass sie sich abends überlegen, ob sie die wenige Zeit, die sie noch haben, zum Duschen oder zum Essen verwenden sollen. Bevor der nächste Arbeitstag beginnt. „Täglich ist man in der Klinik froh, wenn niemand zu Schaden kommt und lebt mit einem Minimum von 64 Wochenstunden.“  

“Ihr geht auf die Arbeit und wisst, dass ihr Fehler machen werdet. Weil ihr am Stresslimit seid. Das ist der Zustand von Ärzt*innen und Pflegekräften.”

Dr. Maddie Sin

Ich überlege, wie das in ein paar Jahren sein wird, wenn wir deutlich mehr ältere und somit potenziell mehr kranke Menschen in unserer Gesellschaft haben. Schon jetzt ist jede zweite Person in Deutschland älter als 45. Jede fünfte älter als 66 Jahre. (Quelle: Statistisches Bundesamt, Stand 1/22).

In der stationären Versorgung werden bis 2035 rund 307.000 Pflegekräfte fehlen. Die Versorgungslücke im Pflegebereich insgesamt könnte sich bis dann auf knapp eine halbe Million Fachkräfte belaufen. (Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft /Köln). Diese Zahlen machen Angst. Auf beiden Seiten.

Nach dem Gespräch mit Maddie moderierte ich das Gesundheitspanel auf dem FEMALE FUTURE FORCE DAY 2023. Und ich bin seitdem noch dankbarer für jeden Termin bei einer*m Ärzt*in. Noch dankbarer für Pflegekräfte, Arzthelfer*innen und all die, die uns helfen, wenn wir Hilfe brauchen. Aber die Lücken in unserem Gesundheitssystem klaffen derzeit noch deutlicher auf. Und das macht abwechselnd wütend, fassungslos und ohnmächtig. 

Wir alle werden es spüren. Früher oder später. Denn Krankheit kann jeden von uns treffen. Und wir sind es gewohnt, dass wir dann bestmöglich versorgt werden. Weil wir eben in einem Wohlstandsland leben. Aber wie lange geht das noch gut, wo das Gesundheitssystem zu kollabieren droht? Ganz abgesehen davon, dass diese Zustände Menschen mit Behinderung, chronisch Kranke und alte Menschen mit einer ganz anderen Wucht treffen.  

Überfüllte Krankenhäuser, Wartezeiten auf Facharzttermine und Therapieplätze, Engpässe bei Medikamenten, immer weniger Ärzt*innen außerhalb der Städte… „In Notaufnahmen“, so erzählt Maddie, „warten Patient*innen schon jetzt zum Teil bis zu 46 Stunden….“ – Die Liste ließe sich beliebig fortführen. 

Wir haben für sie auf Balkonen gestanden und geklatscht und danach haben wir sie wieder vergessen: Die, die dieses Gesundheitssystem mitunter genauso krank macht wie uns Patient*innen. All die ausgebrannten Ärzt*innen und Pflegekräfte, auf denen der Druck lastet, profitabel arbeiten zu müssen, dank Fallpauschalen, Dokumentationspflicht und Bürokratiewahn. Junge Ärzt*innen, die sieben Jahre studiert haben, um dann gesagt zu bekommen, dass ihnen sieben Minuten pro Patient*in zur Verfügung stehen. 

Maddie sagt dazu: „Ich kann es nicht mehr hören, dass es nur noch heißt: Einsparungen im Gesundheitswesen. Profite und Gesundheit gehen nicht zusammen, wenn man ein menschliches Gesundheitssystem haben möchte.“ Und ja, wie sollen Ärzt*innen für Kranke und Pflegebedürftige da sein, wenn sie selbst irgendwann krank sind – aufgerieben zwischen Profitdruck und Überlastung? 

Dieser Text erschien erstmals im Voices Newsletter, für den ihr euch HIER anmelden könnt – dann liegt der Newsletter jeden Mittwoch in eurem E-Mail-Postfach. Themen sind Mental Health, Vereinbarkeit von Familie & Job, Sex, Körper und Liebe, Stil und Popkultur.

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